Cover: Alte koreanische Geschichte

Alte koreanische Geschichte
Der Junge, der Heiler wurde


EUR 28,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 254
ISBN: 978-3-99185-123-3
Erscheinungsdatum: 09.03.2026
Während der Joseon-Dynastie in Korea werden Kinder in einer Schule zu Heilern ausgebildet, um das Land zu retten und zusammenzuhalten. Dabei müssen sie sich vielen Abenteuern stellen und Rätsel lösen. Eines dieser Kinder ist Sean …
Buch 1
Der Anfang der Geschichte



Teil 1 – Der Ruf des Reiches

Kapitel 1 – Die Welt, in die er geboren wurde

Es war eine Zeit, in der die Welt noch in Atemzügen sprach.
Das Reich hieß Goryeon, und sein Herz schlug in der Hauptstadt Hanyangsul – einer Stadt aus Jade und Rauch, in der die Dächer wie aufsteigende Wellen den Himmel berührten.

Der König, Sua-Ryeon der Weise, saß auf einem Thron, der aus dem Holz des ältesten Pfirsichbaums gefertigt war. Man sagte, dass dieser Baum einst aus einem einzigen Samenkorn gewachsen war, das vom Himmel gefallen war.

Das Volk lebte nach den Regeln des konfuzianischen Gleichgewichts:
Die Gelehrten waren die Stimme der Vernunft.
Die Bauern waren die Hände des Landes.
Die Händler waren das Flüstern zwischen den Städten.
Und die Ärzte – so hieß es – waren die Brücken zwischen Leben und Tod.
In dieser Zeit war das Heilen keine bloße Kunst. Es war eine Berufung, so heilig, dass sie fast wie ein Pakt mit den Sternen erschien.

Doch große Heilkunst verlangte große Opfer.
Sean, der Held dieser Geschichte, wusste das noch nicht.
Er war ein Junge, der in einem kleinen Dorf am Fluss Yurim aufwuchs.

Er liebte es, barfuß durch den Pfirsichhain hinter dem Haus zu laufen, wo die Blüten wie Schneeflocken in der Luft tanzten. Seine Mutter, Mira, sang leise Lieder, während sie Heilkräuter trocknete, und sein Vater, Joon-Wa, erzählte ihm abends Geschichten vom „Atem des Himmels“ – einer unsichtbaren Kraft, die alles verband.
„Eines Tages“, sagte sein Vater, „wird der Atem des Himmels jemanden berühren, und dieser Jemand wird das Reich heilen.“
Sean lachte darüber. Er war doch nur ein Junge.
Doch der Atem des Himmels hatte bereits entschieden.
Eines Morgens kamen Reiter ins Dorf – Männer in blauen Roben, die das Siegel des Königs trugen. Ihr Anführer, Bote Kiryun, sprach mit einer Stimme, die so kalt war wie der Winterregen:
„Der König ruft die Jungen des Atems. Einer von ihnen lebt hier.“
Er deutete auf Sean.
Seine Mutter stieß einen Laut aus, der wie ein Riss klang und durch die Welt ging. Sein Vater schwieg lange, dann legte er Sean die Hand auf den Kopf.
„Erinnere dich an den Pfirsichbaum“, flüsterte er. „Er hat Wurzeln, die du nicht sehen kannst. Aber sie tragen dich, wohin du auch gehst.“
Und so begann Seans Weg – nicht mit einem Schritt, sondern mit einem Abschied.

Die Welt, in die er geboren wurde

Der Mond hing wie eine silberne Sichel über Hanyang. In den dunklen Gassen der Hauptstadt schlich ein kleiner Junge. Seine Hände zitterten, sein Herz raste, und doch war in seinen Augen ein Glanz, der nicht von Angst allein sprach.

Hinter ihm verklang das Weinen seiner Mutter. Vielleicht war es das letzte Mal, dass er ihre Stimme hörte.

„Vergiss deine Familie“, hatte der kaiserliche Bote gesagt. „Von nun an gehörst du dem Reich.“

Noch in dieser Nacht sollte er die Tore der Medizinschule Hyeeminseo betreten – jenen Ort, von dem man sagte, dass er nicht nur Heiler, sondern auch Menschen formte, die nie wieder dieselben waren.

Und während die schweren Tore sich knarrend schlossen, schwor der kleine Junge sich selbst nur eines …



Kapitel 2 – Teil A: Die Kinder des Wissens

Man nannte sie die Jungen des Atems.
Sie kamen meist aus den Häusern der Yangban, der gelehrten Familien, manchmal aber auch aus den einfachen Hütten der Bauern – oder sie waren Waisen, deren Talente dem Reich zufielen.

Mit sechs, sieben, manchmal zehn Jahren wurden sie fortgebracht.
Nicht als Strafe. Nicht einmal als Opfer.
Sondern als Versprechen:

„Diese Kinder werden einmal die Heiler des Reiches sein.“

Doch der Preis war hoch: Sie sahen ihre Familien kaum, manchmal nie wieder.
Die Mauern der Medizinschulen waren hoch – nicht, um die Welt draußen zu halten, sondern um die Kinder drinnen abzuschotten.



Kapitel 2 – Teil B: Die Kinder des Wissens

Der Weg nach Hanyangsul führte Sean durch eine Welt, die ihm fremd vorkam, obwohl er sie schon kannte.
Die Boten ritten schweigend. Ihre Pferde hatten keine Hufe aus Eisen, sondern aus gehärtetem Holz, das leise über den Boden klopfte – wie ein Herzschlag, der die Erde wachhielt.
Unterwegs begegneten sie anderen Jungen.
Manche kamen aus großen Städten und trugen Gewänder, die nach Kräutern rochen.
Andere waren barfuß, ihre Augen weit vor Furcht.
Keiner sprach.

Am dritten Tag erreichten sie ein Dorf, in dem ein alter Mann am Brunnen saß. Sein Rücken war gekrümmt, doch seine Stimme klang stark. Als sie vorbeiritten, rief er:
„Die Kinder des Wissens sind weder reich noch arm! Sie sind Samen, und das Reich ist ihr Boden. Manche werden blühen, andere werden verdorren – doch alle nähren den Baum.“

Sean wusste nicht, ob er das verstand. Doch der Satz brannte sich in ihn wie ein unausgesprochenes Versprechen.

Am Abend lagerten sie in der Steppe. Über ihnen spannte sich der Himmel wie ein schwarzes Tuch, in das jemand Löcher gestochen hatte, damit das Licht hindurchsickerte.
Ein Junge neben Sean – vielleicht acht Jahre alt – flüsterte:
– „Wie heißt du?“
– „Sean.“
– „Ich bin Taro.“
Sie tauschten keine weiteren Worte, aber in dieser Nacht spürte Sean zum ersten Mal, dass er nicht allein war.



Kapitel 3 – Die Schulen von Hanyang

Als sie die Hauptstadt erreichten, war es, als hätten sie eine andere Welt betreten.

Hanyangsul war eine Stadt, die atmete.

Die Dächer der Häuser wölbten sich wie Wellen, die im Rhythmus des Windes schwangen.
Auf den Märkten hingen Kräuterbündel an den Ständen, und ihre Düfte verbanden sich zu einem leisen Lied aus Erde, Sonne und Salz.

Überall standen Statuen von Ärzten aus vergangenen Zeiten – Männer und Frauen, deren Hände in Stein gemeißelt waren, als würden sie noch immer andere Menschen heilen.

Die Jungen wurden in drei Gruppen geteilt.
Einige gingen zur Jesaengwon, wo die Bücher so zahlreich waren, dass man sagte, sie könnten ein ganzes Tal füllen.
Andere wurden in die Donguibogam-Halle gebracht,.wo Lehrer Krankheiten wie Rätsel lösten und die Antworten wie Geheimnisse hüteten

Sean und Taro aber wurden in die Hyeeminseo geführt – die geheimnisvollste aller Schulen.

„Hier“, sagte Bote Kiryun, „lernt ihr nicht nur, wie man heilt. Ihr lernt, warum man heilt.“

Sean spürte, dass dies wichtiger war, als er ahnte.



Kapitel 4 – Das Verschwinden

Am Tor der Hyeeminseo stand ein Mann mit einem Gesicht wie aus altem Papier. Seine Augen waren hell, fast durchsichtig, und sein Name war Meister Ryon-Ha.

„Von hier an“, sagte er, „gehört ihr nicht euch selbst. Ihr gehört dem Atem des Reiches.“

Die Jungen mussten ihre alten Kleider ablegen.
Sie bekamen weiße Gewänder – schlicht, ohne Zeichen.
Ihre Haare wurden geschoren, damit, „die Gedanken leichter fließen“, wie man sagte.
Dann wurden sie in einen Hof geführt, in dem ein Kreis aus Steinen lag.
In der Mitte brannte ein kleines Feuer, das kein Holz zu brauchen schien.

„Das ist das Feuer des Anfangs“, erklärte Ryon-Ha.
„Jeder von euch wird hindurchgehen. Was ihr zurücklasst, wird euch nicht folgen.“

Als Sean an der Reihe war, spürte er, wie etwas in ihm zitterte – nicht vor Angst, sondern wie ein Ast, der den ersten Sturm erlebt.
Und als er auf der anderen Seite des Feuers stand, wusste er: Er war nicht mehr derselbe.



Kapitel 5 – Ein Junge namens Sean

In den ersten Tagen versuchte Sean, sich an die Regeln zu halten.
Man durfte nur sprechen, wenn man gefragt wurde.

Man musste vor dem Essen das Wasser aus der Quelle grüßen.
Nachts musste man die Hand auf die Brust legen und flüstern: „Atem des Himmels, bleib bei mir.“
Doch Sean hatte einen Fehler: Er stellte Fragen.

„Warum grüßen wir das Wasser?“, fragte er eines Abends.

Meister Ryon-Ha lächelte, und in seinem Lächeln lag etwas, das wie ein Rätsel wirkte.
„Weil das Wasser mehr von dir weiß, als du von ihm weißt.“

Sean begriff es nicht, aber er spürte, dass die Antwort stimmte.
Eines Nachts träumte er vom Pfirsichbaum seines Vaters.
Der Baum sprach mit einer Stimme, die wie der Wind klang:
„Heilen heißt erinnern.“

Als er erwachte, wusste er, dass er diesen Traum niemals vergessen würde.



Kapitel 6 – Die Nacht der Entscheidung

Nach einer Woche kam der Bote Kiryun zurück.
Diesmal brachte er kein Pferd, sondern ein großes schwarzes Buch.

„Heute beginnt eure wahre Prüfung“, sagte er.
Die Jungen mussten sich im Hof versammeln.
Über ihnen hing der Mond so groß, dass er aussah, als würde er gleich auf die Erde fallen.

Kiryun schlug das Buch auf, und jede Seite leuchtete schwach, als hätte darin jemand das Licht eingesperrt.
„Dies ist das Buch des Atems“, erklärte er. „Nur wer es mit seinem Herzen liest, wird sein Geheimnis verstehen.“

Als Sean die Seite berührte, spürte er einen Schlag, als hätte jemand ihm den Atem genommen.
Und dann hörte er eine Stimme – nicht von draußen, sondern in sich: „Willst du heilen?“
„Ja“, flüsterte er.
„Dann musst du zuerst dich selbst finden.“

Die Stimme verstummte.
Doch Sean wusste: Sein Weg hatte gerade erst begonnen.



Teil 2 – Die Tore von Hanyang

Kapitel 7 – Die erste Nacht in der Hyeeminseo

Die Schlafhalle war ein Ozean aus Schatten.
Fünfzig Jungen lagen auf schmalen Matten, und doch schien es, als wäre jeder von ihnen allein.

Sean hörte den Atem der anderen – manche zerschnitten die Stille wie zerbrochene Zweige, andere flossen durch den Raum wie ein leiser Fluss.
Er versuchte zu schlafen, aber der Schlaf kam nicht.

Da hörte er es wieder: dieses Summen.
Ein Ton, so fein, dass er kaum zu existieren schien, und doch trug er etwas in sich, das Sean rief.

Er stand auf, leise wie eine Katze, und schlich barfuß hinaus in den Hof.
Dort stand Meister Ryon-Ha.
Er hielt eine Laterne, aber die Flamme brannte nicht gelb, sondern blau. Sie flackerte nicht, sondern pulsierte – wie ein Herz.

„Kannst du es hören?“, fragte der Meister, ohne sich umzudrehen.
„Ja“, flüsterte Sean.
„Dann bist du nicht hier, um nur Bücher zu lesen“, sagte der Meister. „Du bist hier, um zu erinnern.“

Und in diesem Moment wusste Sean: Die Hyeeminseo war nicht nur eine Schule. Sie war ein Ort, der lebte.



Kapitel 8 – Der Lehrer ohne Namen

Am nächsten Tag stellte sich ein neuer Lehrer vor.
Er trug eine Maske aus schwarzem Holz und sagte nur:

„Nennt mich Garam. Das ist nicht mein Name, aber es wird genügen.“
Garam unterrichtete nicht wie die anderen.
Er stellte keine Fragen und gab keine Antworten.
Stattdessen führte er die Jungen in einen Garten, der von einer hohen Mauer umgeben war.

„Hier wachsen Pflanzen, die ihr kennt“, sagte Garam, „und Pflanzen, die euch kennen.“

Er zeigte auf eine Reihe von Kräutern: Ginseng, Ingwer, Lotus.
Dann auf eine Pflanze mit Blättern, die wie kleine Spiegel glänzten.
„Diese hier wird euch nur zeigen, was ihr bereits wisst“, erklärte er.

Als Sean sie berührte, sah er sein eigenes Gesicht darin – aber nicht so, wie er war, sondern wie er sein könnte.

„Wie funktioniert das?“, fragte er.
Garam ließ die Pflanze sprechen.



Kapitel 9 – Die wundersame Blume

Im Herzen des Gartens wuchs eine einzige Pflanze, umgeben von Steinen, die in der Sonne wie Silber glitzerten.
Ihre Blüte war nicht blau, nicht rot, nicht gelb – sie hatte eine Farbe, die Sean nicht benennen konnte, weil sie sich ständig veränderte.
„Das ist die Miryun-Blume“, erklärte Garam. „Sie existiert in keinem Buch. Wer sie beschreibt, verliert ihre Wahrheit.“

„Was macht sie?“, fragte Taro.

„Sie erinnert dich an etwas, das du noch nicht erlebt hast“, sagte Garam. „Und sie zeigt dir, wie du es heilen kannst.“

Sean beugte sich über die Blüte.
In ihrem Schimmer sah er nicht nur Bilder, sondern Gefühle:

den Schmerz eines Kindes, das er noch nicht getroffen hatte,

das Lachen einer Frau, die er noch nicht kannte,

und eine Wunde im Reich, die noch nicht geschehen war.

Als er die Hand zurückzog, wusste er, dass er diese Blume niemals vergessen würde.
Und doch konnte er niemandem erklären, was er gesehen hatte.



Kapitel 10 – Der verbotene Flügel

Eines Nachts, als der Mond wie ein Messer am Himmel hing, folgte Sean einem schwachen Licht durch die Korridore der Hyeeminseo.
Es führte ihn zu einer Tür, die er noch nie bemerkt hatte.

Über der Tür war ein Symbol eingeritzt: ein Kreis, durchzogen von einer Linie – dasselbe Zeichen, das der Meister ihm bei seiner Ankunft auf die Stirn gemalt hatte.

Er öffnete die Tür.
Dahinter lag eine Halle voller Bücher, deren Seiten nicht aus Papier bestanden, sondern aus dünnen Schichten Licht.
Jedes Mal, wenn er einen Band berührte, flüsterte dieser ihm etwas zu – nicht in Worten, sondern in Gedanken.
„Dies ist der verbotene Flügel“, sagte plötzlich eine Stimme hinter ihm.

Es war Garam.
Doch diesmal trug er keine Maske.
Sein Gesicht war wie der Himmel vor einem Sturm: voller Schatten, voller Licht.

„Warum ist er verboten?“, fragte Sean.

Garam schwieg.
Sein Blick traf Sean – und ohne ein Wort zu sprechen, durchdrang er seinen Geist:
„Weil Wissen, das zu früh kommt, nicht heilt. Es zerstört.“

Er legte Sean eine Hand auf die Schulter.
„Aber vielleicht bist du hier, weil du nicht zu früh, sondern genau rechtzeitig gekommen bist.“

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