Lyrik & Dramatik

Wolfram

Felix Julius

Wolfram

oder von der Kunst, ein Künstler zu sein

Leseprobe:

1. Teil

Willi: (tritt auf, bleibt stehen und betrachtet die Statue) Jetzt steht sie also da, die Statue. Wenn ich mir überlege, was für ein Theater darum gemacht worden ist … Doch jetzt steht sie da – und alle dürfen sich darüber freuen. Das ist schön, so hat Kunst einen Sinn. (Er geht zur Freitreppe und setzt sich) Hoffentlich wird er weitermachen, unser junger Künstler. Da drüben ist sein Atelier. Manchmal arbeitet er unter dem Vordach. Dann ist es schön, dazusitzen und zuzuschauen, wie er aus einem Stein oder einem Klumpen Ton allmählich etwas ganz Neues, Eigenes entstehen lässt. Etwas, das lebt und eine eigene Sprache spricht. Wie diese Statue hier. – Wird er es schaffen, sich selber treu zu bleiben, von seiner Kunst zu leben und ihre Sprache nicht zu verlieren? Ich weiß es nicht. Du kannst es machen, wie du willst – so oder ganz anders – wenn’s nicht sein soll, wird’s auch nicht gehen. Zwei, drei richtige Fehlschläge … und der Abstieg beginnt. Unaufhaltsam zieht’s dich nach unten, dorthin, wo die Scheiße am tiefsten ist. Je mehr du strampelst und ruderst, desto schneller versinkst du. Bis du endlich diesen sinnlosen Kampf zu kämpfen aufhörst und beginnst die Dinge klarer zu sehen. Da bin ich jetzt. Ich sitze da und schaue dem Treiben der Menschen zu, ohne selber etwas zu verlieren zu haben. Das ist nicht so schlimm, wie es aussieht. (Theo und Klara Müller treten auf) Im Grunde genommen geht es mir viel besser als den Reichen und Emporkömmlingen. Seht euch diesen an, wie er mit seiner perfekten Ehefrau über den Platz stolziert.
Theo Müller: (zu Klara) Schau mal, Klara, da versteckt sich schon wieder dieser Tagedieb.
Klara Müller: Lass ihn doch, Theo, es geht ihm schlecht genug.
Theo: Ach was, denen geht es nie schlecht genug. Und am Ende ziehen sie uns noch den letzten hartverdienten Pfennig aus der Tasche.
Klara: Wollen wir nicht bei Wolfram vorbeischauen und sehen, wie es unserer Plastik geht?
Theo: Genau, ich wollte ihn sowieso zur Eile mahnen. Zu unserer großen Party soll sie ja fertig sein und die ganze High Society vor Neid erblassen lassen. (Sie gehen zum Atelier, Wolfram kommt heraus) Ist sie fertig?
Wolfram: Ihre Plastik? Nein, es geht nicht recht voran.
Theo: Und wieso nicht, wenn ich fragen darf?
Wolfram: Sie hat ein böses Schicksal.
Klara: Wie das?
Wolfram: Immer, wenn ich glaube kurz vor der Vollendung zu stehen, kann ich nicht mehr weiterarbeiten.
Theo: Und warum nicht? Das ist doch nicht so schwer. Man muss einfach Hammer und Meißel in die Hand nehmen und weitermachen.
Wolfram: So einfach ist das nicht.
Theo: Mir fällt es auch nicht immer leicht, zu arbeiten. Manchmal muss man sich eben etwas zusammenreißen.
Klara: Du kannst doch deine Arbeit nicht mit seiner vergleichen …
Theo: So? Arbeit ist Arbeit.
Wolfram: Was es auch immer ist, es wirft mich stets zurück im künstlerischen Prozess.
Theo: Das ist nicht gut, denn ich brauch diese Plastik spätestens zu unserer großen Gartenparty.
Wolfram: Wann findet diese Party statt?
Klara: Am Samstag in einer Woche.
Theo: Reicht das?
Wolfram: Ich tu mein Möglichstes. Die Zeit ist knapp, doch ist’s nicht ausgeschlossen, dass ich’s schaffe.
Klara: (zu Theo) Dann lassen wir ihn jetzt am besten gleich weiterarbeiten.
Wolfram: Ich hab eine Idee.
Theo: Das ist gut.
Klara: Was für eine Idee?
Wolfram: Wir geben der Plastik einen Namen.
Theo: Und das soll helfen?
Wolfram: Ja, das hilft bestimmt.
Klara: Und wieso?
Wolfram: Mit dem ewigen Improvisieren und Ausprobieren komme ich hier nicht weiter. Der Name aber gibt einen Inhalt. So kann ich nach der Form zum Inhalt suchen.
Klara: Form und Inhalt …
Wolfram: Sind die Bausteine eines Kunstwerks.
Theo: Hm, damit kann ich jetzt wirklich nichts anfangen.
Klara: Aber wenn es zum Gelingen unserer Party beiträgt, dann suchen wir gerne nach einem Namen.
Wolfram: Was stellen Sie sich denn konkret vor?
Theo: Das müssen Sie doch wissen. Sie sind der Künstler.
Wolfram: Das ist nicht nur mein Problem.
Theo: Sondern?
Wolfram: Schauen Sie, wenn Sie so eine Plastik im Garten stehen haben, dann ist das je nachdem eine recht dominante Erscheinung. Da sollte bei Ihnen eine innere Verbindung vorhanden sein. Sonst kann Ihnen eine solche Plastik mit der Zeit ganz schön auf die Nerven gehen.
Theo: Man kann doch wegschauen, wenn sie einem gerade nicht passt.
Klara: Also ich kann mir das gut vorstellen.
Theo: Dann mach doch du einen Vorschlag.
Klara: Es darf vor allem nichts Skandalöses sein.
Wolfram: Also eher etwas Abstraktes.
Klara: Abstrakt? Nein, lieber auch nicht. Dann weiß ich nie genau, was ich im Garten stehen habe.
Wolfram: Haben Sie vielleicht ein Lieblingsthema. Etwas, das sie schon lange gemeinsam beschäftigt.
Klara: Nein – eigentlich nicht so richtig.
Theo: Doch, Klara, das Haushaltsgeld.
Klara: Aber das kann man doch nicht in Stein meißeln …
Wolfram: Warum denn nicht?
Theo: Könnten Sie das machen?
Wolfram: Eine Plastik mit dem Namen „Haushaltsgeld“?
Klara: Das ist mir peinlich.
Theo: Ach was, wir müssen ja niemandem sagen, wie sie heißt.
Wolfram: Wie ist denn das bei Ihnen mit dem Haushaltsgeld?
Theo: Das ist quasi der Hausfrauenlohn.
Klara: Wie bitte? Bei all der anfallenden Arbeit ist das eher ein Almosen oder vielleicht ein Taschengeld.
Wolfram: (macht sich Notizen)
Theo: Jetzt übertreibst du aber.
Klara: Du hast doch keine Ahnung, was im Haushalt an Arbeit anfällt.
Theo: Arbeit? – Mach dich doch nicht lächerlich. Das bisschen Kochen, Abwaschen, Staubsaugen und Bettenmachen nenne ich also wirklich nicht arbeiten.
Klara: So – wenn du auch nur einmal einen Finger im Haushalt krumm machen würdest, dann wüsstest du, dass das sehr wohl Arbeit ist.
Theo: Meistens sitzt du sowieso mit irgendeiner Nachbarin beim Kaffee oder hängst im Fitnessstudio rum.
Klara: Das ist aber doch die Höhe! Ich sollte einmal meinen Stundenlohn ausrechnen bei dem Haushaltsgeld, das du mir gibst – da würdest du dich in Grund und Boden schämen, wenn du ein Gewissen hättest.
Wolfram: Das reicht eigentlich schon. Ich sehe, dass das eine ziemlich emotionale Angelegenheit ist. Das kann ich umzusetzen versuchen.
Theo: Gut, ich bin gespannt, wie es aussehen wird.
Klara: (schaut auf die Uhr) Oh, ich muss los.
Theo: Ach ja, dein zweitägiger Samariterinnen-Ausflug.
Klara: Spotte du nur. Ich freue mich drauf. Komm jetzt. (Sie gehen)
Wolfram: Ich will gleich neue Entwürfe machen. Vielleicht kann ich den angefangenen Stein noch retten.
Wenn Form und Inhalt
in Vollkommenheit vereint
des Menschen Herz erheben,
wirkt wahre Schönheit
bildend auf den Menschengeist.
Und edler dünkt mich nichts
als dieses Streben
nach dem höchsten Ziel der Kunst.
Spricht Geistigkeit
aus Menschenwerken,
wandelt sich Zweck-Bemühn
in künstlerisches Tun.
(Er vertieft sich in seine Arbeit, Cornelia tritt auf)
Cornelia: Er ist zu Hause. Wie ich mich auf ein paar schöne, unbeschwerte Tage mit ihm freue. (Sie nähert sich Wolfram von hinten und hält ihm die Augen zu)
Wolfram: Wer ist denn das?
Cornelia: Dreimal raten …
Wolfram: Cornelia …! (Er springt auf und schließt sie stürmisch in die Arme) Wie schön, dass du wieder da bist. Wie war deine Reise?
Cornelia: Ach weißt du, als Reiseleiterin kann ich so eine Fahrt nicht recht genießen. Es ist einfach Arbeit.
Wolfram: Das ist wohl so.
Cornelia: Was die Leute immer für Probleme haben. Dem einen ist es zu laut, dem anderen zu leise, der eine will Musik hören, der andere sicher keine. Dann ist es zu kalt oder zu warm. Um jeden Reisegast musst du dich einzeln kümmern. Sie sind wie die Kinder, sage ich dir. – Aber jetzt bin ich froh, dass ich wieder bei dir bin.
Wolfram: Ja, das ist schön. Seit du fortgegangen bist, habe ich gearbeitet. Der Stadtrat hat die große Statue endlich doch aufstellen lassen.
Cornelia: Ich hab’s gesehen. Sie macht sich gut hier auf dem Platz.
Wolfram: Er ist ganz verändert. Es ist merkwürdig, neben so einer großen, abgeschlossenen Arbeit zu leben.
Cornelia: (hoffnungsvoll) Dann hast du jetzt vielleicht mehr Zeit für mich …?
Wolfram (seufzt) Ach, weißt du …
Cornelia: Also, keine Zeit …
Wolfram: Sei doch nicht gleich eingeschnappt.
Cornelia: Ich kann kommen, wann ich will, es ist immer dasselbe.
Wolfram: Die Bildhauerei ist mein Leben. Und außerdem mein Broterwerb. Mir geht es nur gut, wenn ich arbeiten kann.
Cornelia: Und dein Privatleben? – Was ist mit mir?
Wolfram: Samstag in acht Tagen muss die Arbeit für die Müllers fertig sein. Das sind zahlungskräftige Kunden, die darf ich nicht verärgern.
Cornelia: Alle anderen kommen vor mir dran. Das ist nicht fair.
Wolfram: Gerade als du fort warst, bekam ich von Herrn Müller – du kennst doch die Großhandelsfirma Müller – einen Auftrag. Herr Direktor Theo Müller bestellte bei mir eine Plastik. Sie soll zum Anlass einer großen Gartenparty fertig sein und dort feierlich enthüllt werden.
Cornelia: Das klingt in der Tat interessant.
Wolfram: Das ist es auch.
Cornelia: Was für eine Plastik soll es denn werden?
Wolfram: Das ist eben das Problem. Ich bekam von Herrn Müller freie Hand, in Stein zu hauen, was mir zu dem Festanlass einfällt. Doch – es fällt mir nichts wirklich Sinnvolles ein. Ich begann einen Stein zu bearbeiten und immer wieder kam ich dabei an einen Punkt, wo es nicht weiterging … Ich konnte machen, was ich wollte.
Cornelia: Und jetzt?
Wolfram: Gerade eben war Herr Müller mit seiner Frau bei mir im Atelier. Wir sprachen von der Problematik und ich fragte sie nach einem gemeinsamen Thema in ihrer Ehe. Und was glaubst du, was sie sagten? – Das Haushaltsgeld. Das ist anscheinend das Einzige, was sie gemeinsam interessiert.
Cornelia: Das kann ja auch zu reden geben.
Wolfram: Allerdings. Und jetzt muss ich mich an die Arbeit machen. Zu diesem Thema fällt mir schon etwas ein. Besonders wenn ich an die Auseinandersetzung denke, die sie bei mir im Atelier deswegen hatten, ganz spontan.
Cornelia: Das heißt im Klartext, dass wir wieder keine Zeit zusammen haben.
Wolfram: Ich bin freischaffender Künstler. Ich muss die Arbeit dann annehmen, wenn sie hereinkommt. Ich kann es mir nicht leisten, Kunden zu vergraulen.
Cornelia: Aber deine Freundin zu vergraulen, das ist dir egal.
Wolfram: Nein, natürlich ist mir das nicht egal.
Cornelia: Aber?
Wolfram: Kein „Aber“.
Cornelia: Trotzdem – dir ist deine Arbeit wichtiger als ich.
Wolfram: Ich muss zugeben, dass das so ist.
Cornelia: Das ist eigentlich alles, was ich wissen wollte.
Wolfram: Sei doch nicht immer gleich eingeschnappt, Cornelia.
Cornelia: Du wirst das nie verstehen.
Wolfram: Wir können uns doch lieben – neben meiner Arbeit.
Cornelia: Immer nur die zweite Geige spielen? Nein danke, das kann und will ich nicht.
Wolfram: Ich will dich aber nicht verlieren.
Cornelia: Dann tu etwas dafür!
Wolfram: Was willst du denn?
Cornelia: Kümmere dich um mich. Jeder Mann tut das für seine Frau.
Wolfram: Du tust gerade so, als wären wir verheiratet.
Cornelia: Ich wollte, wir wären es … – oder vielleicht lieber doch nicht …? Ich weiß es nicht.
Wolfram: Meine liebe Cornelia, mir ist unendlich viel an dir und an unserer Beziehung gelegen. Doch bin ich zuerst der Kunst verpflichtet.
Cornelia: Und was tust du, wenn du nicht beides unter einen Hut bringst? Du lässt das Unwichtige, den Ballast, links liegen.
Wolfram: Das klingt schrecklich.
Cornelia: Ist es auch.
Wolfram: (seufzt schwer) Ich weiß es nicht …
Cornelia: Doch, du weißt ganz genau, was du willst. Deine Bildhauerei. Und sonst nichts.
Wolfram: Jetzt bist du schon wieder eingeschnappt.
Cornelia: Nein, ich bin nicht eingeschnappt. Ich artikuliere nur, was ich sehe – was ich fühle.
Wolfram: Und du bist wirklich der Meinung, dass du für mich nebensächlich bist?
Cornelia: So sieht es aus.
Wolfram: Was stehst du dann noch hier herum und stiehlst mir meine kostbare Zeit? Geh doch und such dir einen Typen, der den lieben Tag lang mit dir rumhängt, weil er nichts Besseres zu tun hat!
Cornelia: Bitte, Wolfram – nicht so laut.
Wolfram: Natürlich – schön leise, damit dem Püppchen die Öhrchen nicht wehtun … Was stellst du dir eigentlich vor? Für diese Art von Beziehung bin ich mir wirklich zu schade. (Ab ins Atelier)
Cornelia: Dann bleib doch, wo der Pfeffer wächst – Künstler, eingebildeter! Ich find im Handumdrehen etwas Besseres als dich. Und dann wollen wir sehen, ob dir das wirklich egal ist. (Ab)
Wolfram: (kommt wieder aus dem Atelier) Sie ist fort … alles ist kaputt. Wie soll ich jetzt arbeiten? Meine ganze Inspiration ist weg.
Willi: (der die ganze Zeit auf der Treppe gesessen ist) Das war es noch nicht.
Wolfram: Wer sagt das?
Willi: Meine Wenigkeit.
Wolfram: Wer bist du?
Willi: Irgendeiner, der heimatlos in seiner Heimat lebt. Frag nicht weiter. Kurzum, es gibt mich. Außerdem erdreiste ich mich zu sagen, was ich für wahr halte.
Wolfram: Ein schwieriges Unterfangen.
Willi: Dein Verständnis zeigt mir, dass du bereit bist, deinen Weg zu gehen. (Kommt zum Atelier und schaut hinein) Das schöpferische Chaos gefällt mir. Doch etwas fehlt noch für ein Meisterwerk.
Wolfram: Etwas fehlt? Was wäre das?
Willi: Das kann ich nicht sagen. Ich bin ein Mensch, kein Genius.
Wolfram: Was mach ich mit dem Scherbenhaufen hier?
Willi: Zusammenwischen und entsorgen … wie man so schön sagt.
Wolfram: Und entsorgen? Weißt du, was da an Arbeit drinsteckt?
Willi: Solang die Energie in falschen Bahnen läuft, stehn wir am Ende immer vor dem Scherbenhaufen.
Wolfram: Und doch muss ich ein Meisterwerk jetzt machen, das fühle ich in mir. Warum die ewige Zerstörung?
Willi: Was taugen uns die immerwährenden Versuche, dem Gang des Lebens vorzugreifen und stets den eignen Willen durchzusetzen? Sobald du alle deine Willenskräfte in Kunst zu wandeln suchst, wirst du der Zukunft unsrer Menschheit fruchtbaren Boden vorbereiten.
Wolfram: Ich will ja schaffen.
Willi: Nein, du willst fertig werden. Das ist der Unterschied.
Wolfram: Wenn ich niemals fertig werden darf, wie soll ich überleben mit der Kunst?
Willi: Was sich als abgeschlossener Prozess dir zeigt, ist dem Betrachter deiner Werke ein zeitlos gültiges Dokument.
Wolfram: Was heißt das in Bezug auf diesen Scherbenhaufen?
Willi: Dass hier ein schöpferischer Pfad abrupt verlassen wurde.
Wolfram: Ich bin ein Mensch mit Leidenschaften. Ich brauche Erotik als Inspiration.
Willi: Mag sein. Doch deine Kunst wird erst gedeihen, wenn ungezähmte Leidenschaft dein Herz nicht mehr zerreißt.
Wolfram: Jetzt übertreibst du aber.
Willi: Du wirst schon sehen.
Wolfram: Wie du meinst.
Willi: Ich geh und überlass dich deiner Arbeit. (Ab)

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 66
ISBN: 978-3-99038-978-2
Erscheinungsdatum: 03.09.2014
EUR 13,90
EUR 8,99

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