Wie es passieren kann

Wie es passieren kann

Fred Ludwig


EUR 13,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 58
ISBN: 978-3-95840-952-1
Erscheinungsdatum: 10.10.2019
Nach 34 Jahren Ehe und 3 Kindern die Konfrontation mit der unheilbaren Krankheit: Helga hat Krebs, wird bald sterben. Leidensweg und Albtraum in einem. Mit dem nötigen Abstand dokumentiert Ehemann Fred den traumatischen Verlust eines geliebten Menschen.
Frühjahr 2012

Trauer und Verlustbewältigung erlebt jeder Mensch anders.
Ich habe Jahre gebraucht, um mich diesem Thema schriftlich zu nähern, weil die Betroffenheit über das Erlebte zu groß war.
Sie als Teil des Lebens zu akzeptieren und an den tragischen Ereignissen nicht zu zerbrechen, das ist ein innerer Kampf, der sehr lang sein kann. Die seelische und psychische Verarbeitung habe ich mit mir allein versucht zu bewältigen und eine therapeutische Betreuung sehr lange abgelehnt. Erst als ich mich mit dem Niederschreiben der Erlebnisse befasste, habe ich mir Rat geholt.
Die Ereignisse sind im Jahr 2004 passiert, und ich schreibe sie auf, um ähnlich Betroffenen zu helfen und aufzuzeigen, dass Krankheit und Tod Teil des Lebens sind und sich ein Neuanfang lohnt.
Es geht nicht um das Vergessen. Gelebtes, ausgefülltes und glückliches Leben bleibt es.
Nach dem Tod eines sehr nahestehenden Menschen ist nichts mehr so, wie es war. Es ist alles anders, und es wird nie mehr so, wie es war. Das Leben geht anders weiter, und es wird auch wieder lebenswert. Der Weg dahin ist sehr schwer, und die entsprechende Therapie für jeden einzelnen, in seiner Art völlig unterschiedlichen Trauerfall zu finden, das erachte ich für äußerst schwierig.
In therapeutischen Gesprächen zur psychologischen Behandlung meines Trauerfalles habe ich großen Respekt dafür entwickelt, welche Vielseitigkeit und Vielschichtigkeit Trauer hat und bewirken kann.
Ein familiärer Zusammenhalt und die wenigen Freunde und Bekannten, welche mit dieser neuen Situation klarkommen, das sind die wichtigsten Hilfen. Und es gehört zur erlebten Erfahrung, dass das Verhalten von vielen aus dem gemeinsamen Freundes- und Bekanntenkreis sich verändert, sei es aus Unsicherheit, Ratlosigkeit, Unfähigkeit oder Egoismus.


Warum jetzt?

Diese Darlegungen sind die Aufarbeitung einer Vielzahl von traumatischen Erlebnissen des Jahres 2004.
Dieses Jahr hat mein Leben schlagartig verändert und ist bis heute ein Albtraum.
Über Jahre sind die Erlebnisse dieses Jahres verdrängt worden. Der Umgang mit dem Tod ist so lange nicht von Bedeutung, wie keine näheren Angehörigen betroffen sind. Er wird verdrängt. Er wird zum alles beherrschenden Thema, wenn es die Lebenspartnerschaft betrifft.
Unterschiede zu benennen zwischen einem plötzlichen unerwarteten Tod und dem Abschied auf Ansage verbietet sich für mich. Es gibt sie sicher. Nur wer beides erlebt hat, könnte dazu eine Aussage treffen.
Aus der Erfahrung kann ich feststellen, dass einem Hinterbliebenen von seinem sozialen Umfeld in den meisten Fällen kein ausreichendes Verständnis entgegen gebracht wird. In die Seelenwelt kann sich keiner hineinversetzen. Es war für mich eine sehr schmerzliche Feststellung, dass der gemeinsame Freundeskreis so keinen Bestand mehr hatte. Unterstützung bekam ich von Menschen, die ich erst 2004 kennengelernt oder von denen ich das gar nicht erwartet habe.
Irgendwann kam mir der Gedanke, das im Jahr 2004 Erlebte aufzuschreiben und so zu erhalten. Trauer verarbeitet jeder anders. Wie ich mit der Trauer umgegangen bin, darüber möchte ich hier nicht schreiben.
Es hat Jahre gedauert, ehe ich selber Klarheit gewonnen habe und das Chaos in den Gedanken und Gefühlen überblicken und einordnen konnte. Man braucht Abstand, wenn die Emotionen keine vordergründige Rolle spielen sollen, und erreicht eine gewisse Sachlichkeit.
Ein Schicksal zu benutzen, diese drastische Art des Sterbens zu dokumentieren, die Entscheidung darüber zu treffen, welche Informationen wichtig sind und was wie die Beurteilung der Leser beeinflusst, diese Fragen habe ich nach meinem Dafürhalten zu beantworten versucht. Es sind Feststellungen aus der Sicht eines medizinischen Laien
Wenn es mir gelingen sollte, in Folge einen Eindruck davon zu vermitteln, wie das Leben eben auch sein kann, dann haben sich die Geduld und der Aufwand gelohnt.

Mögen diese Darstellungen auch von dem einen oder anderen Mediziner gelesen werden, um aus der Sicht des Kranken und dessen Situation Entscheidungen zu überdenken und dem Faktor Menschenwürde, nicht immer identisch mit dem medizinischen Credo, eine höhere Wertschätzung zukommen zu lassen.

34 Jahre war Helga meine Ehefrau, Geliebte, Mutter unserer 3 Kinder, zuverlässiger Partner, und Familienmensch. Wir haben sehr jung geheiratet und waren beide immer berufstätig. Da ich oft im Ausland tätig war, hat sie die Hauptlast in der Kindererziehung und dem Haushalt getragen. Unsere Ehe war so etwas wie eine Musterehe, auch wenn wir, wie sicher alle Ehepaare, auch Problemjahre hatten. Die Familie ging über alles, und wir waren stolz auf unsere Kinder und 2003 auch schon auf die beiden Enkelkinder. Aus den Zeiten unserer berufsbedingten Trennungen existieren noch viele Briefe, die von einer innigen Beziehung und Liebe zeugen. Jetzt mit dem nötigen Abstand weiß ich, sie war das Beste, was mir in meinem Leben passieren konnte.
Beruflich war sie erst mit Leib und Seele Krankenschwester, später sehr engagierte Sozialarbeiterin. Mit der Ausbildung zur Heimleiterin und der darauf folgenden Übernahme der Heimleitung eines Pflegeheimes 1995 begann für sie ein Arbeitsabschnitt bis an die Grenzen der Erschöpfung.
Viele verbinden mit dem Begriff „Pflegeheim“ eine Lebenssituation, wie sie keiner persönlich erleben möchte. Wir haben Respekt vor der Tätigkeit in solchen Heimen und wissen um die Unzulänglichkeiten. Immer wieder wird es in der Gesellschaft thematisiert. Es gibt gute Gründe dafür, dass die Pflege von Bedürftigen in der Familie erfolgt. Unstrittig sind die Belastung für die Pflegekräfte, der unzureichende Einsatz examinierten Personals und ein ständiger Kostendruck auf die jeweiligen Träger. Solange „Geld“ der entscheidende Faktor ist und nicht der Mensch, werden engagierte Pflegende Gewissensprobleme haben.
Das weiß jeder, der mit dieser Materie näher vertraut ist.
Das Altenpflegeheim in Letschin wurde seit der Eröffnung 1995 von Helga geleitet. Eine starke Frau mit Visionen und sehr viel Engagement für Bewohner und Personal. Alle Zusammenhänge, Einflüsse, Einschränkungen und Sachzwänge, die sich aus der Lebenssituation hilfebedürftiger Menschen ergeben, kannte sie im Detail. Sie war mit den sozialen Diensten vernetzt, kannte alle Institutionen, welche den Pflegedienst organisieren, und hatte sich im Land Brandenburg für die pflegerische Nachsorge von Apallikern in einem Pflegeheim arrangiert.
Sie hatte ihren Übergang in den Ruhestand schon geplant. Die gesetzlichen Vorgaben der Nutzung des vorzeitigen Renteneintrittes durch Altersteilzeit waren mit dem Arbeitgeber bereits abgestimmt. Das ist eine sinnvolle Regelung für die Berufsgruppen, die durch die täglichen seelischen Belastungen besonders beansprucht werden. Mit 52 Jahren denkt man bereits daran, weil der tägliche Berufsstress an den körperlichen und seelischen Kräften zehrt.
So weit war unser gemeinsames Familienleben normal, planbar, und es schien auch überschaubar.
Mitten in diesem ausgefüllten Berufsleben hatte Helga mit körperlichen Problemen zu kämpfen, deren Ursachen zuerst mit der überdurchschnittlichen Belastung im Pflegeheim oder den Begleiterscheinungen der Wechseljahre zu erklären versucht wurden.
Undefinierbare Schmerzen, Unwohlsein und Stimmungsschwankungen häuften sich.
Das Schlimmste war für mich zu erkennen und zu begreifen, dass ich am folgenden Verlauf nichts ändern, aufhalten oder ungeschehen machen konnte.
Es geht hier nicht darum, dass es ein Fall von vielen ist.
Es geht darum, wie was, wann und wo festgestellt, wie dann vorgegangen wurde und was davor und danach geschehen ist.
Es geht darum, welche Qualen und Leiden ein Mensch, der sein volles Berufsleben in den Dienst des Gesundheitswesens gestellt hat, in der Lage ist zu ertragen.
Es geht darum, wie es in der Seele eines Menschen aussehen muss, wenn er das erlebt, was Helga erlebt hat.
Es geht darum zu vermitteln, welche Anforderungen an die nächsten Angehörigen gestellt werden und welche seelischen Belastungen auch diese zu tragen haben.
Wer es erlebt hat, findet schwer die erklärenden Worte und verdrängt lange das, was war. Man stellt sich Fragen, auf die es keine Antworten gibt, und es fällt schwer, es hinzunehmen. Man muss es erst lernen.
Das ist ein Versuch, anhand von Fakten aufzuzeigen, welche erschütternden Lebenserfahrungen ich gemacht habe und wie sehr es mich auch heute noch bewegt, bereits mehr als 10 Jahre nach dem schmerzlichen Verlust.
Ein kritisches Jahr war das Jahr 2003. Hier gab es Situationen, die ich als nicht normal für eine langjährige Ehe ansah und nicht verstanden habe. Die Wechseljahreserscheinungen waren so gut wie vorbei. Wir haben diese Zeit der Hitzewallungen und Stimmungsschwankungen mit Humor und Toleranz gemeistert. Jetzt war es anders. Sie fühlte sich ständig schlecht und legte viel Wert darauf, immer mal wieder allein zu sein. Sie ging allein zum Konzert. Das war völlig neu für mich. Ich deutete es als nachlassendes Interesse und bildete mir manchmal ein, dass die Liebe auch in unserer Ehe nicht ewig halte.
Aus heutiger Sicht war das falsch und eine egoistische Denkweise. Sie hatte ständig gesundheitliche Probleme, Schmerzen im Bauchbereich und war immer abgearbeitet und kaputt.


Ernsthafte Suche

Als ein Wendepunkt in der Entwicklung kann der Jahreswechsel 2003/2004 bezeichnet werden.
Wir wollten natürlich den Jahreswechsel im Kunstspeicher in Diedersdorf feiern und fröhlich sein. Doch Helga konnte die Feier nicht genießen, weil sie starke Beschwerden hatte. Es gibt Bilder von dieser Feier. Dort ist zu sehen, dass es ihr nicht gut ging.
Helga hatte schon längere Zeit über verstärkte Rücken- und Bauchschmerzen gesprochen, diese aber nicht besonders wichtig genommen. Es seien die Wechseljahre, und das Klagen über gesundheitliche Beschwerden war nicht ihr Ding. Ihr Gesicht war eingefallen. Sie wirkte extrem abgespannt. Ich bat sie eindringlich, einen Termin bei der Hausärztin zu vereinbaren, um eine Überweisung für eine CT-Untersuchung zu bekommen. Einen Termin bekommt man nicht am nächsten Tag. Aus früheren Diagnosen war zwar bekannt, dass eine Zyste, welche bereits 1996 punktiert wurde, sich im Unterbauch wieder vergrößert hatte und behandelt werden sollte. Ein Kontroll-CT wurde von ihr immer wieder verschoben.
Am 06.01.2004 erfolgte dann der Besuch bei der Hausärztin, und wir konnten kurzfristig einen Termin zum CT in Königs Wusterhausen am 16.01. bekommen. Der Arzt, welcher die Untersuchung durchführte, ist ein Schulfreund. Er kannte auch den Befund von 1996, als diagnostiziert worden war, dass Helga eine Zyste hatte.
In dem Auswertungsgespräch, an dem ich teilnehmen durfte, wurde auf zwei Auffälligkeiten hingewiesen. Eine sogenannte liquide Raumforderung in der rechten Niere spreche für einen Nierenkarbunkel. Zudem bestehe im rechten Unterbauch der Verdacht auf Abszedierung. Da bei der Punktion kein Pus aspiriert wurde, empfahl der Arzt umgehend den Chirurgen zu konsultieren. Praktisch bedeutete das, dass aus seiner Sicht ein chirurgischer Eingriff zwingend nötig würde.
Ist es die Ironie des Schicksals?
In den Jahren der Beschwerden und vormaligen Operationen meinte Helga immer: „Ich habe die Gene meines Vaters. Ich übernehme für die Familie alle Krankheiten und werde bestimmt nur so alt wie mein Vater.“ Das habe ich mit aller Kraft verdrängt. Ich wollte es nicht hören und nicht wissen. Für diese Sicht hatte ich nie Verständnis und bat sie immer wieder, nicht so etwas zu sagen. Auch heute wehre ich mich gegen alle Sprüche, die in die Richtung böser Vorahnungen gehen. Es ist wie mit dem „Kopf in den Sand“ – ich will es ausblenden. Es ist nur eine Flucht, ein Schutzmechanismus und hat mit Wünschen und Hoffen zu tun.
Ihr Vater war lange krank und starb mit 53 Jahren, so wie Helga.
Am 19.01.2004 wurde Helga aufgrund des Nierenbefundes zum Urologen nach Frankfurt/Oder überwiesen. Am 27.01.2004 schrieb dieser eine Einweisung für die stationäre Aufnahme in die Urologie des Humaine Klinikums in Bad Saarow.
Am 30.01.2004 erfolgte die Aufnahme. Für den 02.02. war ein OP-Termin geplant. Helga durfte von Freitag bis Sonntag noch einmal auf Urlaub.
Am 02.02. wurde die angekündigte OP nicht durchgeführt. Stattdessen hatten sich die Ärzte für eine Punktion des Bauchraumes entschieden. Der OP-Termin wurde auf den nächsten Tag verschoben. Man vermutete eine Entzündung und verabreichte sehr starke Antibiotika (Tazobac und Metronidazol). Zusätzlich erfolgte eine Tromboseprophylaxe. Über eine Drainage sollte der vermeintliche Eiter im Bauchraum abfließen.
Am 04.02. wurde Helga auf die Chirurgie verlegt. In ihrem Tagebuch schreibt sie: „Verlegung in Chirurgie – 4-Bett-Zimmer – 1. Eindruck: furchtbar!“
Bis zum 07.02. wurde täglich 2 x gespült und weiter Antibiotika verabreicht. Ein erneutes CT ergab die Aussage, die Drainage erreiche den Abszess. Bei der Chefvisite am 11.02. wurde festgelegt, dass die Bilder erst ausgewertet werden müssten. Eine Laboruntersuchung des Drainageinhaltes erfolgte nicht, was sich als folgenschweres Versäumnis herausstellen sollte.
Am 12.02. nochmalig eine CT-gestützte Punktion. Ihr Eintrag im Tagebuch: „Gestützte Punktion – furchtbar!“
Alle Punktionen waren sehr schmerzhaft, und das wollte Helga so nicht weiter mit sich machen lassen. Es gab weiter Antibiotika, und über die Flexüle wurde gespült.
Am 17.02. dann eine CT-Untersuchung ohne Punktion. Die Flexüle wurde am 18.02. gezogen. Eine Ultraschalluntersuchung am 19.02. mit dem verantwortlichen Oberarzt zeigte, so schriftlich festgehalten, keine wesentliche Befundänderung. Aus dem Befund ging hervor, dass die Entzündung noch bestand. Die Möglichkeit einer weiteren Punktion wurde für den 27.02. angezeigt. Das hat Helga abgelehnt. Die Vorgehensweise ist so auch für einen Nichtfachmann nicht nachvollziehbar. Es wurde weiter gespült. Sie hat sich als seelischen Beistand einen Kristall gekauft. Er sollte ihre Hoffnung stärken und war sicher auch ein Mittel gegen ihre Verzweiflung.
An dieser Stelle möchte ich einfügen, dass Helga sehr an alternativen Heilmethoden interessiert war und den Mondkalender studierte. Daraus hat sie Schlüsse gezogen, welche für mich so nicht nachvollziehbar waren. Sie hat z. B. meine Haare nur an bestimmten Tagen geschnitten.
Am 23.02. führte der behandelnde Oberarzt ein Gespräch mit Helga, an dem ich auf Helgas Wunsch hin nicht teilnahm. Sie war sehr selbstbewusst und hat mir gegenüber immer wieder gesagt, dass sie über ihren Körper ganz allein bestimmen möchte und müsste.
5 Sterne
Ein Schicksal - 26.12.2019
Anonym

Helga war Krankenschwester aus leidenschaft, sie war für ihre Bewohner und Patienten immer da. Mit Schmerzen ist Sie zu Arbeit gegangen mit der Hoffnung, Sie kann Ihre Beschwerden mit ihren Pflichten und Aufgaben therapien. Sie hat sich selbst vergessen. Irgendwann ist zuspät geworden und so begann ihre Leidensweg.Das Buch lehrt uns, das Prevention wichtig ist. Erst komme ich, dann die Arbeit!

5 Sterne
Wie es passieren kann - 03.12.2019
Anett

Ich kannte S. Helga und viele Dinge waren mir bekannt. Sehr gut geschrieben.

5 Sterne
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Anett

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