Lyrik & Dramatik

Wie das Glück mich fand

Lisa Eberherr

Wie das Glück mich fand

Leseprobe:

Vorwort

Traurige Schicksale haben schon viele von uns ereilt. Das Wichtige dabei ist zu erkennen, dass man sich nicht aufgeben darf, dass man kämpfen und nach vorne blicken muss, denn das Leben hält noch so viel Wunderbares für uns bereit.
Auch wenn wir uns in den Momenten der Trauer nicht vorstellen können, dass es irgendwann auch mal wieder bergauf geht und dass sich irgendwann einmal wieder ein Lächeln über unser von Tränen gezeichnetes Gesicht schleicht. Wir werden irgendwann wieder glücklich sein.


Kapitel 1

Ich werfe einen Blick auf die Uhr am Armaturenbrett. Es ist 14:07 Uhr. Wir liegen gut in der Zeit. Meine Mutter trällert lauthals und voller Vorfreude die Lieder im Radio mit. In dröhnender Lautstärke schmettert uns Rupert Holmes den Pinacolada-Song entgegen. Meine Mutter liebt diesen Song, und immer wenn er läuft, wird das Radio voll aufgedreht. Grinsend beobachte ich sie. „Du solltest lieber deinen Blick der Straße zuwenden, Schätzchen!“, sagt sie und wirft mir dabei einen gespielt tadelnden Blick zu. Wo sie recht hat, hat sie recht.

Am Himmel türmen sich dicke schwarze Regenwolken auf. Und leider lässt der Regen auch nicht lange auf sich warten. Laut fallen erste dicke Regentropfen auf mein Autodach. Wir befinden uns im Moment auf der A 7 kurz vor Hamburg, die Hälfte der Strecke ist schon geschafft.
Plötzlich tut sich eine Regenwand vor mir auf, und von einem auf den anderen Moment bin ich blind. Hilfe. Mit klopfendem Herzen verringere ich meine Geschwindigkeit und fahre langsam auf dem rechten Fahrstreifen dahin. Ich kann es nicht leiden, wenn ich vor lauter Regen fast nichts mehr erkennen kann. Noch schlimmer als Regen ist Nebel. Da fühle ich mich total beklemmt.
Nach einigen Minuten lichtet sich der Regenmantel etwas, und ich kann wieder besser sehen.
Allerdings spritzt mir nun der Lkw vor mir die ganze Gischt auf die Scheibe. Daher setze ich zum Überholen an. „Deine Scheibenwischer quietschen wie die Hölle Emma, du solltest dir wirklich mal neue kaufen. Das ist fürchterlich!“, meckert mich meine Mutter an.
Genervt verdrehe ich die Augen. Ich finde es auch nicht gerade prickelnd. Die Scheibenwischer nicht, die Lkw-Schlange nicht und das Wetter gleich dreimal nicht. Konzentriert umklammere ich mein Lenkrad und hoffe, dass es endlich aufhört zu regnen.
Erleichtert, dass ich die Lkw-Schlange überholt habe, setze ich den Blinker rechts und bin gerade im Begriff, den Fahrstreifen zu wechseln, doch plötzlich erkenne ich zwei Scheinwerfer vor mir. Panisch lenke ich meinen Seat nach rechts, doch die Scheinwerfer tun es mir gleich. Also reiße ich mein Lenkrad wieder nach links. Das Auto kommt bedrohlich schnell näher. Meine Mutter schreit, und ich kann nicht mehr denken. Alles geht so verdammt schnell. Ich versuche, einen klaren Kopf zu behalten. Was soll ich nur tun? Wo soll ich hin? Blut rauscht in meinem Kopf, mein Herz rast. Ausweichen Emma, du musst ausweichen, schreit mir eine innere Stimme zu. Aber ich weiß nicht wohin. Links ist die Leitplanke, vor mir der Geisterfahrer und rechts jetzt fast auf gleicher Höhe der Lkw, den ich gerade überholt habe.
Es ist zu spät.
Ein lauter Knall und plötzlich ist um mich herum alles dunkel.

Regen prasselt auf meinen Seat, laut und eindringlich. Ich versuche, meine Augen zu öffnen. Es geht nicht. Etwas zieht an mir, und mein Körper kribbelt. Plötzlich ist alles schwarz.

Stimmen … ich höre Stimmen … was ist da los?
Regentropfen hämmern auf das Autodach. Alles scheint hell erleuchtet. Aber ich kann meine Augen nicht öffnen. Da sind wieder die Stimmen. Ja, jetzt höre ich sie deutlicher. Hektisch rufen sich irgendwelche Menschen Befehle zu. Leider kann ich kein Wort verstehen. Wieso nur kann ich meine Augen nicht öffnen? Plötzlich rüttelt jemand an meiner Schulter, und endlich verstehe ich etwas. Klar und deutlich ruft jemand direkt neben mir: „Hallo, hallo können Sie mich hören …?“ Ja, ja ich kann Sie hören! Aber warum kann ich mich nicht bewegen, nichts sagen, und warum verdammt noch mal kann ich meine Augen nicht öffnen? Was ist nur passiert? Alles scheint so weit weg. Der Mann bewegt sich, ich kann seine Schritte hören. Nein, nein bleib hier, würde ich am liebsten schreien, aber meine Lippen bewegen sich nicht. Auf einmal werde ich wieder weggezogen. Nein, ich will das nicht! Aber ich habe kein Mitspracherecht, plötzlich bin ich wieder von einer tiefen Stille umgeben, alles ist schwarz.


Kapitel 2

Aufgeregt rüttelte jemand an meiner Schulter, aber ich wollte einfach noch nicht die Augen aufschlagen. Mit aller Kraft versuchte ich, den Traum von eben festzuhalten. Ich lag am Meer, der Wind wehte sanft durch mein offenes Haar. Der Duft von salzigem Wasser und Sonnencreme umspielte meine Nase. Die Möwen kreischten. Ich spürte den Sand unter meinen Füßen.
Aber der Traum entglitt mir. Unaufhörlich tippte mir nun jemand auf die Schulter. Plötzlich hörte es auf, und ich kuschelte mich tiefer in mein Kissen. Angestrengt versuchte ich, den Traum zurückzuholen, aber es gelang mir nicht. Plötzlich wurde es hell. Was ist das? Ich zog mir die Decke über den Kopf. Nun hörte ich die fröhliche Stimme meiner Mutter.
Sie trällerte: „Guten Morgen, mein Engel“ und riss mir dabei mit einem Ruck die Decke weg.
Wütend öffnete ich die Augen. „Mama, es ist kalt, warum ziehst du mir einfach die Decke weg und warum in Gottes Namen lässt du mich nicht ausschlafen?“
Meinen Wutanfall ignorierend, strahlte mich meine Mutter an. „Emma, stell dir nur vor, ich hatte heute Nacht eine super Idee!“ Erwartungsvoll schaute ich sie an, quälte mich aus meinem Bett und strich mir die zerzausten Haare aus dem Gesicht. „Was für eine Idee hattest du denn? Jetzt rück schon raus mit der Sprache.“
Sie ließ die Bettdecke auf den Boden fallen und setzte sich aufgeregt neben mich.
„Also meine liebste Emma, halt dich fest …“ Sie legte eine Kunstpause ein und atmete tief ein und aus. Dass sie es aber auch immer so spannend machen musste.
„Wir fahren in den Urlaub!“ Die Erinnerung an meinen schönen Traum huschte kurz vor meinem inneren Auge vorbei, aber mutlos ließ ich die Schultern sinken.
„Das können wir uns doch gar nicht leisten Mama, wir haben momentan nicht genug Geld!“
Aber sie ließ sich in ihrer Euphorie nicht stoppen. Meine Mutter sprang auf, legte meine lilafarbene Bettdecke neben mich und zog den Koffer unter meinem Bett hervor. Danach riss sie die Türen von meinem Schrank auf und drehte sich immer noch grinsend wie ein Honigkuchenpferd zu mir um. „Doch, das können wir! Und zwar hab ich mir überlegt, dass wir an die Nordsee fahren. Da ist es zur Herbstzeit ganz wunderbar. Außerdem müssten wir nicht so weit fahren. Ich möchte einfach mal ein bisschen raus, ich brauche das jetzt. Biiiiiitteeeeee!“
Da ist er, ihr berühmter Hundeblick. Dem konnte wirklich keiner widerstehen. Aber so schnell wollte ich mich nicht weichkochen lassen. „Ach Schätzchen, du weißt doch, dass die letzten Wochen in der Schneiderei wirklich anstrengend und nervenaufreibend waren, wir hatten so viele Aufträge, und ich brauch jetzt einfach einmal eine Pause!“ Sie schob die Unterlippe vor und tat so, als würde sie schmollen.
Dabei sah ich ihr schelmisches Leuchten in den Augen. „Aber ich weiß doch überhaupt nicht, ob ich so kurzfristig Urlaub bekomme. Da muss ich erst meinen Chef fragen.“
Sie zuckte mit den Schultern. „Ja, das verstehe ich. Aber eure Auftragslage ist doch momentan nicht so großartig da kann er dich bestimmt eine Woche entbehren.“
Eigentlich hatte sie ja recht, daher warf ich langsam meine Bedenken über Bord. „Aber es ist Samstag, meinst du wirklich, ich soll ihn da belästigen?“ Meine Mutter stürmte hinaus und kam wenige Sekunden später mit dem Telefon zurück und drückte es mir in die Hand. „Na komm schon, ruf ihn an, ihr versteht euch doch so gut. Außerdem kann man am Samstagmorgen schon mal die Leute belästigen!“
„Du meinst wohl, aus dem Bett klingeln, hast du eigentlich schon mal auf die Uhr geguckt?“
Sie lächelte vielsagend. „Aber natürlich mein Schatz. Was du anscheinend noch nicht getan hast, denn es ist bereits halb neun, meine kleine Schlafmütze. Also ruf ihn an, und ich spring so lange unter die Dusche.“ Sie tänzelte aus meinem Zimmer hinaus und summte fröhlich eine Melodie.
Bevor sie im Badezimmer verschwand, rief sie mir noch kurz zu: „Wenn du fertig bist, koch doch schon einmal Kaffee, ja?“
Seufzend ließ ich mich rückwärts auf mein Bett fallen. Sie hatte ja recht, ein kleiner Urlaub würde uns beiden nicht schaden. Aber ich hatte vor ein paar Monaten mein ganzes Erspartes für ein „neues“ gebrauchtes Auto, einen schwarzen Seat Leon, ausgegeben. Leider hatte mein 15 Jahre alter Golf den Geist aufgegeben, und die Reparatur hätte viel mehr gekostet, als ich am Ende noch für den alten Karren bekommen habe. Da mich der Seat achttausend Euro gekostet hatte, war ich momentan eben etwas sparsam. Ich wählte die Nummer von meinem Chef, und nach dreimaligem Klingeln meldete sich eine angenehme männliche Stimme mit „Maurer“. Ohne Umschweife erläuterte ich meinem Chef die Sachlage:
„Guten Morgen Joachim, hier ist Emma. Es tut mir leid, dass ich dich so früh belästige, aber meine Mutter möchte mit mir in den Urlaub fahren. Sie hat darauf bestanden, dass ich dich sofort anrufe und frage, ob es möglich wäre, dass du mir ab sofort eine Woche Urlaub gibst?!“
Joachim räusperte sich. „Da bin ich jetzt ganz schön überrumpelt. Warte mal Emma, ich werfe nur kurz einen Blick in unser Terminbuch. Bin gleich wieder da.“
Er legte den Hörer ab, und ich hörte, wie sich Schritte entfernten. Nach ein paar Minuten raschelte es, und Joachim war wieder in der Leitung. „Also, ich denke, es wäre machbar, Marie müsste halt ein bisschen was von dir übernehmen, aber wenn wir uns die Arbeit aufteilen, dann schaffen wir das mit links. Du hast ja eh noch Urlaubstage übrig. Also, das geht in Ordnung. Viel Spaß wünsche ich euch!“
Ich bedankte mich recht herzlich bei Joachim und wünschte ihm ein schönes Wochenende. Gerade als ich Richtung Küche lief, um das Frühstück zu machen und das Telefon aufzuräumen, öffnete sich die Badezimmertür, und meine Mutter streckte den Kopf heraus. Ihre frisch gewaschenen Haare hatte sie in ein Handtuch gewickelt. „Und? Was sagt er, hast du Urlaub bekommen?“ Ich nickte lächelnd. Meine Mutter stieß einen Freudenschrei aus und strahlte von einem Ohr zum anderen. Ihre gute Laune und ihre Euphorie steckten mich nun auch endlich vollends an. An das fehlende Geld verschwendete ich keinen Gedanken mehr.
Ich lief zu ihr und umarmte sie. „Sag mal“, sie schnüffelte. „Du hast ja noch gar keinen Kaffee gekocht, was hast du denn so lange gemacht?“
Ich stieß die Hacken zusammen und legte die Hand an die Stirn, wie ein Soldat der „stramm“ stehen muss. „Jawohl Sir, ich werde Ihnen sofort Ihr Frühstück zubereiten!“
„Das möchte ich aber auch hoffen, Soldat!“, erwiderte sie in strengem Ton, brach daraufhin in lautes Gelächter aus und schloss die Badezimmertür hinter sich.
Vergnügt lief ich in unsere Küche. Bei unserem Einzug hatten wir uns eine schicke, matt beigefarbene Küche mit mahagonifarbener Arbeitsplatte und einer Kochinsel einbauen lassen. Außerdem schmückte ein toller alter Esstisch aus dunklem Holz mit vier Lederstühlen unsere Küche. Ich öffnete die Terrassentür. Das Highlight an unserer Altbauwohnung war eine 25 Quadratmeter große Dachterrasse. Ein wahrer Traum. Genüsslich sog ich die frische Luft ein, es versprach ein toller Tag zu werden. Das spürte ich.
Die Luft war recht kühl, daher schloss ich die Tür wieder und widmete mich dem Kaffee. Als die Maschine im vollen Gange war und glucksend den Kaffee braute, deckte ich den Küchentisch.
Nachdem ich fertig war, rief ich laut. „Mama, das Frühstück ist fertig!“ Kurz darauf betrat meine Mutter, in ihren saphirblauen Bademantel gehüllt, die Küche. „Hm, wie das hier duftet, so mag ich das, wenn das Frühstück bereits auf dem Tisch steht.“ Neckend knuffte sie mir in die Seite und ließ sich am Esstisch nieder. Ich schenkte uns beiden Kaffee ein und gesellte mich zu ihr. Schmatzend aß meine Mutter ihren Toast. „Sag mal Mama, was hast du denn heute für Manieren?“ Meine Mutter lachte nur laut und verspeiste ihren Toast. „So, jetzt habe ich eine Überraschung für dich!“ Sie biss in ihren zweiten Toast und kaute in aller Ruhe und Gemütlichkeit. „Jetzt sag schon, was du für eine Überraschung hast, ich platze ja gleich vor Neugier!“ Schelmisch grinsend und mich neckend sagte sie: „Na das sollst du ja auch!“ „Also, ich hatte gestern Nachmittag ein langes Gespräch mit meiner Chefin. Sie erzählte mir, dass ihr Ehemann ein Ferienhäuschen an der Nordsee hat. Ich glaube, der Ort heißt Büsum. Auf jeden Fall steht es momentan frei, da Nebensaison ist. Und sie bot mir an, es für eine Woche zu nutzen. Wir müssten auch nichts bezahlen, außer die Nebenkosten, wie Strom und Wasser, und wir müssten es gründlich putzen, wenn wir wieder fahren, aber ansonsten ist es umsonst. Was hältst du davon?“ Ich sprang auf. „Das ist ja der absolute Hammer!“ Stürmisch fiel ich ihr um den Hals. „Ach, meine Chefin hat außerdem erwähnt, dass man das Haus im Internet anschauen könnte, hättest du Lust?“ „Aber Hallo!“ Schnell lief ich ins Wohnzimmer und holte den Laptop. Meine Mutter kramte in der Zeit in ihrer Handtasche nach einem kleinen weißen Zettel, auf dem sie sich den Namen des Hauses und die Adresse notiert hatte. Als der Computer endlich nach einer schier endlosen Wartezeit hochgefahren war, gingen wir ins Internet und gaben in die Suchmaschine den Namen und die Adresse ein. Es dauerte nicht lange, da hatten wir das Haus auf dem Bildschirm.
„Heiliges Kanonenrohr“, entfuhr es meiner Mutter. „Schau mal Emma, wie groß das Haus ist, und es liegt mitten in den Dünen. Das ist ja wunderschön. Das kostet bestimmt sonst ein Vermögen!“ Ich tippte auf andere Bilder auf dem Bildschirm, die man öffnen konnte „Mach doch mal die anderen Bilder auf!“ Auf fünf weiteren Fotos waren das Wohnzimmer mit offenem Kamin, die zwei Schlafzimmer, das Badezimmer mit Eckbadewanne und die hauseigene Sauna zu sehen. „Mama, ich kann das nicht glauben, zwick mich mal bitte, ich glaub, ich träume!“ Stattdessen sprang meine Mutter auf, stieß mich dabei fast um, packte und wirbelte mich in der Küche herum. „Wir fahren in den Urlaub, wir fahren in den Urlaub!“, sang sie aus voller Kehle. Irgendwann lagen wir völlig außer Atem und vor lauter Schwindel auf dem Boden und lachten.
Als wir uns wieder etwas beruhigt hatten, stürzten wir uns auf die Urlaubsvorbereitungen. Wir packten unsere Koffer, gossen noch mal unsere Pflanzen und ließen uns gegen Abend erschöpft auf unser Sofa fallen.

Am nächsten Morgen frühstückten wir in aller Ruhe, beluden meinen Seat und fuhren gegen Mittag in Detmold los in Richtung Nordsee.
Fröhlich sangen wir die Lieder im Radio mit und lachten lauthals, wenn uns die Leute kopfschüttelnd anstarrten.
Kurz vor Hamburg kamen wir in einen fürchterlichen Platzregen …

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 272
ISBN: 978-3-99048-320-6
Erscheinungsdatum: 19.11.2015
EUR 12,90
EUR 7,99

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