Lyrik & Dramatik

Wechselbäder

Gerhild Frieg

Wechselbäder

Schwankungen einer Frau in der Mitte

Leseprobe:

<strong>Alleingang</strong>

Alles stehen und liegen lassen.
Mitmenschenmienen in der U-Bahn
vorbeihuschen lassen,
mich absichtlich eine Haltestelle zu früh
ausspucken lassen,
mich durch den Stadtgarten und die stille Seitenstraße
treiben lassen,
mich in die Fußgängerzone
einfließen lassen,
mich in der Buchhandlung von Buchstabenbergen
verschlingen lassen,
mir im Umkleidekabinenspiegel
was vorgaukeln lassen,
meine Augen auf den Bildern einer Ausstellung
ruhen lassen,
meine Kehle im Eckcafé vom Milchschaum
streicheln lassen,
mich einfach
gehen lassen.
Lasst mich mal allein.


<strong>Wahlweise</strong>

Geh ich zur Arbeit
oder fühl ich mich krank?
Will ich die Haare kurz
oder lang?
Geh ich zum Sport
oder bleib ich zu Hause?
Arbeite ich durch
oder mache ich Pause?
Will ich diäten
oder gefällt mir mein Ring?
Geh ich ins Kino
oder ist der Film nicht mein Ding?
Kauf ich die Tasche
oder ist sie zu teuer?
Lasse ich’s kalt
oder mache ich Feuer?
Ist der Freund meiner Tochter dumm
oder schlau?
Ist sie meine Kleine
oder ist sie schon Frau?
Koche ich selbst
oder gehen wir essen?
Soll ich die Kuh anrufen
oder vergessen?
War meine Jobwahl falsch
oder richtig?
Ist, was ich sage, profan
oder wichtig?
Muss ich was ändern
oder so weitermachen?

Soll ich weiter viel weinen
oder öfter lachen?
Nerve
oder beglücke ich dich?
Such ich ewig
oder finde ich mich?


<strong>Wechseldusche</strong>

Ich surfe auf der Hitzewelle.
Bei nur einer Tasse Kaffee komme ich in Wallung.
Wenn das Telefon klingelt,
schrillen meine Alarmglocken.
Eine trockene Bemerkung vom Chef
und mir bricht der Schweiß aus.
Dusch mich, aber mach mich nicht nass.
Beim Warmduschen wird mir heiß und kalt.
Klamotten kleben am Körper.
Läuft mir die Zeit davon,
steht mir das Wasser bis zum Hals.
Geht was schief,
gehe ich im Tränenmeer baden.
In mir brodelt es.
£ Unentschieden
Ich geh nicht gern eine Hose kaufen,
ich bin nicht groß, sondern ziemlich klein.
Ich kann nicht gut auf High Heels laufen.
Es könnten ein paar Kilo weniger sein.

Mit der Taille ist es nicht mehr weit her,
weshalb ich Pullis mitteleng trage,
ich erkenne meine Mitte nicht mehr
und ein Gürtel kommt gar nicht infrage.

Ich mag mich nicht in der Kabine entblößen,
der blöde Spiegel macht mich nieder.
Ich passe vage zwischen zwei Größen,
in der Frauenzeitschrift finde ich mich nicht wieder.

Ich glaube, ich bin nicht ganz dicht,
aber auch nicht undurchsichtig,
darum sieht man mich wohl manchmal nicht,
wer genauer schaut, sieht mich richtig.


<strong>Bilderrätsel</strong>

Wie nehmen mich andere Menschen wahr?
Wie stelle ich mich nach außen dar?
Was lasse ich für Gefühle raus?
Was für Signale sende ich aus?

Wo steht mir der Kopf nach der Niederlage?
Wie halt ich die Schultern, wenn ich Schweres trage?
Wie sieht man von außen, wenn ich in mich gehe?
Wie steh ich da, wenn ich neben mir stehe?

Soll ich lernen, mich zu verkleiden,
aus Angst, jemand könne mich nicht leiden?
Oder wie kriege ich es endlich hin,
mich so zu nehmen, wie ich bin?


<strong>Frauenfrühstück</strong>

Wir setzen uns an den gedeckten Tisch und
servieren die Brötchen, die wir uns verdient haben.
Wir schmieren uns nicht
unsere Unzulänglichkeit aufs Brot,
sondern nehmen den Mund ganz schön voll.
Wir malen mit Marmelade Stimmungsbilder,
die uns die Augen öffnen.
Wir lecken uns die Finger
nach der ungeschminkten Wahrheit.
Wir streichen uns keinen Honig ums Maul.
Nugatcreme glättet unsere Sorgenfalten.
Gepresster Saft ist die
Vitaminspritze für unsere Gehirnwindungen.
Wir schenken uns reinen Sekt ein
für prickelnde Pläne.
Heiße Schokolade und warme Worte
fließen in unsere geistige Nahrung ein.
Unsere zündenden Ideen legen
Lunte an Kalorienbomben.
Kraftfutter.


<strong>Facetten</strong>

Die eine getrennt, die andere gebunden,
die Dritte hat ihre Mitte gefunden,
eine oben auf der Karriereleiter,
die andere wurstelt unten weiter,
die eine schwächelt, die andere ist fit,
die eine ist träge, die andere macht mit,
Die eine hat vor ihm kapituliert,
die andere hat ihn sich dressiert,
die eine fährt selbst, die andere lässt fahren,
die eine hat’s dicke, die andere muss sparen,
eine pinselt sich an, eine mag’s lieber pur,
eine gibt sofort nach, eine andere bleibt stur,
blond, rot oder grau, gesträhnt oder gemischt
oder nur den Naturton aufgefrischt,
mal heiter, mal traurig, mal nachdenklich –
und mitten auf der Palette: ich.


<strong>Spiegelblick</strong>

Wir blicken bei unserer Kaffeestunde
liebevoll in die Frauenrunde.
„Lass ich an der Stirn die Fingerkuppen spielen,
kann ich die Falten mühelos fühlen.“
„Direkt unterm Auge hab ich abgenommen,
das Unterlid ist etwas runtergekommen.“
„Die Wangen sind bei mir abgewandert
und zu einem Doppelkinn mäandert.“
„Mein Hals ist filigran plissiert,
ich schwöre, das ist erst vor Kurzem passiert.“
„Halb so wild, wenn man bedenkt,
was an meinen Oberarmen hängt.“
„Ich schlage vor, ihr sollt beim Bücken
mal von oben in einen Spiegel blicken.
Da kommen die Effekte noch besser,
und trotzdem leg ich mich nicht unters Messer.“
„Bitte nicht zu oft an die Speckröllchen fassen,
wenigstens den Kopf nicht hängen lassen!“
„Mädels, Vorsicht, dieses alberne Lachen
kann schon wieder neue Falten machen!“


<strong>Lektionen</strong>

Ich sitze im Italienisch-Kurs,
hab den Grammatiktest fertig geschrieben
und, kauend am Kuli, studiere ich
die Gesichter all der Lieben.

Veronika hat nach der Scheidung sich
für ’nen Italiener entschieden,
und bevor sie hier weiter im Dunkeln tappt,
zieht sie in den sonnigen Süden.
Der nette Günther braucht Abwechslung
und ich muss ihn lebhaft bedauern,
der arme Kerl ist Computerfachmann
und droht sonst am PC zu versauern.
Roswitha ist das Genörgel leid
vom Rentner, der zu Hause sie rüffelt,
weshalb sie lieber konjugiert
und ihre Vokabeln büffelt.
Jürgen fährt zur See und nutzt jeden Urlaub,
um neue Sprachen zu lernen,
so will sich hier jeder irgendwie
von irgendwas entfernen.

Sie beugen unbeugsam die Verben,
und wie sie so sehnsuchtsvoll schwitzen,
möchte ich am liebsten jedem von ihnen
ein Herz in die Schulbank ritzen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 68
ISBN: 978-3-99003-285-5
Erscheinungsdatum: 23.03.2011
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
EUR 9,90
EUR 5,99

Herbstlektüre