Vertraue nicht dem Augenblick

Vertraue nicht dem Augenblick

Christa-Brigitte Wendel


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 412
ISBN: 978-3-99131-269-7
Erscheinungsdatum: 24.03.2022
Zwei Freundinnen lernen die dunkle Seite der Liebe kennen und wollen sich nie mehr emotional auf einen Mann einlassen. Doch das Leben hat etwas Besonderes mit ihnen vor und so stehen beide erneut am Anfang einer Beziehung.
Kapitel 1

Zwei Jahre später

Diesen ersten Montag im August würde Hanna nicht so schnell vergessen! Es war kurz vor sieben Uhr. Die Einkaufsmeile war bereits von ankommenden Autos und Fußgängern belebt und die wenigen Parktaschen besetzt. Hanna blieb nichts anderes übrig, ihren Wagen auf den großen Parkplatz abzustellen. Bevor sie die Straße zu Fuß überquerte, richtete sie ihren Blick auf das gelbfarbige, einstöckige Haus gegenüber. Der kursive weiße Schriftzug der Buchhandlung war direkt über dem großen Fenster befestigt, durch das man im Vorbeigehen einen Blick auf die Buchauslagen werfen konnte. Darunter stand: Inhaberin Hanna Mories!
Hanna schloss die Buchhandlung auf und legte anschließend ihre Jacke und Handtasche in den Schrank. Wie jeden Morgen bereitete sie die Kaffeemaschine vor, schaltete den Computer ein, checkte ihre eingegangenen E-Mails, und druckte die Bestellungen aus, die sie später bearbeiten wollte. Der Kaffee war fertig. Punkt acht Uhr öffnete sie die Tür und ließ sie weit offenstehen.
Sie begann den Neueingang von Büchern ins Regal einzuordnen. Sie ahnte nicht, dass sie durch die große Fensterscheibe bereits beobachtet wurde.
Markus war in der Stadt unterwegs und blieb zufällig an einer Buchhandlung stehen. Er musterte die Buchauslage im Schaufenster. Bisher bezog er seine Bücher aus dem Internet. Er war wie vom Donner gerührt und drückte sich fast die Nase an der Scheibe platt als als er die Frau im Innenraum sah. Noch war sie nicht auf ihn aufmerksam geworden. Er konnte sie also in Ruhe betrachten. Sie trug eine weiße enge Hose, ein schwarzes Top – und war schlank, schätzungsweise Kleidergröße vierzig und über einen Meter siebzig groß. Ihr langes, blondes Haar verdeckte das Profil ihres Gesichts. Er betrat nicht gerade leise die Buchhandlung. Hanna war so vertieft, dass ihr vor Schreck ein Buch aus der Hand fiel. Sie hob das Buch auf, drehte sich verblüfft um. Da stand er! Anfang vierzig, dunkles Haar, das an den Schläfen leicht ergraut war, markantes Gesicht, ausdrucksvolle graublaue Augen. Sie sah so fort, dass er sehr viel Wert auf sein Äußeres legte. Der dunkle Anzug saß wie angegossen. Der Kleidung nach zu urteilen, vermutete sie, dass er bei einer Bank oder einer anderen Institution sein Geld verdiente. Einer von den Männern, denen die Welt gehörte. Eine Persönlichkeit, deren Ausstrahlung man sich nur schwer entziehen konnte. Das wusste er sicher auch. Und dann, im wahrsten Sinn, schien sich sein Blick direkt in sie hineinzubohren.
„Verzeihung! Das wollte ich nicht. Es lag wahrlich nicht in meiner Absicht. Ich hatte ja keine Ahnung, dass ich auf Frauen eine solche Wirkung habe.“ Seine Mundwinkel verzogen sich amüsiert, während er sie ungeniert musterte.
„Sie haben mich zu Tode erschreckt. Normalerweise bin ich nicht so ängstlich “, erwiderte sie.
Er lächelte, doch sie erwiderte sein Lächeln nicht. Interessant fand Hanna den Unbekannten schon, aber auch ein bisschen unverschämt.
„Sie waren so in Gedanken versunken, dass Sie mich nicht bemerkt haben. Ich habe kaum drei Schritte von Ihnen entfernt gestanden.“
„Ich lasse mich ungern überraschen. Kann ich irgendetwas für Sie tun?“ Sie zwang sich, ihre Stimme ruhig zu halten.
Er schüttelte leicht den Kopf. „Danke, ich finde mich schon zurecht.“
Er verharrte einen Augenblick und wandte sich dann den Bücherregalen zu. Ab und an sah er in ihre Richtung. Damit er nicht merkte, dass sie ihn auch betrachtete wandte sie sich ab, weil sie sich bei ihrer Musterung ertappt fühlte. Ihre Blicke begegneten sich zufällig immer wieder. Er zwinkerte ihr zu, als wäre das ganz normal. Später legte er das ausgesuchte Buch, einen Psycho-Thriller, auf den Verkaufstisch. Er fuhr mit der Hand über den Einband. „Der Klappentext liest sich vielversprechend. Was meinen Sie, ist es ein spannendes Buch?“
Ihr entging nicht, dass er dabei unverhohlen auf ihre Brüste starrte. Sie fragte sich, ob es seine Gewohnheit war, Frauen so anzusehen. Er war bestimmt kein Kind von Traurigkeit. Hanna konnte es nicht leugnen, dieser Mann hatte etwas Fesselndes. Er fuhr erneut mit der Hand übers Buch. Rein zufällig streifte er dabei ihre Hand, und sie zuckte nicht vor der Berührung zurück, nicht so wie sonst, wenn ihr jemand nahekam. Noch nie hatte sie sich von einem Mann so stark angezogen gefühlt. Sie war sich nicht sicher, ob ihr dieses Gefühl gefiel und wandte ihren Blick ab, aus Angst, er könnte sonst die Gedanken lesen, die in ihrem Kopf herumgeisterten. Sie ertappte sich bei der Frage, was er wohl gerade gedacht hatte. Welche Gedanken verbargen sich hinter seiner hohen Stirn?
„Leider bin ich noch nicht dazu gekommen, es zu lesen. Aber nach den Verkaufszahlen, ja“, sagte Hanna und verstummte wieder, als sei die Erklärung genug.
„Markus Richter“, stellte er sich vor. „Wenn ich das Buch gelesen habe, kann ich gerne Bescheid sagen. Vorausgesetzt, Sie möchten meine Meinung hören.“ Er streckte ihr seine Hand hin und sein Händedruck zeugte von Stärke. Es dauerte eine Ewigkeit, bis er endlich ihre Hand losließ. Seine Augen wanderten über ihr Gesicht.
„Danke! Ich weiß das Angebot zu schätzen. Mein Name ist Hanna Mories.“
„Angenehm!“ Er schaute auf ihre Hände. Links trug sie einen kostbaren Ring. Er kannte sich mit Schmuck aus. Kein Ehering. Ein Schmunzeln verzog seinen Mund.
„Was war das denn bitte? Was amüsiert Sie?“ Dieser Mann brachte sie tatsächlich aus der Ruhe, was ihr nicht behagte. Sie redete sich gut zu: Hanna, bewahre Haltung, egal was passiert. Du bist eine Geschäftsfrau.
„Wie soll ich es sagen? Allein das wir uns begegnet sind, ist für mich Grund genug zu Lächeln.“
Hanna schaute ihn verwundert an.
„Ich würde mal sagen, das ist Ansichtssache. Dennoch freut es mich, dass Sie zufrieden sind.“
Er lächelte wieder.
„Das kann man so sagen. Außerdem verläuft der Tag viel angenehmer, wenn man angelächelt wird.“
Sie zögerte kurz, dann erwiderte sie: „Ich kann mich nicht erinnern, Sie angelächelt zu haben.“
„Doch, genau das haben Sie gemacht. Ich habe es unverkennbar in Ihrem Gesicht gesehen.“
Hanna stutzte. „Aha! Wenn Sie es glauben, dann glaube ich es auch“, erwiderte sie belustigt.
Verflixt! Warum verspürte sie eine zunehmende Nervosität? Warum pochte ihr Herz? Was war mit ihr los? Sie gab sich selbst die Schuld. Es war eben lange her, dass ihr ein Mann auf Anhieb gefallen hatte und nun war es ausgerechnet ein Kunde. Ganz ehrlich war es nicht. Da waren schon einige Männer dabei gewesen, die das gewisse Etwas gehabt hatten, aber sie hatten nicht so eine Anziehungskraft besessen. Dieser Mann hier spielte in einer anderen Liga. Er war bestimmt ein Macho durch und durch, aber ein Macho mit viel Charme.
„Möchten Sie etwas trinken? Kaffee?“, fragte sie mit belegter Stimme. Hanna, ermahnte sie sich, warum bietest du ihm das an? Nur weil er verführerisch und lässig ist, musst du nicht gleich deinen frischgebrühten Kaffee anpreisen. Du führst eine Buchhandlung, kein Café. Du solltest reservierter sein. Vielleicht nimmt er das Angebot gar nicht an. Einen Moment wirkte er unschlüssig. Er sah auf die Uhr und nickte.
„Sehr nett von Ihnen. Ich wäre nicht abgeneigt. Wenn ich nicht störe, gern.“
„Nein, Sie stören nicht. Noch habe ich keine Kunden.“ Sie gab ihm mit einem Wink zu verstehen, dass er Platz nehmen sollte. Als Hanna den Kaffee brachte, erntete sie erneut ein Lächeln. Sie reichte ihm eine Tasse und setzte sich ihm gegenüber in einen Sessel. Am Anfang fühlte sie sich in seiner Gegenwart befangen. Sie plauderten über Bücher und mit einem Schlag war ihr so leicht zumute wie schon seit langem nicht mehr.
Für ihn war es ein gelungener Gesprächsauftakt. Er dachte schon an ein Date, hütete sich aber, mit der Tür ins Haus zu fallen. Als seine Tasse leer war, stand er auf.
„Wollen Sie noch einen Schluck? Die Kanne ist noch voll.“ Er schaute auf die Uhr.
„Sehr gerne, aber leider habe ich keine Zeit mehr. Danke für den Kaffee. Ich habe lange nicht so eine herzerfrischende Frau getroffen.“
Bei der Verabschiedung gaben sie sich erneut die Hand. Diesmal hielt er ihre Hand noch länger fest. Er hatte gespürt, dass er ihr nicht unsympathisch war.
„Ich werde jetzt bestimmt öfter hereinschauen. Also, ich gehe dann mal wieder“, sagte er. „Sie haben sicher viel zu tun. Ich will Sie nicht länger aufhalten. Es war mir ein Vergnügen. Auf Wiedersehen. Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Tag.“
„Gleichfalls“, erwiderte Hanna. Oh, mein Gott, Adrenalin versetzte ihrem Herzen einen Stoß. Sie hätte es gerne gehabt, dass er noch ein wenig länger geblieben wäre. So wie er sich verhielt, schien er Interesse an ihr zu haben. Mal sehen, ob sie damit richtig lag. Wieder allein fragte sie sich, was konnte ein solcher Morgen wohl noch an Überraschungen bringen. Sie füllte das Bücherregal weiter auf, als erneut ein Kunde eintrat. Wird das heute ein reiner Männertag? Ihr Unbehagen steigerte sich. Sie war alles andere als erfreut, als sie ihn erkannte. Dennoch ließ sie sich nichts anmerken. Er nervte sie seit Wochen, weil er sich unbedingt mit ihr verabreden wollte. Jedes Mal gab sie ihm zu verstehen, dass daraus nichts wird. Er zog ein Buch aus dem Regal, kam auf sie zu und taxierte sie mit unverschämtem Blick.
„Tag, Frau Mories. Toll, Sie endlich mal alleine anzutreffen. Damit habe ich nicht gerechnet.“
Das beruht leider nicht auf Gegenseitigkeit hätte sie gerne gesagt, aber das entsprach nicht ihrer Verkaufskultur. Er näherte sich bis an den Rand der Aufdringlichkeit. Sie verschwand hinter dem Verkaufstisch, um die größtmögliche Distanz zwischen sich und ihn zu bringen. Er wich kaum merklich zurück, beugte sich nach vorne und stützte sich mit den Ellbogen lässig auf ihren Tisch. Er kam so nahe an sie heran, dass sie sich zusammenreißen musste, weil sie seinen Atem auf ihrem Gesicht spürte. Und er gab sich nicht die geringste Mühe, die Lüsternheit in seinen Augen zu verbergen. Sie waren allein. Ausgerechnet jetzt kamen keine Kunden herein.
„Wie geht’s denn so? Wie laufen die Geschäfte? Haben Sie über mein Angebot nachgedacht?“ Hanna versuchte, nicht in Panik zu geraten und all ihre inneren Kräfte zu mobilisieren.
„Ich habe überhaupt keine Zeit. Nicht heute, nicht morgen und auch nicht übermorgen.“ Es war eine höfliche Ausrede. Sie registrierte es mit Erleichterung, als endlich eine Kundin eintrat.
Er gab dennoch nicht auf und verdrehte mit gespieltem Entsetzen die Augen.
„Dabei bemühe ich mich ernsthaft um Ihre Aufmerksamkeit. Sind Sie sicher, dass Sie keine Verabredung mit mir wollen?“ Hanna schüttelte energisch den Kopf.
„War wohl keine gute Frage? Macht nichts, irgendwann klappt es bestimmt. Meine wichtigste Regel lautet, niemals aufgeben. Mit Ruhe und Gelassenheit komme ich ans Ziel.“
Er bezahlte, steckte das Wechselgeld ein und brummte noch etwas Unverständliches. Anschließend ließ er die Tür krachend zufallen.
Hanna fuhr zusammen, die Kundin ebenfalls und sah Hanna dann schockiert an. Sie hatte ein frisches, offenes Gesicht mit lebhaften blauen Augen.
„Was ist los? Hat dieser ungehobelte Mensch ein Problem? Haben Sie öfter solche Typen hier?“
Hanna atmete befreit aus. „Es nervt einen schon, wenn jemand sich für einen interessiert und man das nicht möchte. Ich habe ihm zu verstehen gegeben, dass er mich zukünftig in Ruhe lassen soll und seine Einladung erneut abgeschlagen. Das war seine Reaktion darauf!“
Die Kundin erwiderte: „Typisch Mann! Kein Abgang mit Stil. Er scheint wenig Erfahrung darin zu besitzen, wie sich ein Gentleman in Gegenwart einer Dame zu verhalten hat. Wenn ein Mann nicht bekommt, was er will, wird er unausstehlich.“
Über diese Bemerkung konnte sich Hanna kaum halten vor Lachen. Die Kundin stimmte mit ein. Anschließend legte die Kundin drei Bücher auf den Tisch. „Hoffentlich gefallen meiner Enkelin diese Bücher. Sie wohnt bei mir und ist zurzeit sehr traurig. Ich weiß nicht, womit ich sie noch aufheitern kann. Ihre Mama – meine Tochter – liegt im Krankenhaus. Sie ist mit dem Fahrrad gestürzt, hat sich das Bein gebrochen und die Hand verletzt. Es belastet mich sehr. Trotzdem muss ich stark bleiben.“ Sie zog ein Taschentuch aus ihrer Jackentasche und tupfte sich damit die feuchten Augen ab.
„Oh, das tut mir furchtbar leid. Wenn die Bücher nicht gefallen, kommen Sie mit ihrer Enkelin wieder her. Wir suchen gemeinsam neue Bücher raus. Geht sie denn schon zur Schule?“
„Ja, dritte Klasse und ist eine ausgesprochene Leseratte. Danke für Ihr nettes Angebot. Das ist ja heutzutage nicht selbstverständlich. Unabhängig davon komme ich gerne wieder.“
Um zwölf Uhr kam eine angekündigte Schulklasse mit ihrer Lehrerin. Aufgeregt und mit großen Augen drängelten sich die Zweitklässler an den Regalen der Kinderbücher. Zu Beginn erklärte ihnen Hanna erst einmal, wo überhaupt der Unterschied zwischen Buchhandlung und Bibliothek bestand. Die Schüler waren wissbegierig, stellten viele Fragen. Ein aufgeweckter Junge kam auf sie zu und sagte: „Sie haben es gut. Können alle Bücher kostenlos lesen.“
„Du kannst doch jederzeit die Bibliothek in der Stadt nutzen“, erwiderte Hanna schmunzelnd.
„Ja, das kann ich. Aber ich finde eigene Bücher besser“, entgegnete er. „Wenn ich groß bin, arbeite ich auch in einer Buchhandlung.“
Hanna untermalte ihre Einführung in die Funktionsweise der Buchhandlung mit zwei Geschichten, denen die Schüler mit Begeisterung zuhörten. Am Ende überreichte Hanna allen ein Kinderbuch und blickte in strahlende Gesichter.
Nun fehlte nur noch ihre Freundin. Betti war schon lange nicht mehr in der Buchhandlung. Hannas Wunsch, endlich Betti wiederzusehen, erfüllte sich nicht.
Das Leben besteht nicht ausschließlich aus Arbeit, sagte sich Markus Richter als er mit seinem Buch wieder draußen stand. Er stand auf schöne Karrierefrauen und Hanna Mories zählte dazu. Wie alt könnte sie sein. Zwischen dreißig und fünfunddreißig? Er dachte an ihre hochgewachsene, schlanke, wohlproportionierte Figur, ihr klassisches, ovales Gesicht und ihre glatte, zarte Haut. Ihr glänzendes langes blondes Haar erinnerte ihn an die Farbe von hellem Honig. Das Aufregendste waren jedoch ihre großen, braunen Augen, mit bernsteinfarbenen Sprengeln um die Pupillen herum. Und sie hatte volle, pralle Brüste, die Art, bei der jedem Mann das Wasser im Mund zusammenlief. Alles an ihr strahlte eine gewisse Eleganz und Stolz aus. Er war sich ganz sicher, dass das Schicksal ihn mit rätselhafter Hand hierhergeführt hatte. Wie würde sie reagieren, wenn er einfach kurz vor Feierabend bei ihr auftauchen würde? Er könnte sie ganz offiziell zu einem Date einladen? Wenn sie es ablehnen sollte, wäre das nicht nach seinem Geschmack. Bisher bekam er immer, was er wollte! Sie wird es nicht ablehnen. Sie wird ja sagen, nur sie weiß es noch nicht, sagte er zu sich selbst. Er schlenderte langsam, fröhlich pfeifend zum Wagen, denn er konnte es sich leisten, dank eines guten Vertreters, auch später im Unternehmen aufzutauchen. Vor Jahren wäre das unvorstellbar gewesen. Am Anfang gab es Zeiten, wo er erst nach vierzehn Stunden wieder zu Hause war. Es hatte sich gelohnt. Er war sein eigener Chef, das mit zweiundvierzig Jahren und er kannte keine Geldsorgen. Er genoss seinen großzügigen Lebensstil. Geld gab einem die Freiheit, das zu tun, was man wollte. Seit seinem Erfolg fiel ihm der Umgang mit Frauen nicht schwer. Finanzielle Großzügigkeit konnte bei Frauen Wunder bewirken. Er wurde als gönnerhaft betrachtet, wenn er großzügig war. Bisher konnte er jede x-beliebige Frau abschleppen. Außer Prostituierte, die kamen für ihn nicht in Frage. Auch ohne Bezahlung besaß er die Macht, Frauen, die nicht zu den Prostituirten gehörten, seinen Willen aufzuzwingen. Das nutzte er auch schamlos aus.Er hatte schon immer Gefallen an den schönen Dingen des Lebens gefunden. Er wusste nicht, was noch amüsanter sein könnte, als Frauen in sein Bett zu bekommen. Die meisten Frauen lernte er in Bars kennen. Zunächst spielten sie, ein bisschen Sträuben, ein bisschen Lockung, ein wenig Abwehr und dann glaubten sie, dass er es mit ihnen ernst meinte. Sie waren aber nur ein Mittel zum Zweck der sexuellen Befriedigung und er liebte den Geruch einer befriedigten Frau. Mit wahrer Liebe hatte sein turbulentes Liebesleben nichts zu tun. Er liebte die Abwechslung. Die Ehe hielt er für eine überholte Institution und verabscheute jede Art von Abhängigkeit. Monogamie käme für ihn niemals infrage. Wenn er alles bei einer Frau erreicht hatte, beendete er die Affäre und wurde hungrig auf die nächste Eroberung. Er hatte schon früh gelernt, sich niemals hundertprozentig emotional auf jemanden einzulassen. Das ersparte ihm eine Menge Ärger. Er liebte seine Freiheit. Bei Hanna Mories war es seine wilde, zügellose Gier nach ihrer körperlichen Schönheit. Sie war bislang die begehrenswerteste Frau, die er getroffen hatte. Dennoch glaubte er, dass ihre kühle Höflichkeit und Distanziertheit nicht echt waren. Die meisten Frauen waren leicht zu durchschauen. Sie nicht und sie war auch nicht der Typ Frau, der mit jedem gleich ins Bett ging. Aber jede Frau ist verführbar. Es kommt nur auf den richtigen Trick, Zeitpunkt und Ort an. Was der Mensch will, schafft er auch. Er kannte seine Wirkung auf die Frauenwelt. Warum sollte es ihm nicht gelingen, auch Hanna zu erobern. Er war schließlich im besten Mannesalter. Mit ihr könnte er unter Umständen am Wochenende mehr Zeit verbringen. Seine Eltern, die wie Kletten an ihm hingen, hätten damit ein Problem. Er hätte dadurch weniger Zeit für sie. Er liebte seine Eltern nicht besonders, kümmerte sich aber trotzdem um sie. Aufgrund des Mangels an Liebe und Vertrauen in seiner Kindheit und der unerbittlichen Strenge seines Vaters, hatte er keine liebevollen Charakterzüge entwickelt. Mit zunehmendem Alter verlangten seine Eltern oft nach jedem nur erdenklichen Zuspruch und einer übertriebenen Fürsorge, obwohl sie weder bettlägerig noch invalide waren. Beide waren gut in Form, quicklebendig und gesund. Sie machten oft auf hilfsbedürftig, um ihn an sich zu binden. Neuerdings riefen sie ständig wegen Kleinigkeiten an, dazu kam noch der Kleinkrieg mit den lauten Nachbarn. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als wieder hinzufahren, um beide auf den Boden der Realität zurückzuholen. Seine Gedanken kehrten wieder zu Hanna zurück. Er wollte natürlich keine echte Beziehung. Das war das letzte, was er wollte. Sie fiel lediglich in sein Beuteschema. Es reizte ihn ungemein, das gewisse Eine an ihr zu entdecken und diese blonde kühle Schönheit zum Auftauen zu bringen. Der Gedanke zauberte ein Grinsen auf sein Gesicht. Als er wieder im Wagen saß, schloss er die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Hanna Mories, du machst mich wahrlich verrückt! Du bist ganz anders als alle Frauen, die ich bisher kannte. Du hast einen perfekten Körper. Er seufzte und drehte den Zündschlüssel.
5 Sterne
Wundervoll - 18.05.2022
Anita Schmalfuß

Es ist wie mit jedem guten Roman - wenn man die ersten 50 Seiten geschafft hat, möchte man ihn nicht mehr aus der Hand legen. Die Autorin hat es verstanden, die Hauptfiguren so lebensnah und z.T. liebevoll zu beschreiben, dass man gerne mitreden und mitentscheiden möchte. Trotz turbulenter Geschichten und chaotischen Zwischenfällen erleben wir ein modernes Märchen und lernt die beiden Freundinnen und ihre Partner verstehen und damit lieben. Ich würde mich über eine Fortsetzung freuen und bin schon sehr gespannt, wie es weitergehen könnte.

5 Sterne
Vertraue nicht dem Augenblick - 01.05.2022
Karola Schwengebecher

Christa-Brigitte Wendel hat ein hervorragendes Buch geschrieben. Vom Anfang bis zur letzten Zeile hat mich die Geschichte der beiden Frauen gefesselt.. Lebensweisheiten kann man super für sich nutzen. Hier ist ein kleines Meisterwerk gelungen.

5 Sterne
Vertraue nicht dem Augenblick - 05.04.2022
Joachim Reichel

Eine tragische, mitreißende und unglaublich emotionale Geschichte. Sinnlich, leidenschaftlich und sehnsuchtsvoll. Die Protagonisten. Hanna und Betti und die Männer, wurden sehr gut beschrieben. Ein Roman, den man nicht mehr aus der Hand legt. Man vergisst einfach mal die Zeit.

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