Cover: Traumwellen

Traumwellen


EUR 27,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 306
ISBN: 978-3-99185-067-0
Erscheinungsdatum: 07.05.2026
Von Tod umgeben und begleitet erleben der Musikbibliothekar Romeo und die Kommunikationsexpertin Zoe eine überirdische Liebe, die alle bekannten Grenzen überschreitet. In zarter und spielerischer Form werden hier die großen Fragen der Menschheit ausgelotet.
KAPITEL I

Der junge Mann wälzt sich unruhig im Bett. Er schläft tief, aber seine Träume scheinen Besitz von ihm genommen zu haben.
Seine Beine zucken. Ein Bein schlägt plötzlich aus, als wolle er etwas abwehren. Der junge Mann schwitzt. Es ist Sommer. In den Nächten kühlt die Temperatur angenehm ab. Das Schwitzen des Mannes ist traumbedingt.
Erst gestern war er angekommen – hier in Südtirol, wo er oft Zuflucht sucht, wenn ihm die übrige Welt zu viel wird.
Das Zimmer ist einfach. Das Bett alt, knarrend und die Matratzen durchgelegen. Dies stört den jungen Mann nicht. Er liebt die einfache Pension, deren Wirtin sich zurückhaltend um ihn kümmert.
Das Zimmer ist sauber. Außer Bett, Schrank, Tisch und Stuhl gibt es keine weiteren Möbelstücke. Die Atmosphäre in diesem Zimmer ist wohltuend. – Einfach und reell.
Häuser, Zimmer und auch Betten können manchmal eine ungewöhnliche Stimmung ausstrahlen, als wollten sie uns ihre Geschichten erzählen, die dort stattgefunden haben.
Ein Viertel Rotwein und einen Apfel stellt die Wirtin jeden Tag von Neuem ins Zimmer.
Als besonders angenehm empfindet der junge Mann, dass die Wirtin immer weiß, wann es passend ist, Fragen zu stellen, oder wann es besser ist zu schweigen.

Gestern hatte die Wirtin ihn freundschaftlich begrüßt, als er angekommen war. Ein paar Worte wurden ausgetauscht, während sie ihm ein einfaches Abendessen zubereitete. Den restlichen Abend schwiegen sie.
In der Gaststube saß er alleine. „Gott sei Dank – keine anderen Gäste“, dachte der junge Mann. Beim Hinausgehen umarmte der Mann die ältere Wirtin und bemerkte fast beiläufig:
„Danke, dass Sie geschwiegen haben. Ich habe die Stille sehr genossen.“
Er drückte sie und ging zu Bett.

Der junge Mann bin ich.

Ich – vor mehreren Jahren.
Ich liege im Bett und schlafe meinen Schlaf und träume meinen Traum.
Meint man nicht immer, im Traum verarbeitet man die Erlebnisse vom Tag oder Probleme, die man mit sich herumträgt? Jedoch gibt es auch Träume, die anders sind. Diese suchen dich auf und finden dich. Wollen sie dir etwas sagen, dich warnen oder dich in ihre Welt mitnehmen?
Ich weiß es nicht … Aber es sind besondere Träume, die man als etwas Außergewöhnliches erkennen und sich behutsam an sie erinnern sollte.

Ich schlafe und bin mir bewusst, wie ich falle.

Ich war auf einen Aussichtsturm hinaufgeeilt. Eine Person verfolgt mich. Ich habe keine Angst vor ihr, und dennoch fliehe ich. Mir ist kalt, obwohl es scheint, als wäre es ein Tag im Sommer. Die Pflanzen blühen, die Bäume tragen ein sattes Grün. Der Turm ist hoch. Ich renne die Stufen nach oben. Jede Stufe ist mit einem Namen versehen, der wohl die zahlreichen Spender dieser Aussichtsplattform ehren soll. Die Namen sagen mir nichts. Ich will nur nach oben. Jedoch weiß ich nicht, was ich dort oben soll. Ich scheine, nur fliehen zu wollen. Raus aus dem Zustand, in dem ich mich befinde.
Oben angekommen, spüre ich den leichten Wind, der mich beruhigt. Für einen Moment genieße ich den Ausblick, der auch Rückblick ist. – Rückblick auf mein bisheriges Leben.
Aber die Gefühle der Erinnerung werden eingeholt von der Person, die mir folgt.
Es ist ein deutlich jüngerer Mann.
Auf irgendeine Weise scheint er mir bekannt, und doch könnte ich ihn nicht benennen. Vielleicht ist er halb so alt wie ich. Er kommt auf mich zu. Er will mit mir reden, aber ich möchte es nicht. Er versucht, mir die Hand zu reichen. In dem Moment, als er mich berührt, springe ich.
Ich springe von dem Aussichtsturm. Ich weiß nicht mehr, wie ich die Abgrenzung überwunden habe. Hatte ich Mühe dabei, oder war es gar schmerzhaft, die Gitterstäbe zu überwinden? Ich weiß es nicht mehr.
Ich falle, falle und falle. Es dauert ungewöhnlich lange. Jede Stufe, die ich hochgelaufen bin, erlebe ich von Neuem in umgekehrter Richtung.

Abschnitte meines Lebens erfahre ich erneut wie in einem Film, der rückwärts in Zeitlupe abläuft. Doch erlebe ich alles viel intensiver.
Wie sehr genieße ich noch einmal den Moment, als ich meine Abiturprüfung bestanden hatte.
Ich sehe noch einmal meinen Vater, als er im Sterben lag.
Ich halte einer Frau die Hand, die einen Sohn zur Welt bringt, und ich rieche noch einmal Flieder. Den süßen Duft von Flieder.
Eigentlich müsste ich jetzt am Boden aufprallen und vermutlich tot sein. Ausgelöscht oder verflüchtigt in ein großes Nichts.
Schon oft hatte ich nachts von einem Fall aus großen Höhen geträumt. Ich hatte mich dabei gewehrt, um dem Aufschlag zu entgehen. Und letztendlich bin ich meist schweißgebadet aufgewacht und war froh darüber, dass es nur ein Traum war.
Diesmal ist es anders.
Ich falle, aber ich zerschelle nicht. Je länger der Sturz andauert, desto ruhiger werde ich. Irgendwie habe ich keine Angst mehr, am Boden aufzuschlagen.

Der Jüngling, der mir vor wenigen Sekunden noch die Hand reichen wollte, und dessentwegen ich gesprungen bin, steht weiterhin oben auf der Aussichtsplattform. Ich schaue in sein Gesicht.
Er ist nicht entsetzt, dass ich gesprungen bin. Er ist auch nicht wütend oder aufgebracht. Nein, ganz im Gegenteil, er ist eher besorgt und verständnisvoll. – Mehr noch: Er versteht mich.
Je länger ich falle, je weiter ich mich von ihm entferne, desto verschwommener sehe ich ihn und fühle mich ihm doch so nah.

Statt eines Aufpralls werde ich aufgefangen. Ein Netz umgibt mich.

Das Netz ist weich und fein gewoben. Es besteht aus einer endlosen Verflechtung von Strukturen, die aussehen wie ineinander verwobene Zahlen: Achten, Nullen und das Zeichen für Unendlichkeit. Das Netz umschließt mich.
Aus dem Fallen wird ein Schweben. Ein Schweben – so leicht, dass ich es fast genieße.
Ich sehe was leuchtend Gelbes. Das Licht ist hell und warm. Die Wärme durchfährt jede Zelle meines Körpers. Irgendwie schwimme ich in einem Strom. Der Strom wird durchflutet von Wellen, die mich umspülen. Bin ich selbst zu einer Welle geworden?
Teilchen und Welle in einem?
In dieser Atmosphäre fühle ich mich wohl. Ich möchte bleiben.
Es ist schön hier. Der Fall gehört zu einer anderen Zeit. Ich weiß nicht mehr, warum ich gefallen bin. Der Grund meines Sturzes wurde unbedeutend.
Das Jetzt ist entscheidend. Ich möchte nirgendwo anders sein. Wärme, Geborgenheit, Licht sind eins geworden. Und ich bin ein Teil davon. Ich bin alles und doch nur ein winziges Korn.
Widersprüche gibt es hier nicht.



Ich wache auf in meiner Südtiroler Pension, als die Fensterläden vom Wind an die Hauswand schlagen. Gestern war es noch schwül und heiß. Heute scheint es windiger zu werden. Ich höre die Wirtin in der Gaststube, wie sie mir das Frühstück zubereitet. Auch rieche ich den Duft von frischem Kaffee.
Ich erinnere mich an meinen Traum, in dem ich so gerne geblieben wäre. Aber das Aroma von frischem Kaffee stimmt mich versöhnlich. Im Traum nahm ich den Flieder wahr und nun den Kaffee. Dies erleichtert mir den Wechsel zurück in die reelle Welt, die aus Plänen und Zielen besteht.

Mein heutiges Vorhaben ist eine Wanderung zur Bergspitze des Gangkofels – eines Berges, der majestätisch über dem Etschtal thront.
Die Wirtin begrüßt mich und fragt nach meinen heutigen Plänen.
Ich erzähle ihr von der Wanderung.
„Alleine?“, fragt sie.
„Ja, natürlich alleine.“
„Passen’s auf“, erwidert sie in ihrem Dialekt.
„Ein Gewitter könnte aufziehen“. Ihr Gesichtsausdruck ist besorgt. Ich zeige nur hinaus ins Freie. Reiner Sonnenschein. Keine Wolke. Schöner kann sich Südtirol nicht zeigen.
Mit einem „Gott behüt Sie“ verabschiedet sie mich.

Oberhalb von Bozen liegt eine Hochebene, die durch Wein- und Obstanbau geprägt ist. Von dort geht es steil bergauf zu einem Hochgebirgszug, dessen einer Teil mit dem Gipfel des Gangkofels endet. Diese Tour will der junge Mann am heutigen Tag unternehmen. Der Weg führt ihn vorbei an Apfelbaumplantagen.
Die Blüte ist schon seit mehreren Wochen zu Ende gegangen. Noch hängen keine Äpfel an den Bäumen. Als der junge Mann im Herbst früherer Jahre diese Wanderung unternommen hatte, konnte er sich noch einmal ein paar Äpfel pflücken, bevor der anstrengende Aufstieg begann.
Doch heute wird er sich mit dem Obst und dem kleinen Vesper begnügen, das ihm die Wirtin mitgegeben hatte. Zu trinken gibt es genügend durch Wasser der kleinen Bäche, die seinen Weg säumen. Frisches, kaltes Gebirgswasser. Welch eine Freude für seinen angestrengten und schon jetzt verschwitzten Körper.
Das Atmen fällt ihm heute schwer. Die Luft ist dämpfig, heiß und schwül.
Anfangs sind die Wege noch geteert.
Der junge Mann lässt Schloss Englar rechts liegen. Ein fast 600 Jahre alter Ansitz, der die Jahre nahezu unverändert überstanden hat.
Rainer Maria Rilke hatte schon dort gewohnt und dem Ansitz ein heimatverbundenes Gedicht gewidmet.
Nachdem er das verwunschene Schloss hinter sich gelassen hat, beginnt der beschwerliche Aufstieg. Die Baumkronen schützen den Mann vor allzu viel Sonne. Vielleicht hätte er früher aufstehen und die Wanderung vor Sonnenaufgang beginnen sollen. Aber sein besonderer Traum war für ihn so beeindruckend, dass er darauf nicht hätte verzichten wollen.
Nein – alles ist gut so, auch wenn die Wanderung für ihn nun anstrengender wird.

Ich treffe auf eine kleine Wandergruppe, die mit gemächlichem Schritt eine wohl ähnliche Tour unternimmt. Jetzt nur keine lange Unterhaltung über Plattitüden des Lebens oder gar die Aufforderung gemeinsam zu wandern.
Ich beschleunige meinen Schritt, um der Gruppe meine Absicht zu zeigen, noch viel schneller zum Gipfel zu gelangen.
Mit einem kurzen „Servus“ und einem vorgetäuschten Klagen, wie steil der Weg, und wie schwül das Wetter sei, komme ich ungeschoren davon und kann meinen Weg alleine fortsetzen.
Weiter und weiter stapfe ich in Richtung Gipfel. Der Pfad wird schmäler und der Boden durch Geröll schwer begehbar. An manchen Passagen muss ich mich unter Zuhilfenahme meiner Hände nach oben ziehen.
Neben einem Flusslauf entdecke ich einen toten Lurch. Warum er wohl gestorben ist? Er sieht noch ganz frisch aus. Kein Hinweis, dass er erdrückt wurde oder angegriffen worden ist.
Anfangs denke ich noch, er schläft, aber nachdem ich ihn berühre, stelle ich fest, dass er tot ist.
Altersschwäche – oder gibt es auch einen Herzinfarkt oder Schlaganfall am Lebensende eines Lurchs?
Nachdenklich marschiere ich weiter.
Auf den folgenden Höhenmetern beschäftige ich mich mit der Frage, ob ein Lurch auch eine Seele hat. Wenn ja, gäbe es dann auch einen Himmel für Lurche oder mischt sich alles zu einem großen Gemenge, in das auch die menschliche Seele einfließt?
Hat der Mensch eine Seele? Hat ein Schimpanse eine Seele? Ein Hund? Ein Wurm? Hat auch ein Einzeller eine Seele?
Oder endet alles in einem großen Dunkel, auf dessen Grund ein Nichts herrscht?
Ich weiß es nicht. Wie oft habe ich mir darüber schon den Kopf zerbrochen und keine Antwort erhalten.
Immer wieder schlage ich mit meinen Gedanken gegen eine unsichtbare Mauer, hinter der ich einfach nichts erkennen kann. Dieses Unvermögen und die Einsicht, nicht weiterzukommen, belasten mich.
Ein „Lebewohl Lurchi“ ist das Einzige, was mir einfällt. Nicht sehr viel für einen erwachsenen Menschen.
Der Lurchi ist vermutlich auf einem ähnlichen Erkenntnisstand. Aber er hatte sein Leben gelebt und sich an frischem Wasser, grünem Gras und an ein paar fetten Mücken erfreuen können.
Sein unverletztes Aussehen lässt mich vermuten, dass er einen schönen und schnellen Tod hatte.
Wird es auch mir einmal vergönnt sein, neben frischem Wasser in einer schönen Bergwelt zu sterben? Auf Lurchi werde ich fast etwas neidisch.

Nach ungefähr vier Stunden hat der junge Mann den Bergkamm erreicht, der ihn weiter zum Gipfel führt. Die Baumgrenze ist bereits durchbrochen, sodass nur noch vereinzelte Bäume den Wanderpfad säumen.
Es ist Mittag. Die Sonne steht hoch. Die Hitze lässt die Luft flimmern. Die Vögel haben aufgehört zu singen. Es herrscht Stille. – Ungewöhnlich!
Am Himmel erkennt man keine Wolke.

Dort hinten an dem freistehenden Baum erscheint mir eine Ungenauigkeit in der Natur. Den Baum sehe ich leicht verschwommen. Das starre Bild des Baumes bewegt sich in unscharfen Wellen. Ist es ein Flirren der Luft? Diese flatternde Bewegung ist nur so schwach ausgeprägt, dass ich mir überlege, ob ich mich vielleicht getäuscht habe. Ist dieses Flimmern gar ein Ausdruck, dass ich zu viel geschwitzt oder zu wenig Flüssigkeit getrunken habe? Anzeichen eines Schwächeanfalls?
Ich konzentriere mich auf den Baum und verlasse den Pfad, um die Umgebung noch etwas genauer zu erkunden. Die Neugier ist eines meiner Grundbedürfnisse.
Je mehr ich mich dem Baum nähere, desto realer wird diese Unebenheit in der flimmernden Luft. Es ist, wie wenn man ein Bild durch ein anderes Medium schaut. Durch Luft oder durch Wasser – Ein Riss in der Matrix – eine Ungenauigkeit in der Natur.
Gleichzeitig meine ich, ein leichtes Schwirren in der Luft wahrzunehmen. Wie ein Zischen.

Der Mann geht auf den Baum zu. Die Sonne ist stechend. – Keine Wolke am Himmel.
Der junge Mann hält inne.

Ein Unbehagen befällt mich. Mein Herz rast. – Als hätte ich zu viel Kaffee getrunken.
Mit Entsetzen stelle ich fest, dass all meine Haare weit ab-stehen. Wie in einem Bild aus dem Märchen „Der Struwwelpeter“.
Ich vermag es nicht, all dies einzuordnen. Das Schwirren in der Luft wird stärker. Aus einem leisen Summen wird ein lautes Brummen. Ich schwitze. Das Herz rast.
Ich kann nicht mehr. Ich muss fort von hier. Jetzt – gleich!

In diesem Moment durchfährt mich ein heller Lichtstrahl, der meinen ganzen Körper erfüllt. Ein ohrenbetäubend lauter Knall folgt unmittelbar dem gleißenden Licht.
Ich stürze. Meine Hände und Füße brennen. Ein unsäglicher Schmerz durchfährt meinen Körper.

Der junge Mann erstrahlt im Licht wie eine brennende Fackel. Er verkrampft sich. Er schreit. Er fällt zu Boden.
Der Baum, in dessen Nähe er stand, explodiert und zerbirst.
...

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