Cover: Szenen eines Lebens

Szenen eines Lebens


EUR 21,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 230
ISBN: 978-3-7116-1080-5
Erscheinungsdatum: 18.02.2026
In der Nachkriegszeit wächst Annelie in einfachen Verhältnissen auf, heiratet einen Landwirt, bekommt zwei Söhne. Mit 49 Jahren macht sie eine Heilpraktikerausbildung, trennt sich von ihrem Mann und führt 30 Jahre lang erfolgreich ihre eigene Praxis.
Die Räder des Zuges kreischten, dann hielt er an. Im Zug waren viele Kinder, und alle redeten laut durcheinander, sprangen herum und bombardierten die Betreuerin mit Fragen. Annelie hatte vor sich hin geträumt, von großen Wiesen, Kühen und Pferden, und sie konnte sogar das Gras riechen, als der Zug anhielt. Es sollte ihr erster Aufenthalt auf einem Bauernhof sein. Monatelang hatte sie davon geträumt, kleine Plastiktiere gesammelt, die den Margarinepäckchen beilagen, und damit einen Bauernhof auf dem Küchentisch aufgebaut. Nun sollte sie einen richtigen Bauernhof kennenlernen und dort vier Wochen ihre Ferien verbringen.

Plötzlich kam ein Junge, etwa 14 Jahre alt, auf sie zu, zerrte an dem Schild, das um ihren Hals hing, blickte eilig darauf und sagte: „Du gehörst zu uns, komm mit!“ Annelie hatte gedacht, sie würden alle irgendwo gemeinsam den Zug verlassen. Etwas verunsichert stand sie auf, der Junge nahm sie an die Hand und lief mit ihr durch das Abteil. Sie verließen eilig den Zug und rannten den Bahnsteig entlang hinter einem Zug her, der gerade langsam anfuhr. „Zu spät“, verdammt, nun müssen wir warten, sagte Manfred. Annelie bekam Angst, dass sie nun ihr Ziel gar nicht mehr erreichen würden, aber Manfred beruhigte sie. „Wir müssen auf den nächsten Zug warten, und das dauert etwa zwei Stunden. Dann kommen wir aber sehr spät nach Croya, und Tantchen wird auf uns warten und sich Sorgen machen.“

„Möchtest du ein Eis?“, fragte Manfred. Annelie war es peinlich, denn sie hatte nur wenig Geld in ihrem kleinen Geldbeutel. Aber er war schon verschwunden in der kleinen Bahnhofsgaststätte und kam gleich darauf mit zwei Eis am Stiel zurück.

Sie setzten sich gemeinsam auf die Bahnsteigkante und erzählten sich aus ihrem Leben. Annelie war sehr neugierig und fragte: „Du lebst doch auf einem Bauernhof, oder?“ Manfred erzählte ihr alles aus seinem jungen Leben. Er war mit seinen Eltern aus Ostpreußen geflohen. Auch wenn er sich an Einzelheiten nicht erinnern konnte, so wusste er, dass seine Eltern auf der Flucht ums Leben gekommen waren. Nach einer Zeit in einem Waisenhaus hatte seine Tante Selma ihn auf ihrem Bauernhof im Kreis Wittingen, nahe der damaligen Zonengrenze, aufgenommen. Sie war in der Zwischenzeit auch Witwe und lebte mit ihrem Sohn, der zu dem Zeitpunkt 25 Jahre alt war, auf dem Hof. Sie hatten den Hof gepachtet, sich einige Kühe und Schweine, Enten und Gänse gekauft und bewirtschafteten nun den Hof. Sie waren dankbar dafür, dass sie überlebt und eine neue Heimat auf einem Bauernhof gefunden hatten. Manfred würde bald die Schule verlassen und eine Lehre beginnen. Die Zeit verging sehr schnell, während sie dort auf der Bahnsteigkante saßen, die Beine baumeln ließen und aus ihrem Leben erzählten.

Endlich kam der Zug und sie stiegen ein, zwei Fahrkarten nach Croya hatte Manfred bereits gelöst und alles so gemacht, wie Tantchen es ihm aufgetragen hatte. Sie fuhren einige Stationen mit dem Triebwagen. Der Zug hielt und Manfred sagte: „Hier müssen wir aussteigen, komm schnell, der Zug hält nicht lange.“ Ein beißender Geruch kam Annelie entgegen, und noch bevor sie fragen konnte, warum es hier so fürchterlich riecht, erklärte Manfred ihr, dass der Geruch aus der Kartoffelstärkefabrik käme, die in der Nähe des Bahnhofs sei und an manchen Tagen so stinken würde. Sie machten sich schnell auf den Weg zum Hof, vorbei an Bauernhäusern und Gärten, dann bogen sie in einen kleinen Sandweg ein, den man auch Pflaumenweg nannte, weil rechts und links Pflaumenbäume standen. Es war schon dämmrig geworden, und Manfred meinte, dass Tantchen sicher schon auf sie warten würde. Annelie sah plötzlich eine kleine, rundliche Frau auf sie zukommen. Als sie näherkam, konnte sie verstehen, was sie sagte. „Manfredchen, wo seid ihr denn, ich mache mir Sorgen, es ist doch schon dunkel.“ Als sie Annelie anlächelte, konnte man ihr falsches Gebiss erkennen, und auf der Nase hatte sie viele kleine Bläschen. Annelie dachte sofort, dass sie ein wenig wie eine Hexe aussah. Wäre Manfred nicht dabei gewesen, hätte sie sogar Angst bekommen. „Herzlich willkommen, Kindchen“, sagte Tantchen, „es wird dir bei uns gefallen“, und „Manfredchen, komm schnell, ihr müsst doch Hunger haben.“

Sie traten über den Hauseingang in die große Küche ein. Es war sehr dunkel darin, nur über dem großen Tisch in einer Ecke brannte eine Lampe. Ein großer Herd stand an der linken Wand, und man hörte das Feuer prasseln. Aus einer Kiste am Herd hörte man es piepsen, und Tantchen erklärte, dass dort Eier ausgebrütet würden. Es roch seltsam, die große Wanduhr tickte unentwegt und gab Annelie ein Gefühl von Heimat. Sie setzten sich an den großen, eckigen Bauerntisch, der mit einem Wachstuch abgedeckt war. Der Tisch war gedeckt, mit einfachen Blechbechern und kleinen Tellern. Es gab Brot, Butter und ein wenig Dauerwurst. Eine Kanne mit frischer Milch rundete das Abendessen ab. Annelie war alles so fremd. Sie dachte plötzlich an zu Hause, an ihre Mutter und Geschwister. Sie waren arm, bekamen teilweise sogar Hilfe vom Sozialamt. Diese Ferien auf dem Bauernhof waren von einer Organisation ins Leben gerufen worden, die sich um ärmere Familien kümmerte. Und nun war sie ihrem Traum vom Bauernhof so nahe und war doch bedrückt. „Es ist spät geworden, ich muss morgen wieder um 5 Uhr aufstehen, wir sollten zu Bett gehen“, sagte Tantchen. Annelie musste zur Toilette, und sie mochte nicht fragen, wo dieses Örtchen zu finden sei. Als der Druck immer größer wurde, fragte sie Tantchen danach. Die begleitete sie nach draußen auf den Hof und zeigte ihr die Toilette. Eine Tür im Stallgebäude mit einem Herzchen wies auf die Toilette hin. Annelie kam wieder ein beißender Geruch entgegen, als sie die Tür öffnete. Sie setzte sich nur ungern auf das Brett mit dem Loch. Die vielen Spinnen in dem Toilettenraum machten ihr Angst und sie verließ fluchtartig das Plumsklo. Dennoch fühlte sie sich erleichtert. Tantchen zeigte ihr das Bett, in dem sie nun vier Wochen lang schlafen würde. Sie gingen von der Küche ins angrenzende Wohnzimmer, das sehr klein war, und durch die nächste Tür in einen kleinen, länglichen Raum, in dem ein großes Holzbett und zwei Metallbetten übereinander standen. Der Raum hatte ein Fenster, das immer geöffnet blieb, abgedeckt mit einem Fliegenfenster.

Zähneputzen und Waschen musste sie sich im Raum hinter der Küche, der außerdem als Lagerraum für die Milchkannen und vieles andere diente. Es roch dort nach Kühen und Milch. Über dem Emaille-Waschbecken hing ein kleiner, fast blinder Spiegel. Ein Stück Kernseife lag auf einem Holzregal. Manchmal wurde samstags gebadet. Dann wurde eine Zinkwanne in die Mitte des Raumes gestellt und ein großer Zuber Wasser auf dem Kohleherd erwärmt. Da das alles sehr zeitaufwendig war, wurde das Badewasser immer für zwei Personen gebraucht. Lediglich etwas warmes Wasser wurde nachgegossen.

Annelie schlief im zweistöckigen Metallbett oben. Als sie endlich im Bett lag, war sie froh, allein zu sein. Sie war zwar am Ziel ihrer Träume angekommen, aber sie wusste nicht recht, ob sie traurig oder glücklich sein sollte. Alles war so fremd, und sie hatte Heimweh. Ein seltsames Geräusch drang durch das geöffnete Fenster und sie überlegte, was es sein könne. Erst viel später begriff sie, dass es das ständige Rupfen des Grases der Kühe war, die scheinbar die ganze Nacht am Fressen waren. Und da die Weide unmittelbar hinter dem kleinen Garten angrenzte, konnte man das Geräusch in der Stille der Nacht wahrnehmen.

Grelles Licht ließ sie erwachen. Ein junger Mann stand an ihrem Bett und begrüßte sie freundlich. „Ich bin Günther, der Sohn im Hause, und freue mich, dass du bei uns bist. Was wollen wir denn morgen machen? Möchtest du mit dem Trecker fahren?“, fragte er sie. „Oh ja, das würde ich gerne“, und ihre Lebensgeister wurden geweckt. Das klang nach Abenteuer auf dem Bauernhof. Sie schlief wieder ein. Erst Tage später bemerkte sie, dass Tantchen in dem großen hölzernen Bett und Günther unter ihr in dem Metallbett schliefen. Günther ging immer sehr spät zu Bett. Manchmal machten sie gemeinsam Späße und alberten herum. Neben dem doppelstöckigen Bett stand ein Kleiderstock, auf dem ein Sack mit Zucker deponiert war. Annelie wollte diesen heimlich öffnen und Zuckerstückchen naschen, denn sie wusste mittlerweile, dass der Zucker feucht und fest geworden war und man größere und kleinere Brocken abbrechen konnte.

Günther war sehr nett zu Annelie, und sie freute sich, wenn er mittags zum Essen kam. Er war immer unter Zeitdruck, denn es war Erntezeit und es gab viel zu tun. Nachts musste er manchmal die Rüben mit Pflanzenschutzmittel spritzen, denn es hatte eine Schädlingsplage gegeben.

Manfred war in der Zwischenzeit aus der Schule entlassen und hatte eine Lehre als Klempner und Installateur im 25 km entfernten Wittingen begonnen. Dort, wo sie den Zug verpasst hatten. Er fuhr täglich mit dem Fahrrad hin und zurück. Damals, 1952, war das Leben nicht leicht, aber authentisch und voller Hoffnung. Er hatte sein Zimmer in einem Anbau des Hofgebäudes, in dem es zwei Räume für Knechte gab. Sonntags übte er manchmal mit der Gitarre und Annelie sah ihm dabei zu. Abends musste er beim Melken helfen, denn gemolken wurde mit der Hand. Annelie wünschte sich nichts so sehr, wie selbst melken zu können. Und dann versuchte sie es. Allein mit dem Eimer zwischen den Beinen an der Kuh sitzend, den Kopf an die Flanken zu legen, so hautnah verbunden mit dem Tier, war ein wunderbares Gefühl, auch wenn ihr manchmal der Schwanz der Kuh um die Ohren geschlagen wurde. Aber sie bekam keinen Tropfen aus dem Euter der Kuh. Bis man ihr das Geheimnis verriet. Ziehen und Loslassen, Ziehen und Loslassen, und das immer im gleichen Rhythmus, damit sich wieder neue Milch in den Zitzen sammeln konnte.

Es dauerte noch ein paar Jahre, in denen Annelie jedes Jahr in den Ferien wiederkam, bis sie so gut melken konnte, dass sie einige Jahre später einmal, als alle auf dem Feld waren und später als üblich zurückkamen, alle 6 Kühe gemolken hatte. Und wie stolz sie darauf war. Als sie in der Schule einmal einen Aufsatz über ihr schönstes Ferienerlebnis schreiben sollten, schrieb sie über das Erlebte auf dem Bauernhof, über das Melken, Trecker-fahren und Reiten, was sie später dort alles noch gelernt hatte. Sie bekam keine Note, dafür stand unter dem Aufsatz „unglaubwürdig“! Das machte sie sehr traurig, denn ihre Familie konnte sich keinen Urlaub in Italien, Spanien oder in den Alpen erlauben, so wie es damals in den fünfziger Jahren schon üblich war.

Da ihre Familie sich die Bahnfahrt nach Croya auch nicht leisten konnte, schickte Tantchen ihr jedes Jahr von ihrer kleinen Rente 10 DM im Umschlag. Sehnsüchtig wartete Annelie auf ihre Briefe mit den sehr eigenen Schriftzügen, die ihr jedes Jahr die Ferien retteten.

Es war Erntezeit und Günther hatte Annelie versprochen, sie mit aufs Feld zu nehmen. Sie durfte neben Günther auf dem Trecker sitzen, während die anderen auf dem Erntewagen Platz nahmen. Da waren einige Helferinnen gekommen, auch seine Schwester Elfriede, die in einem anderen Ort lebte und mit ihrem Mann auf dem Hof zu Besuch war. Sie fuhren durchs Dorf, vorbei an dem Dorfkrug, dann an einem kleinen Wäldchen entlang, wo sie einbogen und anhielten. Die Erntehelfer nahmen ihre Heugabeln und Günther fuhr langsam den Acker rauf und runter. Zwischendurch hielt er an, um die damals schon gepressten Garben aufzuladen, welche die anderen auf dem Erntewagen aufeinanderstapelten, bis der so hoch war, dass die Helfer eine Leiter brauchten, um wieder herunterzukommen. Annelie saß stolz auf dem Kindersitz und freute sich über die Sonne und die frische Luft und genoss den Duft des Getreides. Günther sprang immer wieder auf den Trecker, dann fuhr er wieder ein Stück weiter, bis er sie ansah und sagte: „Weißt du was, jetzt fährst du, komm, setz dich auf den Fahrersitz und versuch mal, die Kupplung zu treten.“ Es war schwer, aber sie stützte sich mit der Hand am Kindersitz ab und trat dann mit dem linken Fuß die Kupplung. „Du musst die Kupplung langsam kommen lassen, so dass die oben auf dem Wagen, die emsig dabei waren, die Garben richtig aufzustapeln, nicht vom Wagen fallen.“ Sie hatte also eine große Verantwortung, und dass man ihr das anvertraute, war für Annelie eine neue und schöne Erfahrung. Wenn sie anfahren sollte, pfiff Günther und Annelie ließ die Kupplung langsam kommen. Während der Trecker stand, hielt sie den Fuß auf der getretenen Kupplung, denn auskuppeln konnte sie noch nicht. Es war wunderbar, bei der Ernte mitzuhelfen. Wenn der Trecker gewendet werden musste, sprang Günther wieder auf und Annelie setzte sich für kurze Zeit auf den Kindersitz. Er lächelte ihr aufmunternd zu, und sie hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass man ihr etwas zutraute. Irgendwann kletterten dann alle vom Anhänger herunter, denn es wurde eine Pause gemacht. Sie gingen in das kleine Wäldchen und setzten sich auf ein ausgebreitetes Tuch. Elfriede, Günthers Schwester, holte den Vesperkorb vom Fahrrad und verteilte Saft oder Kaffee in mitgebrachten Bechern. Es gab große Butterbrote mit Mettwurst, und es schmeckte Annelie sehr gut. In dieser Ernterunde fühlte sie sich wohl und glücklich. Niemand würde ihr später glauben, wie schön es auf einem Bauernhof ist. Die Stechfliegen waren allerdings lästig, und auch der Sonnenbrand tat abends weh. Annelie konnte in dieser Nacht kaum einschlafen, so aufgeregt war sie. Am nächsten Tag saß sie mit Günther am Frühstückstisch und fühlte sich um einiges erwachsener.

Tantchen kam mit einem großen Plastikeimer und sagte: „Komm mal mit, Kindchen, wir gehen in den Garten und ich zeige dir die Johannisbeeren.“ Heute durfte sie nicht mit aufs Feld, sondern musste im Garten Johannisbeeren pflücken. Auf dem Gartentor verteidigte ein bunter Hahn lauthals seinen Sitzplatz. Tantchen schlug mit einer Mistgabel nach ihm. Annelie hatte Angst, denn der Hahn wurde bösartig. Schnell flüchtete sie in den Garten. Dort gab es viele Reihen Johannisbeeren, und Annelie ahnte, dass die alle abgeerntet werden mussten. Von nun an musste sie täglich einen großen 10-Liter-Eimer Johannisbeeren pflücken, die zu Gelee verarbeitet wurden. Als sie den Eimer voll hatte und in die Küche brachte, lobte Tantchen sie, holte eine große Schüssel aus dem Küchenschrank und sagte: „Nun musst du diese noch von den Stielen abmachen.“ Das dauerte noch einmal so lange. Annelie war traurig, denn sie wäre so gerne wieder mit aufs Feld gefahren. Manchmal legte Günther ein gutes Wort für sie ein, so dass sie die Johannisbeeren morgens pflückte und nachmittags hin und wieder auf dem Trecker mitfahren durfte. Annelie begriff sehr bald, dass es auf einem Bauernhof viel Arbeit gab, aber sie fühlte sich trotzdem wohl und war stolz, wenn sie helfen konnte.

Täglich wurde sie morgens zum Postholen geschickt. Es gab nur einen Krämerladen im Dorf, der auch die Post verteilte, die man aber selber abholen musste. Sie fuhr mit einem alten Fahrrad dorthin und wurde von der Krämersfrau freundlich begrüßt. „Du bist also das Mädchen, das bei Plonus in Ferien ist“, sagte die Frau. Annelie wurde nach ihrem Namen gefragt, und die Krämersfrau gab ihr ein paar Bonbons. Alle waren so freundlich und Annelie fühlte sich schon wie zu Hause. Auf dem Nachhauseweg blickte sie auf die Briefe, die sie abgeholt hatte. Es war kein Brief von ihrer Mutter dabei, und schon hatte sie Heimweh. Sie hätte so gern etwas von ihrer Mutter gehört. Das änderte sich auch die ganzen vier Wochen nicht, keine Karte, kein Lebenszeichen von ihrer Familie. Sie freute sich, wenn Manfred abends nach Hause kam, denn Tantchen war zwar freundlich, aber sehr bestimmend, und Annelie hatte Hemmungen, sie um irgendwas zu bitten.

Immer wenn sie zum Krämerladen geschickt wurde, um Post abzuholen oder ein paar Kleinigkeiten einzukaufen, kam Annelie an einem Bauernhaus vorbei. Auf dem Dach war ein großes Storchennest. Darin saßen zwei Störche, manchmal flogen sie auch davon. Nie zuvor hatte sie Störche gesehen, und sie stieg jedes Mal vom Fahrrad und beobachtete diese eine Weile. Wenn sie dann mit dem Fahrrad auf den Hof fuhr, versperrte meistens ein Ganter ihr den Weg. Laut schnatternd ließ er es kaum zu, an ihm vorbeizukommen. Annelie hatte Angst, aber sie fuhr trotzdem entschlossen an dem Ganter vorbei. So gab es nun schon einen aggressiven Hahn und einen bösartigen Ganter. Als sie Tantchen das erzählte, wusste die längst um die Unarten dieser beiden Tiere.

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