Mutterleib-Dilemma

Mutterleib-Dilemma

Kre Arthur


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 512
ISBN: 978-3-99048-121-9
Erscheinungsdatum: 11.08.2015
Sagt der Arzt dem Seelenkranken: „Wollen Sie geheilt werden, müssen Sie einsehen, dass Sie krank sind“, glauben wir ihm leicht. Sagt er aber kurze Zeit später: „Wir leben in einer verrückten Welt“, was sollen wir dann noch glauben?
Das Nächste, das meine Erinnerung einigermaßen auf die rechte Schiene lenkte, war dies schwummrige Erwachen in diesem kahlen Raum, das für mich die neue Welt bedeuten sollte. Als sich allmählich mein Bewusstsein klärte, wurde mein Gehör demselben Genusse – in diesem Fall aber doch Anti-Genuss-Zeuge wie in voriger Nacht; da mein Zeitgefühl seither vollends gestört wurde, kann ich nicht mit Sicherheit sagen, wie viele Tage und Nächte zwischen jener Nacht im Wald und des kränklichen Bewusstwerdens in dem grellen Raum lagen. Wenn man von lückenloser Fortsetzung sprechen kann, dann gilt hierin der Dank dem Kommentator meiner gemischten Empfindungen, denn wie ich mich der Fragmente der letzten erlebten Nacht besann, schwoll schon die Rede Mondinis und seines Gastes weiter – meine erste, zugegeben sonderbare Überlegung war, dass sie ohne Unterbrechung Stunden hindurch diskutiert haben mussten.
›Es ist doch so: Wenn die unbefleckte Empfängnis ohne geschlechtlichen Kontakt vonstattengeht, kann sich der Gläubige vor seinem Beichtvater reinen Gewissens rechtfertigen, sollte er mit seiner Gattin geschützten Verkehr haben, ohne sie zu schwängern. Denn ist dies allemal der natürlichste Weg, warum sollte es da die hohen Väter Wunder nehmen, wenn ein Menschenleben entsteht – oder eben nicht entsteht –, wiewohl es unbeabsichtigt geschah. Hätte Gott hierbei nicht leichteres Spiel, als Samen in eine Frau zu pflanzen, die nie von einem Mann berührt worden ist, deren Samenspender ohnedies unzählige Fragen aufwirft?‹
›Ja, ja, eine weitere verhängnisvolle Bankrottlogik, die man getrost weltumspannend nennen kann, weil sie aus jedem Moorloch hervorlugt. Aber trotz unserer hochinteressanten Gesprächsstunde, die ich gern verlängern würde, sehe ich mich gezwungen, unsere Zeit zu drosseln und auf den Themenschwerpunkt zurückzukehren. Es ist für viele Bürger befremdend, wie es Parallelen zwischen den Priestermordfällen und deren Theateradaption geben kann, da beide fast ohne Zeitunterschied ans Licht der Öffentlichkeit kamen.‹
›Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, es sei einfach, dies zu erklären. Tatsächlich ist es dennoch offenkundig, zählt man die Fakten zusammen, denen ich in meiner Praxis begegne. Und da deren Wurzeln außerhalb weißer Mauern liegen, dürften sie von vielen selbst im Erfahrungsschatz aufbewahrt werden. Man denke dabei an die Szene, in welcher der Kommissar den blutverschmierten Tatort betritt, die Hände tief in den Taschen seines Trenchcoats vergraben, mit sachkundigem Blick sich ein Bild von der Tat und der schwer verstümmelten Leiche macht und schließlich ebenso trocken wie gattungsfremd zu Protokoll gibt: ›Das war ein Profi.‹
Wahrlich keine Inszenierung mit Realitätsgehalt. Dafür für den Humorbedarf des Publikums umso wichtiger. Effekthascherei gegen Verantwortungsbewusstsein – so heißt das Rad, das sich unaufhörlich ohne Sieger dreht. Ebenso die Statistikparodie über die Suizidfälle. Der gähnende Protokollant erscheint bei vielen eigenhändig Umgekommenen, Tag für Tag wohnt er der Bestandsaufnahme bei, währenddessen Polizei- und Sanitäterpräsenz verblassen und in den Hintergrund geraten. Völlig übermüdet, aber routiniert liest er dann seinen Jahresbericht vor, in dem er für die positiven Entwicklungszahlen im Vergleich zum Vorjahr einen Sieg verbucht, was die Angehörigen versammelt vor ihrem Fernseher erleichtert aufnehmen und jedes Anzeichen von Besorgnis, geschweige denn Trauer aus ihren Mienen vertreibt.‹
›Aber Sie müssen doch zugeben, dass diese Art Humor ein kritisches Licht auf reale, sich ständig wiederholende Zustände wirft.‹
›Ich wäre nicht in Ihrer Sendung, wenn ich Ihnen nicht recht geben würde. Dennoch habe ich als Mediziner die Verpflichtung übernommen, das sozialkritische Moment von dem pathologisch günstigen zu trennen. Denn genau das ist die negative Entwicklung, die ich anprangere …‹
Als der statische Dialog in den Hintergrund geriet, musterte ich den Raum eingehender. Nicht weil ich das Interesse verlor, sondern weil ich begriff, dass ich nicht allein war. Obwohl ich nicht gefesselt war, vermochte ich meine Glieder kaum zu bewegen, ich spürte diese Taubheit die ganze Zeit hindurch, sogar jetzt, da sich mir die Gestalt näherte, die vorher mit dem Ordnen von Gegenständen am Tisch beschäftigt schien. Ich blickte in tief liegende Augen, von reichen Brauen bekrönt, zwischen denen ein dauerhaftes Runzeln bestand und den Ausdruck im Gesicht bekräftigte. Bevor in mir überhaupt so etwas wie Sorge oder Furcht aufstieg, suchte ich meine Lage anhand der äußeren Erscheinung des Unbekannten zu beurteilen, es war ein gemischtes Empfinden, als wenn man den Nachbarn, welchen man seit Jahren im Garten und auf der Straße gesehen hat, mit Vorurteilen nicht verschont, man sagt ihm Übles nach, aber es könnte auch der umgekehrte Fall sein, dass sein freundliches Betragen die Fassade des Teufels Küche ist, bis schließlich ein unvermuteter Zufall dich und ihn zusammenführt und man demütig feststellt, dass er wie jeder andere ist, den man kennt.
Wie viel schwieriger hatte ich es da, der dieses Gesicht zum ersten Mal vor sich sah; gerade deshalb wollte ich mir den süßen Betrug, wie es der Traumforscher in der Sendung nannte, bewahren und niemals Mondinis Angesicht erblicken – was würde dabei nicht alles in die Brüche gegangen sein.
»Wo bin ich?« Ich suchte dem fremden Blick auszuweichen, mein tauber Körper schien dafür ein guter Vorwand. »Denken Sie nicht, dies sei ein Krimi«, er beugte sich zu mir herunter, seine Züge verschwammen, »und doch bediene ich mich gerne jener Mittel, aus dem einfachen Grund, da man heutzutage schwerlich jemanden findet, der sich in diesem Genre nicht auskennt. Die Frage ist nur, wer ist bereit, den sensationellen ›kriminellen‹ Mitteln im wahren Leben standzuhalten.«
Er drehte den Kopf zur Seite, ich bemerkte den gepflegten Geruch, der von ihm ausging, wenngleich, um der Wahrheit Genüge zu tun, Körpersprays sich täglichen Nutzens erfreuen, wie die tägliche Mahlzeit, handle es sich, um wen es will.
Das Nächste, woran ich meine Erinnerung knüpfen kann, ist, dass mir klar wurde, dass ich meine Gefangenschaft nicht allein fristete, keine zwei Meter neben mir, ein freier Platz zum Bewegen, den unser ›Gastgeber‹ betrat, um zu ihm zu gehen, dieser Abstand verband mich mit meinem Genossen, der nun an der Reihe war, die Nähe des Unbekannten zu riechen, hören – oder zu fühlen. Er sagte etwas zu der Person auf dem Stuhl; es war mir nicht möglich auch nur ein Wort zu verstehen, wie vorhin schon, als er zu mir gesprochen hatte, drang seine Stimme heran, wie aus der Tiefe einer Schlucht, jetzt aber schien der Boden derselben weiter nach unten gesunken zu sein. Eigentlich, wenn man die Situation recht bedenkt, waren es wir zwei Sitzenden, die in der felsigen Schlucht wimmerten, während oben am Plateau dessen Bewohner mit aller verfügbaren Gewalt über uns wachte.
»Es ist mir ein Anliegen, Ihnen beiden etwas über den Wert Ihrer, aber auch meiner Berufung vorzuführen. Sie gehen fehl, wenn Sie glauben, ich würde Sie foltern wollen mit Mitteln, die Sie aus dem Fernsehen oder sonst woher kennen. Weshalb sollte ich das tun? Sie sind doch genau wie ich Opfer desselben Treibens von Zufall, Glück und Unauswählbarkeit.
Darum, weil ich irgendwann genötigt wurde zu handeln und eine Entscheidung zu treffen, muss ich Zeichen setzen für das Erlittene, das mir und der ganzen Menschheit gemein ist. Und Sie sind von mir angehalten, das Ihre aus dem Sumpf der Gemeinschaft herauszufischen.«
Er griff nach einem tönernen Topf, ging damit erst zu mir, dann zu meinem Nachbarn und gebot uns, eine Karte herauszunehmen. Er muss geahnt haben, wann meine Lähmung schrittweise nachlassen würde.
»Sie sehen vor sich eine Grafik.« Ob sie vorher schon da gewesen waren, weiß ich nicht mehr, aber es waren zwei mobile Schreibtafeln herbeigerollt worden. »Ich nenne es das ›moralische Schema‹. Ihre Aufgabe besteht darin, Ihre herausgezogene Karte dem richtigen Persönlichkeitsbild auf der Tafel zuzuordnen, bis alle Karten dem Topf entnommen sind. Sie sehen, Ihre Chancen stehen fünfzig zu fünfzig, man tut sich einfacher, wenn man bei der althergebrachten Dualität von ›Gut und Böse‹ bleibt, und genau so sollen Sie verfahren. Fangen Sie an.«
Verrückt, aber real. Seinen eigenen Worten gemäß glaubte ich nicht, dass er ein Mörder sei, trotzdem pflegte er diesen Anspruch auf Geltungshoheit, wie es die raffiniert ausgearbeiteten Figuren in den immer beliebter werdenden Thrillern tun. Hatte dieser Kerl einen Überschuss an diesem Konsum oder war er wirklich brillant?
Das Spiel war durchaus eine Folter. Eigenschaften, Handlungen mit Motiven beziehungsweise Absichten, dazu Abbildungen in lebhaften 3D-Farben. Wir überlegten natürlich nicht lange, nacheinander hefteten wir die magnetischen Spielkarten auf die Grafik, so gut es ging mit betäubten Nervenzellen, den tönernen Topf hielt der rätselhafte Schiedsrichter fest umschlungen, einer Skulptur gleich ging keine Regung von ihm aus, während wir wie besinnungslos allmählich den Topf entleerten.
Wir hatten geendigt.
Unser Aufseher wandte sich den Tafeln zu, trat dabei einige Schritte zurück, sodass er hinter uns stand und wir ihn nicht sehen konnten. Ich glaubte hinter mir ein Murren zu vernehmen. Plötzlich schrie mein Nachbar auf, als sei ihm ein Dolch hineingestoßen worden. Von meiner Lähmung noch immer nicht genesen, die während des Spielverlaufs wie eingeschüchtert schien, fasste ich ihn ins Auge und wurde Zeuge einer Art Vernehmung, die ihren Gebärden nach die Fortsetzung einer früheren sein musste.
Aus seinen Ohren hingen Kabel herab, bis zum Boden neben dem Bein der Schreibtafel hinwegschlängelnd und … weiter reichten meine Muskeln und Sehkräfte nicht. Allerdings wurde ich gewahr, dass auch von meinem Körper Kabel hinunterhingen.
»Meine Geduld ist am Ende!«, hörte ich schreien.
Leiser werdend, trotzdem erbost, hörte ich in etwa folgende Belehrung: »Aus Ihrer Feder stammt die Unordnung, aus ihr entstehen Verwerfung und Unmoral. Und jetzt, da Sie am Limit stehen, heucheln Sie Ihre eigenen Spielregeln. Mir wird speiübel von Leuten Ihres Schlages.«
Die Züchtigung ging noch weiter, mein Mitleid für meinen Mitgefangenen wuchs kontinuierlich, ich sah sein Leiden, kleine Rinnsale schimmerten an seiner Wange, und selbst später, als er in Tränen ausbrach, in denen all die Furchtbarkeiten mitflossen, die ihn hergeschafft hatten, taten diese mehr Mut kund, als man ihn für einen weinerlichen Schaumschläger hätte halten mögen. Woher hätte ich mir die Sicherheit nehmen können, dass mir in den folgenden Minuten nichts Ähnliches widerfahren würde; welche Taten, welche Heucheleien, die für mich natürlich schienen, würden sich bei Extremverhältnissen gegen mich wenden?
Wenn aber dieser Kerl in seiner Arbeit gründlich war und sich selbst nicht Lügen strafte, dann war er nicht Spielaufseher, sondern Spieler wie wir oder streng genommen Prüfling von Zuständen, denen wir allesamt verfallen waren.
Das Winseln meines Nachbarn wurde zunehmend theatralisch, es färbte auf mich ab, und ich fürchtete, den Verstand zu verlieren.
Die Tür fiel zu.
Die anhaltende Stille – sie wäre ein Segen gewesen – wurde mir durch das Gejammer, das nunmehr in Schluchzen überging, gründlich vergällt; beinahe hätte ich auf den Weinerich geflucht – und tat es schließlich.
Langsam ebneten wir zwischen uns die Kommunikationsleitung, da wir einsahen, wie ungewiss unser beider Zukunft lag, und Verständigung ja wohl die schönere Art ist abzutreten als die zänkische, trotz der gegenseitigen Warnung, unser gefährlicher ›Babysitter‹ könne jederzeit zurückkommen oder uns auf externem Wege weiterquälen. Ich aber war mir sicher, er müsse erst seinen Frust über die jüngste Begebenheit abbauen, womit er eine Viertelstunde mindestens zubringen werde; damit gelang es mir, meinen Nachbarn zu beruhigen, und schließlich erzählte er mir seine Geschichte.
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»Was man liest, ist Schwindel, sagen viele. Ich muss es wissen, da ich an der Quelle sitze und produziere und produziere, für viel Geld und Spaß, was viele von ihrer Arbeit wiederum nicht sagen. Ich verdiene mein Geld nicht durch Betrug, ob er gleich hin und wieder notwendig ist, es ist eine Methode, die ein mächtiges Werkzeug unserer Zeit darstellt und nur von Eingeweihten dienstbar gemacht werden darf. Überdies habe ich schon Glücksforscher interviewt, aus deren Erklärungen genau hervorging, was die Massen bewegt, wonach sie streben, was ihnen zum netten Leben ausreicht. Dies eine Lehre, von mir sogleich nutzbar gemacht, damit ich sofort auf den Plan treten konnte, um ein Mitspieler dieses großen Machtapparats aus dunkler Information, gelenkter Bildung und seichter Unterhaltung werden zu können.
Der tägliche Zeitungsleser ist ein treuer Lesetypus. Mit wenig Erwartung schlägt er sie auf, sei es neues Steuerrecht, Regierungswechsel, Statistiken, Interviews, Regionales … Er ist an den Stil seiner Zeitung gewöhnt, jedem ist es gestattet, denselben unter zahllosen Blättern auszusuchen –, platt, neutral, überspitzt, peppig, grotesk - und solchergestalt konsumiert er von vornherein seine Artikel nach eigenem Geschmack; aber hiernach ist jedwede Nachricht bestand – um nicht zu sagen wertlos im Fluss der Zeit, weil sie ja erst mittels des Verstandes Leben atmet.
Doch gerade dies leugnet man hartnäckig, und zwar gattungsunabhängig; die Behauptung, es gebe Dinge, die jeden angingen, ist der Abstraktion und Absurdität des Denkens Produktionen unterworfen, soll heißen, dass jede Beteiligung beziehungsweise Interesse am Öffentlichkeitszirkus mehr Verworrenheit schafft, als sie lösen sollte. – Man stelle sich einmal vor, die subjektive Informationsverarbeitung wäre ein Repräsentant der öffentlichen Meinung; wie kann öffentlich gemeint werden, das auf unterschiedlichste Weise verdaut worden ist?
Diesen Widersinn forderte ich heraus; allgemach wollte ich meine Leser auf das Massenverhängnis meines urbanen Berufes einstimmen. Dazu bediente ich mich des Gewöhnlichen: Zunächst erstellte ich eine Statistik – über Morde und Vergewaltigungen, Opferbefragungen, die Vorgehensweise von Totschlägern und Serientätern; leicht ironisch, an der Grenze der Pietät wandelnd – es sollte den Eindruck simpelster Korrespondenz erwecken, allein dem Zwecke der Information dienend. Dann stellte ich mir folgende Frage: ›Wie kann das Verhältnis des Lesers zu seinem Autor aufgewühlt werden?‹ Ein Weg zum Verständnis davon, dass ›alles‹ von ›allem‹ abhängig ist und wechselnd wirkt … die höhnische Intention von der liebenswürdigen.
Ganz meiner Erwartung entsprechend hagelte es Drohbriefe auf meinen Rechner, anfangs, als ich noch jeden einzelnen las, fand ich sie teilweise berechtigt, späterhin ließen sich die Hasser in allen mir bekannten Foren aus, schimpften, fluchten, reichten amtliche Klage ein; was mir herzlich gleichgültig war, denn mein Redaktionschef schwamm auf derselben Wellenlänge, sprach zwar selten mit mir, über Privates schon gar nicht, aber jetzt schien er endlich erfüllt zu sehen, worauf er schon lange gewartet hatte.
Eben von ihm ging die Anregung aus, meine teuflischen Schandschriften und Statistiken zu schärfen, insbesondere, was mich zugegeben etwas überraschte, im Hinblick auf größere, landesweite Ereignisse. Ich tat wie mir geheißen.
Nun war ich gehalten, Einbildung von Tatsächlichkeit zu trennen – das war mein Wermutstropfen, der Preis abhängiger Autorschaft. Meine Kollegen getrauten sich nicht an mein spezifisches Handwerk, zuweilen erkannte ich in ihrem Antlitz regelrechten Missmut, sie sahen in mir die verruchten Figuren meiner Fantasie, die ich in ihrer Arbeitssphäre mit all dem an ihnen haftenden Ekel vertrat. Allein ich fühlte mich wohl.
Gerade zu jener Zeit, als ich eine Umfrage zum Genrekonsum erfolgreich beendete, erhielt ich diese formelle Einladung im südlichen Viertel. Unterschrieben war der Brief von einem gewissen Erchson, Vorstandsmitglied – meine Erinnerung hierin ist schemenhaft – der Körperschaft zukunftsweisenden Journalismus’. Darin wurde mir Respekt und Bewunderung für meine Arbeiten gezollt, damals waren sie sicherlich gering an der Zahl, doch umso mehr wurde ihr unvergleichlicher Mut hervorgehoben.
Begeistert – und geehrt – war ich der Einladung ohne Rückfragen gefolgt. Da ich kein laufendes Projekt unterbrechen musste, und mein spannender Termin schon tags darauf stattfand, war ich umso mehr aufgeregt. Als es dann so weit war, fuhr ich am Hauptgebäude jener Körperschaft vor, die schmale Straße verwies mich unweigerlich in einen Hinterhof, wo ich meinen Wagen abstellte.
Ich hatte mir den Namen der Straße und die Hausnummer gemerkt, doch überdies sah ich nichts, das im Entferntesten nach dem Sitz eines Vereins aussah, keine Aushängeschilder noch der Anschein von Büroeinrichtung. Im Internet allerdings war er präsent, so viel hatte ich herausgefunden, wenn ich diese Auskunft auch mit schläfrigen, desinteressierten Sinnen nach einem harten Tag eingeholt hatte.
Am Rückgebäude erklomm ich die wenigen Stufen zum Erdgeschoss, und mir fiel sofort auf, das lediglich im vierten Stock Licht brannte, so wie es für das Nutzen des gesamten Raumes nötig schien; in der Empfangshalle, auf die ich mich zubewegte, sandte nur ein Hinterlicht seine spärlichen Strahlen aus, kaum genug, um zu sehen, wohin man trat. Instinktiv schlenderte ich zum Aufzug, der sich prompt öffnete, drückte Etage vier und ließ mich nach oben schweben. Angekommen, befand ich mich vor der halb geöffneten Tür desjenigen Raumes, den ich von unten gesehen zu haben meinte – da niemand mich empfangen hatte, lud ich mich selber ein und betrat das hell erleuchtete Zimmer.
»Treten Sie ruhig herein.« Auf einem bequemen Drehstuhl saß ein gut gekleideter Mann, den Rücken mir zugewandt; als er mich zum Eintritt aufforderte, sah ich in das von einem Lächeln erhellte Gesicht, wie man es von Fremden kaum erwartet.
»Es ist mir eine große Ehre.« Er stand auf und streckte mir die Hand entgegen. Ich nahm sie.
»Sehen Sie, wir suchen Nachwuchstalente aus dem ganzen Land, veranstalten auch Autorenwettbewerbe aller Art; das mag Sie vielleicht kalt lassen, aber zu dieser Zeit des Jahres ersticken wir fast in einem Haufen nichtswürdiger Anfragen von Bewerbern, die ein Handwerk besitzen, wie ein Sitzenbleiber der ersten Klasse. Deshalb haben wir uns etwas Einfacheres ausgedacht, um unsere Geschäftspolitik zu entlasten. Wir suchen via Internet sowie unserer landesweit tätigen Agenten Autoren und Kolumnisten, sei es hauptberuflich oder nebentätig, deren Arbeiten von unserer Kommission geprüft und für regionale bis überregionale Preisverleihungen freigegeben werden.
Um die Sache auf den Punkt zu bringen: Sie wurden als ›hervorragend‹ eingestuft, damit müssen Sie nicht einmal an einem Wettbewerb teilnehmen. Mit einem Wort: Sie sind zur kommenden Preisverleihung eingeladen.«
Natürlich stimmte da was nicht.

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