Mit langem Atem zum großen Glück

Mit langem Atem zum großen Glück

Gabriele Klink


EUR 16,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 198
ISBN: 978-3-99107-924-8
Erscheinungsdatum: 09.12.2021
„Du bist nicht unter meinem Herzen gewachsen, sondern in meinem Herzen.“ Diese Aussage beschreibt die Liebe von Gabriele Klink zu ihren beiden Adoptivtöchtern sehr treffend. Doch bis dahin war es ein weiter, beschwerlicher Weg.
„Du bist nicht unter meinem Herzen gewachsen, sondern in meinem Herzen.“

Heute seid ihr erwachsen und könnt mit diesen Tagebuchaufzeichnungen eure Adoptionsgeschichte hautnah mit allen Sinnen nachvollziehen, ganzheitlich verstehen und erfassen und eure Wurzeln mit zwei Müttern und zwei Heimatländern begreifen und verarbeiten.

Für den besten Ehemann der Welt
und unsere wunderbaren Töchter

Für die beste Schwester der Welt,
Renate Dybietz

Zwei Mütter, die sich nie begegnet sind,
bleiben für immer verbunden.
Die eine hat dich unter Schmerzen geboren.
Die andere hatte das Glück,
dich als Geschenk zu erhalten.

Du hast zwei Mütter, zwei Heimatländer, innere
und äußere Wurzeln, die dich prägen und begleiten
durch dein ganzes Leben.
Die Mutter, die dich unter ihrem Herzen trug,
war dein guter Stern.
Die Mutter, die dich durchs Leben begleitet,
ist deine Sonne.

Es ist unendlich schön, als Eltern erleben zu dürfen,
wie Kinder wachsen und sich entwickeln,
wie sie sich Schritt für Schritt ihre Welt erobern,
wie sie flügge werden und in die Welt hinausziehen,
um ihre eigenen Wege zu erkunden
und einzuschlagen.

Es ist unendlich schön, Kinder zu haben.
Es ist unendlich schön, Eltern zu sein.
Es ist unendlich schön,
dafür Verantwortung zu übernehmen.
Es ist unendlich schön, Liebe zu schenken
und Liebe zu erhalten.
Es ist unendlich schön, auf der Welt zu sein.

Dieses Glück hautnah zu spüren und zu erleben:
Dafür danken wir den Indiomüttern
in Peru und Guatemala.

STUTTGART
AM 21. AUGUST 1998

Nach genau 936 Samstagen oder an einem Samstag vor genau achtzehn Jahre stehen wir wieder auf dem Flughafen Stuttgart. Wir erwarten unsere Tochter von ihrer ersten Reise in den fernen Urlaub zurück. Die Lichter auf der großen schwarzen Anzeigetafel blinken nervös, hellgrün leuchtend auf. Die Maschine
ist gelandet.
Dieses Mal nicht aus dem fernen Peru vom Ende der Welt, aus Lateinamerika, sondern aus dem nahen Ibiza. Dieses Mal ist es nicht spät abends, sondern Mittagszeit und dieses Mal stehen wir als Eltern hinter den Sicherheitstüren des Zolls.

Und noch etwas ist grundlegend anders: Heute erwarten wir unsere achtzehnjährige, volljährige Tochter, groß, schlank, sichtlich gut erholt und noch brauner als sonst, strahlend an der Seite ihres langjährigen, groß gewachsenen, sportlichen, blonden Freundes.

Uns beiden Wartenden gehen wohl dieselben Gedanken durch den Kopf und berühren unsere Herzen. Wir sehen so, als wäre es erst neulich passiert, ein kleines, schwarzhaariges Etwas bäuchlings in einer blauen Babytragetasche verpackt, wenige Wochen alt und völlig durcheinander von den sich überschlagenden Ereignissen.
Aus dem dunklen, kleinen Bündel Mensch ist heute eine hübsche, junge, strahlende Frau geworden: damals wie heute unsere Tochter, unsere Adoptivtochter aus Lima, dem Lande der Inkas. Achtzehn Jahre voller Samstage. Auch an diesem Samstag nach genau achtzehn Jahren. Purer Zufall, Glück, Schicksal.
Solange wir warten, wandern unsere Gedanken und Gefühle blitzschnell, fast wie in einem Filmriss rückwärts. Viel zu schnell sind die Jahre enteilt und vergangen. Achtzehn Jahre, obwohl laut Kalender noch zwei Tage fehlen bis zum damaligen Datum. Damals.
Wir versuchen, aus der quirligen Schar der Urlauber unsere lachende, braun gebrannte Tochter zu entdecken. Wir winken schon einmal mit der lachsroten, langstieligen Rose.
Damals stand ich aufgeregt, übermüdet, durcheinander und aufgelöst jenseits der Tür in der Masse der zum Ausgang strömenden Fluggäste eingekeilt.
Damals stand ein gerade zum Vater gekürter „Vater“, einen großen bunten Sommerstrauß schwenkend und mit klopfendem Herzen harrend auf der Empfangsseite. Er schaute angestrengt in die dem Ausgang zustrebenden Menschen, hoffend, dass jemand aus der sich langsam vorwärtsdrängenden Masse zurückwinkt, nämlich seine Frau mit der kleinen Tochter aus Peru.
Heute harren wir zu zweit, unsere Herzen klopfen zwar nicht mehr so angespannt und aufgeregt, aber eine gewisse Nervosität und Angespanntheit ist dennoch spürbar.
Und dann entdecken wir sie fast gleichzeitig. Da kommt sie, leichtfüßig. Endlich erwachsen, selbstständig, eigenverantwortlich.
Kein Kind mehr und dennoch unser Kind. Unsere Tochter.

JANUAR 1980
HOFFNUNG

Wir hatten uns schon immer Kinder gewünscht. Eigene und Adoptivkinder. Doch eines Tages mussten wir erfahren: Wir werden keine eigenen Kinder haben können! Zuerst brach alle Hoffnung wie ein Kartenhaus zusammen. Viele schwierige Monate brauchten wir, ehe wir bereit waren, diese unumstößliche
Tatsache zu akzeptieren. Also beschlossen wir, mit dem zweiten Teil unseres Wunsches zu beginnen.
Wir glaubten, ein Kind zu adoptieren dürfte nicht so schwierig sein, doch abermals hatten wir uns grundlegend getäuscht. Untersuchungen, Behördengänge, sich ausfragen lassen. Auch persönliche, ganz intime Fragen mussten wir auf dem Jugendamt gemeinsam und getrennt klar beantworten. Fragen, die erst das Leben stellen wird, wenn überhaupt. Aber die Vorschriften
verlangen, das zukünftige Elternpaar bis in den kleinsten Winkel ihres Herzens zu durchleuchten, abzuklopfen, jede Gefühlsregung zu dokumentieren – gleichgültig, wie unsinnig uns die Fragen auch erschienen.
Monat um Monat verstrich. Ohne Ergebnis. Nach neuen Wegen suchen. Adoption in der Dritten Welt? Warum eigentlich nicht. Wieder wurden die Fühler ausgestreckt. Mit großen Hoffnungen schrieben wir unzählige Briefe und ließen die Drähte unseres Telefons heiß laufen.
Die Ergebnisse waren niederschmetternd. Unser innigster Wunsch rückte immer weiter weg, versank im Ungewissen, im Dschungel und Nebel der Adoptionsvorschriften. Den einen waren wir mit 35 und 39 Jahren zu alt, dann hatten wir die falsche Konfession oder passten nicht in das gewünschte Weltbild oder Raster hinein.

Beim zuständigen Jugendamt, der Adoptionsvermittlungsstelle, deponierten wir alle Unterlagen, Fragebögen, Stellungnahmen, Interview, unsere Lebensläufe, Gesundheitszeugnisse, polizeiliches Führungszeugnis, Familienstammbuch, Leumund, Verdienstnachweise usw.
Besonders der umfangreiche Fragenkatalog beim Jugendamt war beachtenswert. Da wurden wir nach unserem Freizeitverhalten oder unseren persönlichen Erziehungsvorstellungen ausführlich befragt. Unsere eigene Kindheit wurde ausgeleuchtet.
Man war neugierig von uns zu erfahren, wie wir die Fragen zu
Sauberkeitserziehung unseres zu adoptierenden Kindes in den Griff bekommen möchten. Auch die späteren schulischen Laufbahnvorstellungen wurden bis ins Detail vorsorglich abgeklopft und waren dem Jugendamt enorm wichtig. Pubertätsprobleme, so genannte „Falsche Freunde“ oder Verhaltensstörungen standen ebenso zur Debatte wie die Nähe eines zukünftigen Kindergartens oder unser persönliches Umfeld, unser finanzieller Status, heute, morgen und in zehn Jahren.
Wir wurden erforscht, vermessen, bewertet, in Schubladen eingeordnet. Das alles, um einen messbaren, nachweislichen, unumstößlichen Nachweis und Beweis zu erstellen und zu dokumentieren, dass wir in der Lage sind, ein Kind groß zu ziehen.
Viele Einbestellungen im Jugendamt, Befragungen einzeln oder gemeinsam, Besuche bei uns zu Hause, alles ließen wir letztendlich über uns ergehen, obwohl uns immer wieder das ungute und auch beängstigende, verunsichernde Gefühl beschlich, wie unser Land wohl aussehen würde, wenn sich alle werdenden Eltern diesen Testanforderungen zu stellen hätten.
Klar möchte man Adoptiveltern ganz besonders genau und gründlich unter die Lupe nehmen, von allen Seiten ausleuchten, von allen erdenkbaren Seiten und Ecken begutachten, erforschen, Ansichten, Wünsche, Gedanken in die Zukunft hinterfragen und alles bis ins kleinste Detail durchleuchten. Die Stabilität der Partnerschaft, die Adoptionsbelastung als Paar, Problembewältigung in der Zukunft, irgendwann einmal, vielleicht oder auch nicht. Wie wirkten wir auf die Dame des Jugendamtes, die etwa zehn Jahre älter war als wir und selbst keine Familie hatte? Sie erschien offen und distanziert, neugierig und forschend, menschlich und amtlich, Mut machend, um gleich alles wieder infrage zu stellen, Hoffnungen wurden geweckt, um gleichzeitig die Aussichtslosigkeit festzustellen.
Ein Wechselbad der Gefühle von Himmel hoch jauchzend bis zu Tode betrübt.

Einblick in unsere Unterlagen, Protokolle, Klassifizierungen, Meinungsfindung – alles blieb als Verschlusssache wie in einer Geheimakte verborgen.
Welche Chancen und Möglichkeiten waren noch offen? Fragen unsererseits und Antworten oder Auskünfte seitens des Jugendamtes – ihre Auswirkungen, unsere Chancen? Hatten wir überhaupt eine Chance oder war das Ergebnis bereits festgezurrt?
Hatten wir die Dame des Jugendamtes berührt, war es uns gelungen, sie positiv auf uns und unsere große Hoffnung einzustimmen? Stand sie uns eher positiv, zögernd oder gar negativ gegenüber? Es war wie ein Schweben im luftleeren Raum, ohne nur im Geringsten zu ahnen, wohin die Reise uns treiben würde.
Über die Auswahlkriterien, Möglichkeiten, Hoffnungen oder Hoffnungslosigkeit unseres Unterfangens wurde undurchdringliches Stillschweigen bewahrt. Ein Wechselbad an Wünschen, Hoffnungen und Gefühlen. Alles blieb ein großes, gut gehütetes Geheimnis. Über unsere Möglichkeiten, welchen Rang wir im Karussell der zukünftigen Adoptiveltern einnehmen würden – nichts war herauszukitzeln.
Schweigen, schweigen, schweigen. Wir fühlten uns hilflos und verloren, aussichtslos und trotzdem würden wir nie aufgeben. Wo eine Tür zuschlägt, öffnet sich irgendwo eine andere, uns noch unbekannte Tür und wenn es nur einen Spalt breit wäre. Wir würden einfach blitzschnell unseren Schuh dazwischenschieben und die noch so kleinste Chance am Schopfe packen.
Wir versuchten nun parallel die Adoptionsgenehmigung für ein Kind irgendwo auf der großen weiten Welt zu erhalten und suchten nach einer Adoptionschance.

Die Ergebnisse waren niederschmetternd.
Das Jugendamt ließ uns nach vielen Wochen und Monaten wissen, dass wir für ein deutsches Adoptivkind mit fünfunddreißig und neununddreißig Jahren zu alt seien. Ungeschminkt signalisiert man uns: „Wissen Sie, wir suchen Eltern für Kinder, aber keine Großeltern.“

Aber da gäbe es noch eine klitzekleine Chance, natürlich nicht auf ein Baby oder Kleinkind. „Wir hätten da schon was Geeignetes für Sie, besonders bei den pädagogischen Kenntnissen Ihrer Frau als Erzieherin und Lehrerin und Ihrem ehrenamtlichen Engagement im Kinder- und Jugendsport, Herr Klink.“ Es folgte eine kurze Pause: „Wir haben drei Kinder im Alter von zehn bis vierzehn Jahren. Geschwister. Man sollte sie möglichst zusammen adoptieren. Sie leben in einer Pflegefamilie, müssen dort aber raus. Das wäre doch etwas für Sie?“
Nein, diesen Vorschlag wollten und konnten wir nicht umsetzen. Daraufhin deutete man uns unumwunden an, dass wir in Deutschland keine weiteren Adoptionschancen mehr hätten.
„Nein, schriftlich könne man uns diese Aussage natürlich nicht bestätigen.“ – „Natürlich würde unsere Akte auf eine Adoption auch weiterhin im Amt verbleiben.“ – „Natürlich können wir uns die Adoption der drei Halbwüchsigen gerne noch einmal überlegen.“ – Natürlich …

FÜHLER AUSSTRECKEN
IN ANDEREN LÄNDERN

Nachdem uns somit die in Deutschland zuständigen Institutionen alle als „nicht geeignet“ abgestempelt hatten, erwachte in uns ein ungeheurer Kampfesgeist.
Wir waren uns sicher: Es gibt irgendwo ein Kind für uns.
Wenn nicht in Deutschland, dann in …?
Mit dem Orden von Mutter Theresa in Indien standen wir ebenfalls im Briefkontakt. In einem Schreiben wurden wir dann auch zu unserer Religionszugehörigkeit befragt. „Nein, wir sind nicht katholisch. Nein, keiner von uns beiden kann sich vorstellen, zum katholischen Glauben überzutreten.“ Und so mussten wir akzeptieren, dass wir für ein indisches Kind nicht den richtigen Glauben besaßen. Aber sind die Inder nicht Hindus oder Moslems? Während der drei Jahren Auslandsschule von 1968- 1971 in Kabul/Afghanistan war ich auch mehrmals in Indien. Zu „terre des hommes“ nahmen wir nicht nur Kontakt auf, wir nahmen auch an einem Adoptionstreffen teil. Aber hier waren die Verantwortlichen des Treffens nicht mit unserem Weltbild – ohne dies näher zu erläutern – einverstanden. Und der Organisation war es ein Dorn im Auge, dass wir weder ein behindertes noch halbwüchsiges Schulkind aus Schwarzafrika adoptieren wollten.
Wir erkundigten uns bei Botschaften und Auslandsschulen, auch in Südamerika. Hatte ich nicht drei Jahre lang in Südchile gearbeitet? Vielleicht konnten hier alte Fäden neu aufgegriffen werden? Aber aus Chile ließ man uns wissen, nach Deutschland dürften nun keine Kinder mehr vermittelt werden.
Wir nahmen Gespräche mit Familien in Deutschland auf, die bereits einem Kind aus der „Dritten Welt“ Liebe, Geborgenheit und einen Platz in ihrem Herzen eingeräumt hatten. Neue Informationen und Wege eröffneten sich.

Und wieder waren Monate ins Land gegangen. Sie waren angefüllt mit Briefe schreiben, sich an den unterschiedlichen Bewerbungsstellen immer wieder möglichst unaufdringlich in Erinnerung bringen, bangen, hoffen, sehnen, verzweifeln, verzagen, erschöpft und mutlos aufgeben wollen, um gleichzeitig mutig weiter zu kämpfen.
Manche Vermittlungsstellen reagierten auf den fünften oder zehnten Brief, andere meldeten sich nicht. Damals gab es noch kein Internet, keinen PC, alle Schreiben wurden auf der alten, klapprigen Schreibmaschine, die ich heute noch besitze, getippt. Damals war telefonisch so gut wie niemand erreichbar, denn Telefon gab es nur in den offiziellen Ämtern. Und so ein Brief über den Großen Teich dauerte schon mal zwei Wochen.
Mit sechs Wochen Postdienst musste man dann schon rechnen, bis ein Antwortschreiben nach Deutschland flatterte. Unsere Hoffnungen sanken unter den Gefrierpunkt. Keine Chance in naher Zukunft. Die Wartelisten schienen ungeheuer lang, Lichtjahre entfernt von unserem großen Wunsch nach einem Kind.
5 Sterne
Mit langem Atem zum großen Glück - 27.06.2022
H. Neubrand

Das Buch „Mit langem Atem zum großen Glück“ ist sehr interessant geschrieben, so dass ich es wie einen spannenden Roman gelesen habe. Lehrreich ist für mich die Geschichte, Wissenswertes über die Länder Peru und Guatemala und das Leben dort. Da wird einem vor Augen geführt, welchen Wohlstand wir in Deutschland genießen. Man kann sich die Armut in diesen Ländern kaum vorstellen, wenn man sie nicht, wie die Autorin selbst, hautnah erlebt hat. Ohne Strom und fließend Wasser zu leben, ist heutzutage für uns einfach unvorstellbar. Durch den "langen Atem" des Ehepaares wurde durch Adoption zwei kleinen Mädchen Armut, Unterdrückung und weitere unmenschliche Bedingungen in den Geburtsländern erspart. Um zu ihren Wunschkindern zu kommen, war dem Ehepaar kein Weg zu weit. Fast unüberwindbare Steine durch Gesetzesänderungen, Konflikte in den Ländern, Bürgerkrieg, Behördengänge und auch endlose Berge von Formalitäten wurden ihm in den Weg gelegt. Am Ende war es wundervoll zu lesen, wie zwei prachtvolle und dankbare Kinder das große Los gezogen haben und in Deutschland in einer glücklichen und liebevollen Familie aufwachsen durften.

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