Mexiko und zurück

Mexiko und zurück

Klaus Neugebauer


EUR 22,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 454
ISBN: 978-3-99026-875-9
Erscheinungsdatum: 14.11.2013
Ein österreichischer Rechtsanwalt entführt seine italienische Tochter, weil ihm die italienischen Behörden den väterlichen Zugang verweigern. Dafür verbüßt er 16 Monate Haft, vier in Mexiko, den Rest in Italien.Die Geschichte ist neu, das Problem alt: Schon Joseph Victor von Scheffel, Dichter und Jurist, entführte 1869 seinen ehelichen Sohn aus Verantwortungsbewusstsein für dessen Erziehung.
I. Veronikas Geburt

Ich erzähle Ihnen eine wahre Geschichte. Eine Geschichte, die noch nicht zu Ende ist.
Die Geschichte einer großen Eltern- und Geschwisterliebe.

Meine erstgeborene Tochter, Emily, wuchs im anmutigen Friaul auf, umgeben von heiteren Menschen, von Wiesen, Äckern, Weingärten, Obstplantagen und ruhigen Landstraßen. Im Süden dieser noch heilen Welt breiten sich die Lagunen der Adria aus, nördlich davon stellen sich die Voralpen in einem faszinierenden Bogen um die mediterrane Ebene zum Schutz vor dem rauen Klima jenseits der Berge. Einen schöneren Ort der Kindheit konnte es nicht geben. Schon deshalb hatte ich es nicht bereut, einen Arbeitswechsel nach Italien zu vollziehen, in ein Land, das mir aus einem früheren, mehrjährigen Aufenthalt in bester Erinnerung geblieben war.
Je größer eine Idylle, desto kürzer ihr Bestand: So legte sich in dieser goldenen Zeit allmählich und unaufhaltsam ein Schatten über meine Ehe.
Ich war seit zwanzig Jahren verheiratet, doch statt einer wachsenden Übereinstimmung mit meiner Frau kam es zu immer zahlreicheren Differenzen. In ihr ging eine Persönlichkeitsveränderung vor sich, die mit größter Wahrscheinlichkeit im Zusammenhang stand mit den schweren psychischen Problemen, die ihre Zwillingsschwester von Jugend an hatte. Alle Versuche, sie zu einem Nachdenken in Fragen zu bewegen, die für ein harmonisches Zusammenleben unverzichtbar waren, blieben erfolglos.
Als ich mich 1990 in Udine selbstständig machte und ein Büro für Schadensregulierung eröffnete, bat ich meine Frau um Mithilfe, da ich mir noch kein Personal leisten konnte. Sie war dazu aber nicht bereit. Sie wollte sich nicht aus dem gemütlichen Leben auf dem Lande reißen lassen. Diese Absage an unser gemeinschaftliches Fortkommen war das Aus für unsere Partnerschaft. Ich biss die Zähne zusammen, machte fortan alles allein und beschloss, diesen Zustand weiter aufrechtzuerhalten. Es war mir nämlich klar, dass bei einer Auseinandersetzung mit meiner Frau das geringe Alter unserer Tochter Emily ein entscheidender Faktor für ihren Verbleib bei der Mutter sein würde. Auf Emily zu verzichten, war für mich völlig unvorstellbar. Als Vater in vorgerücktem Alter nahm ich meine Verantwortung für ihre Gegenwart und Zukunft wichtiger als alles andere. Wir waren so zusammengewachsen, dass eine Trennung auf Jahre für das Kind folgenschwer gewesen wäre. Ich konnte sie der Alleinerziehung meiner Frau, die zunehmend verhaltensauffällig wurde, bei bestem Wissen und Gewissen nicht überlassen.
So nahm ich mir vor, stillzuhalten, bis Emily zwölf Jahre alt war. Dann hätte sie die Situation selbst beurteilen und eine Entscheidung für ihren weiteren Verbleib treffen können.
Es fehlten noch sechs Jahre bis dahin. Ich gab mir Mühe, Diskussionen mit meiner Frau aus dem Weg zu gehen und nach außen hin Normalität zu zeigen.
Emily überstand diese Zeit unbeschadet. Die Umwelt war voller Ablenkungen für sie, ich unternahm mit ihr, was ich nur konnte. Lange Radausflüge, Rollschuhfahren, Tennis, Schwimmen, Wandern.
Manchmal kam es vor, dass sie mich, nachdem ich einer Meinungsverschiedenheit mit meiner Frau aus dem Wege gegangen war, fragte, weshalb ich mich nicht verteidigt hätte. Ich gab ihr auf diese Frage zu bedenken, dass ich, sollte es zu einem wirklich tief greifenden Zerwürfnis mit ihrer Mutter kommen, nicht mehr daheim bleiben könnte und wir uns folglich kaum mehr sehen würden. Dies genügte ihr. Ich durfte sie darüber hinaus nicht beunruhigen mit Problemen unserer Familie oder meiner Arbeit. Dazu war sie noch viel zu klein.
Eines Tages in jener Zeit lernte ich eine Italienerin kennen. Ich war glücklich darüber, einen Menschen gefunden zu haben, dem ich mich öffnen und mit dem ich viele Stunden im Gespräch verbringen konnte. Sie hieß Mary Berta, war dreiunddreißig Jahre alt, unverheiratet und lebte, immer noch eingebettet in ihrer Familie, in einem kleinen Landort bei Pordenone. Es mangelte ihr sichtlich an Selbstbewusstsein, ihr Vater war früh verstorben, die Mutter der Erziehung der drei Töchter nicht gewachsen. Daher hatte die älteste Tochter Sara die beiden jüngeren Schwestern Paola und Mary Berta unter ihre Fittiche genommen.
Als ich Mary Berta schon etwas näher kannte, wurde mir ihre Abhängigkeit von Sara mehr und mehr bewusst. Sie erledigte für ihre Schwester fast täglich irgendwelche Wege, was ihre Freizeit erheblich einschränkte. Ich machte ihr klar, dass Sara ihre persönlichen Dinge selbst zu besorgen hätte, im Übrigen war da noch Saras Tochter aus einer geschiedenen Ehe, die ihrer Mutter sehr wohl an die Hand gehen konnte.
Mit der Zeit gelang es mir, Mary Berta aus dem Abhängigkeitsverhältnis zu Sara herauszulösen und für unsere gemeinsamen Interessen zu gewinnen.
Der Wunsch nach einer gemeinsamen Zukunft war in Mary Berta und mir bald zu einer wechselseitigen Zusage herangereift. Ich knüpfte mein Versprechen mit Rücksicht auf Emily allerdings an die Bedingung, dass unser Zusammenleben erst mit Emilys zwölftem Lebensjahr beginnen konnte, zu welchem Zeitpunkt ich auch die faktische Trennung von meiner Ehegattin vollziehen würde.
Mary Berta war damit einverstanden. Es gelang uns, unsere Verbindung über Jahre geheim zu halten. Mary Berta begleitete mich auf Geschäftsreisen nach Deutschland, Tschechien und Ungarn, wobei wir immer in Wien Halt machten, wo ich eine kleine Wohnung nach meinem verstorbenen Onkel besaß.
Ich konnte es eines Tages so arrangieren, dass Emily Mary Berta kennenlernte, ohne etwas von deren Rolle mitzubekommen.
Die Zeit verging schnell. Ich dachte viel über die Zukunft nach und gelangte zu der Überzeugung, dass meine Verbindung mit Mary Berta erst dann in ihrer vollen Bedeutung besiegelt würde, wenn wir ein Kind bekämen. Zudem wäre es für Emily nicht gut gewesen, ein Einzelkind zu bleiben und früher oder später allein dazustehen, ohne irgendeinen engeren Verwandten. Als spät geborenes Wunschkind konnte sie nicht einmal mit ihren Eltern auf lange Zeit rechnen.
Mary Berta spürte ebenso das Verlangen, endlich eine Familie zu gründen. Im Spätherbst des Jahres 1997 kündigte sich zu unserer immensen Freude meine zweite Tochter an.
Nun war es an der Zeit, Emily in die Geschehnisse einzuweihen. Sie hatte eine unbeschwerte Kindheit hinter sich und war meines Erachtens schon stark genug, die zukünftigen Ereignisse mitzutragen. Was ich ihr zu sagen hatte, kam für sie unerwartet. Dennoch fasste sie sich rasch und gelangte zu einer neuen Sicht der Dinge, vor allem dank ihrer außerordentlichen Fähigkeit, logisch zu denken und eigene Beobachtungen zu verarbeiten. Es war nicht das erste Mal, dass sie mich in wichtigen Fragen mit ihrer Treffsicherheit für das Wesentliche überraschte. Schon in ihrer frühen Kindheit konnte ich mich darauf verlassen, dass sie sich, falls allein auf sich gestellt, richtig verhielt. Ich brauchte ihr das, worauf es ankam, nicht zweimal zu sagen. Sie begriff schnell und nachhaltig. Mit ihren zwölf Jahren war sie für mich der größte Schatz, den ich je besaß: ein unersetzlicher Kamerad, ein weiser Freund, eine immer treue Seele und eine unendlich liebevolle Tochter. Dass sie auch jetzt auf meiner Seite stand, gab mir die nötige Zuversicht in einer Situation, die eine Vielzahl vorhersehbarer sowie nicht vorhersehbarer Folgeerscheinungen in sich barg.
Emily war über die baldige Ankunft eines Geschwisterkindes nicht weniger beglückt als ich. Als wir hörten, dass es ein Mädchen würde, beteiligte sie sich voll Freude an der Suche nach einem passenden Namen. Wir einigten uns schließlich alle auf „Veronika“ mit dem Zusatz „Désirée“ (die „Gewünschte“), zumal sie ebenso ein Wunschkind war wie Emily.
Zusammen mit Mary Berta hatte ich bei Bekanntwerden ihrer Schwangerschaft eine große Wohnung in ruhiger Lage in Udine angemietet. Sie sollte sowohl als Wohnung wie auch als Büro für mich dienen. Als Erstes übersiedelte ich mit dem Büro dorthin, dann begannen wir, die übrigen Räume gemeinsam einzurichten.
Die Monate der Schwangerschaft verbrachte Mary Berta in der alten Wohnung auf dem Land bei ihrer Mutter, in einem kleinen Ort namens Fagnigola. Erst mit der Geburt Veronikas wollten wir die neue Wohnung gemeinsam beziehen.
Eines Tages, als ich Mary Berta dort besuchte, traf ich auf ihre Schwester Sara. Sie war damit beschäftigt, das Haus im Oberstock aufzuräumen. Für mich völlig überraschend sprach sie mich darauf an, dass Mary Berta mit dem Baby doch auch nach der Geburt im Haus der Mutter verbleiben könne, wo alles Erforderliche für die Pflege eines Kleinkindes vorhanden sei. Es erschien ihr offenbar bedeutungslos, dass die neue Wohnung in Udine bereitstand, dass ich dort meiner Arbeit nachging und unmöglich jeden Tag über 100 Kilometer zurücklegen konnte, um mein Kind zu sehen.
Ich machte ihr klar, dass dies nicht zur Diskussion stand. Ihr Vorschlag überraschte mich insofern, als sie sich seit Langem nicht mehr in unsere Angelegenheiten eingemischt hatte. Ich wusste aus letzter Zeit nur so viel, dass sie einen neuen Freund hatte, einen Anwalt aus Pordenone, der angeblich international tätig war. Sara stellte ihn eines Tages Mary Berta vor, sie besuchten gemeinsam ein Restaurant und bei dieser Gelegenheit gab auch Mary Berta diesem Herrn das Du-Wort. Ich erkundigte mich daraufhin bei einem ortsansässigen Anwaltsfreund nach dem Ruf dieses Herrn. Was ich erfahren konnte, deutete darauf hin, dass er Frauen alles andere als abgeneigt war, als Anwalt hingegen weniger auffällig in Erscheinung trat.
Meine Bedenken zu den moralischen Qualitäten dieses Herrn teilte ich Mary Berta mit.
Alles Weitere war Saras Privatangelegenheit.
Während der Schwangerschaft Mary Bertas gab es zwar gelegentlich Probleme, die eine vorzeitige Geburt befürchten ließen, schließlich ging aber die normale Wartezeit ohne ernste Schwierigkeiten zu Ende. Mary Berta wollte unbedingt mit Kaiserschnitt gebären. Sie war von Natur aus ängstlich und von der sie erwartenden Mutprobe überfordert. Besorgt war sie obendrein, dass das Baby eine Behinderung haben könnte.
Da sie vierzig und ich zweiundfünfzig Jahre alt war, empfahl man ihr, eine Fruchtwasseruntersuchung vorzunehmen. Während sie sich dem Eingriff, der für das Kind nicht risikolos war, unbedingt unterziehen wollte, war ich von der Sinnhaftigkeit dieses Schrittes nicht überzeugt. Was z.B. wäre geschehen, wenn die Untersuchung kein eindeutig negatives Ergebnis gebracht und uns in der Wartezeit bis zur Niederkunft nur Bangen beschert hätte?
Da ich mich Mary Bertas Wunsch aber nicht widersetzen wollte, begleitete ich sie eines Morgens zum Termin in die Triester Kinderklinik Burlo. Nach vielen Stunden des Wartens wurde ihr endlich die Fruchtwasserprobe entnommen. Dann ließ man uns wieder warten. Angeblich sollte sie noch eine Injektion erhalten. Es war schon der Abend angebrochen, als meine Geduld zu Ende ging und ich die diensthabende Ärztin fragte, um was für eine Maßnahme es sich bei der besagten Injektion handelte. Sie nahm mich beiseite und erklärte mir, dass diese Injektion für das Kind unverzichtbar sei. Sollte nämlich nicht ich der Vater des Kindes sein, würde ohne diese Vorsorge eine Lebensgefahr für den Embryo bestehen. Meine Beteuerung, dass an meiner Vaterschaft kein Zweifel bestünde, tat sie als einseitige, egoistische Einstellung ab. Ich zog mich daher zurück, berichtete Mary Berta vom Ergebnis dieser Aussprache und bat sie, der Ärztin zu bestätigen, dass ohnehin nur ich als Vater infrage käme und die Injektion daher überflüssig sei.
Das wollte Mary Berta zu meiner Bestürzung aber nicht tun. Ihr latenter Angstzustand brach wieder hervor und erlaubte ihr nicht, eine völlig logische Entscheidung zu treffen. Im Nachhinein betrachtet schließe ich es nicht aus, dass sie sich damals per Handy mit ihrer Schwester Sara beraten hatte. Wie eng die schwesterlichen Kontakte zu jener Zeit tatsächlich waren, entzog sich meiner Kenntnis, ich bin mir aber heute so gut wie sicher, dass Sara Mary Bertas Schwangerschaft dazu benutzte, die „entwöhnte“ Schwester wieder unter ihre Kontrolle zu bekommen.
In mir hinterließ jener Tag in Triest einen bleibenden Einschnitt. Es war wohl das erste Anzeichen dafür, dass mit Mary Berta etwas nicht stimmte.
Und noch etwas gab mir zu denken: Wie ich aus ihrem Mund erfuhr, hatte sie eine Psychologin konsultiert und mit ihr wiederkehrende Termine vereinbart. Da sie mir den Namen dieser Person sagte, rief ich sie an und fragte sie, ob ihr auch an meinem Erscheinen gelegen sei. Sie verneinte, also kam ich zu dem Schluss, dass Mary Bertas Bedürfnis, sich an eine Psychologin zu wenden, nichts mit mir, sondern allein mit ihrer Schwangerschaft und ihrer Besorgnis, es könne zu einer Frühgeburt oder gar zu einem Verlust des Kindes kommen, zu tun hatte.
Als die Zeit der Geburt herankam und im Hinblick auf die Entbindung mittels Kaiserschnitt der genaue Termin innerhalb einer bestimmten Anzahl von Tagen zur Auswahl stand, ersuchte ich Mary Berta, sich auf einen Tag nach dem 25. Juni festzulegen, damit ich die Aussprache mit meiner Frau hinter mich bringen und der Geburt beiwohnen konnte. Leider wollte sie mir diesen Wunsch nicht erfüllen. Sie hatte sich für den 25. Juni entschieden, weil ihr angeblich der Primarius des Spitals für jenen Tag seine Anwesenheit während des Eingriffes zusagen konnte und sie diese Gelegenheit nicht versäumen wollte.
So kam es, dass ich in den Morgenstunden des 25. Juni nicht in der Kinderklinik des Spitals von San Vito al Tagliamento war, sondern ein langes, zermürbendes Gespräch mit meiner Frau führte, das ich bis zu diesem Tag aufschieben musste. Denn am 24. Juni hatte Emily ihre Unterstufen-Abschlussprüfung an der Mittelschule. Ich musste sie so lange heraushalten aus der anstehenden familiären Auseinandersetzung. Emily hatte mich Monate zuvor, als ich meiner Frau die Geburt des Kindes und damit unsere Trennung ankündigen wollte, gebeten, nach Möglichkeit bis zum Schulschluss zuzuwarten. Wann genau die Abschlussprüfung sein würde, die in Italien für den Zugang zur Oberstufe Voraussetzung ist, stand noch nicht fest.
Die Konfrontation mit meiner Frau, die Geburt des Kindes und Emilys Abschlussprüfung fielen somit in einem Zeitraum von weniger als 24 Stunden zusammen.
Das ließ sich nicht mehr ändern und ging an die Grenzen meiner Kräfte. Dem ersten Gespräch mit meiner Frau folgte übrigens noch eine Reihe weiterer Diskussionen, die nur der Aufarbeitung einer schon längst abgeschlossenen Vergangenheit dienten.
Am Nachmittag des 25. Juni war es mir endlich möglich, nach S. Vito al Tagliamento zu fahren und Veronika erstmals in meine Arme zu schließen. Kind und Mutter waren wohlauf. Tags darauf kehrte ich in Emilys Begleitung wieder und wir konnten uns nun längere Zeit der süßen und so hübschen neuen Erdenbürgerin erfreuen und diese Momente fotografisch festhalten. Der Stress der letzten Tage hatte mich arg mitgenommen, doch der Anblick Veronikas entschädigte mich für alles.
Mary Berta hatte nach dem Kaiserschnitt keine Komplikationen, dennoch erschien mir ihre Stimmungslage während des einwöchigen stationären Aufenthaltes sehr gedämpft.
Als der Tag der Entlassung kam, hätten vereinbarungsgemäß Emily und ich Mary Berta und Veronika gegen 14 Uhr vom Spital abholen sollen. Im Laufe des Vormittags erhielt ich jedoch einen Anruf Mary Bertas, wonach sie mit Veronika das Spital bereits verlassen und sich ins Haus der Mutter begeben hatte. Dieses Umschwenken Mary Bertas raubte mir buchstäblich den Atem. Es konnte nur Saras Werk sein. Sie beherrschte ihre Schwester wieder wie in alten Zeiten. Sogar bei der Geburt Veronikas war sie an meiner Stelle anwesend, wie ich später erfuhr.
Ich empfand das Geschehene als einen Bruch unseres gegenseitigen Vertrauens und erstmals kamen schlimme Ahnungen in mir auf. Emily konnte es ebenso wenig fassen.
Da saßen wir nun allein in der neuen Wohnung, die ich in monatelanger Arbeit mit allen wichtigen Utensilien ausgestattet hatte. In der Küche fehlte noch der Anschluss des Spülbeckens, da mein Installateur eine Woche Urlaub machte, ansonsten war alles fertiggestellt. Badezimmer, Schlafzimmer und Esszimmer waren geräumig, licht und mit besonderer Rücksicht auf das Baby eingerichtet. Darüber hinaus gab es noch ein großes Wohnzimmer und eine Dachterrasse, von der man ein grünes Panorama rundum genoss.
Ich hatte mit Emily vereinbart, dass sie weiterhin bei ihrer Mutter wohnen blieb, nach der Schule aber direkt zu mir kam, ihre Aufgaben bei mir machte und gegen Abend wieder in die alte Wohnung zurückkehrte.
Diese Regelung musste nun warten. Auch ich verbrachte die Abende in der alten Wohnung, in stundenlangen Diskussionen mit meiner Frau. So konnte Emily die Argumente beider Seiten hören und sich ein klareres Bild von Dingen machen, die sie zum Teil selbst erlebt, aber nie bewusst infrage gestellt hatte.
Ich war unendlich müde, dennoch war jeder Morgen ein neuer Arbeitstag für mich. Vor allem aber ein weiterer Tag ohne Mutter und Kind. Ich rief immer wieder nach Fagnigola an und versuchte Mary Berta klarzumachen, dass sie nicht dort bleiben konnte.
Letztendlich, nach über einer Woche, ließ sie sich doch dazu überreden, nach Udine zu kommen. Ich holte sie in Emilys Begleitung ab. Dabei traf ich kurz mit Veronikas Großmutter zusammen. Alles, was diese Frau mir zu sagen hatte, war: „Aber warum lasst ihr Veronika nicht da, hier ist ja alles, was sie braucht!“ Es ist wohl überflüssig, diese Aussage zu kommentieren. Zu weiteren Kontakten mit der Frau kam es in der Folge nicht mehr. Sie sprach übrigens Italienisch mit einem schweren dialektalen Einschlag. Ihre Kindheit hatte sie als Tochter italienischer Fremdarbeiter in Frankreich verbracht und dort die Grundschule besucht. Weitere Schulen nach ihrer Rückkehr nach Italien wohl kaum.
Bevor wir nach Udine zurückfuhren, gingen wir aufs Standesamt der Gemeinde Azzano Decimo, wo ich meine Vaterschaft anerkannte und meinen Familiennamen auf Veronika übertrug. Ihre Mutter wollte den Vornamen kürzen, also das „Désirée“ weglassen. Emily bestand jedoch vehement auf dessen Beibehaltung, so wie ursprünglich ausgemacht.
Auf dem Weg nach Udine wollte Emily auf dem Rücksitz unseres Wagens Platz nehmen, zusammen mit ihrem kleinen Schwesterchen, das sie länger nicht mehr gesehen hatte, Mary Berta überließ ihr das Baby aber nicht, sondern setzte sich selbst nach hinten. Irgendwie hatte ich in diesen Stunden das Gefühl, dass wir für Mary Berta ein Fremdkörper waren, oder umgekehrt, sie für uns. Es kam kein Lächeln über ihr Gesicht, sie machte einen abweisenden Eindruck.
In der Wohnung in Udine sollte ein neues Leben beginnen, ich hoffte auf einen ruhigen, geordneten Tagesablauf, da nun sowohl für Veronikas Pflege und die Führung des Haushaltes durch Mary Berta, als auch für meine Berufstätigkeit alle Voraussetzungen gegeben waren.
Schon in der ersten Nacht gab es ein kleines Problem. Mary Berta wollte nicht, dass das Baby zwischen uns schlief, weil sie befürchtete, ich könnte es, wenn ich mich umdrehte, erdrücken. Ich erklärte ihr, dass dies absurd sei, weil ich einen sehr seichten Schlaf hatte und mich nie unbewusst im Bett von einer Seite auf die andere legte. Außerdem wollte sie absolut nicht, dass Veronika auf dem Bauch lag, weil sie gelesen hatte, dass der sogenannte schnelle Kindestod statistisch häufiger bei Babys auftrat, die auf dem Bauch schliefen. Ich erklärte ihr, dass nicht die Bauchlage, sondern andere Ursachen für den Kindestod verantwortlich seien (nach neuesten Erkenntnissen ist er auf Bakterien oder bestimmte Substanzen in Matratzen zurückzuführen).
Aber es half nichts. Aus meiner Erfahrung mit Emily wusste ich, dass Babys sehr gerne auf dem Bauch liegend einschlafen und in dieser Lage auch ruhiger bleiben.
Am nächsten Morgen blieb Mary Berta mit Veronika liegen, bis sie sie gestillt hatte. Dann stand sie auf und wusch sich, während ich Veronika zu mir ins Büro nahm, da keinerlei Kundenbesuche angesagt waren. Eine kleine Schatulle auf meinem Schreibtisch erregte Veronikas Interesse. Es gelang ihr, mit ihren Händchen den Deckel etwas aufzuklappen. In den nächsten Tagen versuchte sie es immer wieder, bis sie den Deckel fast ganz öffnen konnte. Es war für mich ein vollendetes Glücksempfinden, sie im Arm zu halten, denn ich merkte, wie sehr sie sich dabei wohlfühlte und wie aufmerksam sie die kleine Welt um sich herum musterte.
5 Sterne
Das Buch hat (leider) nichts an Aktualität verloren - 11.05.2022
emf

Dieses Buch ist nicht nur fesselnd, sondern gleichzeitig ein berechtigter Aufschrei über die Familienpolitik in Europa und die sogenannten oft hervorgehoben aber nicht eingehalten Menschenrechte weltweit.Das überaus persönliche, emotional sehr berührende und detailgetreue beschriebene Schicksal Neugebauers - das kein Einzelfall ist, das nicht berücksichtige Wohl eines Kindes und viele andere Themen lassen einen nicht unberührt und eröffnen eine Sicht, die in unzähligen Bereichen der Gesellschaft (Politik, Gesellschaft, ...) bis heute kaum Gehör finden.

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