Manchmal hast du keine Wahl

Manchmal hast du keine Wahl

Elisa Bragy


EUR 29,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 772
ISBN: 978-3-99131-589-6
Erscheinungsdatum: 02.11.2022
Als Isa die Theatervorstellung besucht, weiß sie noch nicht, dass ein Gespräch, welches sie anschließend mit dem Hauptdarsteller führt, ihr ganzes Leben auf den Kopf stellen wird. Eine Lebensgeschichte, die fasziniert und Mut macht sein Leben zu leben.

Es sind seine Augen. Sie führen ein Eigenleben in diesem schönen männlichen, von der Sonne gebräunten Gesicht. Sie sind blau, ein ganz besonderes Blau, und machen diesen Blick zu dem, was er ist. Sie schauen dich nicht nur an, sie fixieren dich. Je nach Situation. Du kannst dich in diesen Augen nicht verlieren, du hast vielleicht das Gefühl, es zu können, aber du kannst es nicht. Was du aber kannst, ist, an ihnen zu erfrieren oder zu zerbrechen. Sie sind wie Spiegelfenster. Er sieht hinaus, aber du kannst nicht hineinsehen, außer er lässt es zu, was nicht allzu oft vorkommt. Wann diese Grenze sich öffnet oder schließt, entscheidet er, und nicht du.

Sein Mund kann lächeln, seine Worte dir schmeicheln, er kann charmant sein, dich um den Finger wickeln, sein Lachen dich betören und seine Ausgelassenheit dich mitreißen. Er gibt dir das Gefühl, dass er ganz bei dir ist, aber wenn du in die Augen siehst, merkst du, dass dem nicht so ist. Sein Blick sagt dir, dass er schon lange irgendwo anders ist und seine Gedanken schon weitergezogen sind, bewusst oder unbewusst. Trotzdem lassen dich diese Augen nicht los. Sie spielen mit dir, sie haben dich eingefangen. Plötzlich, warum auch immer, ist die Grenze offen, er ist wieder da und lässt es zu, dass sie dich sehen. Es ist wie der Flügelschlag eines Schmetterlings, der dich berührt, du bist verzaubert du schwebst. Du wirst zu Ikarus und schwingst dich der Sonne entgegen, aber freue dich nicht zu sehr. Diese Grenze ist unberechenbar, schon bald ist sie wieder zu und der Augenblick ist vorbei. Du aber der Sonne schon zu nah. Das Wachs deiner Flügel schmilzt dahin und du stürzt ins Bodenlose.
Sind sie der Spiegel seiner Seele? Spiegeln sie das Wissen, Unkontrollierbarem zu begegnen? Spiegeln sie die Angst, Freiheit zu verlieren oder Verletzungen nochmals ausgesetzt zu werden, die Grenze zu überschreiten – oder ist es einfach Arroganz und Selbstverliebtheit?
Etwas davon mit ‘Ja’ zu beantworten, wäre zu simpel. Dafür ist dieser Mensch zu vielschichtig, seine Leidenschaft zu groß und die Grenze für ihn zu nah.
Er ist beliebt, gern gesehener Gast, intelligent und von den Menschen umschwärmt. Er weiß, worüber man nicht lachen darf, und kennt menschliche Werte. Ebenso weiß er, wann und wo man sich wie benimmt, nützt seine gute Kinderstube. Zudem kennt er die Zauberformel um aufgefordert zu werden, einzutreten. Er lässt sich nicht einschränken, nicht zwingen, entspricht bei näherem Hinsehen nicht dem ‘Ideal’ eines gängigen Menschen. Das ist ihm bewusst, aber er will es auch gar nicht. Es spielt für ihn keine Rolle – nicht im Moment –, er ist noch jung genug, erfolgreich und feurig. Er kann noch brennen, er hat noch die Wahl. Er lebt sein Leben an seiner Grenze, hat Plattformen, um diese Grenze nicht überqueren zu müssen. Das macht ihn aus. Dafür ist er geboren worden, dafür hat er gekämpft. Dafür lebt er.

***

Dies und noch vieles mehr wurde mir auf einen Schlag bewusst, als ich ihm das erste Mal begegnete. Es war wie ein Déjà-vu. Alles, was ich über ihn gelesen, gehört und gesehen hatte, bekam noch mehr Sinn. Gebannt schaute ich ihm zu. Er spielte seine ureigene Komposition, spielte genau die Töne, die er wollte. Bestimmte das Tempo, den Anfang und das Ende der Partitur und übernahm jede Stimme, die er dazu brauchte. Und er wurde gehört. Die Menschen hingen an seinen Lippen, wurden von seinem Wesen angezogen wie die Motten vom Licht. Es wäre zu einfach zu sagen, es wären nur die Frauen. Nein, er hatte die Fähigkeit, alles, was menschlich ist, in seinen Bann zu ziehen.
Und da stand ich nun, in sicherem Abstand, gebannt, ängstlich und überwältigt zugleich. Ich war berauscht wie ein Teenager, leider nicht mehr so naiv, trotzdem wusste ich nicht, ob ich bleiben oder mich in sichere Gefilde retten sollte. Verzaubert und gleichzeitig unendlich traurig. Traurig, da ich bereits erkannt hatte, dass ich wie Ikarus war und mich unendlich von dieser Sonne angezogen fühlte. Dies trotz des Wissens, am Ende ins Unendliche abzustürzen. Trotzdem hatte ich weder die Kraft noch den Willen, mich abzuwenden. So wie dieser Mann seinen Weg ging, musste ich den meinen gehen, das war das Einzige, was mir in diesem Augenblick klar war. Also blieb ich dort, wo ich war, und wartete darauf, dass ich die Möglichkeit bekam, ihn kurz anzusprechen, um ihm mein Anliegen mitteilen zu können.
Es dauerte. Während ich da stand, fiel mir auf, dass er ein-, zweimal den Kopf wendete und kurz zu mir herüber sah, bevor er sich wieder seinem Gegenüber zuwandte. Ich hatte das Gefühl, dass ihn mein Abstandhalten etwas irritierte. Er konnte mein Verhalten nicht ganz zuordnen, da all die anderen seine Nähe suchten. Ich aber stand ruhig dort an der Säule und schaute nur zu. Nach einiger Zeit, als die Damen, berauscht von seiner Nähe, etwas echauffiert und mit roten Wangen, ihre Selfies mit ihm gemacht und ihre Autogramme erhalten hatten und die Männer langsam nicht mehr wussten, über was sie sprechen sollten, löste sich die Gruppe auf. Er drehte sich nochmals um, verbeugte und bedankte sich bei allen und ging relativ zügig auf die Türe zu. Das war nun der Moment, wo ich mich in Bewegung setzen musste, wollte ich ihn noch aufhalten. Ich ging los und gerade als er die Türklinke niederdrücken wollte, sprach ich ihn an.
Er hielt inne und drehte sich mir zu, überrascht, die Frau, welche die ganze Zeit an der Säule geklebt hatte, vor sich zu sehen.
Einen Wimpernschlag lang wirkte er müde, abwesend und etwas genervt. Dann war er wieder da, charmant lächelnd.
«Ja, bitte, haben Sie einen Wunsch?»
Ich schaute ihn an und sagte – Ja, auf diesen Satz habe ich schon lange gewartet …
Nein, das sagte ich ganz bestimmt nicht! Da war meine Feigheit zu groß oder meine Schlagfertigkeit zu klein oder beides.
«Guten Abend, Herr Brechner. Mein Name ist Bergmann. Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie aufhalte. Ich bin keine Journalistin, sondern komme mit einem Anliegen. Ich möchte Sie um ein kurzes Gespräch bitten. Nicht jetzt, aber wenn möglich in den nächsten drei Tagen», antwortete ich ihm lächelnd.
«Ja, worum geht es denn? Normalerweise wenden sich die Leute an meine Agentur», sagte er immer noch sehr freundlich.
«Ich weiß, aber mein Anliegen ist nicht groß genug, um es in ihrer Agentur zu deponieren. Sie würden es nicht weiterleiten, da es ihrer Ansicht nach nicht wichtig genug wäre, um Ihnen damit die Zeit zu stehlen», kam es von meiner Seite.
«Also gut, können Sie mir kurz sagen, worum es geht? Ich bin noch verabredet!»
Der Ton veränderte sich um eine winzige Nuance, wurde um eine Spur dunkler und seine Augen fixierten mich.
«Gern, es geht um ein Projekt, welches Sie aufgebaut haben. Sie haben für ein klassisches Werk eine eigene persönliche Form entwickelt, um jungen Menschen die Literatur näher zu bringen. Als ich das gelesen habe, war ich von dieser Idee fasziniert. Vor allem, weil Sie für mich auch heute noch, im übertragenen Sinn natürlich, ein Brückenbauer sind. Nun möchte ich von Ihnen wissen, wie man das auch bei uns einbringen könnte. Aus diesem Grund würde ich mich gern mit Ihnen über das damalige Projekt unterhalten. Ich bin noch bis Montagmorgen hier und wohne zurzeit in der Lenkaigasse 17. Ich habe Ihnen meine Handynummer aufgeschrieben, unter der Sie mich erreichen können. Wenn Sie Lust und Zeit haben, würde ich mich über ein Gespräch mit Ihnen wirklich sehr freuen.»
Ich hielt seinem Blick stand, ließ mir nicht anmerken, dass ich ihn am liebsten geschüttelt hätte, damit er mir wirklich zuhörte, und reichte ihm den Briefumschlag.
«Gut, ich werde sehen, ob ich die Zeit dafür finden kann», sagte er mit einem charmanten, unverbindlichen Lächeln.

«Das ist nett, vielen Dank, und bitte nicht wegwerfen oder verlieren», lächelte ich zurück.
«Na, das werde ich mir doch merken. Also dann, Sie werden von mir hören.» Er verabschiedete sich und als er gerade die Türe öffnen wollte, sah er sich nochmals um. Erstaunt schaute er zu mir hin, da ich immer noch an der gleichen Stelle stand.
«Ich möchte mich nur noch für den Abend bedanken, es war eine großartige Performance!», sagte ich mit einem freundlichen Lächeln.
Nun machte er wieder einen Schritt auf mich zu und schaute mich an. Sein Blick war auf mich gerichtet, die Grenze offen und das Lächeln, das sein Gesicht aufhellte und den Ausdruck ‘ok, erledigt’ verfliegen ließ, erreichte seine Augen. Er nahm mich, respektive das Gehörte wahr, das konnte ich auf Anhieb sehen. Was für eine Verwandlung! Plötzlich war die Hektik von ihm abgefallen und er schien alle Zeit der Welt zu haben.
Nun war ich es, die sich lächelnd verabschiedete, einfach umdrehte und davon ging. Gott sei Dank sah er nicht, wie viel Kraft mich das kostete. Da ging ich klopfenden Herzens, aufgewühlt, froh und voller Hoffnung, Angst vor der nächsten Begegnung oder der Nichtbegegnung. Die Gefühle jung, die Verpackung etwas reifer, nicht viel gescheiter als vor Jahren, nur wissender.
Auf dem Nachhauseweg schlenderte ich gemütlich die Straßen entlang, vorbei an den schönen alten Häusern mit ihren prachtvollen Fassaden. Sie waren gepflegt und im Wert zunehmend, schützenswerte Objekte, wie sie genannt wurden. In diesem Moment wünschte ich mir, ein Haus zu sein und nicht eine Frau. Eine Frau wird älter, aber ist im geläufigen Sinn nicht schützenswert, wird einfach nur alt. Auch die schönen alten Bäume, die da so majestätisch standen, bei denen jeder Jahrring zu ihrer Schönheit beitrug, auch die halfen nicht, mich aus meiner Tristesse, die mich ohne Vorwarnung überfallen hatte, zu reißen. Bei uns Frauen werden Falten und Flecken überdeckt, der Körper getrimmt, Jahre weggeschminkt und verleugnet. Man erwartet, dass wir jung, schön und fit diesen Planeten verlassen.

Ein Mann hat es da etwas einfacher, besonders wenn er erfolgreich ist. Da stehen ihm noch, trotz rundem Bauch und schwabbliger Masse, die Türen offen. Er lacht sich ein junges Geschöpf als Jungbrunnen an und zeigt der ganzen Welt, was er noch alles kann. Lacht eine Frau sich einen jüngeren Mann an, da glauben alle zu wissen, dass dieser ganz sicher einen Mutterkomplex hat oder sie so dumm ist, dass sie nicht merkt, warum er es mit ihr aushält. Ich wusste, dass da eine klitzekleine Bitterkeit in mir war, und warum das so war, wusste ich ebenfalls.
Müde und doch irgendwie sehr wach stieß ich das Gartentor auf. Der Kies knirschte unter meinen Schuhen, als ich zum Eingang ging. Ich öffnete die Tür und trat ein. Die Kühle der Eingangshalle ließ mich frösteln. Meine Schritte auf den wunderschönen schwarz-weißen Fliesen hallten in meinen Ohren etwas zu laut. Langsam stieg ich die Stufen zur zweiten Etage hinauf und stand dann vor meiner Tür und trat ein. Als Erstes schlüpfte ich aus meinen Schuhen. Als ich den Boden unter meinen Fußsohlen fühlte, war es wie immer befreiend. Die Schwelle ins Wohnzimmer hieß mich mit einem leisen Knarren willkommen. Ich knipste die Stehlampe neben dem Tisch an und öffnete die Flügeltüre. Mit dem Glas Rotwein, das darauf wartete, fertig getrunken zu werden, trat ich auf den Balkon hinaus. Der Himmel war übersät mit Sterne und der Mond ließ sich hinter den Blättern der Bäume schon erahnen. In ungefähr einer Stunde würde er über den Baumkronen stehen und in mein Schlafzimmer hineinschauen. Nur würde dieses, wie fast immer in den letzten Tagen, leer sein. Ich arbeitete an einer Übersetzung und das bedeutete, dass ich die paar Tage in meinem selbstgewählten Exil unbedingt nützen wollte. Gleichwohl war ich ehrlich genug zuzugeben, dass es da schon etwas gäbe, was mich davon abhalten könnte. Ein Gespräch mit Tim Brechner.
Als ich einen Moment später die Balkontüre schloss und mich setzte, fragte ich mich, ob er sich melden würde oder ob er den Briefumschlag bereits entsorgt, das heißt liegen gelassen oder weggeschmissen hatte. Einerseits war ich mir fast sicher, sein Verhalten abschätzen zu können, anderseits kannte ich ihn aber nicht. Wenn er so war, wie ich es mir vorstellte, würde die Neugierde überwiegen. Zu wissen, was genau ich von ihm wollte und warum, könnte ihn eventuell dazu bewegen, mit mir Kontakt aufzunehmen. Aber wie ich ebenfalls wusste, entsprach er keinem Muster. Wie wir alle, war er ein Mensch aus vielen Schichten, mit dem Unterschied, dass er diese verschiedenen Schichten oder Seiten auch lebte, was man überall lesen konnte. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass er in seiner Unberechenbarkeit trotz allem irgendwie berechenbar war. Einbildung meinerseits?
Ich hätte noch stundenlang darüber sinnieren können und wäre zu keinem schlüssigen Resultat gekommen. Also entschloss ich mich, mit meiner Arbeit fortzufahren. Erstaunlicherweise gelang mir das besser als erwartet und ich konnte meine Gedanken lenken und umsetzen. Wie immer vergaß ich die Zeit. Plötzlich klingelte mein Handy. Erstaunt stellte ich fest, dass es bereits zwei Uhr war und schaute auf das Display. Unterdrückte Nummer, was soll’s? Ohne lange nachzudenken drückte ich den Anruf weg. Gerade als ich mich wieder meiner Arbeit zuwenden wollte, fing das Geklingel erneut an. Genervt nahm ich ab und meldete mich mit einem ziemlich zackigen «Ja», als ich die Stimme von Tim Brechner vernahm. Ich spürte, wie sich meine Nackenhaare aufstellten, mein Mund trocken wurde, die Zunge an meinem Gaumen festklebte, so dass alles, was ich rausbrachte, ein klägliches «Hallo» war.
«Störe ich Sie?», fragte mich eine hellwache und sehr präsente Stimme.
«Nein, nein, überhaupt nicht.»
Ich konnte fast nicht sprechen, mein Hals war wie zugeschnürt, so kam es mir jedenfalls vor.
«Ich stehe hier unten vor Ihrem Haus und sehe, dass bei Ihnen noch Licht brennt. Ich hätte jetzt Zeit für ein Gespräch. Kann ich raufkommen?», fragte er, als wäre es das Normalste der Welt, um zwei Uhr morgens bei jemandem zu klingeln und zu fragen, ob er eintreten dürfe.
Überhaupt, woher wusste er, dass das Licht zu meiner Wohnung gehörte? Annahme oder Bereitschaft zum Risiko?
«Ja, klar, warten Sie, ich öffne Ihnen. Kommen Sie rauf.»
Ich spurtete zur Tür, drückte den Summer und öffnete die Wohnungstüre einen Spaltbreit. Danach rannte ich wie ein aufgescheuchtes Huhn ins Bad, sah in den Spiegel und wunderte mich, dass dieser bei meinem Anblick nicht zersprang. Was soll’s, da war in dieser kurzen Zeit nichts mehr zu machen. Sein aufgekratztes «Hallo» war bereits vor der Tür und ich hörte, wie er eintrat und die Schuhe von seinen Füßen kickte. Ok! Volle Kraft voraus! Was dich nicht umbringt, macht dich ja bekanntlich stark, fiel mir ein beliebtes Sprichwort meiner Mutter ein. «Contenance, liebe Frau, Contenance, das ist es, was Sie jetzt brauchen», flüsterte mir dagegen meine innere Stimme zu.
Da standen wir nun in meinem Wohnzimmer um zwei Uhr morgens, ich in Leggins und T-Shirt, barfuß. Er barfuß in Jeans und Shirt, noch etwas Schminke in seinem Gesicht, die Haare zerwühlt, eine alte Tasche umgehängt. Seine Körperhaltung ein Fragezeichen in Ausrufzeichenmanier, grinsend übers ganze Gesicht. Ein Junge mit Flausen, hellwach und voller Neugierde. Eine unbeschreibliche Ausstrahlung. Meine Nervosität war von einem Moment zum anderen wie weggeblasen. Es kam mir vor, als wäre es das Normalste der Welt, hier um zwei Uhr morgens mit ihm zusammen in meinem Wohnzimmer zu stehen und ihn zu fragen, ob er etwas zu trinken wünschte. Eine so verrückte Situation in eine so normale zu transformieren, das konnten nicht viele. Dies war einer seiner großen bewussten oder, was ich eher vermutete, unbewussten geschenkten Stärken. Nur sehr wenige Menschen können andere ohne große Worte und nur mit ihrer Anwesenheit so gefangen nehmen. Die Frage, ob eventuell noch jemand anders hier wäre, kam ihm erst gar nicht in den Sinn – alles, was ihn interessierte, war herauszufinden, was ich von ihm wollte. Auf meine Frage, woher er wusste, dass das beleuchtete Fenster zu meiner Wohnung gehörte, meinte er, dass er erfahren habe, dass es im zweiten Stock ein Airbnb gab. Und ich hätte ja gesagt, dass ich zurzeit dort wohne. Kluges Köpfchen … und er hatte mir wirklich zugehört!!
Nachdem er sein Glas Wasser und den gewünschten Tee erhalten hatte, setzte er sich im Schneidersitz auf das Sofa, sah mich an und wartete darauf, dass ich anfing. Small Talk war absolut nicht gefragt – Gott sei Dank!
Gut, wo fing ich an? Keine Ahnung! Bevor ich meine Gedanken in Worte fassen konnte, löcherte er mich bereits mit der ersten Frage.
«Woher wissen Sie das wegen … Nein, ich bin Tim und wer bist du?»
«Ich bin Isa», antwortete ich.
«Also, Isa, woher kennst du mich und seit wann?»
«Also, wann ich dich das erste Mal wahrgenommen habe, weiß ich leider nicht mehr so genau, irgendwie war es Zufall.» Das war sicher nicht die Antwort, die er hören wollte, aber fact is fact!
«Was ich gehört und gesehen habe, hat mich sehr beeindruckt. Ich habe verschiedene CDs und Filme von dir. Auch habe ich gelesen, wie deine Reise mit deiner mobilen Theaterproduktion und dem Experiment angefangen hat. Ich schaue mir deine Interviews an und besuche Vorstellungen, wenn das möglich ist. Dabei ist mir klargeworden, dass du außerhalb der Normen lebst und spielst. Du hast keine Berührungsängste, keine Hemmungen, das zu sein, was du bist. Mir gefällt es, wie du dich auf deine Rollen einlässt. Du machst alles, um nicht in eine Schublade gesteckt zu werden. Wohlverstanden, hier spricht eine Laiin und nicht eine Fachfrau, die sich in der Theater- und Schauspielwelt gut auskennt, aber irgendwie bist du eine vertraute Seele für mich.»
«Bin ich das?», fragte er mich und sah direkt in mich hinein.
«Ja, auch ich passte und passe auch heute noch in keine Schublade, wenn auch anders als du. Schon in jungen Jahren war ich deswegen manchmal ein Alptraum für meine Umgebung. Aber kommen wir auf dich zurück, meine Geschichte hat hiermit nichts zu tun und ist nicht relevant. Ich weiß nicht, wie es bei euch ist, bei mir löst dieses Gehabe um die Kultur oft einen schalen Nachgeschmack aus. Sie ist zum Teil sehr elitär.»
«Was meinst du damit?»
«Da ist zum Beispiel immer noch das mit der E- und U-Unterhaltung. Gehörst du zu denen, die Kunst verstehen und wissen, worum es geht, hörst du natürlich E-Musik, gehst in die Oper und ins Theater, besuchst die Ausstellung, die man gesehen haben muss, und liest nur Bücher, die wirklich ‘gehaltvoll’ sind. Wenn du aber zu der Gruppe der ‘einfacher gewickelten Menschen’ gehörst, dann konsumierst du U-Musik und -Bücher, aber sicher nur seichten Stoff. Wenn ich solche Äußerungen höre, wird mir übel. Dann könnte ich schreien und aus der Haut fahren! Kultur muss in all ihren Facetten für jedermann zugänglich sein. Für viele Leute ist die Hemmschwelle, sich auf die Kultur einzulassen, einfach zu groß, da sie Kultur nur mit Theater, Oper etc. in Verbindung bringen. Zusätzlich schreckt sie das Gehabe gewisser Leute ab. Genau dieses Verhalten wirkt auf sie einschüchternd und bestätigt so ihre Vorurteile gegenüber dem, was sie als Kultur ansehen. So werden sie den wichtigen Schritt über diesen Graben niemals machen. Ich bin überzeugt, dass viel mehr Menschen sich dafür interessieren würden, wenn sie nicht Angst haben müssten, sich zu blamieren. Es wäre großartig, wenn sie sich bewusst wären, dass man einiges nicht verstehen darf und einem auch nicht alles gefallen muss. Man müsste nur einen Weg finden, um ihnen zu zeigen, dass Kultur viele Farben hat und man sich dabei nicht langweilen muss, dass es nicht nur ein Entweder-Oder gibt. Auch sollten sie wissen, dass es bei den sogenannten Kulturkennern viele gibt, die überhaupt nichts verstehen, sondern sich nur aufplustern wie ein Pfau. Aus diesem Grund finde ich, dass das, was du machst, so genial ist. Du reißt Grenzzäune nieder und wagst es, zu experimentieren. Du hast die Fähigkeit, dies mit Respekt und Passion zu tun. Durch deine persönliche Auseinandersetzung mit den Werken zeigst du auf, dass diese sogenannten alten verstaubten Texte überhaupt nichts an Aktualität verloren haben und definitiv nicht nur für eine bestimmte Gesellschaftsklasse gemacht worden sind. Du präsentiert sie so, dass sie den Zugang, sowohl zu jungen als auch zu solchen, die sich bis anhin damit immer gelangweilt haben, finden. Du überlistest den ‘Dünkel’ der überheblichen Menschen. Du bist so eine Ausnahme, dass selbst die ‘ehrbaren’ Bürger nicht anders können als dir zuzuhören, dein Können zu respektieren und sich damit zu brüsten, dass sie diesen genialen Verrückten kennen.»
Tim brach in schallendes Gelächter aus, seine Augen blitzten schalkhaft, als er sagte:
«So, so, ein genialer Verrückter bin ich also. Gut gebrüllt, Löwin! Dann bist du aber ein verrücktes Huhn.»
«So in etwa», kam es spontan von meiner Seite.
«Was meinst du damit?», fragte er grinsend und schaute mich an.
«Ja, sagen wir, ich bin so etwas wie eine verrückte, mittelaltrige Henne, das würde es wohl eher treffen!»
Er grinste noch mehr. «Ah, die Dame fischt nun nach Komplimenten.»
«Nach Komplimenten fischen, wer, ich?», frech grinste ich zurück.
Ich schaute auf die Uhr. Es war bald vier Uhr und der Tag stand schon vor dem Fenster. Gott, war ich müde und trotzdem hellwach.
Ohne Übergang fragte mich Tim: «Könnte ich hier auf deinem Sofa einen Moment schlafen? Es haut mich nächstens um.»
«Klar, kein Problem, ich hole dir eine Decke.» Ich erhob mich und ging ins Schlafzimmer.
Als ich zurückkam, lag er ausgestreckt mit geschlossenen Augen, einen Arm angewinkelt da und schlief bereits. Vorsichtig legte ich die Decke über ihn und erlaubte mir den Luxus, ihn einen Moment lang zu betrachten. Es war unglaublich, hier lag er nun, friedlich als könnte er kein Wässerchen trüben, ruhig und entspannt – auf meinem Sofa in Morpheus’ Armen, als wäre es das Normalste der Welt. Ein fünfzigjähriger Mann oder etwa ein Faun aus der Mythologie – oder beides?
Todmüde, aber glücklich, verzog ich mich ins Schlafzimmer, schloss die Tür und legte mich hin. Einen Pulsschlag später folgte ich Tim ins Land der Träume.



5 Sterne
Faszinierend - 08.11.2022
S. Biedermann

Das Buch packt einem von Beginn an. Es ist keine gewöhnliche Liebesgeschichte sondern eine ganz besondere. Obwohl mandenkt zu wissen, wie es weiter geht , kommt es anders. Sehr sehr spannend und lesenswert.

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