Lucas weint nicht

Lucas weint nicht

Marc Maurer


EUR 24,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 430
ISBN: 978-3-99038-879-2
Erscheinungsdatum: 21.05.2015
Nach ihrem Tod erscheint die geliebte Mutter ihrem neunjährigen Sohn Lucas zuhause im Bett und erzählt ihm die Geschichte ihres Lebens. Ein Leben, das von vielen traumatischen Ereignissen und Turbulenzen durchzogen war, die nicht ohne Folgen blieben.
Ein Junge weint nicht!“, erinnerte mich Peter Landauer an mein Versprechen; er hatte mir meine Zusicherung am Frühstückstisch abgerungen.
Es waren nur einige Verwandte meiner Mutter gekommen. Außer ihnen hatte niemand an diesem feuchtkalten Morgen den Weg zu unserem Vorstadtfriedhof eingeschlagen. Weder Nachbarn noch Freunde waren da. Dies war nicht weiter erstaunlich, hatte doch mein Stiefvater zeitlebens nie Freunde gehabt. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, ob je ein Nachbar etwas mit meinem Stiefvater zu tun haben wollte. Meine Mutter hatte ihre langjährigen Freundschaften schon vor langer Zeit aufgegeben. Landauer hatte es so gewollt. Mein Stiefvater hatte seiner zweiten Frau schon früh jeglichen Kontakt zu ihren Freundinnen und dem lokalen Weibsvolk untersagt. „Ich habe dich geheiratet, weil du mir bei der Arbeit auf dem Hof zur Hand gehen sollst. Das Organisieren von Kaffeekränzchen kannst du jenen überlassen, die reich sind, und nichts Gescheiteres zu tun haben!“ Lydia hatte schon damals nicht gewagt, ihrem Gatten zu widersprechen. In Mutters Augen hatte sie Landauer alles zu verdanken, hatte er sie doch, trotz ihres Gebrechens und samt ihrer Altlasten, wie er uns Kinder zu nennen pflegte, bei sich aufgenommen. Dank Landauer hatten wir seit vier Jahren wieder ein eigenes Dach über dem Kopf. Aber der Preis, den meine Mutter und wir für seine Großzügigkeit bezahlen mussten, war hoch.
Den Kontakt zu seinen drei Geschwistern Jeremias, Rolf und Anna hatte mein Stiefvater schon vor gut drei Jahren endgültig und im Streit abgebrochen. Ich hatte sie alle gekannt, aber an ihre Gesichter kann ich mich nur noch vage erinnern. Es ist schon zu lange her, seit ich den einen oder anderen zum letzten Mal gesehen habe.
Landauers Geschwister wohnten seit ihrer Geburt in Frick, einem großflächigen Bauerndorf im Schweizer Kanton Aargau. Sie waren an diesem Ort auf die Welt gekommen. Und bestimmt würden sie auch dort beerdigt werden. Für kein Geld der Welt hätten sie Frick je verlassen.
Nicht so ihr Bruder Peter. Mein Stiefvater, Peter Landauer, war noch keine 15 gewesen, als er von zu Hause ausgerissen war. Soweit mein Stiefvater sich zurückerinnern konnte, hatte er das gottverlassene Nest und die Einwohner von Frick gehasst. Eines Tages hatte er genug von ihnen, seiner Familie und seinem verschissenen Leben gehabt. Er war mitten in der Nacht, als das Dorf noch im Tiefschlaf gelegen hatte, abgehauen, ohne ein klärendes Wort zu hinterlassen.
Selbstverständlich war das Ausreißen des Jugendlichen nicht lange unentdeckt geblieben. Im Grunde genommen hätte Peters plötzliches Verschwinden die Bewohner in helle Aufregung versetzen sollen, schließlich war es im Dorf noch nie vorgekommen, dass ein Minderjähriger untertauchte, ohne die geringste Spur zu hinterlassen. Aber die Leute hatten ihre eigenen Sorgen. Dem außerordentlichen Ereignis wurde wenig Beachtung geschenkt. Auf die Idee, nach dem Vermissten zu suchen, war keiner gekommen, nicht einmal von Amts wegen. Es hatte auch kein Anlass dazu bestanden, schließlich fehlte der Junge niemandem. Aber auch für Peter hatte es damals in Frick nicht eine einzige Menschenseele gegeben, die er vermisst, oder der er nachgetrauert hätte.

***

„Vermutlich wissen Stiefvaters Geschwister noch gar nicht, dass ihre Schwägerin nicht mehr am Leben ist“, ging es mir durch den Kopf. Ich war traurig und aufgewühlt. „Von wem hätten sie es denn erfahren sollen, wenn nicht von einem Mitglied unserer Familie?“ Zu bemerken sei, dass Landauer uns Kinder bei Strafe verboten hatte, seine Angehörigen zu verständigen, oder sie gar zum Begräbnis einzuladen. Es war nur eine von vielen Peinlichkeiten, derer ich mich an diesem Morgen schämen sollte. Aber am meisten fehlten mir meine Großeltern. Die Eltern meiner Mutter. Sie waren letztes Jahr, innerhalb von nur sieben Monaten, einer nach dem andern gestorben.
Landauer hatte es für unnötig erachtet, im Tagblatt eine Todesanzeige aufzugeben. Auch dem gebührenpflichtigen Aushang im Schaukasten der Gemeindekanzlei und der Kirche hatte er seine Zustimmung verweigert. „Lieber kaufe ich mir eine Kuh, als dass ich mein schwer verdientes Geld zur Druckerei oder zu den Behörden trage“, hatte er Don Claudio, den Pfarrer unserer Vorstadt-Gemeinde wissen lassen. „Ich versichere Ihnen, dass der Nachruf in unserem Pfarrblatt mit keinerlei Kosten verbunden ist“, hatte ihn Don Claudio zu beschwichtigen versucht. „Ich hätte dafür auch nichts bezahlt, schließlich unterhalte ich mit dem vielen Geld, das ich dem Steueramt abliefere, auch Sie und Ihre Kirche!“ Landauers Bemerkung hatte ihr Ziel nicht verfehlt. Don Claudio war tief gekränkt. Trotzdem hatte er einen letzten, verzweifelten Anlauf genommen, um Stiefvaters gemachte Meinung doch noch umzustoßen: „Aber unsere Anzeige erscheint doch erst am Monatsende. Und bis zum Einunddreißigsten fehlen immerhin noch ganze zwölf Tage.“ Es war ein desperater Versuch gewesen, Landauer doch noch von der Notwendigkeit der Schaukasten-Publikation zu überzeugen. „Dummes Zeug! Wer interessiert sich schon dafür? Seit Lydias Tod ist ja bereits ein Tag vergangen, und die Welt dreht sich trotzdem noch. Oder sehen Sie ein Anzeichen dafür, dass sie sich seit gestern nicht mehr dreht, oder gar untergegangen ist? Ganz abgesehen davon – das, was sich gestern ereignet hat, ist heute sowieso nicht mehr aktuell. Wie sagt man doch so schön: Bis zum Morgengrauen verliert der Schnee von gestern seine natürliche Farbe! Wenn Sie begreifen, was ich damit meine.“
Don Claudio hatte es nicht verstanden. Er hatte den Spruch noch nie zuvor gehört, und wollte auch nicht wissen, was es damit auf sich hatte. „Aus Landauers Mund konnte es sowieso nichts Gescheites sein!“

***

Dass Peter Landauer von seinen Angehörigen seit Langem gemieden wurde, konnte man ihnen nicht verübeln. Es war allgemein bekannt, dass mein Stiefvater seine Geschwister beim Aufteilen der elterlichen Hinterlassenschaft aufs Schändlichste getäuscht und hintergangen hatte. Verständlich, dass sie ihm sein unchristliches Verhalten bis zum heutigen Tag weder vergessen noch verziehen hatten. Dass seine Geschwister seit jener üblen Geschichte nichts mehr mit ihm zu tun haben wollten, kümmerte meinen Stiefvater wenig. Hätte er sich etwa darüber aufregen sollen? Er, der nur Nutzen und Ertrag aus seiner listigen Transaktion geschlagen hatte? Das Einzige, was für ihn zählte, war, dass er, dank seines genialen Schachzugs sein ohnehin schon stattliches Vermögen, auf wundersame Weise hatte vermehren können.

***

„Ein Junge weint nicht!“ Ich hatte Stiefvaters frühmorgendliche Anordnung nicht vergessen. Aber mein Augenwasser war stärker gewesen. Es hatte sich ungehindert seinen Platz durch die Tränenkanäle gesucht, und war nun für jedermann zu sehen.
Landauers scharfer Befehl ließ mich zusammenfahren. Es kam mir vor, als hätte mich soeben ein Blitz aus dem wolkenverhangenen Himmel getroffen. Stiefvaters stahlblaue Augen waren nur noch als zwei unästhetische Schlitze zu erkennen. Ein wahrhaft maskenhafter Ausdruck, vor dem ich mich wie der Teufel vor dem Weihwasser fürchtete! Ich wusste, dass seine grimmige Miene nichts Gutes zu bedeuten hatte. Ich merkte, dass sich die Situation für mich nun gefährlich schnell zuzuspitzen begann. „Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, wird mein armer Rücken noch heute Landauers abgetragenen Gürtel zu spüren bekommen. Es ist keine vier Tage her, seit er mich auf diese grausame und unbeschreiblich schmerzhafte Weise bestraft hat.“
Ich versuchte verzweifelt meine berechtigte Angst unter Kontrolle zu bringen. Schnell, und beinahe unauffällig, rieb ich mit meinem linken Hemdsärmel meine nassen Wangen trocken. Es war ein letzter Versuch, mein ungebührliches Verhalten ungeschehen zu machen. Aber nach einigen bangen Sekunden stellte ich erleichtert fest, dass sich Landauers Gesichtszüge allmählich entspannten. Sogar seine Augen fanden wieder zu ihrer natürlichen Form zurück. Nur die tiefen Sorgenfalten auf seiner Stirn waren zurückgeblieben.
Ohne weitere Worte zu verlieren, drückte er mir eine kleine Metallschaufel in die Hand. Er vermied es, mich dabei anzusehen, denn er konnte weinende Knaben nicht ausstehen. Wie oft hatte er mir dies schon einzutrichtern versucht, und mich für meine Tränen bestraft? „Du bist weder Weib noch Junge!“, war eine seiner boshaften Feststellungen. Selbstverständlich sagte er solches nur, wenn meine Geschwister zugegen waren. Dass er es sichtlich genoss, wenn er mich vor allen bloßstellen konnte, war nicht zu leugnen. Alles in allem zog ich es vor, seine Schläge zu ertragen, als mich vor meinen Geschwistern erniedrigen zu lassen, obwohl mich danach mein Rücken für mehrere Tage schmerzte.
Stiefvaters massiger Finger zeigte auf das offene Grab. Ich nickte gehorsam, füllte das angerostete Werkzeug mit Erde, und warf den dunkelbraunen Humus in die Gruft. Ich hatte es genauso getan, wie er es mir vorgemacht hatte. Die feinen Körner fielen auf den honigfarbenen Sarg. Ich vernahm das trommelnde Geräusch, das sie bei ihrem Aufprall auf dem Holz hinterließen. Noch Jahre später hörte ich in meinen nächtlichen Träumen diese hässlichen Töne wieder. Ich trat einen Schritt zurück. Jemand nahm mir die Schaufel aus der Hand. Es war Anton. Für Landauer gehörte er nicht zur Familie. „Also ist doch noch jemand von hier gekommen!“, freute ich mich. Ich hatte Anton erst in diesem Augenblick bemerkt. Seiner geistigen Behinderung wegen hatte man Anton ins Altersheim gesteckt, obwohl er erst 44 Jahre alt war. Seine Eltern waren schon früh gestorben und in seiner Verwandtschaft hatte es niemanden gegeben, der sich um ihn kümmern wollte oder konnte. Ab und zu arbeitete Anton auf unserem Hof. Selbstverständlich ohne einen Rappen Geld zu erhalten. Für meine Mutter aber war Anton einer von uns. Gelegentlich, aber nur wenn mein Stiefvater nicht in der Nähe war, steckte sie ihm einige Silbermünzen zu. „Was wird jetzt aus dem armen Anton werden? Er wird bestimmt nie mehr zu uns auf den Hof kommen!“, vermutete ich vergrämt.
Obwohl ich mich vehement dagegen wehrte, füllten sich meine Augen wieder mit Tränen. Mein beinahe aussichtsloser Kampf begann von Neuem. Ich suchte verzweifelt nach einer Ablenkung, um mich von meinen düsteren Gedanken zu befreien.
Aber das Glück kam mir zu Hilfe. Ausgerechnet in diesem Moment fiel mein Blick auf Stiefvaters dreckige Gummistiefel. Von ihrer ursprünglichen Farbe war an besagtem Fußwerk nicht mehr viel zu sehen. Nur da und dort schimmerte noch etwas Grün durch die angetrocknete Erde. Schmutzige Stellen waren auch auf Landauers Hemd auszumachen. Trotz des rauen Wetters trug er das Kleidungsstück weit geöffnet, was unweigerlich den Blick auf seine stark behaarte Brust freigab. „Ein anstößiger Anblick bei einer Trauerfeier!“, fand ich und war mit meinen Gedanken wohl nicht allein. „Solch Skandalöses wäre früher nie vorgekommen. Wäre meine Mutter noch am Leben, würde er nun mit sauberem Hemdkragen, korrekt angezogen, und mit blitzblanken Stiefeln dastehen.“ Obwohl es mir nicht gelang, ein hämisches Grinsen zu unterdrücken, schämte ich mich im Grunde genommen für ihn. „Wäre ich doch ein Wurm! Denn wäre ich ein Wurm, könnte ich mich jetzt auf der Stelle in ein Erdloch verdrücken, und dort ausharren, bis niemand mehr da ist.“ Aber ich war kein Wurm, und es gab, außer Mutters Grab, auch weit und breit kein Loch zu sehen, in das ich hineingepasst hätte.

***

Mit seinem gewichtigen Körper und seiner Größe überragte Peter Landauer die übrigen Trauergäste deutlich. Das wäre an sich nichts Besonderes gewesen. Mit Schuhgröße zweiundfünfzig aber, sonderte er sich definitiv von ihnen ab. Soweit ich mich erinnern kann, hatte mein Stiefvater nie richtige Schuhe getragen. Zugegebenermaßen hatte es nicht allein an ihm gelegen. Nicht zu leugnen war, dass es weder in der Stadt noch auf dem Land ein Paar Schuhe dieser Dimension zu kaufen gab. Aber es war ebenso wahr, dass es meinem Stiefvater nicht einmal im Traum eingefallen wäre, ein Schuhwerk nach Maß anfertigen zu lassen. Wozu auch? „Für mich ist der Kauf von Schuhen aus dem Fenster geworfenes Geld. Den größten Teil des Tages verbringe ich sowieso auf den Feldern oder im Stall. Für die Verrichtung der täglichen Arbeit genügen meine Stiefel allemal!“ Ich konnte mich noch sehr gut an seine Worte erinnern.
Aber wenigstens für die sonntägliche Messe wären ein paar schwarze Schuhe kein unerschwinglicher Luxus gewesen. Auch heute, an Mutters Beerdigung, hätte sie Landauer gut brauchen können. „Gott will in seinem Haus das Gesicht seines Dieners, und nicht dessen Latschen sehen“, hatte Landauer anlässlich eines Kirchgangs zu meiner Mutter gesagt. Damit war das Problem für ihn ein für alle Mal vom Tisch und Mutters Stimme in dieser Sache für immer verstummt gewesen.

***

Die kleine Schaufel wechselte wieder die Hand. Geräuschvoll entleerte sie ihren Inhalt in das offene Grab. Und so ging es weiter, bis sich der letzte der Anwesenden von meiner Mutter verabschiedet hatte.
Don Claudio warf einen prüfenden Blick auf das helle Zifferblatt seiner schicken Armbanduhr. Das Schmuckstück war ein Unikat. Er hatte die Uhr von seiner früh verstorbenen Schwester geschenkt bekommen. Don Claudio trug dem edlen Ding Sorge. Nur sonntags und bei ganz besonderen Anlässen, war sie fester Bestandteil seiner Bekleidung. „Aber heute ist doch nicht Sonntag! Und es ist auch kein besonderer Feiertag! Hat etwa das Begräbnis meiner Mutter den Stellenwert eines besonderen Anlasses für ihn? Es muss so sein, sonst hätte er die Uhr bestimmt in seinem abgeschlossenen Schreibtisch zurückgelassen!“ Die Erkenntnis, dass Don Claudio den Schmuck ihretwegen an seinem Handgelenk trug, erfüllte mich mit Stolz. Es war eine Feststellung, die mir in diesem Augenblick ungemein guttat.
Meine Mutter hatte zeitlebens beteuert, dass Don Claudios gelegentliche Besuche Glück und Frieden in unser Haus brachten. Obwohl seine letzte Visite schon Monate zurückliegt, kann ich mich an diesen Tag erinnern, als sei es gestern gewesen. Zum Leidwesen meiner Mutter waren Don Claudios Aufwartungen in unserem Haus in letzter Zeit immer seltener geworden. „Euer Hof liegt zu weit vom Gotteshaus entfernt“, hatte ihr der Geistliche jedes Mal zu versichern versucht, wenn meine Mutter ihn deswegen gerügt hatte. Aber wir wussten alle, dass seine Erklärung nur ein dahergeredeter Vorwand gewesen war. Der Grund seiner seltenen Besuche war auf Landauers feindseliges Verhalten gegenüber dem Vertreter Gottes zurückzuführen. Dass Don Claudio sein Heu nicht auf der gleichen Bühne wie mein Stiefvater lagerte, war eine unausgesprochene, aber allgemein bekannte Tatsache. Aber wenn der Seelsorger dann einmal bei uns war, blieb er bestimmt eine Stunde oder zwei schwatzend am Küchentisch sitzen. Er liebte Mutters Gesellschaft. Er kam nicht nur ihretwegen, er kam auch wegen ihres selbstgebackenen Brotes. Er konnte gut und gerne, und sogar ohne Aufstrich, ein viertel Kilo davon essen. In den Augen meines Stiefvaters waren Don Claudios unangemeldete Besuche die reinste Provokation. Er fand es eine Dreistigkeit sondergleichen, dass er meine Mutter von der Arbeit abhielt, und obendrein noch unverschämt viel von ihrem guten Brot verzehrte. Aber obwohl Landauer seine lose Zunge nur selten im Zaun halten konnte, hätte er es nie gewagt, Don Claudio sein Missfallen direkt ins Gesicht zu spucken. Es war Lydia, die nach seinen sporadischen Aufwartungen, regelmäßig Stiefvaters verbale Ausbrüche und Beschimpfungen über sich ergehen lassen musste. Kaum zu erzählen, was sie sich alles von ihm hatte anhören müssen. Landauer trieb es gelegentlich so weit, bis meine Mutter weinend die Küche verließ. „Weshalb hockt er bei uns herum? Will er etwa mit dir ins Bett gehen?“ Es waren diese und andere üble Sprüche, die er, ungeachtet der Anwesenheit seiner Kinder von sich gab. Dass er mit seinen abfälligen Bemerkungen meiner Mutter unsägliche seelische Schmerzen zufügte, hatte ihm offenbar gefallen.
„Weshalb nennen ihn die Leute Don Claudio? Ist das wirklich sein richtiger Name?“ „Es liegt an seiner italienischen Herkunft“, hatte mein Stiefvater an Mutters Stelle geantwortet. „Das ist doch Unsinn! Don Claudio ist durch und durch Schweizer Bürger, genauso wie du und ich. Er stammt aus dem Mendrisiotto, und das Mendrisiotto liegt in der Schweiz, und nicht in Italien!“, hatte sich unsere Mutter aufzulehnen gewagt. Aber es war der Mühe nicht wert gewesen, Landauers haltlose Aussage widerlegen zu wollen. „Habe ich dich um deine Meinung gefragt?“, hatte sie mein Stiefvater angeherrscht. Bestimmt hat er italienische Wurzeln. „Für mich ist und bleibt er einer dieser stinkenden Italiener, die sich in unserem Land breitmachen. Sie stehlen uns Einheimischen die Arbeit weg, und obendrein stellen sie noch unseren Weibern nach! Ich sage dir, diese Italiener sind alle vom Sex besessene Taugenichtse!“ „Bitte versündige dich nicht! Schließlich ist Don Claudio ein Geistlicher!“ Meine Mutter hatte Landauer schlussendlich unter Tränen angefleht, seinen unchristlichen Beleidigungen ein Ende zu setzen. „Du bist nichts anderes als ein dummes Weib! Von dir lasse ich mir zuletzt das Wort verbieten!“, hatte sie mein Stiefvater angeschrien, bevor sich unsere Mutter weinend in die Ställe zurückgezogen hatte.

***

Die kleine Schaufel steckte verloren im Häufchen Erde, das übrig geblieben war. Das Werkzeug hatte seine Pflicht getan. Es würde wieder im Gerätehaus des Friedhofs verschwinden, und dort gelangweilt weiterrostend auf seinen nächsten Einsatz warten.
Don Claudio winkte den Messdiener zu sich und flüsterte ihm hinter vorgehaltener Hand etwas ins Ohr. Sein Gehilfe nickte und verschwand sofort in der Sakristei. Wenige Augenblicke später war er wieder da. Er trug jetzt ein von Hand geflochtenes Körbchen, das er fordernd den Anwesenden hinstreckte. Schnell, als würde er sich vor Landauer fürchten, ging er mit gesenktem Blick an ihm vorbei. Er wusste, dass es trotz des bedeutenden Ereignisses sinnlos war, auch nur eine einzige Münze von meinem Stiefvater zu erwarten. Landauers Geiz war allgemein bekannt. Eines Tages hatte ein Nachbar erwähnt, dass es sich bei Landauers übertriebener Sparsamkeit um ein pathologisches Problem handeln müsse. In jenem Moment konnte ich allerdings mit seiner Feststellung nicht viel anfangen. „Pathologisches Problem“, war ein Ausdruck, den ich in meinem Alter noch nie zuvor gehört hatte.
Aber weshalb hätte Landauer ausgerechnet heute einen Batzen spenden sollen? Das Begräbnis meiner Mutter bescherte ihm ohnehin schon teuflisch hohe Kosten. Stiefvaters in tiefe Falten gelegte Stirn hatte ihn und seinen Gemütszustand verraten. So unangebracht seine Gedanken in diesem traurigen Moment auch erscheinen mochten, weilten sie doch tatsächlich beim Schreiner und seiner ausstehenden Rechnung für den gelieferten Sarg.
„Es würde mich nicht erstaunen, wenn mich der üble Gauner übers Ohr gehauen hat!“, hatte er uns Kindern schon am Morgen vor Mutters Beerdigung gesagt. Mein Stiefvater war sich seiner Meinung sicher, schließlich sagte man dem Sargbauer nicht viel Gutes nach. Man munkelte sogar, dass er bei Feuerbestattungen den gleichen Sarg ein zweites oder gar drittes Mal verwendet haben soll. Zu seinem Leidwesen hatte Landauer, in der kurzen Zeit, die ihm nach Mutters Tod geblieben war, weit und breit keine andere Schreinerei als diese hier finden können. Also war er wohl oder übel dazu verdammt gewesen, die teure Kiste beim örtlichen Lieferanten zu bestellen.
„In den Vereinigten Staaten entsorgen sie die Leichen in einem dickwandigen Kartonsarg“, hatte sich Landauer am Vortag beim Schreiner wichtig gemacht. „Das kommt nicht nur viel billiger, sondern ist obendrein auch noch umweltfreundlicher! Sie können es mir ruhig glauben, ich hab es mit meinen eigenen Augen in der Zeitung gelesen.“ „Dann müssen Sie Ihre Gattin halt in Amerika begraben“, hatte ihm der Handwerker grinsend geraten. „Wenn Sie Glück haben, lassen die Amis sogar zu, dass Sie Ihre Frau in einem Papiersack entsorgen.“ Dann hatte er, ohne weitere Worte zu verlieren, den verblüfften Landauer samt seinem Kummer bei den ausgestellten Särgen zurückgelassen. Der Handwerker hatte so getan, als zeige er an Landauers Auftrag nicht das geringste Interesse.

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