Legende einer späten Jahreszeit

Legende einer späten Jahreszeit

Sigrid Charlet


EUR 16,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 212
ISBN: 978-3-99038-902-7
Erscheinungsdatum: 07.07.2015
Mit acht Kindern muss Emilie im Zweiten Weltkrieg flüchten, während ihr Mann im Krieg dient. Die Familie wird auseinander gerissen. Dann wird Emilie auch noch krank - nach ihrem Tod sind ihre Kinder Waisen. Doch Willi gibt nicht auf und will jedes Kind finden.
Erster Teil

Kapitel 1
Die Eltern

Kalt war es, eisig kalt. Die gesamte östliche Region Deutschlands lag leblos und gefroren unter Eis und Schnee. Dieser Winter 1925 war für die Bewohner der Stadt Stettin an der Odermündung besonders hart. Pferdewagen blieben auf den schneeverwehten Straßen stecken und die seltenen Autos schlitterten wie Eisläufer über die Straßen. Ein Polarwind, von der Ostsee her kommend, heulte um die Häuserblocks. Die Stadt war wie ausgestorben. Wer nicht unbedingt hinaus musste, saß auf der Ofenbank in der warmen Stube. Die wenigen Passanten, die sich auf die Straße wagten, waren in dicke Mäntel und wollene Schals gehüllt. Nur einer kämpfte sich mit Freude im Herzen seiner Wohnung entgegen. Es war Willi. Seinen Mantelkragen hatte er hochgestellt, die Mütze weit in die Stirn gezogen und die Hände tief in die Taschen vergraben. Die Nasenspitze zum Himmel gestreckt zog er die Straße entlang und versuchte sogar, mit seinen blauen Lippen ein Lied zu pfeifen. In seinen Ohren klangen noch die Lobeshymnen seines Chefs, des Schustermeisters Schmalz, nach für die guten Leistungen, die er während seiner Lehrzeit vollbracht hatte, verbunden mit dem Versprechen, einige Mark mehr Lohn im Monat zu zahlen. Aufgeräumt und zufrieden schritt er gemächlich dahin und sah den fliegenden Wolken nach. Dabei konnte er dem entgegenkommenden Hindernis plötzlich nicht mehr ausweichen …

Lucie, Kriegerwitwe seit 1916, hatte ihren Beruf als Hutmacherin wieder aufgenommen. So verdiente sie sich ein paar Mark dazu und konnte ihrer Tochter Erna eine bessere Schule bezahlen. Die Zeiten waren hart, das Leben teuer und die magere Rente schnell verbraucht.
Der Hut von Frau von Lettow war noch rechtzeitig fertig geworden, sie hatte die halbe Nacht daran gearbeitet. Und so schickte sie ihre Tochter Erna auf den Weg, ihn abzuliefern. „Beeil dich, mein Kind, du weißt genau, Frau von Lettow duldet keine Verspätung!“ Aber Erna war pünktlich. Sie freute sich schon auf die kleine Belohnung, die ihren Sparstrumpf ein wenig aufpäppeln würde. Vom Sturm getrieben, krampfhaft den großen Hutkarton haltend, segelte sie buchstäblich auf der vereisten Straße in Willis Arme … So begann ihr großes gemeinsames Glück – zwei junge Leute fanden Gefallen aneinander. Und wie das Leben so spielte, sahen sie sich wieder. Mitten im eisigen Winter entstand eine heiße Leidenschaft.

Monate waren vergangen. Dem frostigen Winter folgte ein lauer Frühling. Auf den Wiesen schmolz der Schnee und machte den Frühlingsblumen Platz. Vom Fluss her stieg leichter Nebel auf. Ungeduldig saß Willi am Ufer und warf kleine Steine in die Oder. Gespannt wartete er auf seine Erna, denn er hatte eine Überraschung für sie. Für die Abschlussprüfung seiner Lehre hatte er ein paar Schuhe für sie angefertigt, es sollte ein Verlobungsgeschenk sein. Sie waren aus weichem Leder geschustert, mit einer großen Spange und einem Querriemen auf der Seite, so, wie es im Jahre 1925 Mode war. Nichts war ihm zu schön für sein Mädchen mit dem seidigen, braunen Haar, welches in zwei Zöpfen ihr schmales Gesicht umrahmte. Und wenn ihre grünen Augen ihn anstrahlten, war seine Leidenschaft nicht mehr zu bändigen.
Im weißen Häuschen neben den Schrebergärten rieb sich Willis Mutter verzweifelt die Hände; das hatte ihr gerade noch gefehlt – Willi wollte dieses Mädchen, eine Halbwaise, heiraten. Eine, die nichts hatte und nichts war. So ein flotter Junge, und einen einträglichen Beruf hatte er auch, er hätte doch eine bessere Partie machen können. Ein nettes Fräulein, es brauchte ja nicht unbedingt hübsch zu sein, aber Geld sollte es haben. Sie hatte immer sehr gehofft, dass eine Schwiegertochter dazu beitragen würde, dass sich ihr Sohn gut etablieren könne. Ein hübscher Laden mit einer kleinen Werkstatt schwebte ihr vor. Immerhin hatte ihr Sohn einen Beruf und auch Arbeit, was ja in diesen schweren Zeiten nicht gerade eine Selbstverständlichkeit war. Jetzt hoffte sie nur, dass dieses Mädchen aus der Stadt wenigstens den Haushalt zu führen verstand und kochen konnte. Ja, kochen, das konnte Mutter Bertha, schließlich war sie Köchin im Schloss Piritz gewesen. Hübsch und schlank wie eine Gerte war sie damals noch. Sogar der Graf fand Gefallen an ihr, so großen Gefallen, dass sie davon dick wurde. Aber das gefiel dem Grafen gar nicht und die hübsche Bertha wurde entlassen. Da hatte sie nun keine Arbeit mehr, dafür aber einen kleinen Willi und ein Häuschen im Schrebergarten. Zwanzig Jahre waren seitdem vergangen, aber kein Tag, an dem sie sich nicht über etwas beklagte. Aber das störte den verliebten Willi nicht. Er war fest entschlossen, ihre Vorwürfe und Bedenken zu ignorieren.
Am Oderufer sammelte er Steine und warf sie in den Fluss. Damit hoffte er, seine Ungeduld bändigen zu können. Endlich sah er Erna über die Wiese auf ihn zukommen. Ihr geblümtes Baumwollkleid wehte im Wind. Willis Herz schlug vor Aufregung, als wolle es zerspringen. Was könnte schöner sein, als die strahlenden Augen eines geliebten Menschen zu sehen! Erna probierte die Schuhe, drehte sich im Kreis und blickte ohne Unterlass auf ihre Füße. Noch nie hatte sie so prachtvolle Schuhe besessen. Plötzlich nahm sie ihn bei der Hand und zerrte ihn zu einem kleinen Gebüsch, ein wenig abseits vom Weg. „Schau nur“, flüsterte sie und zeigte auf ein kleines Meisennest, das zwischen den Zweigen im Laub versteckt war, „siehst du, hier wird demnächst eine Familie wohnen. Auch du wirst bald eine Familie haben. Es ist an der Zeit, dass wir heiraten, Willi. Mein Bauch wird schon rund, ich kann es fast nicht mehr vor den Leuten verheimlichen, dass ich ein Kind erwarte.“ Doch Willi lachte nur glücklich. Die Hochzeit war ja geplant, er fühlte sich stark und bereit, einen Hausstand zu gründen. Er nahm sie in den Arm und flüsterte:
„Du gibst mir alles, was ich mir je gewünscht habe. Was würde ich denn ohne dich anfangen?“
Das Wichtigste war jetzt, ein Dach über dem Kopf zu finden. Sie beschlossen, sich am nächsten Tag auf die Suche zu machen.
***
In Pommerensdorf, einem Vorort von Stettin, hatte Willi ein kleines Haus entdeckt, welches zur Miete freistand. Die Pacht schien annehmbar, also machten sie sich Hand in Hand auf den Weg, um es zu besichtigen.
Es war Anfang Mai; die Sonne stand hoch am Himmel. Sie verließen die Straße, überquerten eine Wiese und stiegen einen Hügel hinauf, der mit leuchtend gelben Butterblumen und grünen Sträuchern übersät war. Es war ein einsamer Ort, abgelegen von allen Geschäften und dem Trubel der Stadt. Plötzlich jauchzte Erna hell auf. Vor ihr sah sie das Haus ihrer Träume. Braune Backsteinmauern strahlten im Sonnenschein und Wilder Wein umwucherte Türen und Fenster. Richtig gemütlich sah das Haus von Weitem aus. In einem kleinen Teich tummelten sich wilde Enten. Dieser kleine Pfuhl wurde „das Taubenloch“ genannt. Freudig schritten sie den Hügel hinauf. Doch als sie näher kamen, verfinsterte sich Willis Blick.
„Ach du meine Güte!“, rief er. „Erna, ich glaube, an Arbeit wird es uns hier nicht fehlen.“ Langsam ging er ums Haus. Die hintere Fassade war in einem traurigen Zustand. Von den Mauern war der Putz gefallen, die Fensterläden hingen aus den Angeln und der Garten war voller Unkraut. Willi versuchte vergeblich, mit einer Eisenstange in die steinharte Erde zu stechen. Dann sah er den Verwalter mühsam den kleinen Hügel zum Haus hinauf stampfen. Schon von Weitem schwenkte er einen großen, schmiedeeisernen Schlüssel. Erstaunt und ein bisschen ängstlich sah Erna ihn näher kommen. Wie ein Riese stand er vor ihr mit seinem vollen Bart und seinem – wie es ihr schien – unheimlichen Ausdruck in seinen dunklen Augen. Ganz klein kam sie sich vor. Er musterte sie von oben bis unten, ohne ein Wort zu sagen. Dann wandte er sich plötzlich um, ging auf die Tür zu und drehte den Schlüssel im verrosteten Schloss herum. Mit einigem Knarren und nur sehr mühsam öffnete sich die Pforte. Ein starker Geruch nach Fäulnis strömte ihnen entgegen. Der Verwalter beeilte sich, die Fenster aufzureißen. Die hereinflutende Sonne erschreckte die Spinnen, die überall ihre Netze webten. Der Boden war so dick mit Staub bedeckt, dass man die Farbe vom Holz nicht mehr erkennen konnte. Willi wurde unruhig. So hatte er sich seine zukünftige Behausung doch nicht vorgestellt. Vorsichtig ging er ins Haus. Erna schlich behutsam hinterher. Ganz sachte setzte sie einen Fuß vor den anderen, man konnte ja nie wissen – vielleicht gab der Boden plötzlich nach. Aber der Boden hielt. Und als ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah auch die Behausung nicht mehr ganz so trostlos aus. Ein gewisses Glücksgefühl stieg in ihr auf. Langsam schritt sie durch das Haus, um alles nochmals genauer anzusehen. Es gab zwei Zimmer und eine große Wohnküche. Außerhalb des Hauses befand sich ein kleiner Verschlag. Den könnte man vielleicht später als Kinderzimmer ausbauen, dachte sie. Erna träumte ja von einer großen Familie.
Die laute Stimme des Verwalters aber riss sie schließlich aus ihren Träumen. „Die Toilette befindet sich im Garten, der noch zum Haus gehört. Das alles kostet Sie zwanzig Mark im Monat. Später, falls Sie es wünschen, können Sie noch den Teich mieten und Kleinvieh halten. Gänse und Enten zum Beispiel.“ Bei diesen Worten schielte er diskret auf Ernas runden Bauch.
„Seid ihr verheiratet?“
Diese Frage kam so plötzlich und unerwartet, dass sich beide ängstlich ansahen. Nein, verheiratet im wahren Sinne seien sie noch nicht, aber das Aufgebot wäre schon veröffentlicht.
„Nun gut, wenn es so ist“, sagte er sinnend, „dann schaut euch alles gut an, und wenn euch dieses Haus gefällt, dann kommt in mein Büro, um den Vertrag zu unterschreiben.“
Erna ging hinaus vor die Tür und betrachtete die das Haus umgebende Natur. Hier erschien die Welt noch heil. Blühende Bäume und Sträucher zierten die hügelige Landschaft. Die Freude, bald ein eigenes Heim zu haben, erfüllte sie mit Stolz. Willi sagte nichts. Mit festen Schritten ging er durch die Stuben und schlug mit voller Kraft gegen die Wände. Die Maurer hatten hier gute Arbeit geleistet. Diese Wände würden jedenfalls nicht so schnell zusammenfallen. „Nun gut, mein Schatz“, rief er ihr nach draußen zu, „wenn es dir gefällt, werden wir uns wohl fürs Erste mit diesem Haus begnügen müssen, später sehen wir dann weiter!“ Er ging zu ihr, nahm ihre Hände und zog sie ins Sonnenlicht. Als er sah, wie glücklich sie in ihrer Bescheidenheit doch war, beruhigte er sich ein wenig.
Erna war zufrieden. Sie sah ihr gemeinsames Leben und ihre Zukunft klar vor sich. „Mach dir keine Sorgen, Willi, wir werden das schon schaffen. Die Hauptsache ist doch: Wir sind zusammen, haben ein Dach über dem Kopf und auch bald unser Baby. Bei diesen Worten hielt sie lächelnd ihre beiden Hände über den wachsenden Bauch.

Erna machte sich an die Arbeit. Sie band sich eine Schürze vor und fing an, das Haus zu schrubben und die Fenster zu waschen, damit Willi die Wände und die Fensterrahmen neu streichen konnte. Als alles vor Sauberkeit glänzte, bat sie ihre Mutter um die Nähmaschine. Sie wollte Vorhänge und Gardinen für die Fenster nähen. Für die Möbel hatte sie zum Glück noch ihre paar Groschen auf dem Sparkassenbuch. Als sie das Geld zusammenzählte, waren es fünfundzwanzig Mark und dreißig Pfennige.
„Ich bin sicher, das Geld wird für die Betten, einen Schrank, einen Tisch und die Stühle reichen. Und ich wette, wenn wir das alles bei einem Gelegenheitshändler finden, genügt das Geld sogar noch für die Babywäsche.“
Die Wiege wollte Willi zimmern, es sollte die schönste Wiege werden, die je ein Baby gehabt hätte. Mutter Lucie mit ihrem großen Herzen wollte ihnen den Herd für die Küche schenken.
„Ich bin zwar nicht reich, aber ich werde schon eine gute Gelegenheit finden.“
Und tatsächlich – bei einem Alteisenhändler fand sie einen Kochherd für nur fünf Mark. Schön war er anzusehen, hatte drei Kochlöcher mit Eisenringen, einen Backofen und einen Heißluftausgang. Willi brauchte nur ein langes Rohr zu legen und schon heizte er das ganze Haus.
Von seiner Mutter, der Bertha, hatte er nichts zu erwarten. Im Gegenteil – sie hörte nicht auf zu klagen. „Die zwei können Kinder machen, also können sie auch Geld verdienen!“
Für Erna und Willi war das kein Problem. Sie waren glücklich, das Leben war schön – sie hatten ein Haus, einen Herd und einen Garten, was brauchte es mehr? Und zum großen Glück hatte Willi seine Arbeit. Hundertachtzig Mark verdiente er im Monat, der reinste Luxus in diesen schweren Zeiten.

***

Der Erste Weltkrieg hatte ein zerstörtes Europa hinterlassen. Auf den Schlachtfeldern waren 8,5 Millionen Soldaten gefallen, 7,7 Millionen wurden noch vermisst. Die Abdankung Kaiser Wilhelms war am 9.11.1918 bekannt gegeben worden. Zur gleichen Zeit wurde bereits in Berlin die Deutsche Republik ausgerufen. Die Hungersnot verschärfte sich. Die Wirtschaft lag am Boden. Lebensmittel wurden streng rationiert. Es gab fast nur noch Steckrüben, Kartoffeln und Brot. Von Fleisch und Milchprodukten konnte man nur träumen. Deutschland stand unter dem Druck der Siegermächte. Die Friedensbedingungen waren überaus hart. Überall waren Gebietsverluste zu verzeichnen. Elsass-Lothringen ging an Frankreich, Posen und Westpreußen an Polen. Das Saargebiet wurde unter die Kontrolle des Völkerbundes gestellt. Der Anschluss Österreichs an Deutschland wurde verboten. 1923 wurde zum Krisenjahr erklärt. Deutschland war die Alleinschuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges gegeben worden und es sollte deshalb im Rahmen von Reparationszahlungen alle Verluste und Kriegsschäden der Alliierten wiedergutmachen. Die Reparationszahlungen an die Alliierten waren 1921 auf 132 Milliarden Goldmark festgesetzt worden. Ende 1922 hatten noch 24 Millionen an der Jahresrate von ?1,5 Milliarden Goldmark gefehlt. Das gab im Januar 1923 französischen und belgischen Truppen Grund, das Ruhrgebiet zu besetzen. Die politische und wirtschaftliche Situation war zum Zerreißen gespannt. Eine galoppierende Inflation hatte begonnen. Das Geld verlor zunehmend an Wert. Durch die ansteigende Arbeitslosigkeit wurden die Ärmsten noch ärmer. Und dann kam ein gewisser Adolf Hitler.
Mit einer Pistole in der Hand stürmte er am 8. November 1923 eine Versammlung im Münchner Bürgerbräukeller. Doch Hitlers Putschversuch scheiterte. Mit Waffengewalt trieb die bayerische Polizei die von Adolf Hitler und General Erich Ludendorf geführte Demonstration auseinander. Sie wurden gefasst, zu fünf Jahren Gefängnis sowie einer Geldstrafe von 200 Goldmark verurteilt.
Die Inflation hatte ihren Höhepunkt erreicht. Um ein Pfund Brot zu kaufen, musste man eine Billion Mark auf den Tisch blättern. Am 16. November desselben Jahres wurde die Rentenmark eingeführt. Für eine Billion Papiermerk konnte man nun eine Rentenmark eintauschen. Der Rest war gerade noch gut genug, um den Ofen zu heizen.
Im Februar 1925 wurde Adolf Hitler frühzeitig aus der Haft entlassen und machte sich sofort an die Arbeit, die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei neu zu organisieren.

***

Das Leben in Ostpommern ging seinen Lauf. Erna hatte genug mit der Einrichtung ihres Hauses und der bevorstehenden Hochzeit zu tun. Von Politik verstand sie nicht viel.
Die Renovation der Zimmer war beendet und Erna hatte alles hübsch dekoriert. Das Häuschen auf dem Hügel stand bereit, um eine kleine Familie zu empfangen. Jetzt brauchte nur noch geheiratet zu werden.
Mutter Lucie holte ihr Hochzeitskleid aus der Mottentruhe, um es ihrer Tochter Erna zu schenken. Als sie dieses Gebilde aus Spitze und Tüll in den Händen hielt, erwachten Träume aus längst vergangenen, glücklichen Zeiten. Sie sah ihre Jugend vor sich – und damit auch ihre erste und einzige große Liebe. Sie erinnerte sich an die unbeholfene Zärtlichkeit ihres Verlobten im hohen Gras, unter einem blauen Himmel, nur die Sonne als Zeuge. Und sie sah sich später am Arm ihres Mannes, er als Offizier in Uniform und sie in eleganter Aufmachung. Wie schnell doch die Zeit verging! Und nun war der Moment gekommen, an dem ihre Erna das Hochzeitskleid tragen sollte. Sie betrachtete es sorgfältig. Aus der Mode war es eigentlich noch nicht. Und warum sollte ihre Tochter nicht in einem weißen Kleid heiraten, von ihrer Schwangerschaft sah man ja noch nicht so viel.
Entschlossen nahm sie die Robe über den Arm und begab sich zu ihrer Tochter für eine Anprobe. Außer ein paar Abnähern, die in der Taille herausgelassen werden mussten, war tatsächlich nichts daran zu ändern. Für die Hochzeitskrone flocht sie einen Kranz aus Jasmin, der wunderschön in ihrem Garten blühte. Anschließend steckte sie ein Sträußchen an Willis Sonntagsanzug.
Hübsch waren die beiden anzuschauen, als sie Hand in Hand den kleinen Weg zur Kirche einschlugen. Zuerst redete der Pastor mit rührenden Worten und schaute dabei immer wieder zum rundlichen Bauch der Braut. Und plötzlich wurden seine Worte heftiger. Beinahe streng und mit erhobener Faust rief er: „Unser Herrgott hat unsere Sünden auf sich genommen und mit seinem Leib zum Kreuze getragen, damit wir erlöst und durch seine Wunden geheilt werden. Ihr wart wie verlorene Schafe, doch durch diese Ehe habt ihr eure Seelen gerettet, denn ihr habt euch zu eurem Erlöser gewandt.“
Erschrocken von der erhobenen Hand und den strengen Worten des Pastors hatte Erna Mühe, das Wort Gottes wirklich zu verstehen. Hatte es nicht geheißen: Ich bin der Rebstock und das Leben, und wer keine Früchte trägt, wird ausgerissen. Wer aber Früchte trägt, wird rein sein von allen Sünden, damit er noch mehr Früchte tragen kann? Erna wollte beten, doch in ihrem Schrecken fiel ihr nichts ein. Also brachte sie nur heraus: „Mein Gott, du weißt schon alles, was ich dir sagen will, also lassen wir es gut sein. Amen!“

Die Monate vergingen, Erna fühlte sich wohl. Endlich kam der Tag der Entbindung. Willi lief in die Stadt, die Hebamme zu holen. Einen Arzt konnten sie sich nun doch nicht leisten, er wäre auch überflüssig gewesen. Alles ging sehr schnell. Kaum war das Wasser heiß, war auch schon das Baby da und schrie aus voller Kehle.
Seit diesem Moment war Willi der glücklichste Vater auf der Welt. An warmen Sonntagen führte er seine kleine Tochter aus. Bis hinauf auf den Leuchtturm stieg er mit ihr – seine Tochter sollte mal mehr von der Welt sehen, als es ihm in seiner Jugend vergönnt gewesen war.
Ein neuer Frühling hielt Einzug. Es war Anfang April und noch ziemlich kalt. Eine Woche mit viel Arbeit war vergangen. Willi setzte sich auf die Bank vor seiner Laube. Voller Genugtuung stopfte er sich seine Pfeife und blies den Rauch genüsslich in den blauen Nachthimmel. Erna hatte die letzten Pflanzen vom Wilden Wein gesteckt, Blumen und Gemüse gesät und wollte noch ein Vogelbeerbäumchen setzen, damit es den Bewohnern Glück bringe und sie vor Unheil und Blitzen schütze. Glücklich über die vollbrachte Arbeit setzte sie sich zu ihrem Mann auf die Bank. In einem Anflug von Zärtlichkeit nahm sie seine Hand und legte sie auf ihren Bauch. „Fühlst du, wie er strampelt? Das wird sicher ein Junge!“ Doch ein paar Monate später gebar sie wieder ein Mädchen und das Jahr darauf noch eines, es hatte den Anschein, als wolle das Gebären nicht aufhören.
Das Geld wurde knapp. Der Lohn von Vater Willi reichte kaum, die vielen Mäuler zu stopfen. Die Arbeitslosigkeit nahm weiter zu. Dazu kam zu allem Unglück noch der Börsenkrach von New York. Die Konsequenzen dieses „schwarzen Freitags“ im Oktober 1929 machten sich in ganz Europa bemerkbar. Es war wie eine Kettenreaktion – Fabriken mussten schließen und die Arbeitslosenzahl überstieg die drei Millionen. Bei den fünften Reichstagswahlen der Weimarer Republik gelang den Nationalsozialisten der politische Durchbruch. Der überraschende Wahlerfolg der NSDAP war nicht zuletzt auf die umfangreiche Propagandaarbeit Joseph Goebbels zurückzuführen. Unfähig zu reagieren, ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg den bisherigen Reichswehrminister General Kurt von Schleicher zum Reichskanzler. Schleichers Ziel war es, die Bildung von freien und christlichen Gewerkschaften zu fördern und somit die NSDAP zu spalten. Doch sein Plan scheiterte. Am 28.01.1933 trat Kurt Schleicher von seinem Amt zurück. Paul von Hindenburg ernannte am 30.01.1933, trotz des deprimierenden Wahlergebnisses vom 6. November, Adolf Hitler zum Reichskanzler. Damit begann die Einparteien-Führerdiktatur.

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