Lyrik & Dramatik

Kreuzüber

Roterberg

Kreuzüber

Leseprobe:

Von den Toten zurück

„Mit wutverzerrtem Gesicht und einer in tiefen Lagen raspelnden Stimme stieß er mich aus der ärmlichen Hütte, die uns eine Kyōkai, eine Kapelle, war, ins Freie. Der Regen machte ihm nichts aus. Draußen fiel ich vor ihm auf den schlammigen Boden und bettelte, rutschend und mich besudelnd, um Gnade, er möge doch verstehen. Mein Leid machte ihm nichts aus. Schnaufend ging er zu einem Bambusstrauch und schnitt mit dem Katana einen Stock erst ab und dann zurecht, während ich schlotternd und still jammernd, die Augen fest verschlossen und das Gesicht dem Boden nahe, keine Bewegung machte, aus Angst, seine Wut würde sich verschlimmern. Es war mir damals nicht möglich zu wissen, dass er seinen Zorn nicht mehr würde bändigen können. Er wollte das auch nicht.
Nachdem er seinen Knüppel fertig hatte, begann er auf mich einzuschlagen. Er war ein Krieger und er wusste, wie man Schmerz zufügt. Er prügelte auf Oberarme, Nieren und Hinterkopf, wenn ich diesen schützen wollte, trafen seine gezielten Hiebe Fingerknochen und Handgelenke. Als ich nur noch ein wimmerndes Etwas war, riss er mir meine ärmliche Kleidung vom Leib. Umsonst entschloss ich mich, ihn daran zu erinnern, dass ich einst seine Amme gewesen war, dass er einst aus den jetzt versiegten, faltigen Brüsten getrunken hatte. Vergeblich. Sein kalt aufblitzendes Lächeln bedeutete so viel Gnade, wie die Reflexion des hellen Mondes auf seiner blitzschnell gezogenen, stählernen Schwertklinge. Er brachte sich nicht in eine Angriffsstellung, was war von einem alten Weib schon zu befürchten? Vor seiner Hüfte, in einer Linie mit seinen zusammengepressten Lippen, schwebte die Klinge und ich sah darin, wie sich kaltes Mondlicht und tiefschwarze Regenwolken in schnellem, unregelmäßigem Wechsel auf der Oberfläche spiegelten. Bis die bleiche Mondsichel die Oberhand gewann.
Herrin, erlaubt mir, dass ich nicht noch einmal jeden seiner Hiebe fühlen muss. Erlasst mir die genaue Beschreibung, wie er sich mit dem Schwert an mir verging. Schmerz ist ein armseliges Wort, denn es kann nicht annähernd deutlich machen, was mein geschundener Körper ertragen musste. Nun, schließlich fühlte ich die Wunden nicht mehr. Trotz der Kälte, trotz des Regens wurde mir warm. Vom Gesicht her breitete sich die Wärme über Brust, Rücken, Hüften, Bauch und Po bis in die Oberschenkel, bis in die Füße aus. Mit der Wärme kam das Licht. Durch die geschlossenen Augenlider hindurch bahnte sich die Helligkeit ihren Weg. Ich wagte, die Augen zu öffnen, und sah und fühlte ein angenehm warmes Leuchten. Es zog mich zu sich hin, doch ich zögerte noch. Nur widerwillig wendete ich schließlich den Blick von der Verheißung und schaute unter mich. Dort sah ich, beschmutzt mit Schlamm, besudelt mit meinem Blut, etwas liegen, das noch vor einigen Atemzügen mein Körper gewesen war. Darüber stand, ungerührt, ungebeugt, mein Peiniger. Doch ich konnte nicht, durfte nicht sterben. Ich versuchte, der Verheißung zu widerstehen, zurückzukehren, schließlich benötigte meine Enkelin meine Hilfe, doch alles war umsonst, als mir Shimmen Sado schließlich eine letzte Gnade gewährte. Mit einer tausendmal geübten, im Ansatz kaum wahrnehmbaren Bewegung trennte er meinen Kopf vom Körper. Und meinen Geist von der Welt, in der ich einst lebte. Mit dieser Tat machte er meine Rückkehr unmöglich. Wut und Hass brandeten durch das, was von mir geblieben war. Ich stürzte mich auf ihn, schlug, trat, kratzte, biss, doch ohne Erfolg. Er wandte sich der Hütte zu, in deren Eingang und unter dem vorstehenden Dach standen Freunde, liebe Menschen, mit entsetzten Gesichtern. Shimmen schritt zu einem der Priester, holte aus und bevor dieser es sich versah, hatte die Schneide die Haut über seiner Halsschlagader angeritzt. Mit aufgerissenen, vor Angst hervorstehenden Augen verfolgte er jede Bewegung des Samurei, wie das Schwert gesenkt und die Klinge an der dunklen Leinenkutte gesäubert wurde. Dann richtete Shimmen sich auf und seine tiefe, befehlsgewohnte Stimme bellte kurze Befehle:
‚Seht und vergesst nicht: Das passiert jedem, der auf meinem Land euren Glauben ausübt. Verschwindet!‘
An unsere beiden Bateren aus dem Orden der Franziskaner gewandt, knurrte er noch: ‚Lasst euch hier nie wieder blicken! Der Tod meiner Amme war kurz und voller Gnade, verglichen mit dem, der euch erwarten würde.‘
Seit etwas mehr als einer Generation hatten wir immer wieder von diesem neuen Glauben gehört, der auf großen Schiffen gekommen war, mit blütenweißen Segeln, aus fernen Ländern, die noch hinter China liegen sollen, von welchem wir auch nur aus Erzählungen alter Herumtreiber wussten. Ein Glaube, dem die Vergebung der Sünden zugrunde liegt und der jedem den Einzug in ein Paradies für alle gottesfürchtigen, ehrbar lebenden, hart arbeitenden Menschen ermöglicht. Höchst verwunderlich fanden wir anfangs, dass all dies von nur einem Gott bewerkstelligt werden sollte. Vor einigen Jahren waren diese Gaijin in die Provinz Mimasaka gekommen. Auch in unser Dorf, nach Miyamoto.
Ohne sich um ihre geweihten Gegenstände zu kümmern, rasten die beiden durch die Schlucht den Berg hinab, Richtung Dorf. Sie wurden nie wieder in unserer Gegend gesehen. Ich selbst hatte seit dem angedeuteten Schwerthieb gegen den einen aufgehört zu wüten und das Geschehen beobachtet. Ich war jetzt also ein Geist, konnte diesem erbarmungslosen Vieh nichts mehr anhaben. Was blieb noch zu tun? Nichts. Dann wollte ich die Erlösung, so wie die Ordensbrüder es verheißen hatten. Also ergab ich mich, so wie es mir beigebracht worden war, in mein Schicksal und wandte mich, nachdem ich einen letzten, mitleidsvollen Blick auf die gerichtet hatte, die weiterhin das irdische Jammertal durchschreiten mussten, dem verheißungsvollen Licht zu.
Ich schwebte hinauf zum Himmel und erwartete die Engel. Laut der Erzählungen der Bateren, wie die Priester der Christen von uns genannt wurden, sollten sie erscheinen und mich in das Himmelreich geleiten. Doch ich wartete vergeblich. Niemand kam, um mich in diese bessere Welt zu führen. Nachdem ich sehr lange gewartet hatte, begab ich mich selbst auf die Suche nach dem Zugang zum Paradies. Ich fand ihn schließlich auch. Die himmlischen Sphären wurden heller, das Licht strahlte wieder diese angenehme Wärme aus und ich wähnte mich am rechten Ort. Doch ich stieß auf Widerstand. Sanft, nachgiebig und doch unerbittlich ließ sich die Luft nicht mehr durchdringen, trotz meiner geistigen Form war mir das Weitergleiten versagt. Immer wieder stieß ich gegen diese Schicht, die sich zwar ein wenig verschieben, aber nicht überwinden ließ. Ich begann zu rufen, begehrte Einlass. Die mir, durchaus sanftmütig, vermittelte Nachricht war ein Schlag der bittersten Art: Ich durfte nicht hinein. Es war ihm egal, dass ich seit Jahren heimlich und unter größten Gefahren Gottesdienste besucht hatte, es spielte keine Rolle, dass ich schon lange zu ihm gebetet hatte. Es fehlte mir das Sakrament der Taufe. Es war auch völlig egal, dass just in dem Moment, als ich mich erhob und zum Taufbecken begeben wollte, die Tür aufgeflogen und mein Herr erschienen war. Es rührte ihn nicht, als ich ihm noch erzählte, was meine Strafe gewesen war. Dieser Gott oder sein Herold war unerbittlich: Ohne Taufe kein Zugang zum Paradies. Nach diesem Bescheid endete das Gespräch. Auf mein Betteln und Flehen erfolgte keinerlei Reaktion. Ich bat wieder und wieder und wieder …
Nach einer Ewigkeit ergab ich mich in mein Schicksal. Doch wo sollte ich hin? Ich kannte nur das Leben auf der Erde, also schwebte ich völlig verunsichert dorthin zurück. Was sollte ich da tun? Auf dem Weg bemerkte ich, dass noch andere Wesen wie ich durch die Nacht glitten. Die meisten waren nicht genau zu erkennen. Sie geisterten wie Irrlichter durch ein nebelverhangenes Moor, schemenhaft, undeutlich, tauchten plötzlich auf und verschmolzen noch schneller mit der Dunkelheit, die noch immer herrschte. Anfangs war ich noch etwas ängstlich, doch schließlich wurde mir bewusst, dass sie mir kaum etwas anhaben konnten. Ab diesem Moment bemühte ich mich einige Male vergeblich, ihnen näher zu kommen.
Dann kam das Tageslicht. Oft hatte ich es auf den Feldern begrüßt, die Sonne war eine gute Vertraute geworden. Doch jetzt vertrieb sie die Irrlichter aus ihrem beständig nach Westen vordringenden Reich. Ich wollte ein wenig die neue Wärme begrüßen, so wie oft zuvor, doch ich fror nicht. Dennoch hoffte ich auf die angenehme Wirkung der Strahlen. Doch ich erfuhr, dass eben jene mir nie wieder widerfahren würde. Die Strahlen schmerzten nun. Anfangs nicht sehr, ich konnte es eine Weile ertragen, doch schließlich musste ich mich geschlagen geben und suchte nach einem Platz, an dem ich den Tag verbringen konnte. Ich fand ihn in einer kleinen Grotte. Langsam und in Gedanken versunken glitt ich über seine felsige Schwelle in ein feuchtes Halbdunkel und hatte vor, den Rest des Tages über meine Situation nachzusinnen, doch plötzlich wurde ich angefaucht. Erschrocken wich ich etwas zurück und sandte ein ‚Wer bist du?‘ in die abgelegeneren, noch dunkleren Ecken der kleinen Höhle. Auch wenn die Antwort nicht gesprochen wurde, so verstand ich sie dennoch.
‚Tanuki. Verschwinde!‘
Der Waschbärhund. Dieser Geist versucht immer wieder, Menschen hinters Licht zu führen, ihr Denken zu beeinflussen. Doch dieser hier hatte den Geist in seinem Gegenüber erkannt und sah mich als Bedrohung an. Er überschüttete mich mit Beschimpfungen und Drohungen und schnappte nach mir. Als er mich das erste Mal erwischte, fühlte ich tatsächlich eine Art Schmerz und zuckte zurück, während er sofort einen neuen Schwall ungesagter und unsäglicher Worte in meine Richtung geiferte. Das ging noch einige Zeit so weiter, fluchen und nach mir beißen in schnellem Wechsel, bis ich ihm schließlich in meiner Verwirrung eine Frage entgegenschleuderte:
‚Wo soll ich hin?!‘
Nach einem kurzen Zögern seinerseits verstand ich:
‚Du bist noch nicht lange Bakemono, nicht wahr? Sonst wüsstest du, dass sich nie zwei Geister an denselben Ort zurückziehen.‘
Ich fragte ihn, was ich tun, wohin ich gehen solle. Er meinte nur, ich solle schleunigst verschwinden und schnell lernen. Zu einem Rat ließ er sich dann doch noch herab. In einiger Entfernung gäbe es einen noch unbesetzten hohlen Kirschbaum, welcher zwar keine ideale Unterkunft, allerdings für einen Tag geeignet wäre. Ich deutete eine Verbeugung an, welche ihn ein wenig beruhigte, und schwebte hinaus in das pralle Sonnenlicht. Es verursachte heftige Kopfschmerzen, zumindest fühlte sich das so an. Schnell suchte ich den Schatten von Büschen und Bäumen, verharrte dort kurz, denn auch im Schatten peinigte mich das Sonnenlicht noch, wenn auch etwas schwächer, erträglicher. Ich suchte mit Blicken den Hang des Hügels ab, fand einen uralten Baum und jagte so schnell wie nur möglich die etwa einhundert Schritte hügelan in seinen Schutz. Im Inneren war es zwar bei Weitem nicht so dunkel wie in der Grotte, kleine Schwaden von Tageslicht bewegten sich mit der Sonne im Stamm des Baumes langsam im Kreis, Fusseln und Staubkörner tanzten in den Strahlen, doch denen konnte ich leicht ausweichen. Mein Schmerz glich dem Abheilen einer Schürfwunde, erträglich und gelegentlich von einem heftigen Kribbeln begleitet.
Während der Stunden im Baum zermarterte ich meinen Geist. Ich wollte nicht ewig als Untote nachts durch Wälder und über Felder streifen oder die Lebenden schrecken. Dazu brauchte ich Antworten. Wie konnte ein Geist, wie konnte ich ins Totenreich gelangen? Viele Möglichkeiten, praktikable, aber auch törichte, kamen mir in den Sinn. Doch ich war unwissend. Was wäre in meinem Fall überhaupt möglich? Vielleicht gab es Antworten am heiligsten Schrein in Japan. Dem von Ise. Ich beschloss, nach Anbruch der Dunkelheit den Weg dorthin zu finden. Doch finden war das richtige Wort. Ich hatte die Gegend um Miyamoto nur ein einziges Mal verlassen. Aus den Tischgesprächen meiner Herrschaft hatte ich entnommen, dass ich nach Süden musste, in Richtung Osaka, vorbei an Himeji. Doch der Schrein lag noch weiter im Süden, auch das war mir noch bekannt. Mehr jedoch nicht. Es blieb mir nichts weiter übrig, als mich zu erkundigen. Doch bei wem?
Der Tag verging, langsam setzte die Dämmerung ein. Sobald ich mich schmerzfrei im Freien bewegen konnte, machte ich mich auf den Weg, entlang der Straße, doch viel schneller als eine alte Frau zu Fuß jemals würde vorwärtskommen können. Schneller als ein Gespann, schneller als ein Reiter zu Pferd, schneller als ein flüchtendes Reh. Ich flog ohne Flügel, mit der Geschwindigkeit von Wolken, die ein Sturm vor sich hertreibt. Anfangs verursachte das einen leichten Schwindel, offenbar musste ich mich noch an dieses Dasein, falls man das so bezeichnen kann, gewöhnen, doch der Schwindel wich einem Rausch. Keinem, der trunken macht, sondern einem, der Kraft und Mut freisetzt. Das war mir schon seit Jahrzehnten nicht mehr vergönnt gewesen.
Um den Weg zum Schrein zu finden, musste ich mich nach der Reiseroute erkundigen. Reisende findet man in Teehäusern oder Herbergen. Also steuerte ich diese an und hörte den Gesprächen der Krämer, Bauarbeiter, Töpfer und auch streunender Ronin zu, denen ich oft entnehmen konnte, wo mich mein Weg als Nächstes hinführen würde. Meist verharrte ich in einer Ecke des Raumes, während die Reisenden redeten und ich ihnen lauschte und so oft an die gewünschten Informationen kam. So erfuhr und bewältigte ich, Etappe für Etappe, meinen Weg. Nur eines Nachts passierte etwas für mich Unheimliches. Ein Mönch saß, gelehnt an einen Balken, dösend auf einer Schilfmatte in der Ecke gegenüber. Als zwei Stunden nach Mitternacht die Stunde des Ochsen anbrach, wachte er aus seinem Schlummer auf. Er schreckte nicht auf, nein. Seine plötzliche Aufmerksamkeit war offensichtlich, doch er suchte mit seinen Blicken langsam und gründlich den Raum ab. Bis er mich gefunden hatte. Bedächtig nickte er mir zu. Nicht er, ich war völlig erschrocken. Es gab also Menschen, die mich sehen konnten. Durch die hinter mir befindliche Lehmwand wand ich mich ins Freie. Was gleich den nächsten Schrecken auslöste. Ich hatte gehört, dass Geister das können, doch ich selbst war noch gar nicht auf die Idee gekommen, auf diese Weise Häuser zu betreten oder zu verlassen. Völlig verwirrt machte ich mich schleunigst davon.
Nach einigen Nächten war ich endlich am Ziel. Von Osaka war ich nach Nara, von dort nach Yamada gekommen, in der folgenden Nacht wollte ich zum Schrein selbst. Von Ise flog ich, jetzt wieder langsamer, zur Brücke über den Isuzu. Dort landete ich, etwas abseits der Brücke, am Ufer des Flusses. Berichte vom Jingū, dem Schrein selbst, hatten mich wissen lassen, dass man vor dem Betreten des Heiligtums seine Hände mit dem Wasser des Isuzu reinigen und seinen Mund ausspülen solle. Ich versuchte es, doch das Wasser benetzte meine Hände nicht und ich konnte es nicht in den hohlen Händen zum Mund führen. Auch als ich versuchte, aus dem Fluss zu trinken, gelang mir das nicht. Wütend schlug ich auf die gekräuselte Oberfläche. Überrascht schaute ich erst das Wasser, dann meine durchscheinenden Hände an. Die hatten tatsächlich dem Fließen einige Tropfen entrissen. Mehr gelang mir trotz mehrerer Versuche nicht. Leider. Das schien mir kein gutes Omen zu sein. Vielleicht war ja Amaterasu, der der Schrein gewidmet und die die Ahnherrin der Familie des Tenno war, gar nicht die Richtige für mein Anliegen? Ich musste es dennoch versuchen. Also machte ich mich auf meinen Weg durch die Lüfte, entlang der Brücke, zwischen tausenden von Zypressen hindurch, vorbei an kleinen Nebengebäuden hin zum Haupttempel, dem Inneren Schrein. Dort erwartete mich ein Mönch. Auch der konnte mich sehen, was mich nicht mehr beunruhigte. Er folgte einige Augenblicke mit seinen Augen meinen Bewegungen, dann schloss er sie und begann eine sich ständig wiederholende Beschwörungslitanei. Ich wäre hier falsch, fände kein Gehör für mein Ansinnen, solle den Tempel verlassen und ihn nicht entweihen. Doch ich ignorierte ihn, was vor wenigen Tagen noch undenkbar gewesen wäre. Auch wenn ich einem neuen, unzuverlässigen Gott zugetan gewesen war, so hatte ich doch die Priester des Shintō geehrt und auch gefürchtet. Doch mein neu gewonnener Ungehorsam nützte mir nichts. Wie bei dem anderen Gott, so wurde mir auch hier auf die gleiche Weise der Zugang versperrt. Da war sie wieder, die nachgiebige und dennoch undurchdringliche Wand aus Luft. Da ich diese schon kannte, glitt ich nach nur wenigen Versuchen zu dem immer noch brabbelnden Mönch zurück. Ich dachte kurz an die aufspritzenden Wassertropfen im Isuzu und klatschte meine flache Hand auf die Glatze des sich immer wieder Verbeugenden. Der fühlte die Berührung sofort und brach sein Gemurmel ab. Mit kontrollierter Wut fuhr er mich an:
‚Was willst du? Du bist hier nicht willkommen!‘
‚Hilfe. Ich will endgültig sterben.‘
‚Dann such dir einen anderen Gott. Amaterasu ist für dich nicht zuständig.‘
‚Wer dann?‘, sagte ich mehr zu mir selbst. ‚Wer denn sonst?‘
‚Ich kann nicht helfen‘, antwortete der alte Mann, ruhig und nicht mehr aufgebracht. Er hatte wohl die Verzweiflung, die ich ausstrahlte, gespürt. ‚Allerdings könnte ich meine Brüder herbeirufen und dich austreiben. Du solltest also besser den Bereich des Tempels verlassen.‘ Ich bewegte mich zu ihm und schwebte vor seinem Gesicht. Er schaute direkt in meine Augen, die für die meisten Menschen nicht sichtbar waren. Er war ein sehr sensibler Mann, der wohl auch meine Enttäuschung ahnte. Er sagte, ich möge nun gehen, den Tempel verlassen, es müsse Hilfe für mich geben, doch er wisse nicht, wo und wer als Helfer in Frage käme. Ich schaute ihn noch einige Augenblicke wortlos an, dann folgte ich dem Weg, den ich gekommen war. Verabschiedet hatten wir uns nicht. Auf der anderen Seite des Isuzu schaute ich mich noch einmal um, grübelnd betrachtete ich die Landschaft, die Brücke, Bäume, Berge.
Ein Welle der Euphorie hüllte mich ein, ohne Ankündigung, schneller als ein Wimpernschlag.
,Es ist nichts über mir!‘ Schoss es durch meine Gedanken.,Ich bin dem Adler auf den Kopf gestiegen! Ich reckte die Arme gen Himmel und die Morgensonne übergoss mich.‘ Völlig verwirrt schüttelte ich mich. Morgensonne? Mitten in der Nacht? Welche Arme sollte ich recken? Obwohl, sicher hätte ich eine solche Form annehmen können. Doch hatte ich keinen Grund, ein solches Hochgefühl zu erleben. Wo kam es her? Ich drehte mich um und bewegte mich eilends zurück zum Tempel. Dort war niemand, ein weiterer Test, in das Gebäude zu gelangen, misslang erwartungsgemäß, rief jedoch die Mönche auf den Plan.
‚Du bist zu weit gegangen!‘, fauchte mein Bekannter. ‚Für deine Missetat sollst du büßen!‘
Ich schwebte zu Boden, kniete, so gut ich es in meiner jetzigen Form vermochte, und senkte den Kopf. Dann bat ich um einige Augenblicke Gehör. Er starrte mich an, wohl noch immer in Rage, doch auch, ich weiß nicht, interessiert vielleicht? Die jungen Mönche hinter ihm schauten sich gegenseitig an, unsicher, was der alte jetzt wohl tun würde. Er wolle erst hören, dann entscheiden, teilte er mir knapp mit. Ich erzählte ihm von dieser seltsamen Erfahrung am Fluss und fragte dann:
‚Wie kann man einem Adler auf den Kopf steigen?‘
Der Alte stellte den Stab, mit dem er mich die ganze Zeit bedroht hatte, mit dem Ende auf den Boden und dachte nach. Nicht lange, dann drehte er sich zu seinen jungen Schülern um und fragte sie, wer die Macht besäße, eben das zu tun. Das Gemurmel der kleinen Gruppe endete mit der Aussage, dass so etwas niemand vermag. Bedächtig nickte der alte Mönch.
‚Und doch ist es möglich. Man könnte den Sekishūsai besteigen und befände sich dann auf dessen Kopf.‘ Anerkennendes Gemurmel erhob sich hinter dem Alten.
‚Was ist der … Sekishūsai?‘, fragte ich zurückhaltend.
Er sagte mir, das sei der Adlerberg, einer der Berge, die das Heiligtum umgäben. Ich hätte wohl eine Vision gehabt, deren Bedeutung ich noch in Erfahrung bringen müsse. Dann wies er mich, distanziert, aber nicht unhöflich, darauf hin, dass ich das Gebiet des Tempels jetzt endgültig verlassen müsse, und rang mir das Versprechen ab, nicht wiederzukommen. So verließ ich ihn und seine Schüler endgültig.
Die Verwirrung wich einer tiefgreifenden Unsicherheit. So wie in der Vision hatte ich mich noch nie gefühlt. Kühn, erfolgreich, unbesiegbar und auch unbesiegt. Sehr männlich. Je mehr ich darüber nachdachte, desto sicherer wurde ich mir. Ich hatte mit dem Geist einer anderen Person gesehen. Eines Mannes. Doch wer war er?
Auf dem Weg von meinem Zuhause nach Ise war ich durch die Nächte gehetzt, möglichst schnell und ohne Sinn für meine Umwelt. Jetzt schwebte ich instinktiv Richtung Norden, meiner Heimat zu, doch lang- und aufmerksamer. Mir wurde richtig bewusst, dass ich nicht das einzige Geisterwesen war, das die Nächte durchstreifte. Natürlich hatte ich Geschichten gehört, von einer Furisodé, einem Kleid, das seine Trägerinnen ermordete zum Beispiel. Solche Geistergeschichten gab es viele. Meine Begegnung mit Tanuki fiel mir wieder ein. Und die Irrlichter aus meiner ersten Nacht als … Untote? So etwas war ich jetzt wohl. Yūrei. Die Seele eines Menschen, dem im Tode Gewalt widerfahren war. Sie schwebten mit weißen Gewändern, offenen Haaren, über der Brust gekreuzten Armen, lose hängenden Händen durch die Dunkelheit. Ein solches Schicksal wollte ich nicht. Was ich wollte, hatte ich dem alten Mönch erläutert, der mir nicht helfen konnte. Also musste ich anderweitig Hilfe finden. Ich machte mich auf meinen luftigen Weg zurück, dieses Mal bewusst lang- und wachsamer. Vielleicht waren nicht alle Geschöpfe der Zwischenwelt zufrieden damit, wenn ich sie in Ruhe lassen würde. Ich war neu im Land der Geister und Dämonen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 126
ISBN: 978-3-99064-897-1
Erscheinungsdatum: 15.04.2020
EUR 14,90
EUR 8,99

Herbstlektüre