Lyrik & Dramatik

kann sein

Gerhart Langthaler

kann sein

erntefrische 17-Zeiler

Leseprobe:

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
die Gedichte laden zu vier Blickpunkten ein:
kann sein/mag sein/soll sein/muss sein.
Die Worte, die Sätze sind Schlüssel für alles,
was der Fall ist, wie Ludwig Wittgenstein
die Welt beschreibt.

***

Alles ist blau

Was jährt sich noch in diesen Tagen?
Mit lebloser Gebärde ruht im Wald,
was längst in meinen Stall gehörte.
Mit allen Sinnen hoffe ich auf neue
Klänge, als gäbe es nicht Lärm genug.

Irgendwo brechen die Quellen auf
und sprudeln lauteres Licht hervor.
Hört doch hin, alles ist blau und
wieder blau an diesem verjährten Tag.

Ein Scheiterhaufen von lästigen Fragen
wartet auf Zündholz und Antwort.
In meinem Stall an klirrenden Ketten
hängt meine Sehnsucht nach heiteren Tagen.

Ich bin stumm geworden, seit es nicht
wieder schneit in diesem quälenden Tal.
Der Rauch meines Feuers taugt nicht für
Opfer an vergebliche Götter und meine
Knie sind steif vom Hoffen auf einen Sturm.


Schon versiegt

Gras über Gras wuchert entlang meiner
Ideen, die nächtens aus der Tiefe sprudeln.
Auf einem Hügel, den ich selber errichtet habe,
flattert das Tuch, in das man mich kleiden möge,
wenn alle Quellen längst schon versiegt sind.

Der Turm aus verschlüsselten Bildern trägt
eine schlohweiße Fahne und verkündet alle
Vergeblichkeit, das Leben ein für alle Mal zu
beenden. Gras über Gras soll verschlingen

den Turm und ein Fest mit Vergessenem feiern.
Alle sind eingeladen, der Eintritt ist frei, nur die
Reichen sind ausgeschlossen. Sie wissen nicht, was
sich gehört, die Hälfte der Menschheit verhungert.

Kaum ist das Gras verweht, die Friedenstaube
verspeist, Hunger tut weh, bedenkt es endlich.
Die Fahne ist schwarz geworden und in ihrem
Namen ist es legal, die Menschen zu morden.


Was es heißt

Nur in den Blüten herrscht Stille. Niemand hat
heute die Koffer gepackt. Am besten funktionieren
die Uhren, alle anderen Treiber sind gestürzt.
Die Aufforderung ist an jene ergangen, die noch
lustig am Strand verweilten. Es hat keinen Sinn,
nach den Katastrophen zu rufen. Sie kommen allein.

Zwischen den Rindern hat sich der Streit gelegt.
Wer ahnt, was es heißt, Verwünschungen auszusprechen.
Besser ist es, die Lokomotiven zu heizen. Auf den
Straßen herrscht Chaos auf Bestellung der Träumer.

Jetzt ist es zu spät. Die Ratten wechseln das Konto.
Unter dem Sonnenschirm gedeiht eine Dame.
In den geballten Fäusten zittern die Messer.
Vergebung bekommen die nachweislich Armen.

Aus dem Schlamm erhebt sich eine zarte Gestalt.
Und immer schon war es verständlich, einen
Reiter zu grüßen. Die Nachhut wälzt alles nieder.
Am Ende des Rosenkranzes verweilt die Demut.


So einsam

Es ist genug. Eine Horde schlägt sich ins Feld, und
lustig zischen Raketen aus liebevoll gestickten
Börsen von Gold. Gebt wenig Pardon. Erhebt euch
von euren Stühlen, seine Lordschaft will schlafen.
Sanft weht vom Stadtrand die Brise und überschüttet
mit Anstand die Reste der kümmerlichen Zivilisation.

Wenn das Schiff sinkt, schmiegt sich die Liebe ans Ufer.
Aus der Sanduhr sickert, was den Einspruch erregte.
Unter der Lupe erscheinen die Geister so einsam.
Das Land wölbt seine Schenkel bis an den Stadtrand.

Peinlich erlebte der Priester, was ihm der Glaube verriet.
Die Sandalen sind schon unterwegs, es wird keine Sühne
veranlasst. Das Frühjahr schlendert geduldig dahin,
warum sollte es um die gefrorenen Kinder weinen?


Woher nehmen

Auf den Terrassen lagern die Bündel vergessener Tage,
kein Berg war zu hoch, um den Vorstoß zu hindern.
Kommt in das Haus, das Dach ist aus Lumpen, und der
Schornstein raucht, wenn ihr bereit seid, das Gestern
den Geistern zu opfern. Freilich, es regt alle auf,

wenn die Zahnräder Seewasser mahlen bis auf den Grund.
Das Licht kommt nur spärlich voran. Unter der Hand werden
Todsünden vergeben. Bezahlen ist angesagt. Jetzt oder nie.
Ein wenig Liebe könnte schon helfen. Woher nehmen?

Stellt sie auf. Die Großen nach links. Es wird gespielt, was
der Verrücktheit zu Gesicht steht. Der Vorhang ist rot,
eine Toga für das Theater. Rafft euch auf, der Tormann
holt die Kartoffeln aus dem Feuer. Die Musik spielt auf.

Der Sieg rollt unter den Tisch. Das war schließlich gestern.
Geister sind dünn wie hungernde Kinder. Wir scheuen uns
nicht, darauf hinzuweisen. Teilen ist angesagt, aber wer will,
was er gern hätte, noch teilen mit jenen, die gar nichts haben.


Seine Geschöpfe

Die Autos begreifen das Landen nicht, wenn
die Häuserfronten zusammenrücken zu einem
riesigen Monolithen. Schwarz glänzen die
Tausenden Augen, und in der Tiefe spiegelt das
Eis empor, uns zu lenken bis an den Abgrund.

Die Aufgabe aufgeben befahl der eiserne
Marschall, mit seinem Stiefel bohrte er Löcher
in Bohlen und Balken, Nester für hungrige
Junge einer köstlichen Sorte von Wespen.

Anderswo gleiten Boote ins Wasser
und zerbrechen den kostbaren Spiegel
einer lieblosen Frau. Was schreien die
Kinder und keppeln die Weiber am Werktag?

An den Händen klebten die lustigen Farben.
Wer hat Appetit auf all das Gelächter, das
zwischen dem gottlosen Gelichter auftaut
und zuhauf liegt am Straßenrand. Auf steigt
der Rauch und rankt sich um seine Geschöpfe.


Seit wann

Wie sieht denn Ihr Zeitraum wirklich aus?
Haben Sie eine Bücherwand, und welche
Schinken lesen Sie? Steht neben Mein Kampf
die Maobibel und der Ratgeber: Wie werde ich
reich oder wie bleibe ich ewig jung?

Gibt es in Ihrem Zeitraum einen Kühlschrank?
Haben Sie Sekt eingekühlt, falls einer Ihrer
persönlichen Widersacher sterben sollte?
Halten Sie sich ein Haustier, eines mit weichem Fell

und spitzen Zähnen oder Fischlein, die keinen
Lärm machen? Vielleicht einen Halsbandleguan?
Was kostet Ihr Zeitraum im Monat?
Mehr als ein Dankeschön an die Forschung?

Und seit wann bewohnen Sie Ihren Zeitraum,
seit einem Jahr oder seit fünfhundert Zeitungen?
Heutzutage wird oft eingebrochen, Sie sollten
eine Versicherung abschließen. Wenn man

Ihnen die Zeit stiehlt, wo bleibt dann der Raum?
Oder andersherum, wo bleibt Ihre Lebenszeit?
Jemand schneidet sich Riemen aus der Haut, ganz
feine, um vor Gericht etwas würdiger auszusehen.


Angeblich

Kopflos zu bleiben, sichert seit jeher das Dasein.
Es hat keinen Sinn, dem alten Wappen nachzutrauern,
der lederne Schild war für Schuhsohlen noch gut genug.
Ja, wofür denn? Kein großer Aufwand ist nötig, ein paar
Viren einzufangen, sie überleben auch harte Bandagen.

Endlich sickert etwas Angenehmes durch das Dach.
Die köstlichen Siebenschläfer spielen mit Leidenschaft
Fußball. Aber der Alte vom Zaun hat es ihnen verboten.
Der Zaun aus gelben Latten wird demnächst verbrannt.

Die blau schimmernde Blechdose beherbergt ein paar
restliche Denksplitter. In den Kochtöpfen verdunstet
ein Großteil des jüngsten Sommers. Weint nicht darum.
Jetzt ist es Zeit, die Mähnen der Löwen zu striegeln.

Sollte jemand keine Mutter haben, kann sie oder er sich
bei den Behörden beklagen. Angeblich hat jedes Lebewesen
eine Mutter. Ein aufgeblähter Heißluftballon steht unter
Strom, einmal noch ist es erlaubt, das Schöne zu stehlen.


Sicher trifft

Man sollte nicht gleich gekränkt sein,
es gibt so viele Verrückte, die den Himmel
für längere Zeit verwalten. Es ist von Vorteil,
auf der Gasse den Schaden der Liebe zu
begrenzen, zuletzt weint die Klassengesellschaft.

Jeder Kanaldeckel könnte Einlass gewähren,
aber es bleibt dahingestellt, welches Format
in der Residenz gewählt wird. Nur ein Beispiel:
Nicht hinzuhören verstopft den gierigen Körper.

Vergessen wir die Orchideen. Schmarotzer
gleichen einander aufs Haar. Sicher trifft es zu,
dass die Glocken aus den Türmen verschwinden,
sobald kein Hahn danach kräht. Ein Stein fällt aus

der Sonne, Erklärungen gleichen elendem Stroh.
Alles in Panik, Tanten setzen sich immer durch und
der heiße Kakao färbt die zärtlichen Worte, ehe ein
Schlachtschiff die Särge der Optimisten an Land zieht.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 134
ISBN: 978-3-99048-230-8
Erscheinungsdatum: 24.09.2015
EUR 15,90
EUR 9,99

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