In hundert Tagen blühen die Kirschbäume

In hundert Tagen blühen die Kirschbäume

Tamara Christen


EUR 14,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 132
ISBN: 978-3-99038-906-5
Erscheinungsdatum: 27.08.2015
Begleiten Sie die Hauptfigur in diesem Buch auf eine innere Seelenreise, wie er sich vom Äußeren abwendet. Seien Sie dabei, wenn er in sich steigt, und mit Hilfe von feinstofflichen Figuren Antworten erringt und in größeren Zusammenhängen zu erkennen beginnt.
Intro

Er hält, ihn hält das Bild des alten Turmes fest –, aufgetaucht aus unendlichen Weiten, fern, sich wie ein Blitzeinschlag in ihn legend und ihn erfassend in all seinen Zellen und Gedanken. Erst erstarrte er, als das Bild ihn fand, er versuchte sich davor zu verschließen, um nicht wahrhaben zu müssen, doch anwachsend mit jedem Pulsschlag und Atemholen –, geben wußte er, daß es kein Vertreiben mehr gab, und die Angst davor, die ihn in den Händen hielt, sie entließ ihn, um zu sehen, zu fühlen, sich dem Kommenden, welches unabwendbar, hinzugeben.
Still liegt er da, dunkel die Nacht vor seinem Fenster, das helle Licht brennt und er lauscht in das Außen, zugleich in sein Innen. Hoch und breit ist der Turm gebaut, bietet Schutz in der Abgeschlossenheit, jedoch auch Isolation und Starre – ein Bannen, welches nötige Entwicklungsschritte verneint – das Brechen und Fallen der Mauern muß sein. Es braust der Wind, es schlagen die Regentropfen gegen das Gestein, es dröhnt der Donner, noch in der Ferne, doch sich langsam anschleichend und er steht aufrecht in der hohen Kammer, sendet sein Blick in die Weite, hin zu den Hügeln, den Bäumen, welche sich wiegen wie Wellen und er fühlt, wie der Boden unter seinen Füßen knarrt und in das Brechen fallen muß – darf. Bange hält er sich an den Mauern und läßt schlußendlich los, schließt seine Augen, um das Schauspiel um sich nicht mehr sehen zu müssen, versenkt sein Schauen in sich, langsam, sich auf einer Reise befindend und aufrecht, eine unsichtbare Krone tragend, gleitet er in das Vergehen hinein, welches funken-kraftvoll schon das neue Werden in sich birgt und darauf wartet zu wachsen, ihn aufzunehmen, ihn zu begrüßen in einem anderen Kreis des Seins – und erahnte er ein solches Kommen nicht schon früher, wie es an ihn herantrat, klopfte an seine Seele, an sein Gedankenhaus? Jetzt, in diesen Stunden, fallen die Tropfen in ihn hinein, reißen ihn liebevoll – kraftvoll in das tiefe Meer und er ringt nach Atem, bewegt seine Arme, bemerkt erstaunt, wie gut er schwimmen kann – woher erlernt? An Stunden des mühevollen Übens kann er sich nicht mehr entsinnen und doch weiß er, daß er sie durchschritt, in all den Lebensjahren.


1. Verhangen die Himmelsbühne – die Mondform unsichtbar

… und sterben dürfen wir immer wieder, um zu sein …

Die Koffer stehen still, gepackt und bereit, der Staub wird sich nicht lange darauflegen können, dazu ist die Zeit zu kurz und mit jedem Tag, der flatternd abfällt vom Kalender, naht ihre Abreise unausweichlich. Da gibt keine gewählte, selbstauferlegte Blindheit Milderungen von dem herannahenden Gehen von ihr – ihre Koffer, das langsame Vergehen der Möglichkeiten von einem gemeinsam gelebten Tag an Tag.
Viele Wochen sperrte er sich gegen den herannahenden Bruch zwischen ihr und ihm – er vertrieb die Gedanken daran kraftvoll aus sich, versenkte sich in Arbeit, das Lesen von vielen Büchern, flüchtete in den Schlaf und doch, er wußte, daß irgendwann die Tatsache wahrhaftig vor ihm stehen würde, mit all ihrer Wirkung auf sein Sein. Noch vermochte er den Mantel nicht umzulegen, doch mit jedem Schritt und Schauen durch sein Haus, mit sich alleine unterwegs beim Autofahren, beim Kaffeetrinken in einer Bar, beim Einkaufen, irgendwo an einer Kasse stehend, vor dem Geldautomaten, irgendwo, wichtige und unwichtige Dinge machend, wußte er, daß er den Mantel, den er schon zart sehen konnte, wie er da hing, anziehen mußte. Nein, freiwillig nicht, auch würde er ihn nicht selber aus dem Schrank oder vom Haken nehmen, irgend etwas, irgend eine Kraft, ein Wesen würde ihn ihm umlegen, vielleicht mitten im Schlaf, vielleicht bei Tagesbewußtsein – sich dagegen wehren könnte er nicht mehr, aus dem tiefen Wissen heraus, daß es keinen Sinn ergab, auch wenn er es sich wünschte, auch wenn er dieses Kleidungsstück nicht mehr haben wollte. Zu oft hatte er es getragen, er kannte es gut, hatte gelernt mit ihm zu leben, damit es ihn nicht mehr töten, ersticken, in Untiefen stürzen konnte. Ein edler Stoff, in dunklen Farben, eine Mischung aus Blau und Schwarz, das Innenfutter säuberlich eingenäht. Teuer, nicht mit Geld gekauft. Wenn man ihn trug, so erschien man erhaben, seltsam entfernt von den anderen Menschen, die in bunten Stoffen standen und lebten. Nicht nur in seinem Schrank und an seinem Haken sah er einen solchen Mantel, wenn er seinen Blick durch Bilder der Religionen, Mythen und Alltagssituationen schweifen ließ, so traf er immer wieder auf ihn. Männer mit langen Bärten und großen Hüten, die Haare an den Schläfen zu Locken gedreht, die dem Gesicht eine freche, fröhliche Umrandung gaben und das Strenge durchbrachen, doch auch in der Kirche, den Klöstern und in großen Hallen, wo das Recht gesprochen wurde, da tauchten diese Roben auf und machten die Träger mit ihrer Wirkung zu machtvollen Menschen. Wie ein Wesen mit vielen Eigenschaften versuchte er den Stoff zu betrachten, hatte er eine Färbung erkannt, so eröffnete sich eine neue, sie vermischten sich. Die Trauer, die Schwere, die Tränen, welche wie Perlen auf dem Kragen lagen, mit dem Tau auf den Gräsern am frühen Morgen verwandt und der Isolation, sie lebten darin und ergossen sich in seine Seele hinein, durchstießen die Grenze zwischen ihm und dem Gewobenen. Aufrecht, mit erhobenem Haupte wollte er durch diese Welt gehen, um vorzudringen zu den anderen Räumen, die ebenfalls in dem Mantel enthalten lagen, die man aber erst betreten konnte, wenn man das Dunkle durchlebt hatte. Gestärkt, mit einem weiteren Blick, mit dem vertieften Wissen von anderen ebenfalls wirksamen Gesetzten, die alt und unumstößlich die Menschheit geführt und in Geborgenheit schützend hüllten, würde er hervorgehen.
Mit seinen vierzig Jahren, den langsam ergrauenden Haaren, den anwachsenden Falten auf seinem Gesicht, an bedenklicher Tiefe sich schon zwischen seinen Augen und um den Mund findend, da wußte er, daß ein solcher Bruch zwischen ihm und ihr nicht ohne Folgen sein konnte. Manchmal, so träumte er sich die naive, reine Zeit zurück, wo er noch nicht eines solchen Wissens mächtig war, in jungen Jahren, aus dem Paradies noch nicht gefallen und wenn, dann es noch nicht fühlend, wissend, geschützt durch eine Macht, dessen Namen er nicht aussprechen konnte, weil er ihn nicht kannte, weil ihm dieser Begriff niemals zu seinen Ohren gekommen war, so wie andere Worte im Laufe der Jahre an einen herangetragen wurden, ausgesprochen von der Mutter, dem Vater, den Lehrern, ja selbst von dem Leben. So, das Herannahen ihres Gehens sehend, das Sterben, wünschte er sich diesen schlafenden Zustand zurück und doch, als würde er sich aus diesem Sehnen herausreißen, wollte er niemals zurück, gerade aus der Tatsache heraus, daß er glaubte, nun als Wissender, als Geübter in dem Schmerz und der Isolation besser und heiler aus dem Prozeß herauszugehen.
Mit seinen vierzig Jahren, schon geliebt, liebend noch immer, die Erfahrung gemacht, daß man auch lieben kann, ohne diese zu leben, eine seiner schwersten Lektionen, mit denen er noch immer manchmal rang, weil sie einfach nicht seinem Denken und Empfinden entsprachen, einen Widerspruch in sich trugen, als müsse er sich teilen – sinnlos erschienen sie ihm und doch versuchte er darauf zu vertrauen, daß sie von Richtigkeit geprägt waren. Manchmal verlor er den Glauben daran, daß er jemals die Chance erhalten würde, mit einem anderen Menschen an den Früchten und Aufgaben, an den Entwicklungsmöglichkeiten, die man nur in einer Ehe bekam, zu arbeiten. Zurückgeworfen auf sein Ich, alleine, den Blick auf ihre Koffer gelegt und schon trug er den Mantel, den man erhält, wenn man in Trauer und in die Isolation fällt. In seinen Träumen malte er sich aus, obwohl er es versuchte, sich zu verbieten, denn er glaubte an die Kraft der Gedanken, wie er sich verhalten würde, wenn ein geliebter Mensch durch den Tod von ihm gerissen würde. Nein, nicht viel malte er sich aus, weil er eben diese Scheu empfand, diese Realitäten nicht herbeizelebrieren wollte. Nicht zu lange erlaubte er es sich, sich in die Bilder zu versenken, einen Sog konnten sie entwickeln und diesem wollte er sich nicht ausliefern. Ein Bild, welches ihm blieb, mehr eine Handlung – deutlich seine feinen Hände tuend sehend, wie sie den Kragen eines dunklen Stoffes hielten und – ihn zerrissen, dann ein Spiegel, den er mit einem Tuch bedeckte, und eine Wanduhr, dessen Zeiger, kalt war er und er mußte achtgeben, daß er sich an den Kanten nicht schnitt – er stoppte ihn mit seinem Zeigefinger, um die Todeszeit festzuhalten – vielleicht ein kläglicher und unwirksamer Versuch, den gestorbenen Menschen, dessen Seele zu bannen, indem man die Stunden anhielt – doch das Gehen kennt keine Zeit, und was blieb, viel später, nochmals den Blick auf die stehenden Zeiger zu legen, eine Schreibfeder zur Hand zu nehmen, vielleicht gerade diese, mit der man noch vor Wochen ein Liebesgedicht an den verstorbenen Menschen verfaßte, mit den Worten gerungen, um wirklich dies zum Ausdruck zu bringen, was man tief in seinem Herzen empfand, manchmal konnte man das richtige Bild mit den Sätzen formen und manchmal auch nicht und man mußte die Feder auf die Seite legen, ein paar Schritte tun, vertrauend darauf, daß man irgendwann in den richtigen Zustand gelangen mochte, um das Stimmige aufzuschreiben. Die Feder erneut zurück in der Hand und die Zeit abgelesen, eine abstrakte Angelegenheit und wie kurz es tröstlich sein mochte, wenn ein Arzt dies übernahm, wenn seine Finger die Feder hielten und er schrieb. Das kurze Empfinden, als könne man sich von der Tatsache des Todes entfernen, gerade dadurch, daß man nichts aufnotierte und doch empfand man tief in seinem Herzen, wenn man all seine Stärke an Stelle der Schwäche setzte, daß man in der Pflicht stand, die Todeszeit selber auf das Papier zu bringen, tauchte in solchen Augenblicken in einem auf.
Mit seinen vierzig Jahren, wußte er, daß es ein Vergehen und Werden gab – nein, er wußte es nicht nur, er sah, hörte und fühlte es, als unabwendbares Gesetz – daraus konnte er sich nicht winden und er wollte ein solches auch nicht, weil er darauf vertraute, daß dieses Gesetz richtig war, er sich voll ihm hingeben durfte, um zu sein.
In seinen Mantel gehüllt, den nur er fühlen konnte, den man jedoch, wenn man in seine Augen blickte, lange schaute und hinfühlte, in seiner Wirkung wahrnehmen konnte. Trauer und Schwere lag in seinem Schauen, als wäre ein Funkeln, ein Hoffen weit von ihm gewichen, hätten sich verkrochen, an einen Ort, den er nicht mehr erreichen konnte, nicht für diesen Abschnitt in seinem Leben, vielleicht irgendwann wieder, vielleicht auch nie mehr. Diese Frage stellte er sich nicht mehr, er suchte auch nicht den Weg nach diesem Hoffen und Funkeln. Er entschied sich mehr dafür, sich den kommenden und gehenden Emotionen hinzugeben, nicht wie eine tote, untätige Menschenhülle, mehr als äußerlich Schweigender, der innerlich rang und sich im Umgang mit den Gefühlen übte, ihnen zuhörte und versuchte ihre Botschaft zu entnehmen, um ihnen vielleicht zu antworten. Wie alt war er gewesen, als er begann das Sterben in sich zu fühlen, als unerwartet, aber doch beabsichtigt von höheren Mächten, um ihn in die Weiterentwicklung, in die Menschwerdung und hin in die Erdenschwere zu bringen, die Engel sich mehr und mehr von ihm zurückzogen, er aus einer himmlischen Welt langsam herausbrach und die körperliche Reife erhielt? Wie klar es nun vor ihm stand, Gefühle vermischt mit Bildern im Außen, die Grenzen zwischen ihnen noch nicht so klar, wie er es heute deutlich erkannte – er mußte etwa 13 Jahre alt gewesen sein, damals – damals.
Eine Kinderschar, die Gesichter, die Stimmen, ihm alle bekannt, weil er mit ihnen schon viele Jahre zusammen das Wissen trank, sich auch ab und an von diesem Aufnehmen abwandte, weil er spürte, daß er noch nicht so weit war, um es in sich aufzunehmen. Die einen Gesichter, verflochten mit den Wesensarten, die auf viele Weisen sich zeigten, empfand er als näher und die anderen als ferner, dicht standen die einen bei ihm, so dicht, daß er freundschaftlich manchmal nicht einmal die Fähigkeit noch besaß zu sagen, ob es er oder das Gegenüber war. Andere lebten weit von ihm, obwohl sie in demselben Klassenzimmer sich aufhielten, blaß, nichts in ihm in Schwingung versetzend. Diese Tatsache kümmerte ihn nicht sonderlich, er nahm sie als gegeben hin und versuchte nicht daran zu rütteln.
Er, eingeflochten in die Kinder und an der Spitze die große Frau, welche alles schien zu wissen, die ihr Haar am Hinterkopf wirr trug, als hätte sie nicht daran gedacht, sich nach dem Schlafen dort zu frisieren. Hosen trug sie nie, stets Röcke in braunen Farben, kaum Schminke, ihr Gesicht nicht weiblich, kantig, die Nase männlich, groß und markant in ihrem Gesicht. Betrachtete man sie rasch, so mußte man sagen, daß sie nicht schön war, doch wenn man das Befremden überwand, sie länger anschaute, so erkannte man eine geheimnisvolle Schönheit, eine, welche man nur von Erzählungen aus alten Zeiten, vielleicht bei den Griechen oder noch weiter zurück, her kannte. Er liebte diese Schönheit, sie war alt, unvergänglich und doch paßte sie nicht in diese Zeit – ihr Gesicht gehörte nicht in Frauenreihen der jetzigen Epoche. Das Wissen, die Fähigkeit, Geschichten zu erzählen, wie sie stand, sich setzte, wie sie das Buch in Händen hielt, wie sie der Klasse den Rücken zuwandte, wenn sie einen Kreis an die Wandtafel malte, all dies hatte einen Abdruck in ihrem Gesicht hinterlassen und auch in ihm. Er wollte Teile von ihr in sich wachsen lassen, weil er sie bewunderte, weil er sie erkannte und sich in ihr.
Aufrecht führte die Lehrerin die Kinder in den großen Saal. Etwas kalt wirkte er, viel Beton und die seltsamen Formen, die rechten Winkel nicht kennend, wie man sie sonst an Bauten fand, sie gaben ihm Einzigartigkeit und gerade diese nahm ihm die Kälte, man verzieh ihm, als wäre er ein Wesen, den Beton und den grauen Boden.
Nicht mehr in den ersten Reihen durfte er sitzen, diese waren den kleinen Schülern zugedacht und es erfüllte ihn mit Stolz, wenn er bemerkte, wie er immer höher in den Reihen rutschte – die ganz Großen, noch so fern, fanden ihre Plätze im Oben, nahe am Fenster, als müßten sie sich nur umdrehen, um den Blick, gar den Schritt, in das Außen zu tun. In der Mitte saß er, im Unten die Kleinen und gegen das Licht die Großen, eingebettet, und die Enge gab Geborgenheit, die er sich ersehnte, die ihn schützte, um sich nicht zu verlieren, um gehalten zu sein in der Menschenmasse.
Dunkel wurde es in dem Saal, langsam verkroch sich das Licht und rot hing der große, schwere Bühnenvorhang mit seinen tiefen Falten da. Wie oft hatte er diesen Stoff schon gesehen, betastet und wie wundervoll waren die Augenblicke gewesen, wenn er sich begann zu bewegen und ein anderes Bild sichtbar wurde, die vielen Gesichter oder die Kulissen eines Stückes. Er wußte nicht recht zu sagen, was er lieber hatte, die Gesichter oder die Kulissen – entspannter war es, sich auf der Seite der Gesichter aufzuhalten, ebenfalls ein Teil von ihnen zu sein, als auf der Bühne zu stehen und zu geben. Doch nicht immer wollte er auf einer Seite sitzen, er wollte wandern zwischen den Welten, das Geben und Nehmen abwechseln, dann erneut gehen in das andere hinein, wenn es ihn rief oder gar vertrieb.
Es waren die großen Schüler gewesen, welche dasaßen, die Stühle in einem Halbkreis aufgestellt und die Instrumente haltend – den meisten vermochte er den richtigen Namen zu geben, sie waren ihm bekannt, durch das Bild und ihren Klang. Glänzend strahlte das Gold der Tasten in den Scheinwerfern, manchmal in ein Rot fallend, dann in ein Blau und Gelb. Er mochte den ersten Augenblick oder auch den letzten. Still war es in diesen Momenten, vollkommen still, man hielt den Atem an, lauschte auf seinen Herzschlag, öffnete sich hungrig dem Klang entgegen, ohne zu wissen, wie er sein würde. Angst hegte er in solchen Sekunden nicht, er wußte, daß die Töne nicht schmerzen würden, sie hold und gut waren.
Der Dirigent hob den kleinen, zarten Stock, atmete ein, die Blicke auf ihm ruhend, gemeinsam bereit, um den Teppich zu weben. Nein, es war kein lauter Knall, ein leises Herannahen, rasch, tanzend, erst unbemerkt und er mußte seine ganze Achtsamkeit aufbringen, um das Zarte zu vernehmen – ein zittriger Silberfaden, ein Tagesstrich, wenn die Nacht sich langsam dem Hellen beugte, dann wuchs es an, gewann an Größe und Kraft und begann die Seele zu berühren, strich an ihr, ließ sie erbeben, nährte sie und ließ einem Wissen, in dem starken Empfinden, daß man lebte, daß man als Mensch eingebunden war in die ganze Welt und man niemals aus ihr fallen konnte – man war angekommen in den leichten und schweren Klängen, die sich nichts nahmen, die sich gaben, sich ergänzten, sich gegenseitig brauchten.
Er ließ sich fallen, tauchte ein in die Töne, gab sich ihnen hin, ließ sich mitreißen, begann die lange Reise, ohne bange zu sein in seinem Herzen, denn sie war gut. Er räumte sich das Recht ein, seine Augen zu schließen, auch wenn er wußte, daß dies ein Knabe von 13 Jahren nicht tat, doch er mußte und nahm die Gefahr, verspottet zu werden von seinen Mitschülern, auf sich – diesen Preis war er bereit zu bezahlen, denn das, was er von der Musik und seinen dadurch erwachten Emotionen erhielt, überstieg alles.
Regungslos saß er da, lauschte hin, weitete sich, so wie er sich noch nie erinnern konnte, es getan zu haben. Seine leibliche Grenze löste sich auf und er schwebte irgendwo, an einem Ort, dessen Namen er nicht kannte, den er auch noch nie in einem Buch gelesen hatte, doch er war süß, voller Gnade, er wagte sogar zu sagen, göttlich. Dann riß er seine Augen wieder auf, er mußte sich sicher sein, daß er sich noch in dem Saal aufhielt und nicht weg war. Rasch tastete er mit seinem Schauen die Gesichter der anderen Menschen ab, erkannte die offenen Blicke der Kinder, die unruhig spielten, sich neckten, lachten und nur hofften, daß das Konzert zu Ende sei, dann die Gesichter der älteren Menschen, die Augen geschlossen, in sich ruhend, und er erschrak für ein paar Sekunden, weil er sich selbst in diesem Gegenüber erkannte, wie er soeben, noch vor einer Weile, ganz in sich gekehrt und doch unendlich weit, dagesessen hatte – er schämte sich dafür, weil er glaubte in eine Welt eingetaucht zu sein, die nicht für einen Jungen von 13 Jahren gedacht war, sondern nur für die alten Menschen. Hatte ihn jemand erkannt, wie er flog, wie er sich hingab? Er konnte nicht anders, das Rufen zu einem solchen Tun war so unendlich schön gewesen und von tiefer Bedeutung für ihn, so daß er sich davon nicht abwenden konnte. Er fühlte, wie er diesen Weg gehen mußte, er keinen anderen wählen konnte, hier an diesem Ort, in diesem Saal und mit diesen Klängen. Erneut schloß er die Augen, die Scham machte es ihm schwer, sich in die Musik und ihre Wirkung zu versenken, er rang mit sich und schon wollte er aufgeben, wieder sein Schauen verändern, öffnete sich ihm die andere Welt, nahm ihn auf.

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