Halbschatten – oder das Tagebuch des Arbeitslosen

Halbschatten – oder das Tagebuch des Arbeitslosen

K. Kannos


EUR 13,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 74
ISBN: 978-3-99064-184-2
Erscheinungsdatum: 25.01.2018
Das Leben meint es nicht gut mit David. Jung und arbeitslos kämpft er gegen die Verzweiflung und sein sinnentleertes Dasein. Sein Mut und der Wille, einen Neuanfang zu wagen, werden überschattet von Gedanken an die Erlösung durch den Freitod …
WEG IN DIE TRÄGHEIT

14. Januar

Grau in grau am Himmel. Der Wind zischt durch die Straße, eisig prasseln dicke Tropfen auf die Dächer, dunkle Pfützen sammeln sich. Dicht am Fenster beschlägt es mein Atem hell, ich spüre, wie es kühl von draußen drängt.
Vereinzelt tummeln sich Leute da unten. Ob sie von der Arbeit nach Hause eilen? Sich bei diesem hässlichen Wetter aus dem Haus wagen, weil ein lieber Mensch auf sie wartet?
Welchen Grund sie teilen, zielstrebig durch die Kälte ergeben ihre Wege ihnen Sinn. Höchst vereinzelt nur wird sich einer länger als ein vorwurfsvolles Ach beklagen und sofort wieder in seine Angelegenheiten sinken.
Abseits der Hektik und täglichen Erfordernis verbringe ich ohne Abwechslung lange Stunden in diesem Zimmer. Ringsum die Gegenstände harren einer sorglosen Trägheit; das Fenster geschlossen, bereite ich der Kälte keine Pforte. Befinde mich mit weit offenen Armen mitten auf der Straße. Gierig sauge ich die Luft, belebend strömt sie in meinen Körper.
Der Traum währt nicht lange, ruckartig versetzt es mich zurück in meine trostlose Lage. Meine offene Hand lasse ich am Fenster hinabsinken, als verabschiede ich das Draußen. Kein Mensch kreuzt meinen Weg und so sehnsüchtig verlange ich nach Erfüllung und Leben. Abgerissen jedoch segelt dieses verlorene Stück zu Boden. Ich bin allein. Wünschte, ich wäre außer und in und über mir mit der Welt verbunden, wollte es wahrhaben, dass ich im Einklang schwinge mit allem anderen überall.
Überzeugt und sicher oft zuvor gebe ich gedrückt mich nicht der Täuschung hin, setze mich entmutigt an den Schreibtisch an der Wand, die Bücher und allen Rest an Ablenkung seit einiger Zeit schon weggeräumt. Die Sanierung der Firma hatte alles verändert. Abbau von Personalkosten war gefordert, meine Frist abgelaufen. Geblieben ist genügend Zeit für mich, Freiheit für jede Regung und jeden Sinn. Rasch entflohen sind die Wochen und nun schwinden die Tage angestrengt. Ich suche Neues, führe zäh Gewordenes fort. Zu diesem grundsätzlichen Durcheinander beginne ich ein Tagebuch und frage mich wozu, ein Unterfangen, das ich immer wieder mir vorgenommen, aber nie durchgeführt habe.
Die losen Gedankenfetzen meiner Ordnung fügen und sie nicht wirr und ohne Ende nur im Kopf im Kreise drehen? Kurz zu Papier gebracht mir Aufschluss verschaffen, ob herumschweifendes Betrachten doch nicht völlig nutzlos ist?
Der Widerwille hat mich heut dazu gebracht. Verdrossenheit, erkeimende Abneigung gegen die Jobsuche verkrampfen. Suche und suche und schreibe an, bin eifrig jeden Tag dabei, ohne den geringsten Erfolg. Absagen nach generierter Vorlage, wenn überhaupt wer antwortet, als hätte ein Programm mich aus dem Prozess geworfen.
Aus der ungestrafften Tagesordnung melden sich Anzeichen der Vernachlässigung meiner häuslichen Pflichten. Zeit verschwende ich zusehends und zu tun die Dinge, die man sich vornimmt abseits eines hektischen Arbeitsalltags, sind vergessen.
Enttäuschung und Wut erfüllen mich. Gegen den Chef und die Kündigung anfangs, der Grund ist verflogen, allein das Ergebnis hält sich bitter. Wogegen und warum bin ich so ärgerlich? Ist es Reue nach der überstürzten Erleichterung? Meine Motivation hat die Arbeit nicht beansprucht und das war nicht nur mir bewusst.
Die im Überfluss vorhandene Zeit schafft Boden für den Zweifel, unsicher über meine Entscheidungen bröckeln die Entschlüsse. Das Studium umsonst? All die Jahre verloren?



15. Januar

Muss zum Zahnarzt. Schmökernd in der Zeitung ertappe ich überrascht ein kleines Mädchen mit ihrer Mutter im Wartezimmer, das mich mit kleinen forschen, fast bösen Augen angafft. Habe keinerlei Erklärung für dieses Verhalten, beachte es auch nicht weiter und beobachte dagegen die hübsche Assistentin mit zarten Händen Karteikarten vervollständigen. Gut getarnt beim Lesen nicht schwierig, aufgeregt zeichne ich ihre weichen Konturen nach. Hinein ins Ordinationszimmer erstaunt mich die nicht unansehnliche Ärztin, sie hat meine Gunst für sich. Was nicht lange währt, als sie mir beim Wehklagen über den Schmerz nahelegt, es stoisch zu ertragen.
Statt den Finger zu zwicken, ihr mit ihren Händen in meinem Mund nickend zugestimmt. Natürlich. Zähne zusammenbeißen, den Herausforderungen des Lebens entgegentreten, daran wachsen.
Die Erinnerung beunruhigt beim schrillen Geräusch des Bohrers, trotz Spritze krallen sich meine Finger um die Lehne. Taub geworden lässt die Anspannung erst nach.
Und weiter? Der Erkenntnisgewinn, wozu? Eine unendlich besonnene, überlegte, ruhige Version meines Selbst?
Dann lieber sofort aufhören und leben, oder etwa nicht?
Entgegen meiner Absicht, die ansprechende Gehilfin nach ihrer Nummer zu fragen, bin ich hinaus und unerwartet niedergeschlagen.
Stoisch hat doch mit Entsagen zu tun.



18. Januar

Der Tag startet mit Nachwehen. Gestern war lang und viel. Bin mit der Zockerrunde in den Ausgang, es ist eine deftige Lokalrunde draus geworden. Den ganzen Tag zerstreut. Kopfschmerzen martern, werden abends sogar schlimmer. Drücken meine Stimmung.
Mit der Mutter telefoniert. Erneut handelt unser Gespräch weitgehend vom Verlust der Arbeit. Vorwürfe, Ermahnungen, wie es jetzt weitergeht, und was ich mir vorstelle. Mit allen Mitteln beschwichtige ich, täusche Harmonie vor, ungeachtet aller Widrigkeiten. Meine fingierten Zukunftspläne zerpflückt sie herablassend, wirft mir Unwillen und Uneinsichtigkeit vor. Mein Blut kocht, geladen beende ich das Gespräch. Für mein Unbehagen mag sie heute der Auslöser sein, andererseits vielmehr über mich selbst frustriert, wandere ich eine schöne Zeit lang vom Fenster im Wohnzimmer raus zum anderen Fenster in die Küche und zurück.
Ob ich weiterhin so hausen will?
Nein, ich bin mit meinem Substandard Wohnungssumpf nicht zufrieden, aber soll ich draufloseilen, wenn ich nicht weiß wohin? Mir unüberlegt etwas aufhalsen, das ich gar nicht will?
Zugegeben, die Wohnung wird mir eng, erscheint schäbig, als ich nun aufgefordert meinen Blick drauf werfe. Wenig verwunderlich, denke ich abschwächend, ohne Energie in den letzten Tagen stand Putzen nicht oben auf dem Programm.
Es zieht mich nach draußen, zu einem Spaziergang oder einem Besuch beim Nachbarn. Vor der Tür, den Schlüssel in der Tasche, halte ich inne. Gehe zwei Schritte nach vorn, bleibe stehen.
Will ich etwa die gute Laune, Erzählungen über die Arbeit oder das Schätzchen über mich ergehen lassen? Vorstellungen und Vorschläge, was ich besser machen kann? Es dröhnt wie strenge Bevormundung in meinen Ohren. Wäre ich nicht aufgebracht und angespannt, so nachsichtig auf jeden Fall mit den anderen, wo jeder bei der Belehrung eines scheinbar Unverbesserlichen die Erfahrung eines Menschen anbringen will, der sein Leben meistert.
Gehe weiter, stocke erneut und als ich Geräusche an einer Wohnungstür wahrnehme, fahre ich erschrocken hoch, schnelle zurück zu meiner und verschwinde.
„In dieser Laune ertrage ich sowieso keinen anderen“, sage ich mir und schließe schmerzlich ab.
Es kann so nicht weitergehen. Ich brauche Arbeit, wenn möglich eine, für die ich mich auch begeistern kann, oder muss ich mich in jedem Fall aufgeben dabei? Bleibt es mir als Mittel zum Zweck das Mittel, bis die vorübergehende Ausrede sich verfestigt und ich mich irgendwann damit abgefunden habe?



21. Januar

Wie immer ich mich sehen will, schüchtern, draufgängerisch, als heillosen Romantiker oder unstillbaren Abenteurer, nie bin ich es zur rechten Zeit. Ist Mut am Mann, die anzusprechen, die mir gefällt, knicke ich ein, unbeweglich versagt sich mir die Zunge. „Mensch, David, ein ungezwungenes Gespräch! Einfach kennenlernen. Verstanden?“
So habe ich für die Durchführung tausend Pläne parat, passende Gelegenheit gab es dazu mal eine und auch eine zweite … Ich bewahre mich vor dem Hungertod, erdreiste mich, dann und wann mal probeweise anzumachen. Sehen, was passiert, und lernen. Verächtlich nicht in meinen Augen, zielsicher gekonnt erfordert Übung.
Mit größerem Interesse am Gegenüber und ansteigender Spannung läuft immer alles komplett verkehrt. Meine Motivation ändert sich schlagartig, als stünde ich bereits vorm Traualtar mit dem Herz in der Hose. Schweißnass in die Ecke der Zweisamkeit gedrängt, nur zu einer Handlung fähig: der Flucht.
Klassisch heute im Zug. Das junge Ding war wirklich nett. Keine gewagte Schönheit, aber ich mochte sie. Draufgängerisch mit der Frage nach einem Treffen hat sie mich glatt überfahren. Heiß ist mir geworden, hab auch gestottert, ihr was von wichtigen Terminen erzählt und das Abteil gewechselt mit der vorgeschobenen Lüge, ich müsse aussteigen. Durchaus kläglich. Ich wollte sie nicht verletzen, okay. So einfach. Warum konnte es nicht bei dem angenehmen Gespräch bleiben?
Aber das tut es nie. Eine unangenehme Wendung geschieht immer, weil kein Mensch ruhig sitzen bleiben kann. Und gezittert habe ich bei allen, die vorbeigegangen sind, bange gingen wild die Nerven, sie könnte mich entdecken und entlarven. Als hätte sie meine Maskerade nicht ohnehin durchschaut.


22. Januar

Absagen. Wieder. Kommt nicht so bald Entlastung, schwirrt mir einschüchternd durch den Kopf. Meine finanziellen Mittel schrumpfen, damit verbunden steigt der Stress. Bewerbe mich für Positionen, die meinen Qualifikationen nicht mal gerade noch entsprechen.
Die aufgeblasene Personalpute am Telefon hat mir das eindringlich genug vorgeworfen. Abweisend herablassend vorsorglich zu Beginn, als hätte ich sie bei wichtigsten Tätigkeiten unterbrochen, hat sie was für nicht einleuchtende Argumente eingeflochten, gar nicht aufhören wollte sie. Schmettert mir eines nach dem andern entgegen, nimmt, nach einem nachdrücklichen Räuspern von mir, mir mein aussichtsloses Vorhaben auseinander. Entmutigt war ich schlussendlich klein wie eine Maus, und das, weil ich wissen wollte, ob ich noch im Rennen bin.
An ihrer Entscheidung gibt’s rein technisch nichts zu rütteln. In jeder anderen verdammten Möglichkeit meiner Welten hätte ich mit ihr auch nie zu tun gehabt, aber in der schrecklichsten durfte ich ihr Dreschsack sein.
„Vermutlich wollte sie nur mal Druck ablassen“, stärke ich mich.
Mit ein bisschen weniger Arroganz hätte ich genauso gut verstanden.
Wie Einhalt gebieten?
Auflegen?
Habe ich nicht. Unhöflich war schon sie genug.
Bei der aufgespielten Überlegenheit war für Hilfestellung oder ein aufmunterndes Wort kein Platz.
War sie selbst hilflos in irgendeiner anderen Weise?



26. Januar

Freitagnacht und den Rest des vorwiegend beschwerlichen Wochenendes hinter mich gebracht. Die Mutter hat angerufen und strapaziert meine Nerven. Die alte Beziehung war gut, ich hätte sie nicht aufgeben dürfen, der alte Job war gut, ich hätte ihn behalten sollen. Mein altes Leben hat ja so gut gepasst …
Nichts passt. Und überhaupt, treffe ich hier allein alle Entscheidungen?
Die zerbrochene Beziehung mit Theresa bietet ihr für ihre Angriffe ausreichend Munition. Es liegt so lange Zeit zurück. Ihr Lästern soll mir Grund verschaffen, eine Neue zu finden, mir sollen meine Fehler eingehen, sie meint vielmehr, meinen Charakter ändern, einen anderen Menschen aus mir machen zu können. Das ist ihre Absicht. Nichtssagendes Geschwätz des du änderst dich doch nie, mit dem mich auch Theresa belagert hat, wenn sie mies gelaunt mich für ihre Sicht der Dinge hat bewegen wollen.
Nicht gerade erbaulich, der Freitag. Mein Zockerkollege Thomas weigert sich, einzusehen, dass seine Cousine eine schöne Zeit mit mir verbringen kann.
Aus dem Tagebuch des Dilettanten: Dem Bierrausch völlig untertan, sehe ich vermutlich vollkommenes Glück in ihr, kristallklar jedoch den gelungenen Ausklang einer hemmungslos ausgelassenen Nacht. Verlasse mich auf meinen Charme. Ein Fehler. Hänge eifrig, aber benommen mehr an ihren Lippen als ihren nüchternen Worten, versuche, sie mit Argumenten, nicht mit liebenswerten Albernheiten zu überzeugen. Klug? Nein! Ein weiterer Fehler. Richtiger wäre sicherlich gewesen, als Neandertaler sie zu schultern und in meine Höhle zu führen. War eben alles leichter früher.
Unbeirrt ein weiterer Anlauf. Die Fährte aufgenommen, geschicktes Annähern, eine Randbemerkung, gefolgt von einem Kompliment, ein sinnlicher Blick. Alles vergebens natürlich. Fort ist sie. Ich sehe zu ihr hinüber, trotze dem Schutzwall ihrer Freundinnen, deren verächtliche Blicke mich wie Blitze treffen sollen. Auch mein lieber Freund will mir nicht helfen, sein übertriebener Beschützerinstinkt hält ihn davon ab. Ernüchtert werfe ich mir krasse Unfähigkeit vor, bin unentschlossen, lehne an der Bar, starre vor mich hin.
„Du bist schwach“, murmle ich schwindelig, „dem Gefühl die Herrschaft über dein Denken zu verleihen.“
Aber wie denken gefühldurchtränkt?
Damit ist die Nacht keineswegs zu Ende, wüst weiter trinken, tanzen, brüllen … am nächsten Morgen bin ich bei einer ihrer Freundinnen aufgewacht.



27. Januar

Ein Vorstellungsgespräch heute. Guter Dinge, seriös herausgeputzt, Zuversicht versprühend hinein zur Tür. Ist nicht schlecht gelaufen bis zur Frage, was ich in der Firma erreichen möchte. Meinen Job erledigen war unerheblich für den Herrn, der gerade mal etwas älter war als ich. Ich müsste doch ein Ziel haben und aufsteigen wollen oder zumindest einmal mehr haben wollen in Zukunft. Äh … ja, aber nein, verdammt noch mal, ich will meinen Job machen und Freizeit haben für anderes, das es bestimmt auch gibt im Leben.
Als gäbe es ausschließlich ein Ziel, das zu verfolgen alle beschlossen haben. Lauter Karrieristen, Ziel Chef werden, Leute beherrschen, über möglichst viel Reichtümer befehlen können. Ein Job mit genügend Gehalt reicht mir, danke, und erspart, in einem Geldsee zu ertrinken.
Erst der geringschätzige Blick bei der Verabschiedung, beim Händeschütteln beinahe bemitleidend mit einem, der insgesamt nicht verstanden hat, worum es im Leben geht, hat mich vernichtend getroffen.
Aber worum geht es? Überleben. Aufwachen und wissen, dass man für sich und die Seinen das Nötigste, das Wichtigste beiseite hat. Der Notwendigkeit gehorchen. Und darüber hinaus? Anhäufen? Geld anhäufen. Autos, Frauen, schöne Momente, rare Momente, Seltenes, Häufiges. Ausgeben, triumphieren, begeistern, bekehren?
Die Großmutter hat gesagt, leben und keine Angst haben müssen vor dem Sterben. Das schließt doch gutes Leben ein? Mir schwindelt, hab mich im Kreis verfangen, wehre mich, so gut ich kann, aber ich habe Angst. Angst, nicht zu leben, erbarmungslos zerrieben zu werden in diesem Kreislauf, und dennoch möchte ich es. Mich in den Kreislauf werfen, beständig, verzehrend. Kann mich nicht aufhalten, nicht rasten, muss ständig spähen und darf keine Möglichkeit versäumen.
Kaufe längst keine teuren Dinge mehr, überlege noch einmal beim Zugreifen, vergleiche Preise, bin zu stolz, zuzugeben, aber die Mittel werden knapp. Mir fehlt jede Idee, jeder Weg, Zuruf oder eine befreiende Eingebung und ich zittere beim Gedanken, die Mutter oder die Betreuerin könnten anrufen oder ein Bekannter auf der Straße mich fragen, wie es denn läuft.
Bin ich zu früh abgesprungen? Gab es nicht ausreichend Zwölf-Stunden-Arbeitstage? Ist das Leben etwa verschwörerisch als Antwort auf Leichtfertigkeit und braust es über einen hinweg, wenn er stehen bleibt?
Es wollte mich überrollen, hätte erbarmungslos begonnen, mich auszusaugen, bis schließlich nichts mehr in mir übrig gewesen wär. Dann hätte es angefangen, mich bis oben hin zuzuschütten mit nichts als dem, der ich dort war.
Ich hatte Angst vorm falschen Leben, nun fürchte ich, keines mehr zu sein.



28. Januar

Zwei Absagen, wie von einer Hand geschrieben. Die Not lässt keine Wahl, zwingt zu falscher Kost. Muss, muss, muss. Bin wüst niedergeschlagen, gebeugt vor dem Schreibtisch, glotze auf den Bildschirm. Schlagartig versinke ich, in mir wird es dunkel und auch rings um mich, so scheint es, verliert das Licht an Kraft. Ganz leer schaudert mir, ich springe auf. „Tu was“, sag ich laut, wische den Schweiß von der Stirn, obwohl mich friert.
Nichts tue ich. Kauere vor dem Bildschirm, überlege abwesend nur, dass ich seit Tagen unaufgeräumt alles herumstehen lasse.
Ablenkung macht mich vergessen. Habe mich nach stundenlangem Klicken im Internet auf einer Partnerbörse angemeldet. Mein immer weiter verödender Alltag soll eine frische Brise bekommen.
Insgeheim warte ich auf jemanden, der mich versteht, mir zeigt oder erklärt, warum nichts hilft. Wie sich unversehens die Welt gegen mich verschwören konnte und alles in den Schmutz wirft, was von nackten, flehenden Händen ihr angeboten wird.
Verzagtheit überfällt mich. „Meine Hoffnungen werden platzen“, höre ich mich sagen, frage mich, warum ich auf diesem Weg Erfolg haben soll. Die Gedanken flattern, flappen laut im Sturm, spannen meinen Körper, treiben mich vor sich her, ich trifte ab, schlittere in vergangene Szenen voll Zärtlichkeit und Harmonie, tauche auf in Traurigkeit.
Genug. Anderes muss geschehen. Kennenlernen. Mache mich daran, zeige mich auf dieser Seite von meiner besten. Anfangs finde ich es beinahe lächerlich, picke Erfolg versprechende Aspekte von mir raus und blase sie auf zu bunten Luftballons. Mich formen, dieses Vergnügen spornt mich an. Erste Klicks auf mein neues Ich sind richtig aufregend, werde beinahe heiter, glühend versessen erforsche ich die neue Welt. Klicke und lese mich von einem dieser Profilwesen zum nächsten und lasse erst spät nachts mit müden Augen ab, enttäuscht vom eintönig langweiligen Hin und Her und unbeantworteten Anfragen.
5 Sterne
Halbschatten - 30.04.2018

Tolles Buch, sehr empfehlenswert! 5 *****

Das könnte ihnen auch gefallen :

Halbschatten – oder das Tagebuch des Arbeitslosen
Buchbewertung:
*Pflichtfelder