Cover: Gedichtsammlung

Gedichtsammlung
Vortrefflich Wandelbares


EUR 18,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 100
ISBN: 978-3-7116-0887-1
Erscheinungsdatum: 07.07.2026
Diese Gedichte kreisen um Abschied und Aufbruch, Natur und Erinnerung, Einsamkeit und Hoffnung. Matthias Wolf verbindet stille Beobachtungen mit philosophischer Tiefe und schafft lyrische Momentaufnahmen voller „Schimmer der Dinge“.
Gedichte des goldenen Buches


Augenblick der Freiheit

Schwebendes Ich,
über der Brücke,
mit Richtung Hinüber.

Abschiede
zurückgelassen.
Nie warst du
im Dunkeln.

Drüben warten
Willkommensgrüße auf dich
wie Fensterlichter, noch unerkannt.

Fühlst dich heut’ an
wie ungeboren,
verankert und selbstvergessen,
nichts entschwand, nichts verloren.

Wachsend
auf deinem Weg,
oberhalb von
überfließenden Wassern
fiebert man deiner Ankunft entgegen.

Über alles wirst du triumphieren und nun bist du nachtstill unterwegs.

Augenblick der Freiheit,
immer wirst du
unweigerlich erfahren
und leicht.


Bild von heute

Bild von heute,
bist du eingefangen
für morgen
und die Zeit danach.

Wir schreiten voran
und du verharrst wie dauernder Stein
in beständigem Sein.

Als Spiegel der Vergangenheit
greifst du nach der Ewigkeit,
doch was mir das Herz erfreut:
Auch du treibst in der Zeit.


Muster aus Stein

Muster aus Stein,
du führst mich entlang
an schützenden Häusern.

Ein Haus folgt dem anderen,
indes, ein jedes steht für sich, es legt sich majestätisch um seine Seele,
als Festung gegen dich.
Geh du nur ruhig weiter,
so passt du in das Bild.
Schau gut nach rechts
und nach links,
ob sich – so schön sortiert –
die Sehnsucht nach Heimat besänftigen lässt.


Stadtbekannte

Schon in deinen Kindertagen
warst du Mutters Glück und Blüte,
für sie gab es keine Plagen,
denn du gabst ihr deine Güte.

Du gewannst an Form und Eleganz,
während die Jahre vergingen.
Sie verlor früh an Glanz,
musste mit der Krankheit ringen.

Zuhause lachten andere,
du hieltest ihre schwache Hand,
so wie damals deine Güte,
war der Schmerz nun euer Band.

Als ihr Atem nun verebbte, erfror ihr wärmender Schoß. Sie nahm mit sich deine Blüte
und alle Blumen deiner Welt.

Die Wohnung war ein Echoklang,
Kindheit war ihr Abgesang.
Als keine Gegenwart verband,
was hieltest du dann in deiner Hand?

Als dieser Stillstand Einzug fand,
spürte er ein wildes Beben. So schöne Frauen hat das Land,
dorthin floh er, um zu leben.

Verdrängung war sein Lösungsweg,
die neue Form war klar und kalt,
wo alles nur nach Neuem strebt,
muss Altes weichen – offenbar.

Bei ihrem Einzug war viel los,
Möbel wechselten die Plätze, die neuen waren riesig groß, Hüter unbekannter Schätze.
Nur dein Zimmer bot noch Reste
aus den guten alten Tagen,
dort befand sich eine Kiste,
in der Mutters alte Dinge lagen.

Was deine Hand gestohlen hat,
war doch in Sicherheit gebracht,
was du im Streit gerettet hast,
war nun bei dir in der Nacht.

Sicher, du warst ein schwieriges Kind, als Störer wurdest du bezichtigt,
so wie es dieser Frau erging:
Ein Herrscher hätte dich gerichtet.

Um die Strafe zu vollstrecken,
hatte man dich ausgestoßen,
nun sahst du auf – auch ohne Decken,
zu dem Domizil der Großen.

Du saßest weinend auf den Stufen,
auf deinen Knien den Karton, deine Nachbarn hörten dich Rufen,
gnadenlos war die Räson.

So wurdest du dir selbst recht fremd,
hattest die Heimat nicht mehr erkannt.
So wurdest du zum Geist der Stadt,
doch wer dich sah, versteckte sich.
Ja, damals warst du stadtbekannt.


Lauter Mensch

Warum redest du so laut?
Macht dich deine Stimme größer?
Wer hat dich denn überhört?
Macht dich eine Stimme kleiner?

Du schreist laut durch den Saal,
nur hören will dich keiner,
all dein Leiden, deine Qual,
du klagst zu leise, leider.

Dir wurde Arges angetan,
allein, es stößt sich keiner dran,
ein jeder kreist scheinbar um sich,
brüll endlich lauter, auch für mich!

Der Zug ist abgefahren,
und zieht an uns vorbei,
derweil hilft kein Brüllen, hilft kein Geschrei.


Distanzen

Betrachtet man uns
aus weiter Distanz,
dann ist der Abschied
unser Pfad.

Der Blick von oben
verkürzt die Zeit,
dieser Weite
entspringt die Einsamkeit.

Eben geboren,
nun fast wieder tot,
hoch oben auf dem Gipfel,
wartet beängstigende Not.

Erinnerungen,
Fotos und Eindrücke flüstern den Abschied,
häufig misslungen.

Wunden und Stümpfe
in unserem Geist,
ohne die Trauer
auf ewig vereist.

Oben, ganz ohne
Ausweg, nur Ausblick,
wo jeder Säugling
todgeweiht erscheint.
Festgefroren in
vergangenem Eis
tritt die hochbetagte Zukunft in unseren Lebenskreis.
Was bleibt, ist die Nähe,
noch vor dieser letzten,
um sich für Momente
hineinzuversetzen.


Sturm und Regen

Was eben noch still
und friedvoll beisammen war, drängte sich alsbald zu einer fremden Kälte zusammen.
Der Sturm wütete draußen,
der Seewind brüllte
im Wirbel von außen,
das Wasser tobte.

Die Ebbe saugte,
riss alles mit sich,
stark ohne Worte,
das Aus für das Ich.

Der Schwimmer kämpfte
mit kräftigen Schlägen
um jeden Meter,
ums Überleben!

Weit vor sich das Land,
schmal am Horizont,
in seiner Nähe
nur eine rasende Boje.

Wie stark er auch war,
es war vergebens,
hier herrschte nur die See,
die Kraft allen Lebens.

Er verließ sein Haus,
trat an die Reise, sie zog ihn hinaus
In ihre Kühle.

Kein Sturm hat Bestand,
er wird sich legen,
dann spiegelt die See,
es tröpfelt der Regen.
...

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