Lyrik & Dramatik

Fräulein Busse, Sie Früchtchen!

Cornelia Busse

Fräulein Busse, Sie Früchtchen!

Oder: Wie man sich das Leben schönphilosophiert

Leseprobe:


Womit fängt man an, beim Schreiben? Einfach das aufschreiben, was man gerade denkt … Also gestern, die Predigt war sehr gut, der Redner war witzig und charmant, aber heute ist schon wieder alles verflogen. Gott liebt mich also mehr als alle Sterne des Universums, mehr als alle Sandkörner im Meer, bla, bla, bla. Das war sehr unfreundlich von mir, und eigentlich weiß ich es besser!
Eine der schönsten Eröffnungen eines Buches, wie ich finde, stammt aus Daphne du Mauriers Buch „Rebecca“, and it reads: „Last night I dreamt I went to Manderley again.“
Wow, gets you right there. All imagination opens up! You see that beautiful estate comes to life, again. One of the most beautiful places in England.
… Und da steht: Letzte Nacht träumte ich, ich ging wieder nach Manderly.
Bo, das trifft dich da ganz schön. Die Fantasie öffnet sich! Du siehst, wie das schöne Anwesen wieder zum Leben kommt. Einer der schönsten Plätze in England.
Es war wieder ganz entzückend in den Österreichischen Alpen, ich hatte Mal wieder nicht aufgepasst, und peng! Ich rutschte den Berghang hinunter und konnte mich nur am Almrausch festhalten! Es schien Ewigkeiten später, als mein Mann über mir auftauchte. Man ist ja geschult durch diese Soap-Operas (triviale Vergnügungssendungen im Fernsehen), und so fragte ich ihn süffisant: „Hättest du die Freundlichkeit, mich hier hochzuziehen?“
Er: „Das kommt davon, wenn man nie auf den Weg achtet!“
Wie wahr, wie philosophisch, er hatte dann tatsächlich die Güte, mich hochzuziehen.
Aber er kann ganz weltmännisch sein, an der Supermarktkasse in Hallstatt wurde er für einen Einheimischen gehalten, also wegen seiner Bräune und der schweren Bergschuhe. Irgendwelche Ostdeutsche meinten dann, ihn belehren zu müssen, und er faselte dann etwas, wie: „Man muss lernen zu warten.“ Mann, war ich da stolz auf ihn. Ich war ja sehr verwöhnt, und abends saß ich ganz faul am Tisch, um der Genüsse zu erwarten, ich wurde nicht enttäuscht: frisch gefangener Saibling, in etwas Butter geschwenkt. Dazu ein österreichischer Wein, lecker. Danke! Am nächsten Tag fand ich heraus, dass es keine gute Idee ist, einen ganzen Tag am Berg zu verbringen! Ich wusste nicht, dass Muskeln so steinhart werden können! Das sind vielleicht Schmerzen, man kann nicht mal sein eigenes Bein berühren, so sehr tut das weh! Einmal sind wir heile vom Berg heruntergekommen, und wir sind doch tatsächlich in eine katholische Kirche gegangen und haben Kerzen entzündet. Wir fühlten uns wie Kinder! Und vor Gott sind wir ja wie Kinder.
Mit 15 Jahren war ich in der Ausbildung zur Apothekenhelferin. Am Abend, es war 18:30 Uhr, wähnte ich meine Kollegin Monika neben mir. Ich holte aus und schlug ihr kräftig auf die Schulter mit einem herzhaften: „Na, haben wir es wieder Mal geschafft?“ Aus den Augenwinkeln sah ich sie zu Boden gehen. Dummerweise war es mein Chef! Ich wollte vor Scham in den Boden sinken! Er aber konnte nicht aufhören zu lachen! Glück gehabt!
Als jungfräuliche Fünfzehnjährige hatte ich eine große Schnauze. Einmal begutachtete ich so ein netzartiges Höschen, in die man die Damenbinden reinlegen konnte. „Ah“, sagte ich, „das reizt den Mann!“ Woraufhin Fräulein M. mich zurechtwies: „Fräulein Busse, Sie Früchtchen!“
Kennen Sie das auch? So etwas wie ein Déjà-vu?
Ich hocke jeden Tag vor meiner Tastatur und hoffe so sehr, etwas Erleuchtendes zu schreiben.

Ich hatte endlich eine richtige Jugendzeit, so mit Spaß, das kannte ich ja noch gar nicht. Wir waren mit anderen jungen Leuten aus Kirchweyhe auf dem Bremer Freimarkt, ich hatte ein auberginefarbenes Kleid an, in Midilänge – und fesche hohe Schuhe, die mit Schnürsenkeln zu binden waren. Ich tanzte auf dem Tisch und heiße jetzt Schnürschuh.
Weil mein Vater sich nie um mich gekümmert hatte, hätte ich meinen Sohn nie Hans genannt, mein Vater hieß nämlich Hans-Georg. Oberschlau wie ich bin, stieß ich auf einen sehr schönen Namen: Ansas! Das ist aus „Die Reise nach Tilsit“. Es handelt von einem jungen Ehepaar, Indre und Ansas.
Aber damit ist der Spaß ja noch nicht zu Ende! Als ich mit dem Kind bei der HNO-Ärztin war, die aus Polen stammte, verriet sie mir, dass Ansas „Hans“ bedeutet. Reingefallen!
Als junge Frau liebte ich die Fernsehsendung „Twilight Zone“, schon die Anfangsmusik begeisterte mich. So schön unheimlich und spannungserzeugend. Besonders traurig stimmte mich die Episode mit der Lesebrille. Dieser Eigenbrötler liebte es zu lesen, er hatte keine Freunde, seine einzigen Freunde waren die Bücher. Na gut, es gibt einen schrecklichen Unfall – wahrscheinlich atomar. Er kriecht also durch die Trümmer zur Bibliothek und freut sich ganz wahnsinnig, dass er den Rest seines Lebens jetzt lesen kann, ganz ungestört. Und plötzlich „crack“ (knirsch), und seine Lesebrille ist kaputt. Ist das nicht furchtbar?
Eine andere Gedankenassoziation ist folgende:
Die Geschichte von der kleinen Meerjungfrau. Sie liebte den Prinzen so sehr, dass sie ihr ewiges Leben aufgab. Dann geht sie also in die Kirche – und jeder Schritt ist, als würde sie auf Messern laufen.
Das hatte ich auch schon Mal, ich hatte eine Dornwarze unter meinem linken Fuß. Mensch, tut das weh!
Der Arzt jagte eine große Spritze in das Ding, aber das tat sogar mehr weh als die Warze, dann hat er das Ding ausgeschabt, aber es kam immer wieder!
Gott ist ein Gott der Wunder! Einmal wurden mein Mann und ich bewahrt, wir waren Richtung Bodensee unterwegs. Ich sah im Rückspiegel einen LKW auf uns zurasen, und wumm, nochmal gutgegangen, auf der Beifahrerseite sah ich, dass der Wagen auf dem Bürgersteig vorbeijagt, also nicht auf uns geprallt war. Ich dachte noch: „Hoffentlich war niemand auf dem Bürgersteig!“

Das mit der Fibromyalgie war auch höchst eigenartig. Ich hatte als junge Frau immer starke Zahnschmerzen, wie oft hat mein Mann mich in die Notdienst-Zahnarztpraxis kutschiert! Die haben immer nichts gefunden. Ich hätte sie am liebsten angefleht, alle Zähne zu ziehen.
In der Nordheimstiftung in Cuxhaven-Sahlenburg dann endlich die Aufklärung: Ich erzählte von meinen Phantom-Zahnschmerzen.
„Aha, das findet man oft bei Fibromyalgie!“
Ab da an war die Therapie ein Kinderspiel.
Einmal hatte ich starke Lichtblitze in meinen Augen, ich schob es auf Stress bei der Arbeit. Ein wenig mulmig war mir doch, also hat mein Mann mich in die Augenklinik in Bremen gefahren.
Eklige Untersuchung, die hebeln einem da die Augäpfel heraus!
Und war ja klar, es war nichts zu finden!
Bis ich auf den Trichter kam, natürlich: Augenmuskeln!! Auch Augenmuskeln sind von der Fibromyalgie betroffen.
Ich wollte, ich wäre so witzig wie Hape Kerkeling!
Der Mann ist wirklich unerreicht.

Heute hatte ich wieder einen „strange encounter“ with God, also eine seltsame Begegnung mit Gott. Mein muslimischer Taxifahrer konnte einfach nicht aufhören, mit mir über Gott zu sabbeln! Stellen Sie sich das Mal vor! Was passiert hier? Weiß ich auch nicht! Es heißt ja, dass Gott in mysteriösen Wegen arbeitet, aber sie führen immer zum Ziel! Hat schon Pater Brown gesagt, also gespielt von Heinz Rühmann! Und wer bin ich, um ihm zu widersprechen? Richtig! Niemand!
Heute, also am 31. 10. 2019, hatte ich ein gespenstisches Erlebnis. Ich bin – wie üblich – zum Realkauf getigert, um einen Brief in der dortigen Postfiliale einzuwerfen. Das gibt so ein gutes Gefühl, der Briefkasten ist innen, der Brief bleibt sauber und trocken, nicht irgend so ein dahergelaufener Briefkasten im Freien, wo jedermann etwas hineinwerfen kann, zum Beispiel Silvesterböller.
Im Real war niemand! Ich gehe wieder zurück, auch niemand im Lidl oder im Friseurladen! Langsam dämmert es mir, ich dachte, die hätten den Reformationstag abgeschafft. Falsch gedacht.

Und hier ist ein Gedicht von Jan-Ingmar Fabisch:

Ich habe ihr sanftes Vibrieren
verführerisches Ping vermisst,
das so hell
eindringlich
in meinen Ohren drang,
wie sie die Zeit nahm,
in ihr verstrich.
Ihr schwarzes Kabel,
das sie stolz trug,
steckte,
um es ihr zu geben,
und sie brauchte es täglich,
war schier unersättlich,
ohne lief nichts,
doch sie machte alle heiß,
die ihr ausgeliefert waren,
es gab kein Entrinnen,
wer ihrem Charme erlag,
entkam ihr nicht,
doch die Zeit der Lust zog
vorüber,
sie wurde kühl,
war ganz erkaltet,
vergessen,
bis eines Tages ein Schauer
sie durchzuckte,
voll Leidenschaft,
der Teller dreht sich
wieder,
umgeben von sanfter
Vibration,
nur auf Glanz und
Glamour
steht sie nicht,
meine Mikrowelle
geht wieder.

Es war meine Schuld. Ich hatte meine Mikrowelle als Kurzzeitwecker missbraucht. 25 Minuten. Plötzlich „kabemm“ – und der Strom war weg. Kleine Wasserexplosion in der Mikrowelle.
Kein Problem, eben den Hebel im Sicherungskasten hochgestellt. Strom geht wieder. Schaden begutachtet: sieht nicht gut aus.
Erstmal lüften, Mikrowelle auswischen. Nichts.
Am nächsten Morgen: Sie geht wieder – geht doch!
Ich habe da so einige Rückblenden, was mein Leben betrifft:
Die erste war, als meine kleine Schwester Eva mit mir am Stichkanal in Hannover-Limmer spazieren ging, sie schleuderte mit ihrem Schuh herum, der mit Zeitungspapier ausgestopft war, und „splash“ (platsch), er fiel ins Wasser. Ich wusste, dass wir großen Ärger bekommen werden, also sprang ich in das kalte Wasser, um den Schuh zu retten! Leider konnte ich damals noch nicht schwimmen!
Nun gut, hinein, im „Hundepaddelstil“ geschwommen, ich habe das Ding auch gefunden – aber wie hochkommen? Die Stufen waren glibberig und grün. Aber irgendwie kam ich hoch! Mann, haben wir ein Donnerwetter bekommen!
Auch im Nachkriegsdeutschland war es sehr schwer. Überall lagen noch zerstörte Häuser herum, ein guter Fund aber war dabei, eine wunderschöne colorierte großformatige Bibel, aber die nahm mir Tante Mieze weg.
Meine erste entsetzliche Erfahrung mit einem jungen Mann war in der Höpfnerstraße in Hannover-Ricklingen. Er verfolgte mich schon die ganze Zeit, plötzlich holte er auf – und rammte seinen Finger da unten in mich rein. Ich fühlte mich vergewaltigt und hatte Angst.

Als junger Mensch war ich bedachtsam und sparsam, von meinen Putzarbeiten hatte ich 600 DM zusammengebracht, die lieh ich Tante Mieze für Renovierungsarbeiten. Da war ich mächtig stolz.
In Amerika geriet ich leider in einen Kaufrausch, es war so schön, mal nicht auf jeden Cent zu achten.


Neulich habe ich meinen Staubsaugerbeutel gewechselt. Kann ich schon richtig gut. Aber dann habe ich den Deckel irgendwie ausgehebelt – und nicht wieder drangekriegt.
Petra von der Kirche kam vorbei, die kann so was.

Und dann bat ich Jan-Ingmar, mir ein Gedicht über das Missgeschick zu schreiben:

Er war elegant,
sein Blau leuchtete
verführerisch,
wenn ich ihn ansah,
über seine Rundung
elektrisiert,
fuhren meine Hände
bis zum Schaft,
dann kam er kurz
auf,
brummte leise,
ich umschloss
seinen Schlauch,
führte ihn hin und her,
berührte dabei
sein blankes Rohr,
wir gerieten
in Ekstase,
wild unterm Sofa,
uns wurde heiß,
er verstummte.


Anmerkung: ein Schelm, der Böses denkt …

Weitere wunderbare Gedichte von Jan-Ingmar:

Gotteskind
Du wurdest ins Leben gesandt
in eine fremde Welt,
voller Steine,
doch Gott führte deine Hand,
seit dem ersten Licht,
das dich berührte,
du hast die Welt angelächelt,
Gotteskind.

Ich glaube,
denn Jesus nahm meine Sünde,
dafür wurde er ans Kreuz geschlagen,
doch stand er wieder auf,
um meinen Weg zu bereiten,
mich zu leiten,
so spreche ich meine Gebete,
vertraue ihm,
denn er nimmt mir Angst
und Furcht, vor dem, was vor, was
hinter mir liegt,
und wenn die Straße dunkel ist,
ist er Licht und Schatten zugleich,
der mich begleitet,
bis der Tag anbricht.
Ein neuer Morgen geht auf,
und die Sonne füllt mein Herz,
und ich weiß, dass er es ist,
der Schmetterling, Hummel, die
Spinne und der Tau,
in dem ihr feines Netz glitzert,
er ist Wind und Regen,
der mich erfrischt.
Ich glaube an ihn,
der mich erlöst hat,
so gehe ich in den Tag
und in die Nacht,
erfüllt mit seinem Geist.
Ich glaube.

Der Schatten fällt
unterm Mondbogen,
Nebel strecken
kalte Finger
herzenlang.
Atem stocken
unter langen Schritten.
Eulen krallen sich
an dürren Ästen,
knochengleich,
rufen schauerlich,
starren mit gelben Augen,
gleiten lautlos
durch die Finsternis.
Tag der Nacht,
scharfe Schnäbel
blitzen auf
im fahlen Licht,
bleich scheinen Wände,
an denen Schatten gleiten,
stumme Gestalten
mit Hüten stehen am
Straßenrand.
Laternen zeichnen sich ab,
Angst kriecht empor,
Blut gefriert, unter
Gänsehaut der Schrecken,
Herrin und Herr zugleich
fährt darunter tief ins Mark,
bis der Tag naht,
doch die Nacht vergisst nie.
Und hier noch eines von mir:

Gott existiert außerhalb der Zeit, unfassbar für uns, ER ist der Ewige, Alpha und Omega, Yeshua, der Weltenbegründer, Dank sei dir, durch dich leben wir ewiglich, im Schein und im Staub der Sterne.


Ich fand die Sterne schon immer faszinierend. Das war der Spruch von Wissenschaftsingenieur Spock (Raumschiff Enterprise): „Faszinierend!“
Ich war manchmal frech zu meinen Vorgesetzten, als Gregor mit diesem neumodischen Telefon im Ohr in der Apotheke auftauchte, fragte ich ihn: „Na, wurdest du assimiliert?“ Das war nämlich die unschöne Angewohnheit der Borg (mit Maschinenteilen versehene Wesen). Captain Picard wurde auch assimiliert, wurde aber wieder „deassimiliert“ durch die überragende Technik der Zukunft. Ist doch toll, oder?


Die Beziehung zu meinen Söhnen ist belastet. Der Älteste ist ein knallharter Geschäftsmann geworden. Als ich mit 2 Hypotheken dastand, hat er mir mit monatlich 400 € ausgeholfen.
Etwas befremdlich fand ich es, als er mir 2 Exemplare eines Vertrages zuschickte, einen davon musste ich ihm unterschrieben zurückschicken.
Natürlich habe ich später alles bezahlt. Nachdem ich im Irrenhaus war, hat er 2 x versucht, mich entmündigen zu lassen, das ist sehr demütigend. Das Amtsgericht sah das Gott sei Dank anders.
Neulich betete ein Mann in der Kirche für mich. Er betete, dass die Scham mich verlassen muss. Ja, ich habe Scham in mir, ich bin immer noch eine Sünderin. Aber muss man das in der Öffentlichkeit machen? Ob die anderen wohl gedacht haben: „Was die wohl auf dem Kerbholz hat?“
Da sind katholische Beichtstühle doch privater.

Mein Sohn Marten (oje, verklagt der mich jetzt auch, weil ich seinen Namen benutze?) hatte auch ein gestörtes Verhältnis zur Polizei. Ich hatte ihn zum Lidl geschickt, um Kartoffeln zu kaufen. „Nimm den Hund mit“, sagte ich, „damit der Mal rauskommt.“ Ist eigentlich eine Hündin namens Wayka, hochadelig, aus dem Hause Hindenburg. Er berichtete mir später, dass die „Bullen“ ihn angehalten hätten, weil es illegal sei, einen Hund neben sich am Fahrrad zu führen. Er stieg dann ab und schob. Und er kaufte – und brachte – die gewünschten Kartoffeln nach Hause. Gut so.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 58
ISBN: 978-3-99107-001-6
Erscheinungsdatum: 21.01.2021
EUR 15,90
EUR 9,99

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