Lyrik & Dramatik

Four People Chance

Corvette K.

Four People Chance

Genuss des Schweigens

Leseprobe:

Kapitel 1

Ein warmer Sonnenstrahl spiegelte bunte Lichter an die Fensterglasscheibe. Ihre Wärme erfüllte mich mit einer Lust, sofort aus dem Bett zu steigen und raus an die frische Luft zu gehen. Doch ich blieb in meinem Bett liegen. Ich dachte über die vergangene Nacht nach. Es wurde gestern noch reichlich spät. Meine Freundin und ich hatten uns bei Nico und Bastien zu einem Pokerabend getroffen. Zweite Wahl wäre gewesen, tanzen zu gehen, da ich aber tanzen hasste, war die Entscheidung nicht weiter schwer gewesen. Schmunzelnd schob ich den Gedanken beiseite und sah aus dem Fenster.
„Na ja, den ganzen Tag im Bett liegen zu bleiben ist bei dem Wetter echt zu schade.“
Ich drehte mich nach links und schaute in die mir wohl am vertrautesten braunen Augen, die ich kannte. Ihr rotbraunes Haar hing wild bis zu ihren Schultern hinab.
„Guten Morgen“, sagte Amanda mit einem verschmitzten Lächeln.
„Morgen“, erwiderte ich ebenso mit einem Lächeln und strich ihr mit meinen Fingern über den Arm.
„Wie spät ist es?“
„11 Uhr“, wie immer wunderte es mich, wie sie es schaffte, aufzuwachen und gleich ernst zu werden. Ich an ihrer Stelle war noch etwas benommen. Das hing bestimmt mit ihrem Beruf zusammen. Als Leichenbeschauerin musste man sehr konzentriert arbeiten. Zudem musste man, soweit ich das wusste, sich strikt an die Vorgehensweisen halten, da war es unmöglich, sich einen Fehltritt zu erlauben. Amanda stieg aus dem Bett, zog sich ihre Jeans und ihr blassbraunes Top an und ging links gegenüber ins Badezimmer. Ich zog mir die hellorange Decke bis zu den Schultern und starrte auf die Zimmerdecke. Neben mir stand meine Kommode, die aus dunklem Holz bestand und auf der eine Lampe mit weißem Schirm krönte. Ich rieb mir über meine Augen und stand endlich aus dem Doppelbett auf. Während sie aus dem Badezimmer herauskam, legte ich mir gerade meinen schwarzen Rock mit Tüll und ein gelbes Top an.
„Wir wollten doch heute in die Stadt, um ein bisschen zu bummeln“, erinnerte Amanda mich und holte ihre grüne Tasche hervor, die neben dem Bett lag.
„Ja, ich muss mich nur noch zurechtmachen.“
Also ging ich ebenfalls ins Bad und schaute erst mal lange in den Spiegel. Zwei trüb aussehende grüne Augen schauten mich an. Funkelnde Steine umrandeten den Spiegelrahmen. Ich sah zu Boden, was ein morgendlicher Tick von mir war. Die weißen Kacheln wurden von einem karamellfarbigen Teppich bedeckt. Eine große Badewanne bildete den Blickfang des Raumes. Zudem stand noch eine kleine Dusche im hinteren Eck und eine weiße Toilette gegenüber. Ja, ich ließ immer wieder meinen Blick durch das Badezimmer schweifen, ehe ich irgendetwas darin erledigte. Ich wusch mir mein Gesicht gründlich mit kaltem Wasser und trug danach Mascara auf, dann putzte ich mir die Zähne. Als Letztes nahm ich meine Bürste und kämmte meine Haare. Einen letzen Blick in den Spiegel werfend öffnete ich die Tür und ging ins Schlafzimmer zurück. Amanda tippte gerade etwas in ihr Blackberry 10, das neu auf dem Markt erschienen und demnach entsprechend teuer war. Einstweilen kramte ich meine schwarze Tragetasche heraus. Vor mir lagen viele verschiedene Kleidungsstücke in den unterschiedlichsten Farben. Außerdem liebte ich Schuhe über alles. Meine Sammlung war bemerkenswert. Die meisten Sachen schickte mir mein Vater als Trost dafür, dass er fast nie hier war, da er ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann war und viele Länder bereiste. Bei diesem Gedanken spürte ich einen leichten Druck in meiner Brust.
Er fehlte mir manchmal schrecklich, auch wenn ich es mochte, allein meinen Angelegenheiten nachzugehen. Um mich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren, klappte ich schnell die Schranktüren zu und schnappte mir den Hausschlüssel.
„Können wir?“
Amanda starrte mich an, ich hatte nicht bemerkt, dass sie ihr Handy längst beiseitegelegt hatte. Ich nickte nur, weil es mir unangenehm war, und ging die gebogene Holztreppe zum Flur hinunter. Sie folgte mir und bestaunte wie immer die eleganten Farbkombinationen. Der Teppich bestand aus einem orientalischen Muster und die Wände waren passend dazu gefärbt. Ein großes Gemälde hing an der rechten Wand vor der Haustür. Das Bild hatte keine genauen Formen und strahlte viel Fantasie und Fröhlichkeit aus. Amanda riss mich aus meinen Gedanken, als sie die Tür öffnete und nach draußen stolzierte. Mein silberner Audi TT Roadster stand vor der Garage, dort wo ich ihn gestern Nacht stehen gelassen hatte. Amanda setzte sich neben mir auf den Beifahrersitz. Ich ließ den Motor an, stellte den Rückwärtsgang ein und fuhr rückwärts hinunter auf die Straße. Wir fuhren in Richtung Stadtmitte.
In der Stadt von Cervens hatten wir das Auto in einer Tiefgarage geparkt. Unterwegs zum Hauptplatz St. Mountry liefen wir kleinen Kindern entgegen, die uns nach dem Weg zum nächstgelegenen Café fragten. Der eine trug ein grünes Cap und blaue Shorts und der andere Junge trug ein rotes Sweatshirt und hatte zudem viele Sommersprossen im Gesicht. Wir sagten ihnen den Weg und die kleinen Jungen bedankten sich rasch und rannten in die Richtung, die wir ihnen genannt hatten. Als wir nach fünfzehn Minuten Fußweg die Stadtmitte erreichten, mussten wir feststellen, dass einige Leute ebenfalls die Idee hatten, einen Einkaufsbummel zu machen. Die Stadtmitte bot viele Läden und Geschäfte an. Alle Schaufenster waren mit Bedacht sorgfältig eingeräumt, um bestmöglich Kunden anzulocken. Viele Leute gingen in die Läden hinein und andere kamen voll bepackt mit Tüten und Taschen wieder heraus. In der Mitte des Marktplatzes stand ein Springbrunnen, direkt vor dem Rathaus. Neben dem Brunnen stand wie jeden Samstag der Eiswagen. Zugegeben meine Lieblingssorte war Joghurt, aber heute war mir zu viel los, um eines zu kaufen. Wir schauten uns die Schaufenster der Modegeschäfte an. An einem blieb Amanda stehen. „People-Chance“ prangte über dem kleinen, aber niedlich wirkenden Laden. Bunte Blumen schmückten die Umgebung und ließen sie freundlicher wirken.
„Komm, gehen wir mal rein! Ich möchte mir neue Schuhe kaufen.“
Bevor ich antworten konnte, packt sie mich bereits am Arm und zog mich buchstäblich in den Laden hinein. Im Laden roch es leicht nach Orange. Die Wände waren allesamt in einem Olivengrün gestrichen. Dunklere Linien zogen sich verschnörkelt an den Mauern entlang, die mich unwillkürlich an das Gemälde vor unserer Haustür erinnerten. Die vielen Lichter ließen den Raum im besten Lichtbild erstrahlen. Der Laden war in drei Abschnitte unterteilt. Im vorderen Bereich waren die Kasse und viele Kleiderständer. Weiter hinten gab es die Schuhe und Handtaschen und links in einem Raum neben der Kasse waren die Umkleidekabinen und Toiletten.
„Guten Tag“, eine kleine und zierlich wirkende Frau lächelte uns an.
„Guten Tag“, grüßten wir ebenfalls.
„Ich sehe mich dann mal bei den Schuhen um“, murmelte meine Freundin und ging in die hintere Abteilung.
„Sollten Sie Hilfe brauchen, geben Sie einfach Bescheid“, entgegnete die Verkäuferin namens Mori freundlich und verschwand in die Personalabteilung. Während Amanda in der Schuhabteilung war, sah ich mich im vorderen Bereich um. Das kleine Geschäft bot viele verschiedene T-Shirts, Tops, Jacken, Jeans, Röcke und Kleider an. Die vielen verschiedenen Farben hätten für die jeweiligen Kleidungsstücke nicht treffender sein können. Es gab Klamotten mit besonders speziellem, maßlos brillantem Schnitt, aber es gab nebenbei auch schlichtere Klamotten, die trotzdem modisch wirkten. Ich ging zwischen den vielen Kleiderständern hindurch und vor einem blieb ich stehen. Dort hingen T-Shirts, die ein Logo mit drei goldenen Blättern in der Mitte, enthielten. Die saftigen, dunklen Farben ließen die Goldtöne hervorragen. Mir gefiel am besten das dunkelgrüne T-Shirt. Da ich es kaufen wollte, suchte ich nach einer passenden Größe. Als ich die richtige Größe gefunden hatte, zog ich aus Versehen ein anderes Kleidungsstück mit, das daraufhin auf dem Fußboden landete. Hastig hob ich es auf und war im Begriff, es wieder hinzuhängen, als ich bemerkte, dass es sich um ein Kinderhemd handelte. Es sah einfach niedlich aus und so fuhr ich sanft mit meinem Finger darüber. Der Stoff war hellblau und sehr weich. Das Hemd musste wohl versehentlich auf den falschen Ständer gehängt worden sein, denn als ich mich umsah, bemerkte ich, dass neben mir ein Ständer ausschließlich voll mit Kindersachen stand. Eine angenehme Wärme durchflutete mich, als ich das Hemd in meinen Händen hielt. In letzter Zeit passierte mir so etwas öfters, wenn mir Sachen, die etwas mit Kindern zu tun hatten, über den Weg kamen.
„Wir dachten uns, wir könnten auch für Jüngere Kleidung entwerfen.“
Ich erschrak, als plötzlich neben mir die zierliche Mori stand. Die Verkäuferin lächelte mich an. Unwillkürlich musste ich ebenfalls anfangen zu lächeln.
„Wissen Sie, es ist schön, wenn Kinder Mode von uns tragen. Ich liebe es, Kinder lächeln zu sehen. Das macht mich einfach glücklich.“
„Ich kann mir gut vorstellen, dass es einen als Verkäuferin noch glücklicher macht, wenn die Kinder auch noch die selbst entworfene Mode tragen“, entgegnete ich. Sie nickte und erzählte: „Bisher haben wir ausschließlich für Erwachsene und Heranwachsende Mode kreiert. Ich habe einen Sohn. Er ist jetzt neun Jahre alt und sehr kreativ. Durch ihn hatte ich einige Ideen für dieses Geschäft. Ich hatte eines Abends urplötzlich die Idee, nicht nur für Jugendliche und Erwachsene kreative Modekleidung zu entwerfen, sondern auch mal für die Kinder. Alle Kleidungsstücke, die Sie hier sehen, habe ich entworfen“, sie machte eine ausschweifende Handbewegung.
„Ich fragte mich, warum sollen die Kleineren nicht auch spezielle Kleidungsstücke tragen. Natürlich sollten diese nicht zu teuer sein und die Fantasie der Kleinen vollwertig befriedigen. Also machte ich mich, gleich noch an diesem Abend, an die Kleidungsstücke ran. Ich hatte in dieser Nacht drei Klamotten kreiert.“
Mir schoss ein Gedanke durch den Kopf und ich sah auf das grüne T-Shirt, das ich in meiner linken Hand hielt.
„Ja, die drei goldenen Blätter in der Mitte stehen für die drei Kleidungsstücke, die ich in dieser Nacht fertiggebracht habe.“
Ich nickte nur, weil ich sie für viel jünger gehalten hatte, etwa ungefähr in meinem Alter. Nun strahlte sie für mich eine völlig andere Aura aus. Eine Aura der Weisheit und der Erfahrung.
„Na ja, ich geh dann mal wieder an die Arbeit“, sie lächelte mich noch einmal an und ging in den Personalbereich. Ich ließ mir ihre Worte noch einmal durch den Kopf gehen.
„Oh, Mann! Es gibt so viele tolle Schuhe, welche soll ich nur nehmen?“
Amanda kam auf mich zu und hielt zwei unterschiedliche Schuhpaare hoch. Ich zeigte mit meiner rechten Hand auf die schwarzen Pumps, zog sie aber schnell wieder weg, als ich bemerkte, dass ich ja noch immer das Hemdchen hielt.
„Was hast du denn da in der Hand?“, neugierig schaute sie auf das blaue Kinderhemd. Ich wurde knallrot.
„Hm, meinst du nicht, dass dir das ein bisschen zu klein ist?“, grinste sie.
Ich streckte ihr die Zunge raus und sie beantwortete dies mit einem noch breiter werdenden Grinsen. Amanda ging an die Kasse und zahlte für die schwarzen Pumps. Die anderen Schuhe gab sie der Verkäuferin.
„Okay, bist du so weit?“
„Gleich, ich muss nur noch das T-Shirt bezahlen.“
Also hängte ich das Kinderhemd wieder an den Kleiderständer und bezahlte meine Ware ebenfalls.
„Vielen Dank und auf Wiedersehen“, sagte die Blonde mit dem Namensschildchen „Simone“. Wir verließen den Laden und schlenderten mit unseren Tüten Richtung Tiefgarage.
„Der Laden ist echt super. Ich hätte mich fast nicht entscheiden könne, was für Schuhe ich nehmen sollte.“
Ich starrte auf den Boden und bekam nur vage ihren Satz mit, ich war in Gedanken ganz woanders.
„Hey, Erde an Jane!“
Amanda fuchtelte vor meinem Gesicht herum.
„Alles in Ordnung? Du bist so still geworden, seit wir den Laden verlassen haben.“
Ich blinzelte einen Moment lang, dann rückte ich mit der Sprache heraus:
„Sag mal, hast du schon mal darüber nachgedacht, wie es wäre, ein Kind zu haben?“
„Wie kommst du denn jetzt auf die Schiene?“, ihre Überraschung versuchte sie kein bisschen zurückzuhalten.
„Na ja, es wäre doch schön, ein Kind großzuziehen. Das wäre ein wundervolles Erlebnis.“
„Ich weiß nicht recht, es könnte schwierig sein. Ich stelle mir das nicht so einfach vor. Es läuft ja schließlich nicht jeden Tag alles perfekt. Ein Kind ist nicht nur für kurze Zeit gedacht, sondern es beeinträchtigt dein ganzes Leben. Das muss man sich vorher gut überlegen …
Sag bloß, das ist dir jetzt in dem Laden eingefallen.“
„Nein, das Gefühl danach hatte ich schon länger, nur jetzt bin ich mir hundert Prozent sicher. Außerdem rede ich ja auch nicht davon, dass es nie ein Problem geben wird. Nur wenn so etwas vorkommt, würde ich einfach alles daran setzen, das Beste daraus zu machen. Verstehst du, ich will eines mit dir großziehen, weil ich sehen will, wie es sich entwickelt, spüren, wie es dich anlächelt, und trösten, wenn es weint. Auch in schwierigen Zeiten würde ich für es da sein und ich werde es lieben mit jedem Tag, der vergeht.“
„Jane, das klingt ja alles ganz gut, wie du das alles beschreibst, und ich hab überhaupt keinen Zweifel daran, dass du eine gute Mutter abgeben würdest. Jedoch, mal angenommen ich wäre damit einverstanden, wie willst du überhaupt schwanger werden?“
„Na ja, auf jeden Fall nicht von jedem x-Beliebigen.“
Ich schaute Amanda an. Ihre Augen forschten in meinen. Beschämt wendete ich den Blick ab.
„Du brauchst gar nicht erst so zu tun, ich weiß genau, wer dir da vorschwebt.“
Sie kannte mich einfach zu gut. Das war gut, denn so musste ich nicht viel sagen, um mich verständlich zu machen.
„Aber mal ehrlich, glaubst du wirklich, Bastien ist der Richtige?“
Bastien war mein allerbester Freund und äußerst vertrauensvoll.
„Ich wüsste nicht, wer sonst noch infrage käme. Ihm vertraue ich am meisten und ich glaube auch nicht, dass es da zu Gefühlen oder Problemen kommen kann.“
„Hm …“
Amanda blickte nachdenklich.
„Bitte, Amanda“, ich nahm ihre Hand in meine. Sie schaute mich an.
„Ich sehe doch, dass du auch neugierig geworden bist und erleben willst, wie es ist, ein Kind großzuziehen. Außerdem würde es uns noch fester miteinander verbinden, weil wir für es verantwortlich sind.“
„Okay, das mag zwar stimmen. Aber genau das ist es ja, wir sind für es verantwortlich. Da hilft nicht nur eine gewisse Neugierde. Ich würde mir die Sache noch mal gründlich durch den Kopf gehen lassen.“
Ich nickte und umarmte sie kurz.
„Okay, aber hör dir auch meine Argumente an, so wie ich deine, bevor wir gemeinsam entscheiden!“
Wir unterhielten uns noch weiter über dieses Thema.


Kapitel 2

Ganz allein stand ich auf dem Hügel vor Bastiens Haus. Letztendlich hatte ich es doch geschafft, Amanda zu einem Kind zu überreden, weil sie wusste, dass ich schon längst dazu bereit war. Allerdings hatte es mich einige Mühe gekostet, ihren festen Standpunkt zu durchbrechen, und ich wusste beim besten Willen nicht, wie es Bastien aufnehmen würde. Der Himmel über mir wurde von einem grauen Schleier bedeckt. Dicke schwarze Wolken versperrten mir die Sicht auf einen sonst rot gefärbten Horizont. Auf dem Hügel konnte man einen Sonnenuntergang wunderbar betrachten. Ich hatte ihn hier schon sehr oft betrachtet, da Amanda, Nico und ich öfters zu Bastien fuhren. Wir warteten immer vor seinem Haus, wenn wir zusammen ausgingen, und dabei bekam ich jedes Mal diesen wunderschönen Sonnenuntergang zu Gesicht. Nur heute würde ich ihn nicht sehen. Direkt unter seinem Haus war das Meer. Die Wellen platschten gegen die hohen Mauern. Der Wind wirbelte farbige Blätter umher. Es hörte sich an, als würden sie zum Takt des Meeresrauschens singen. Ein kalter Luftzug wehte in mein Gesicht und mir stiegen Tränen in die Augen. Langsam wurde ich nervös, weil Bastien nicht zu Hause zu sein schien. Wahrscheinlich musste er noch arbeiten, es passierte öfters, dass er erst später nach Hause kam. Sein Beruf brachte das so mit sich. Zudem waren oft viele seiner Mitarbeiter krank und so mussten die restlichen Arbeiter doppelt so viel arbeiten. Er erzählte mir so was immer, da ich ihn auch mal öfters ohne die beiden besuchte. Schließlich kannten wir uns auch am längsten und waren schon damals in unserer Kindheit eng miteinander befreundet. In unserer Abschlussklasse waren wir sogar ein Paar. Nach dem Abschluss merkte er allerdings, dass er ein Interesse an Männern gefunden hatte, und so haben wir uns nach einem Jahr in Freundschaft getrennt. Trotzdem waren wir uns noch immer sehr nah. Anfangs hatte ich das nicht glauben können, weil er gar nicht so aussah, als wenn er einen gewissen Reiz an Männern gefunden hätte. Eigentlich sah er mehr aus wie ein dunkler Verführer, der sein Leben ganz normal zu führen schien. Allerdings muss man ja auch nicht unbedingt so aussehen, wie ein Homosexueller meist dargestellt wird. Sie waren meiner Meinung nach genauso wie alle anderen auch, nur dass sie oft mehr Verständnis aufbringen konnten als „normale“ Männer. Außerdem war Bastien nicht nur homosexuell. Er mochte bestimmte Frauentypen immer noch, nur dass er jetzt mehr das männliche Geschlecht bevorzugte. Meiner Meinung nach war er bisexuell, eine Meinung, die Amanda mit mir teilte. Mit der Zeit hatte ich mich dann aber daran gewöhnt und wir erzählten uns noch immer Neuigkeiten oder Probleme. Manchmal trafen wir uns auch einfach so, ohne irgendetwas zu besprechen oder gar etwas zu sagen. Wir wussten fast immer, was der andere fühlte.
Sauer auf mich selbst, dass ich nicht zuvor angerufen hatte, stampfte ich die lange gebogene Steintreppe herunter. Vor der letzten Stufe blieb ich stehen und hob den Kopf. Zwei strahlende graublaue Augen blickten mich an. Die Augen von Bastien. Vor Schreck stieß ich gegen die steinige Kante der Treppe und zuckte zusammen.
„Hey, was machst du denn hier?“
Ich entspannte mich wieder und sah ihn an. Seine schwarzen, verwuschelten Haare umrahmten seine markanten Gesichtszüge. Die hellen grauen Augen schienen sein leicht gebräuntes Gesicht zu erhellen. An seiner Stirn klebten einzelne Haarsträhnen. Er trug eine schwarze Jacke und eine dunkelblaue Jeans.
„Entschuldige, ich war kurz in der Stadt, um ein wichtiges Paket abzuschicken. Mein Handy hatte ich zu Hause liegen gelassen.“
Ich blinzelte: „Was, … nein! Ich habe nicht angerufen.“
„Ach so, na dann.“ Er sah mich erwartungsvoll an.
Ich hob gerade meine Stimme an, als er mir zuvorkam.
„Ganz schön kalt heute, reden wir doch drinnen weiter.“
„Okay“, erst jetzt bemerkte ich, wie kalt mir war.

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Erscheinungsdatum: 21.04.2015
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