Lyrik & Dramatik

Einsamkeit, die vorgibt, verschwunden zu sein

Marieta Piegeler

Einsamkeit, die vorgibt, verschwunden zu sein

Leseprobe:

Die Einsamkeit der Liebe


Wintergedicht

Hast du mich gesät
mit dem Weizen dieser Liebesutopie?
Hast du den schwärzesten Rückschlag gewählt?
Und was hat dir dort gefallen?
Es fällt Schnee und es sind keine Sprossen sichtbar.
Es ist noch Dezember.
Weißer Zauber bedeckt sie.
Der wird morgen schmelzen
und es wird schlammbraun sein.
Und sie werden noch nicht sichtbar.
Bis eines Tages,
im Frühjahr,
ihre grünen Augen sich öffnen
und …
O, warum hast du das getan???


XXX

Ich mag nicht in meine Augen schauen.
Zu viel Störung.
Vielleicht weil,
als ich in dein Leben kam,
es dort schon
eine Menschenmenge gab.


Eine Liebeserklärung

Nein, wir sind kein einheitliches Ganzes.
Wir sind ein Mann und eine Frau.
Und du bist anders.
Deshalb habe ich nach dir gesucht:
Gar nichts zu sagen,
wenn es von innen an dir nagt.
Um mich zu erschrecken,
wenn du vor Wut aufgeregt bist.
Überlaufend immer
mit Testosteron,
Adrenalin,
Kriegslust
oder mit
was auch immer sonst nährt
deine Hunderte von Wünschen
und dein Traum vom Boot,
dessen Ruder deine Hände kräftig stoßen
im Wasser unter dir.
Manchmal bin ich das Wasser,
Manchmal bin ich ein Ruder.
Aber das tust du immer
so charakteristisch,
durch Ausgießen aus der Matrix
deiner genetischen Veranlagung.
So viel mein,
wie vielen anderen,
und niemandem,
durstig nach allem,
und friedlich,
sowie gewagt
und aggressiv.
Und so viel Mann,
mein Lieber,
so viel Mann.


Im Startzustand

Wie oft habe ich mich in dich verliebt?!
Zum ersten Mal,
als
wir gingen Hand in Hand
entlang der Straßen von Genf,
als wir uns küssten
unter dem Baum, den wir lachend
nannten „vertikales Bett“,
wenn der Regenbogen plötzlich aufstieg
am Himmel über dem Jura,
als ich dich sah – war ich
einer der glücklichen Vögel
in Saarbrücken,
auch als wir uns trafen
an Bahnhöfen, Flughäfen und Bushaltestellen
in so vielen verschiedenen Städten,
dass ich ihre Namen vergessen habe …
Und
nach langem Hinauszögern
des Abschieds,
der immer bedrohlich war,
denn jeder konnte der letzte sein.
Trotzdem machten wir
immer weiter.


Unbehaglich

Anscheinend fühlte ich mich schuldig,
als ich dich gestohlen habe
zum Valentinstag.
Genau das habe ich dir geschrieben.
Dann wusch ich deine Hemden
und habe in Ordnung gebracht
ein Durcheinander zu Hause.
Und wenn alle sichtbaren Spuren von dir
verschwunden waren,
stürzte ich mich auf das Bett,
um allein zu sein,
„nach dem Fest“.
Du musst dich –
wahrscheinlich auch –
schuldig gefühlt haben.
Wegen des „Kindes“, sagst du.
Ich will von meinen Herzen
dir geben
mein Verständnis.
Aber es gibt
kleine schädliche
Stolperer – Fragen,
auf die du nicht geantwortet hast.
Deshalb habe ich
eigentlich nicht verstanden –
wer von uns dreien
feierte das Fest der Liebe????


Liebe

Jahre zusammen,
eine Frau und ein Mann,
sie verwandeln sich in Bücher –
gelesen, weggeworfen,
aber immer zurückgekommen
in diesem ewig schwingenden Leben.
Was werden wir lesen
füreinander
ineinander
wenn die Zeit vergeht?
Was könnte es sonst noch sein, meine Liebe?
Abgesehen von dem Geschenk
nochmal
das Gleiche
zu lesen.


XXX

Mach, dass ich mich nicht allein fühle!
Kannst du das?
Du hast es einmal getan!
Mach es noch einmal – es ist nicht genug.
Es ist süß wie ein geschenktes Leben.


Krankheit

Du hast mein Leben erschüttert.
und machst es kaputt.
Du hast mich erschaffen.
Du hast mich geboren
und mich gerettet.
Ohne mich zu lieben.
Ohne mich zu wünschen.
Eine andere Frau hast du geliebt.
Und sie hast du gewollt.
Und jetzt bin ich krank,
leide an derselben Krankheit,
der getäuschten Liebe.
Ich kann dich umbringen
Ich kann mich umbringen.
Aber ich kann mich nicht heilen,
wie auch du es nicht kannst –
weder mich noch dich selbst.
Hör Cesaria Evora.
Meine Hände sind auf deinen Schultern.
Lass uns tanzen.
Ich werde dich immer wollen
wie beim ersten Mal.
Du willst mich immer wollen
als Ersatz und Heilung.
Erinnerst du dich an den Stechapfel,
der im Garten ist.
Ich brauche ihn,
einen Tag,
wenn du mich verlässt.



XXX

Verliebe dich nicht! –
sagte ich zu meinen Händen,
die davon träumten, dich zu berühren.
Verliebe dich nicht! –
sagte ich zu meinen Augen,
die dich gesucht haben,
und versuchten dich zu meiden
zur selben Zeit.
Verliebe dich nicht! –
sagte ich zu meiner Haut,
die bei dem Gedanken an dich zittert.
Verliebe dich nicht! –
sagte ich zu dem Ball des süßen Hasses
in meinem Bauch.
Fuchs,*
du warst wütend auf dich
und wurdest auseinandergerissen,
warum bist du gekommen
aus deinem Märchen
in meines???


* Eine bulgarische Fabel erzählt von einem Fuchs, der von einem Hund gejagt wird. Als er in seinen rettenden Bau kommt, beschuldigt er Teile seines Körpers, ihm bei der Flucht nicht gut geholfen zu haben. Deshalb reicht er sie aus dem Bau, aber woraufhin der Hund sie zerfetzt.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 100
ISBN: 978-3-99107-584-4
Erscheinungsdatum: 28.07.2021
EUR 14,90
EUR 8,99

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