Einmal Hawaii und zurück

Einmal Hawaii und zurück

Karla Weller


EUR 11,90
EUR 7,99

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 84
ISBN: 978-3-95840-147-1
Erscheinungsdatum: 05.07.2016
Es soll eine wunderbare Reise werden: Zwei Freundinnen machen sich gemeinsam auf nach Hawaii, um sich dort selbst zu finden und einen schönen Urlaub zu erleben. Doch die Spirits von Hawaii bringen noch viel mehr ans Licht, als den beiden eigentlich lieb ist …
Dezember 2012. Ein eisiger Wind herrschte in Shanghai und machte das Atmen mit der verdreckten Luft in den Straßen noch schwieriger und unangenehmer. Mit jedem Atemzug hatte man das Gefühl, sich selbst zu vergiften, und nur die Verwendung einer einfachen Stoffmaske konnte bewirken, dass man sich überhaupt zwang, den nächsten Zug immer und immer wieder zu tun.

Wie konnten Menschen hier überhaupt existieren? Der Verkehr war ein undefinierbares Chaos, überall hupte es. Als Fußgänger war man das erklärte Ziel eines jeden Fahrzeugs, egal ob mit oder ohne Motor, mit einem, zwei oder mehr Rädern. Ganz gleich, jeder hatte hier mehr Rechte auf der Straße als der Fußgänger. Große Autos vor kleinen Autos, teure vor Blechschleudern, und selbst wenn man glaubte, bei grüner Ampel sich einigermaßen durch den trotzdem rollenden Verkehr bewegen und die Straße überqueren zu können, lief man noch Gefahr, von einem Rollstuhlfahrer überrollt zu werden.
Ich war mit meinem Ehemann hierhergereist, um – ironischerweise – eine Sauerstofftherapie durchzuführen. Eine Therapie, die zwar in Deutschland auch angeboten wurde, aber zu einem verglichen mit Shanghai astronomisch hohen Preis. Deshalb hatten wir uns kurzerhand zwei Flugtickets besorgt, ein Hotel gebucht, und hier waren wir nun. Die Frage war nur, ob zwei Stunden Sauerstoff am Tag bei zweiundzwanzig Stunden Einatmen von dreckiger Atemluft eine gesundheitliche Verbesserung bringen konnten.
Meine Freundin Bianca hatte uns für eine Woche begleitet. Sie musste dringend zu Hause mal raus, weil das Zusammenleben mit ihrem On/Off-Verlobten wieder unerträglich geworden war. Mir war ihre Begleitung überaus willkommen, denn zu dritt waren viele Dinge, wie zum Beispiel das Heranwinken eines Taxis, deutlich einfacher zu bewerkstelligen, und es machte in ihrer Begleitung auch viel mehr Spaß, Shanghai zu erkunden.
Bianca lag gewöhnlich bis mittags im Bett, während Gerd und ich zum Frühstück in den Speisesaal des sehr gepflegten Hotels gingen und uns anschließend für die Behandlungstermine fertig machten. Gerd musste täglich um 13 Uhr für seine zweistündige Sauerstofftherapie in der Klinik sein, während ich mich für Akupunktur und Chinesische Massage angemeldet hatte. Wenn es sein Zustand zuließ, fuhren wir anschließend mit dem Taxi an den Bund oder zur Nanjing Road, einer der größten Einkaufsstraßen der Welt. Ein anderes Mal besuchten wir die Old Town, wo wir uns mit den Händlern um den Preis von Essstäbchen oder einfachen Musikinstrumenten aus Holz kabbelten.

Bei diesen Ausflügen war Bianca dann immer dabei, und weil für sie der Tag erst so spät begann, wollte sie natürlich nicht gleich mit uns zurück ins Hotel, wenn Gerd nach kurzer Zeit erschöpft war, sondern begab sich allein auf Entdeckungsreise durch die riesigen, glamourösen Malls, durch die exquisiten Designer Stores, die Tür an Tür lagen, aber auch in die halbseidenen Gassen von Shanghai. Und derer gab es etliche. Überall erstand sie schicke Ensembles, mal einen Pulli, mal ein Schmuckstück. Oft fand sie auch etwas Schönes für ihre Lieben zu Hause.
Einmal war sie um 23 Uhr noch nicht zurück, und ich begann, mir Sorgen zu machen. Natürlich war mir bewusst, dass Bianca ein Nachtschwärmer war und sie sich immer und überall zurechtfand, aber da die meisten Geschäfte um 22 Uhr schlossen und wir uns ja immerhin in einer Millionenmetropole aufhielten, wurde ich doch langsam unruhig. Wo mochte sie nur stecken?
Kurz vor Mitternacht huschte sie dann in unser gemeinsames Hotelzimmer, man konnte ihr das Herzklopfen richtig ansehen. Glücklich und aufgeregt erzählte sie von ihren Einkaufserlebnissen in der Xu Jia Hui Shopping Area. Da hielt sie mir plötzlich freudestrahlend ein Prada-Täschchen entgegen, welches sie für mich erstanden hatte! Sündhaft teuer – aber für ihre beste Freundin gerade gut genug, wie sie bemerkte!

Zwischen Arztterminen und Erlebnis-Shopping mussten dann auch mal die E-Mails gecheckt werden, und da tauchte er auf, der Newsletter von Jeanne Ruland mit dem Hinweis, dass im August eine Seminarreise nach Hawaii angeboten würde. Spontan wusste ich: Da muss ich mit! Und augenblicklich hatte ich mich zur Teilnahme angemeldet, obwohl es zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal eine Teilnehmerliste gab.

Als meine Freundin das mitkriegte, meinte sie nur: „Hawaii ist eigentlich mein Thema – schon lange beschäftige ich mich mit dem Gedanken an eine Reise auf die Inseln, und deswegen sollte ich da auf jeden Fall mit!“ Gesagt getan, zwei Anmeldungen kamen aus Shanghai nach Deutschland für die Reise nach Hawaii. Warum auch nicht? August war sowieso Urlaubszeit, also müsste sich das mit meinem Job auf jeden Fall vereinbaren lassen.
Tatsächlich steckte bei Bianca allerdings noch mehr dahinter, als der bloße Gedanke an eine Urlaubsreise nach Hawaii. Sie wünschte sich eine Hochzeit auf der wunderbaren Insel. Also war das doch auch eine großartige Gelegenheit, die Gegebenheiten mal vor Ort zu begutachten und eine Hochzeitsplanung vorzunehmen! Eine Zeremonie barfuß am Strand, ein duftiges weißes Kleid, dessen Stoff sich im Wind kräuselt, mit einem Blumenkranz um den Hals …
Fast acht Monate später war es dann so weit: Wir saßen – zu viert – im Flieger nach Hawaii. Aus unserer gemeinsamen Seminar-Selbstfindungsreise war ein „Familienurlaub“ geworden, denn auch der On/Off-Verlobte Roland und Biancas sechzehnjähriger Sohn Max mussten nun ganz spontan mit auf die Insel. Warum auch immer?! Roland sollte dort golfen, und darüber hinaus hatte Bianca urplötzlich Bedenken, ihren Max für ganze drei Wochen allein zu Hause zu lassen.
Dass wir irgendwann überhaupt gemeinsam pünktlich im Flugzeug saßen, war ein kleines Wunder, denn am Tag zuvor erhielt Roland vom Reiseveranstalter einen Anruf, dass auf Hawaii ein Sturm tobte und deshalb bis einschließlich kommenden Mittwoch keine Flüge dorthin starteten. Als meine Freundin mir erst am nächsten Tag von diesem Telefonat erzählte, saß ich schon so gut wie im Zug unterwegs zum Flughafen München. Ich konnte einfach nicht glauben, was sie mir da erzählte. Ich wollte keine Verzögerung akzeptieren und trat meine Reise trotzdem an.
Der Flug München–Frankfurt–San Francisco sollte nach Auskunft des Reisebüros planmäßig verlaufen, und wenn es dann doch nicht weiter ginge, könnte ich notfalls ein paar schöne Tage an der Westküste verbringen. Da wollte ich schon lange mal wieder hin, und so kam mir das Schicksal in Form eines Sturms auf Hawaii eigentlich fast schon entgegen.
Als ich meine Reisedokumente ein letztes Mal kontrollierte, fiel mir plötzlich auf: Ich hab meiner Mutter gar nicht Bescheid gesagt … – ich hab überhaupt niemandem gesagt, dass ich für drei Wochen verreise! Warum? Hatte ich Angst, jemand könnte mir die Idee schlechtreden – oder hatte ich einfach keine Lust, mich überall und vor jedem zu rechtfertigen? Verdammt! Ich war schließlich erwachsen und brauchte kein „approval“ von niemandem! Aber vielleicht wäre es doch vernünftig, sich abzumelden? Also, schnell die Nummer meiner Mutter ins Telefon getippt. „Mama, ich wollte dir nur kurz sagen, dass ich jetzt nach Hawaii fliege. Mein Zug geht in zwanzig Minuten. Ich bin in drei Wochen wieder zurück. Mach’s gut!“ So, das wäre erledigt. Wer fährt mich jetzt bitte zum Bahnhof?
Als ich am Freitagnachmittag pünktlich in München ankam, war meine Freundin Bianca nicht da. Sie hatte darauf bestanden, mich am Bahnhof abzuholen, musste jetzt aber ganz dringend abends um 19 Uhr mit Vielflieger Roland noch Kompressionsstrümpfe kaufen. Die Tage davor war für so was einfach keine Zeit geblieben. Also fuhr ich mit der Straßenbahn weiter bis zu Biancas Wohnort.
Dort öffnete mir Biancas Sohn Max die Tür. Er hatte die Order erhalten, Abendessen vorzubereiten – hatte er aber nicht getan. Also stellte sich Bianca – als sie schließlich nach dem käuflichen Erwerb von völlig überteuerten Kompressionsstrümpfen entnervt zu Hause eintraf – in die Küche und briet uns Maultaschen mit Ei zu einem leckeren bunten Salat. Ich war überrascht! So kannte ich sie gar nicht!? Völlig neue Seiten an meiner Freundin. Seit wann konnte sie auch Hausfrau? Aber egal, Hauptsache, lecker Essen!
Am Samstagmorgen um sechs dann die nächste Krise: Der Kühlschrank stand noch randvoll mit Bio-Joghurt, Bio-Schlagsahne, Bio-Käse aller Art. „Mensch, Roland! Warum hast du die guten Sachen auch nicht aufgegessen? Jetzt kann ich die alle wegschmeißen!“, jammerte Bianca, und schon flogen etliche Bio-Milchprodukte in die Bio-Tonne. Schade drum! Aber seit wann hatte Bianca überhaupt sooooooo viele Lebensmittel zu Hause? Interessant! Die Bianca, die ich bis dahin kannte, ernährte sich vorzugsweise aus Tüten mit Chips und Gummibärchen. Roland überhörte ihren Vorwurf geflissentlich und bereitete sich in aller Seelenruhe einen Kaffee zu.
Alsbald wurde das Gepäck verladen und Rolands Sohn Christopher brachte uns mit dessen SUV zum Flughafen: Max, Bianca und ich wie die Ölsardinen auf der Rückbank mit Rolands Golfgepäck auf dem Schoß und unzähligen Koffern und Reisetaschen im Genick. Bei einem waghalsigen Überholmanöver machten sich diese auch gleich selbständig und drohten, das Fahrzeug aus eigener Kraft zu überholen. Der Puls stieg, die Laune sank proportional dazu.
Zum Abschied am Gate gab’s dann noch ein paar bissige Bemerkungen von Bianca, die aber niemand zur Kenntnis zu nehmen schien, und irgendwann hatten wir mitsamt 20 kg Übergepäck auch schon eingecheckt und fanden alle vier im Flieger von München über Frankfurt nach San Francisco Platz.
Damit Bianca und ich uns in Ruhe unterhalten konnten, setzte sich Roland jeweils zu Max. Und so erhielt ich die nächsten paar Stunden intime Einblicke und unschöne Szenen einer noch nicht geschlossenen Ehe erzählt. Ich fragte mich insgeheim, ob Bianca immer noch an ihren Hochzeitsplänen festhielt.

In San Francisco war zwar überall vom großen Sturm auf den Inseln die Rede, aber das Schlimmste war wohl schon überstanden, und der Flugverkehr nach Hawaii wurde wieder aufgenommen; also blieben uns genau fünf Stunden Aufenthalt für eine kleine Stadtrundfahrt.
Der Gedanke, spontan mit dem Taxi zum Pier 39 zu fahren, war zwar toll, aber im Nachmittagsverkehr kamen wir nicht wirklich voran, sondern blieben eher stecken, sodass wir lediglich die Golden Gate Bridge „von hinten“ aus einer Baustelle heraus zu sehen bekamen. Der Preis fürs Taxi lag trotzdem bei über 100 Dollar. Da wäre eine Postkarte von der berühmten Brücke deutlich billiger gewesen und hätte uns zudem einen schöneren Anblick gewährt.
Wir hatten gerade noch dreißig Minuten für einen kleinen Imbiss in einem Café an der Fisherman’s Wharf – aufgrund der Eile leider indoor und ohne Meerblick. Da Roland die Kosten fürs Taxi übernommen hatte, bestand ich darauf, den Lunch zu bezahlen. Es war mir wichtig, dass Roland mich nicht als ein lästiges und kostspieliges Anhängsel betrachtete, sondern als einen vollwertigen Partner dieser Reise. Selbstredend hatte ich meinen Anteil der Reisekosten ohnehin schon bezahlt, und genauso würde ich alle Kosten während der Reise übernehmen, die für meine Person anfielen. Als ich meinen Standpunkt am Pier mitteilte, schaute mich Roland zwar befremdet an, akzeptierte aber dann, dass ich die Rechnung übernahm. So weit, so gut!
„Watch out for the storm“ und „Stay safe“ riefen uns die freundlichen Officers am Flughafen zu. Ich winkte lachend ab, denn zu dem Zeitpunkt dachte ich noch, es sei vom Wetter die Rede und nicht von meiner Beziehung zu meinen Mitreisenden. Aber die Spirits auf Hawaii warteten wohl schon voller Vorfreude auf uns.

Nach weiteren fünf Stunden Flugzeit landeten wir planmäßig auf dem Flugplatz von Kona auf Big Island – und ich musste feststellen, dass ich komplett die „Herrschaft“ über meine Seminarreise abgegeben hatte, weil ich überhaupt nicht über irgendwelche Details informiert war. Während ich es bei der Anreise noch als eine nette Geste von Roland gesehen hatte, dass er allein die genaue Flugroute kannte und für alle vier Reisenden die Bordkarten hortete, die er immer erst beim Einchecken an uns austeilte, ließ sich nun erahnen, dass dahinter ein Plan steckte, und zwar dergestalt, dass nur er allein über alle wichtigen Informationen verfügte, während Bianca, ihr Sohn und ich wie unmündige Kleinkinder hinter ihm herdackeln durften. Roland aber hatte die Macht!
Das Mietauto war bei Avis gebucht, natürlich auf seinen Namen, ein zweiter Fahrer wurde nicht eingetragen, die Adresse des Hotels und die Anfahrtsbeschreibung kannte nur Roland allein. Er hatte im Frühjahr die Reise für die ganze Gruppe gebucht und mir lediglich ein oder zwei Angebote per E-Mail weitergeleitet. Die tatsächlichen Reiseunterlagen hatte ich nie erhalten, hatte mich allerdings auch gar nicht darum gekümmert.
Aus irgendeinem mir nicht ersichtlichen Grund hatte er auf ein GPS verzichtet, sodass wir uns nun im nächtlichen Kona auf die Suche nach einem Hotel machten, dessen Namen ich bis dahin noch nicht einmal kannte. Nun denn, es hätte sowieso nichts gebracht, denn ich saß zusammen mit Max auf der Rückbank des Ford-Geländewagens, und zwar wieder einmal mit Rolands Golftasche auf dem Schoß. Und da es eh schon dunkel war auf der Insel, konnten Max und ich durch die getönten Scheiben im Fond von der Gegend überhaupt nichts erkennen. Na schön. Im Flieger wussten wir ja auch nicht, wo es hinging, Hauptsache, der Pilot kannte den Weg.

Nur war das jetzt leider nicht der Fall. Wir irrten bereits eine geschlagene Stunde über die Insel – das Gewicht des Golfgepäcks wurde allmählich unangenehm, und ich sah mich schon mit blauen Flecken auf den Oberschenkeln am Strand liegen – und es war immer noch keine Hotelanlage in Sicht. Also begann ich endlich, unsere Schutzengel um Hilfe zu bitten, sie möchten Roland den Weg zeigen, und tatsächlich war es irgendwann so weit, und wir standen vor der verschlossenen Schranke einer Hotelanlage. Notgedrungen warf Roland nun endlich einen Blick in seine Buchungsunterlagen und musste feststellen, dass darin eine detaillierte Anfahrtsbeschreibung zu finden war, zusammen mit dem Code für die Schranke und dem Safe an der Registrierung „for late arrivals“, wo auch unser Wohnungsschlüssel deponiert war. Wie schön, dass Roland über all diese Informationen verfügte, sie nur leider bislang nicht genutzt hatte.
Es war schon fast Mitternacht, als wir endlich in unser Apartment gelangten. Dafür wurden wir nun jedoch mit einer wunderschönen Wohnung belohnt, geschmackvoll eingerichtet, riesengroß, mit einem wunderbaren überdachten Balkon, der sich über zwei Seiten der Wohnung erstreckte. Dieser konnte vom Wohnzimmer und vom Master Bedroom aus betreten werden, und genau dieses Schlafzimmer war natürlich Roland vorbehalten. Wem sonst? „Ich kann es Roland nicht zumuten, in einem kleineren Bett zu schlafen!“, säuselte meine Freundin nur, als ich ihr einen fragenden Blick zuwarf.
Also habe ich das zweite Schlafzimmer bezogen, aber wohin mit Max? Er konnte ja schlecht mit seinen Eltern das Zimmer teilen oder bei mir unterkommen, zumal das zweite Zimmer nur über ein Queensize-Bett verfügte. Wie meist wusste Roland Rat und entschied nun, am nächsten Tag bei Wal-Mart ein zusätzliches Bett zu kaufen. Bis es soweit war, sollte der Junge auf dem Sofa schlafen.
Daraufhin aber brachte Bianca ihr ausgeprägtes organisatorisches Talent ein und schlug vor, die erste Nacht bei mir im Zimmer zu schlafen und Max bei Roland im großen Bett. Mir war bei dem Gedanken gar nicht wohl. Roland war deutlich nicht begeistert, hielt sich aber mit Mühe zurück, und Bianca setzte sich durch. Irgendwann fielen wir dann alle erschöpft in unsere Betten.

Am nächsten Morgen stieg Bianca aus dem Bett und ging in den Wohnraum hinüber. Ich wunderte mich ein bisschen darüber, denn normalerweise war sie vor Mittag nicht aus dem Bett zu kriegen, zumindest nicht freiwillig. Das wusste ich ja noch aus Shanghai, ein paar Monate früher. Egal. Plötzlich tauchte sie noch mal auf, lächelte verlegen und zog die Schlafzimmertür hinter sich zu. Was hatte das jetzt zu bedeuten? Schon bald musste ich erkennen, dass Roland nun „sein Recht einforderte“ und seine Partnerin für eine kurze Minute in der Küche „gebrauchte“. Wie sich nun herausstellte, konnte er zwar allein einschlafen, aber nicht allein aufwachen. So langsam hatte ich das Gefühl, dass die Entscheidung, ihr Zimmer mit mir zu teilen, eher eine Flucht vor Roland war als ein Beweis unserer Freundschaft. Nur leider hatte diese Flucht dann in der Küche ein jähes Ende genommen. Nun, das musste sie selber am besten wissen, denn schließlich wollte sie diesen Mann ja heiraten, und zwar am liebsten auf Hawaii.
Nach einem kurzen Gespräch mit der Rezeption wurde uns zugesichert, dass schon am nächsten Tag ein Luftbett im Apartment aufgestellt würde – mitten im bis dahin wirklich großzügig geschnittenen Wohnzimmer. Na ja, das sollte für die drei schönsten Wochen im Jahr kein Problem sein. Außerdem hatten wir eh nicht vor, die Ferien ausschließlich in der Wohnung zu verbringen, sondern wollten schließlich was erleben! Dass Max grundsätzlich seine Nächte am PC verbrachte und tagsüber schlief, wenn wir uns im Wohnzimmer aufhielten oder unsere Mahlzeiten auf der Terrasse einnehmen wollten, war eher suboptimal. Doch bevor wir darüber länger nachdachten, wollten wir uns zunächst einmal etwas fürs Frühstück besorgen, denn der Kühlschrank war ja noch ganz leer. So durften am Sonntagmorgen Bianca und ich tatsächlich mit dem SUV los und im nahegelegenen Supermarkt das Nötige einkaufen. Für Eier, Schinken, Käse, Kaffee und Milch wurde ich gleich mal über 100 Dollar los! Der Supermarkt befand sich auf dem Gelände der Ferienanlage und verlangte entsprechende Preise. Der Durchschnittshawaiianer würde hier sicher nicht einkaufen. Aber im Moment hatten wir ja keine Option.
Gemeinsam bereiteten wir ein leckeres Frühstück zu und freuten uns über das wunderbare Wetter, die traumhafte Aussicht von der Terrasse beim Essen und schmiedeten Pläne für unseren ersten Ferientag.
Später erkundeten wir mit dem Auto die Insel. Ich wollte direkt ans Meer, aber irgendwie schaffte es Roland, ausschließlich Straßen zu befahren, die mitten durch Lavagestein führten, ohne dass vom Meer etwas zu sehen war! Ich hatte mir geschworen, nicht einen einzigen Tag vergehen zu lassen, an dem ich nicht am Wasser gewesen war, und beschloss deshalb, später allein zum Strand zu wandern. So weit konnte das ja nicht sein.
Irgendwann landeten wir bei unserer Spazierfahrt in einem Supermarkt, und hier blühte Roland nun auf: Es wurden gleich mehrere Tüten Lebensmittel eingekauft. Zwischen den Regalen stehend hielt mir Roland eine Riesenpackung tiefgekühlte Shrimps vor die Nase. „Schmeckt dir das?“ „Wenn ich es nicht selber zubereiten muss, auf jeden Fall!“, gab ich zur Antwort.
Leider befand sich Rolands Golfzeug inzwischen im Kofferraum des SUV, und so durften Max und ich den Rückweg mit den Lebensmitteltüten auf dem Schoß zubringen. Irgendwie verfolgte mich dieses lästige Utensil nun schon seit München!
Zurück im Apartment wollte ich mich sofort umziehen und zum Strand laufen. Aber nichts da: Roland setzte sich mit seinem iPad aufs Sofa und verlangte, dass Bianca und ich nun etwas kochten! Schließlich hatte er ja Berge an Lebensmitteln bereitgestellt. Ich blickte ihn entgeistert an. Warum sollte ich jetzt in die Küche? Ich hatte noch nicht einmal das Meer von Nahem gesehen! Bianca blieb völlig gelassen und erklärte mir seelenruhig, dass Roland beruflich so viel auswärts essen musste, dass er im Urlaub Hausmannskost bevorzugte! So, na ja, bei mir war das aber eher umgekehrt und schließlich waren das auch meine Ferien!
Nun wollte ich nicht gleich am ersten Tag den Hausfrieden aufs Spiel setzen und machte gute Miene zum bösen Spiel. test

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