Lyrik & Dramatik

Ein Letztes von Herrn Meinrad & Co.

Pierre Emile Aellig

Ein Letztes von Herrn Meinrad & Co.

Geschichten von Meinrads wundersamen Reisen

Leseprobe:

1 Vorwort

Manche kennen Herrn Meinrad bereits als stattlichen Herrn, meist sorgfältig gekleidet. Auf dem Kopf trägt er oft einen schwarzen Filzhut mit breiter Krempe. Seinen schwarzen Mantel knöpft er stets zu. Nie fehlt in seiner Hand der Spazierstock. Auf seinen Spaziergängen durch die Stadt, in der er lebt, trifft er auf Unscheinbares, manchmal Skurriles. Wenn er seine Bekannten begegnet, hört er ihnen zu, beobachtet ihre Tätigkeiten. So gehören die Herrenabende mit vorzüglichem Essen und spannenden Geschichten zum regelmäßigen Ablauf seines bisherigen Lebens, ein Ritual, das viele Leser nicht mehr missen möchte. Nachhaltig auch sind Herrn Meinrads Gespräche mit dem Stadtschreiber Chübeli, der gerne sein Chübeli-Bier neben sich auf dem Tisch sieht. Chübeli hat sich einen Kreis von vier Frauen geschaffen, mit denen er in privater Runde Probleme erörtert, Beziehungskisten durchstöbert und sich über deren Tätigkeiten unterhält. Gerne besucht Herr Meinrad seinen Freund Struktur, der auf seinem Strukturtisch sitzt und philosophiert. Mit dem Stadtmaler Balthasar führt er interessante Gespräche über Kunst und die künstlerischen Tätigkeiten und Ansichten eines Malers. Nicht zuletzt sind es die Treffen mit Lehrer Laudo, die Herrn Meinrad immer wieder faszinieren.
Seit einiger Zeit beginnt Herr Meinrad den Tritt zu verlieren. Die Herrenabende werden spärlicher und spärlicher, bis sie sich irgendwie von selbst erledigen und er sie mit sich selbst abhalten muss. Karasov, der russische Emigrant, ist verschwunden. Der englische Professor für Geschichte, Lewis B. Brighton, hat sich bei seiner Forschung um den sagenhaften König Artus verrannt und ist wahrscheinlich deswegen durchgedreht. Domenico Peccenini, Secondo und Journalist, hat eine Story über einen prominenten europäischen Politiker veröffentlicht. Die Geschichte ist gut recherchiert und echt gewesen, ist jedoch dem betreffenden einflussreichen Politiker in den falschen Hals geraten. Peccenini wurde wegen Verleumdung angeklagt. Das Gericht hat ihn zu einer derart hohen Buße verurteilt, die ihn seine Ersparnisse, sein Haus, seine Freundin gekostet hat. Danach ist er dem Alkohol verfallen, hat Schulden gemacht und ist letzten Endes zum Stadtpenner geworden. Das hat Herrn Meinrad schwer getroffen.
Chübeli, der Stadtdichter, scheint langsam zu verblöden. Sein Frauenclub will nichts mehr mit ihm zu tun haben. Seine unvermeidliche speckige Ledertasche trägt er zwar noch immer über eine Achsel gehängt mit sich. Sie ist leer, kein Notizbuch, keine Schreibutensilien sind mehr drin. Traurig!
Der Stadtmaler Balthasar hat seine Pinsel endgültig abgelegt. Seine Farbtuben sind ausgetrocknet. Selten besucht er Ausstellungen und wenn, so schimpft er über die Oberflächlichkeit der heutigen Maler und Kunstschaffenden.
Meinrads skurriler Freund Struktur hat sich, auf seinem Tisch sitzend, fast zu Tode strukturiert.
Lehrer Laudo schließlich ist über die rechtsextreme Ausländerpolitik seiner Schulbehörde gestolpert und ist deswegen fristlos entlassen worden. Fertig mit Schule geben!
So hat Herr Meinrad alle seine Freunde verloren. Er muss sich selber Geschichten erzählen, mit sich selber über Alltägliches und Tiefsinniges diskutieren und philosophieren. Einzig was ihm geblieben ist, sind die Spaziergänge in seiner Stadt und erlesene Malzeiten in gediegenen Lokalen. Allmählich überschattet eine gewisse Traurigkeit sein Gemüt. Einsamkeit beginnt an ihm zu nagen.
So kommt es, dass er eines Tages beschließt, etwas dagegen zu tun. »Ich will mir die Welt anschauen«, sagt er zu sich selbst, »ich gehe auf Reisen! Wer eine Reise tut, hat etwas zu erleben, sagt man. Schön wäre es natürlich, einen fliegenden Teppich zu besitzen auf den ich mich setzen könnte um irgendwohin zu fliegen wie in den Märchen von ›Tausend und einer Nacht‹.« Meinrad nimmt die Worte von Jean Paul, einem deutschen Schriftsteller des 18./19. Jahrhunderts, als Leitmotiv: Jede Reise verwandelt das Spießbürgerliche und Kleinstädtische in unserer Brust in etwas Weltbürgerliches und Göttlichstädtisches.


2 Eine Bahnfahrt mit Hindernissen

Eines Tages, an einem kalten, unfreundlichen Dezembermorgen, packt Herr Meinrad das Allernotwendigste in seinen einzigen, kleinen Rollkoffer. Er zieht sich den Mantel an, setzt den Hut auf, nimmt seinen Stock zur Hand und verlässt sein Zuhause. Den Rollkoffer hinter sich her ziehend spaziert Meinrad gemächlich zum Bahnhof. Die meisten Menschen, denen er begegnet, kennen den unscheinbaren, weder kleinen, noch großgewachsenen Herrn im dunklen Mantel mit dem Schlapphut und dem Spazierstock. Sie grüßen ihn freundlich. Die anderen Leute, denen er begegnet und die ihn nicht kennen, denken, der Herr sei nicht von heute, sei ein Anachronismus in sich selbst.
Im großen Hauptbahnhof stehen viele Züge bereit. Herr Meinrad überlegt nicht lange. Er steigt in den erstbesten Zug, sucht sich einen passenden Platz in einem Zugabteil und macht es sich bequem.
»Wo wollen Sie hin?«, fragt ihn der Schaffner.
»In die Hauptstadt«, sagt Herr Meinrad.
»Soso, in die Hauptstadt. Und was wollen Sie dort?«
»Ich will mit der Eisenbahn ans Ende der Welt fahren«, sagt Herr Meinrad.
»So, so, ans Ende der Welt! Na dann! – Gute Reise!«

In einer größeren Stadt besteigt er den Schlafwagen 264, wird vom Wagenbegleiter ins Abteil Nr.41 geführt. Es ist ein bequemes, sauberes Schlafabteil. Er kann es allein benützen.
Um 7 Uhr erwacht Meinrad. Er hat nicht allzu tief geschlafen, er fühlt sich trotzdem gut. Es ist noch dunkel draußen. Eine dünne Schneeschicht liegt auf den Feldern und den Dächern der Häuser. Es herrscht ein reger Bahn-Gegenverkehr. Mit etwas Verspätung treffen sie in einer großen Stadt ein. Es bleibt wenig Zeit zum Umsteigen. Im Gang unterhält sich Herr Meinrad mit einer Geschäftsfrau aus der großen Stadt, die in einem andern Land lebt und hier Geschäfte macht.
»Sie sind doch Herr Meinrad?«, sagt sie plötzlich. Er schweigt. Welche Art von Geschäften sie tätigt, sagt sie ihm nicht. Beim Umsteigen auf einen anderen Bahnsteig ist sie ihm behilflich. »Also, Herr Meinrad, gute Reise!«
»Vielen Dank!«
Pünktlich verlässt der Zug den großen Bahnhof. Meinrad sitzt bequem in seinem Abteil des Schlafwagens Nr. 6.
»In 24 Stunden werde ich in der Hauptstadt sein«, denkt er. Für den Transit durch einen anderen Staat muss er Formulare ausfüllen, die er nicht versteht. So beschließt er, das kyrillische Alphabet wieder aufzufrischen. Karasov, sein Herrenabend-Bekannter, hatte es ihm einst beigebracht.
»Ich werde es schnell wieder präsent haben«, murmelt er vor sich hin. Aus dem Rollkoffer holt er Russisch für Anfänger hervor. Schnell hat er sich die kyrillischen Schriftzeichen angeeignet.
Sein Freund, Stadtschreiber Chübeli, würde sich als erstes russisches Wort Bier heraussuchen: ???? = PIVO! Herr Meinrad denkt sich, ein Grußwort würde ihm sicher nützlicher sein. Hallo zum Beispiel: ????????????! ZTRAVSTVUJTE oder so ähnlich müsste er es aussprechen können.
Sein einfaches Sprachstudium wird plötzlich unterbrochen. Die junge Frau, die mit ihrem Partner samt gewaltigen Gepäckstücken im letzten großen Bahnhof zugestiegen ist und im Abteil nebenan Platz genommen hat, kommt mit einer mächtigen Plastiktüte zu Herrn Meinrad herüber. Durch ihre Handzeichen merkt Herr Meinrad, dass sie die Tasche mit drei gefütterten Jacken auf der oberen Liege deponieren möchte.
»Platz hat es genug«, denkt Meinrad und zuckt die Achseln. Ihm kann es ja egal sein. Sie deponiert die Tasche einfach und verschwindet wieder. In einem vorderen Abteil treffen sich die beiden Zugestiegenen mit anderen Mitreisenden. Vom Wagendurchgang her wirft Meinrad einen Blick in dieses Abteil. Dort geht es lustig zu und her, mit Bier und Wodka. Ganz wohl ist es ihm nicht mit dieser fremden Tasche in seinem Abteil auf der oberen Liege. Unruhig geht er erneut in den Gang, um den Fahrplan draußen an der Wand zu studieren. Er sieht, dass sie sich der Grenzstation nähern. Im Abteil der jungen Frau befindet sich niemand mehr. Meinrad bringt die große Plastiktüte zurück und legt sie dort schnell und diskret auf die obere Liege.
In der Grenzstation werden die Papiere kontrolliert. Der Zug fährt danach weiter bis zur nächsten Grenzstation. »Eine russische Grenzstation«, denkt er. Es herrscht hektisches Treiben. Grenzbeamte steigen zu, begleitet von Hunden. Im Nebenabteil gibt es Aufregung. Die junge Frau weint. Ihr Partner wird abgeführt, das meiste Gepäck geht mit. Auch sie muss den Wagen verlassen. Der Zug beginnt hin und her zu manövrieren, bleibt in einer großen Halle stehen. Der Schlafwagen mit Herrn Meinrad wird abgehängt. Jetzt geht ein Hämmern und Klopfen los, der Wagen wird durchgeschüttelt. Meinrad versucht, einen Blick nach außen zu werfen. Die Türen sind verschlossen. Er fühlt sich plötzlich eingesperrt. Neu wird ein Speisewagen angehängt. »Endlich«, denkt er. Seit dem Frühstück, kurz vor der großen Stadt, hat Meinrad noch nichts gegessen. Im Wagengang blickt er zum Fenster hinaus. Draußen in der Halle sieht es aus wie in einer Mondlandschaft. Mächtige Metallgestelle stehen herum. Plötzlich fällt bei ihm der Groschen. »Die Spurbreite der russischen Bahnen ist ja nicht dieselbe wie im übrigen Europa. Ha!«, fährt es ihm durch den Kopf. »Bei den Wagen, die in die Hauptstadt fahren, müssen die Fahrgestelle ausgewechselt werden! Ha! Das verursacht den Lärm!«
Bald danach sind die beiden Wagen an der neuen Zugkomposition angehängt. Noch steht der Zug im Grenzbahnhof. Meinrads Nachbarin steigt ohne ihren Partner wieder zu. Sie heult. Ihr Gepäck wird nachgeschoben. Der Zug fährt noch nicht. Sie sucht bei Herrn Meinrad nach der Plastiktasche mit den Jacken. Da sie nur Russisch spricht zeigt Herr Meinrad ihr, wo er die Tasche in ihrem Abteil zurück gelegt hat. Sie ist noch dort. Unberührt. Er ist erleichtert. In diesem Moment tauchen zwei Zollbeamte auf, drängen sich ins Abteil, greifen nach der Plastiktasche und packen Herrn Meinrad am Arm, Handschellen werden ihm verpasst, er wird abgeführt. Die drei verlassen den Wagen. Kaum stehen sie auf dem Bahnsteig, fährt der Zug ab.
Ein bisschen durcheinander findet er sich selber wieder in einer dunklen Zelle ohne Fenster. Sein kleiner Rollkoffer liegt auf einer Pritsche. Sein Mantel, sein Hut und sein Spazierstock hängen an einem Haken an einer getünchten Wand. Im diffusen Licht, das von irgendwo zu kommen scheint, erkennt er die weiß-gräulich bepinselte Fläche. Es ist kalt. Meinrad greift nach Mantel, Hut und Spazierstock. Er setzt sich neben den Rollkoffer auf die Pritsche.
Plötzlich öffnet sich im Boden ein Deckel. Ein Kopf unter einer Pelzmütze erscheint in der Öffnung. Eine Hand winkt Herrn Meinrad zu sich. Er greift nach seinem Rollkoffer, nimmt Mantel, Hut und Stock, tritt an den Rand der Öffnung und folgt der Gestalt. Sie steigen eine schmale Leiter hinunter. Ein Lichtstrahl leuchtet ihm den Weg. Meinrad klettert vorsichtig hinter der Gestalt die Leiter hinunter und folgt dem Lichtstrahl. Nach einer kurzen Zeit steigen die beiden aus dem unterirdischen Gang hoch, denn um einen solchen muss es sich handeln. »Aus der Kriegszeit«, denkt Herr Meinrad. Sie finden sich in einem dunklen, tief verschneiten Wald wieder.
»Aus der Kriegszeit«, sagt die Gestalt, als ob er Meinrads Gedanken lesen kann und lässt den Strahl der Taschenlampe auf den von einer Schneeschicht zugedeckten Pfad gleiten. Schuhspuren verlieren sich in der Dunkelheit. »Ja. Aus der Kriegszeit«, wiederholt er, schließt den Deckel über der Öffnung und schiebt mit beiden Füßen, die in schweren Schneestiefeln stecken, Schnee über den Deckel. »Ein Fluchtweg der verfolgten und eingesperrten polnischen Juden.«
»Aha!«
Sie folgen dem Pfad, bis sie den Waldrand erreichen. Dort wartet ein Pferdegespann auf die beiden Leute.
»Ich bin Potkorny. Du? Meinrad?«
»Aha!« Nach einer Weile sagt der erstaunte Meinrad: »Em. Ja.«
Potkorny besteigt den Kutscherbock und zeigt mit der Hand auf den Nebensitz. Herr Meinrad nimmt neben ihm Platz. Potkorny greift nach den Pferdezügeln. Mit der Peitsche lässt er einen leisen Knall ertönen. Die Pferde setzen sich in Bewegung. Trotz des verschneiten Weges geht es zügig voran.
»Wo geht’s denn hin?«
»In die Hauptstadt!«
»Dorthin will ich!«
Während sie durch die tief verschneite Landschaft reisen, erzählt Potkorny über die Flucht seiner Großeltern. Meinrad erhält vom Kutscher eine Pelzkappe und einen aus Pelz gemachten Überwurf. Tief eingepackt kann er der Kälte trotzen. Er kommt sich vor wie eine Figur aus Puschkins Erzählung ›Der Schneesturm‹. Wieder ein Anachronismus in sich selbst.
»Meine Großeltern sind in Polen verfolgt, verhaftet und in ein Judenlager gesteckt worden. Sie sind dem Tod knapp entkommen, weil man ihnen zur Flucht verholfen hat. Sie haben damals den gleichen Gang benützt wie ich mit dir, Herr Meinrad. Man hat ihnen weitergeholfen, bis sie die Grenze in die Schweiz haben überschreiten können. Heimlich natürlich. Auch dort hat es Leute gegeben, die ihnen geholfen haben.« Danach schweigt Potkorny eine Weile. Im Osten beginnt der neue Tag seine strahlenden Lichter zu senden. Der Himmel am Horizont wird in ein mattes Rötlich-Gelb getaucht. Nicht lange danach fallen die ersten Sonnenstrahlen auf den Fahrweg. Die über Nacht frisch gefallenen Schneeflocken beginnen zu glitzern. »Die Großeltern haben das Glück gehabt, nach den Staaten auszuwandern. Meine Eltern sind in der Schweiz geblieben, ich bin dort geboren.« All dies erzählt Potkorny in deutscher Sprache, aus der Meinrad einen östlichen Akzent heraushört. »Ich helfe dir, Herr Meinrad, weil meine Mutter dich kennt.«
»Aha!« Meinrad erstaunt nichts mehr. Er fragt auch nicht. Er hört einfach zu, was sein Kutscher zu erzählen hat. Sie fahren durch unwegsames Gelände. Da die Kutsche auf Kufen gleitet, macht das Ziehen den beiden Pferden keine Mühe. Irgendwo in einem Dörfchen mit kleinen Häusern überqueren sie die Grenze in einen anderen Staat. Die Dächer der Häuser reichen fast bis zum Boden. Lange Eiszapfen hängen an den Dachrändern. Es ist Abend geworden. Sie machen einen Halt. Der Kutscher kennt sich hier aus und alle Bewohner kennen ihn. Er wechselt die Pferde aus. Die Nacht verbringen sie in einer kleinen Kammer. Herr Meinrad wird als Gast herzlich begrüßt. Er darf das Bett der alten Frau benützen. Früh morgens gibt es ein kräftiges Frühstück. Bevor er und der Kutscher zugreifen, singt die alte Frau ein russisches Morgenlied. Als sich die beiden Männer verabschieden wollen, müssen sie sich nochmals hinsetzen. Im Stehen sich zu verabschieden würde Unglück auf der Reise bringen. Der Kutscher wechselt noch zweimal die Pferde. Frühmorgens verlassen sie das Land auf heimlichen Pfaden. Sie begegnen einer Kosakengruppe, die in gestrecktem Galopp ihnen entgegen reitet. Potkornys Pferdegespann wird umzingelt. Potkorny spricht mit ihnen. Sie grüßen und reiten wieder weg. Früh am Morgen erreichen sie die Hauptstadt. Klirrende Kälte empfängt sie. Auf dem Platz vor dem Zentralbahnhof verabschiedet sich Potkorny, der Kutscher.
»Gute Reise, Herr Meinrad. Pass auf dich auf. Die Eisenbahnen sind in der Winterszeit nicht harmlos.«
»Besten Dank für Ihre Hilfe, Herr Potkorny. Ich werde gut aufpassen!« Herr Meinrad will Pelzmütze und Pelzjacke zurückgeben. Der Kutscher winkt ab. »Sie werden sie noch brauchen können!«
Dann ist der Kutscher mit seinem Gefährt verschwunden. Tief verhüllt steht Herr Meinrad mit seinem Rollkoffer auf dem Platz vor dem Zentralbahnhof, etwas verwirrt und ein wenig hilflos. Es ist noch dunkel, der Tag ist erst im Entstehen begriffen. Schnell fängt er sich, geht durchs große Tor des Gebäudes und findet sich in der Haupthalle des Bahnhofgebäudes wieder. Jetzt studiert er die Anzeigetafel der abgehenden Züge. Die Angaben sind in kyrillischer Schrift. Auf der Hinreise hat er Zeit gehabt, mit seinem Kutscher die wichtigsten Buchstaben und Wörter zu üben. So findet Meinrad schnell die Abfahrtszeit der Eisenbahn, mit der er fahren will. Es ist die sogenannte Transsibirische. Sie beginnt hier, legt eine Strecke von rund 10’000 km zurück und endet am Ende der Welt, an den Ufern des pazifischen Ozeans. Auf der Abfahrtstafel stellt er fest, dass die nächste Bahn ans Ende der Welt erst am Abend des nächsten Tages wegfährt. Nun hat Meinrad anderthalb Tage Zeit, durch die Hauptstadt zu spazieren. Spaziergänge durch eine Stadt liebt er. So nimmt er seinen Rollkoffer zur Hand und verlässt den Zentralbahnhof. Ein langer Spaziergang durch viele Straßen, die hier Prospekte heißen, bringt ihn vor den pompösen Eingang eines großen Hotels. An der Rezeption scheint man Herrn Meinrad zu kennen.
»Wir haben Sie erwartet, Herr Meinrad!«, sagt die hübsche, schlanke Rezeptionistin.
»Aha!«
»Wir haben für Sie das Zimmer 406 im vierten Stockwerk reserviert. Man wird Sie gleich hinaufbegleiten.«
Im Zimmer ist Herr Meinrad vom Blick aus dem Fenster überwältigt. Das Fensterglas reicht vom Boden bis zur Decke. Eine Kathedrale grüßt ihn mit ihren Zwiebeltürmen. Er kann sich fast nicht satt sehen. Im Erdgeschoss findet er ein Restaurant nach seinem Geschmack. Er setzt sich an einen freien Tisch. Der Kellner bringt ihm sofort unaufgefordert eine Schüssel, gefüllt mit einer rötlichen Suppe. »Das ist unser berühmter Borschtsch«, sagt der Kellner. Diese sogenannte Arme-Leute-Suppe wollte Meinrad schon lange mal kosten. Ein Mann am Nebentisch erklärt ihm, es gebe ungefähr hundert verschiedene Arten, den Borschtsch herzustellen. »Diese hier, die man Ihnen gebracht hat, ist mit roten Beten aufgekocht worden«, erläutert der Mann auf Deutsch. Herr Meinrad blickt ihn fragend an. Er sei in der ehemaligen DDR stationiert gewesen, erklärt er. »Kommen Sie, Herr Meinrad!«, wieder spricht man ihn mit seinem Namen an. Das erstaunt ihn eigentlich nicht mehr. Überall scheint man Herrn Meinrad zu kennen. »Ich zeige Ihnen den Roten Platz.«
»Sie kennen mich?«, fragt Herr Meinrad.
»Jedermann kennt Sie doch!«
»Aha!«
»Ich bin Iwanov Iwanowitsch.«
»Der Schreckliche?«
»Nein, nein, der Gemütliche.«
»Aha!«
»Kommen Sie, wir trinken an der Bar einen Wodka.«
Iwanov Iwanowitsch stürzt sich den Wodka in einem Zug hinter die Binde. Meinrad tut es ihm gleich, was bei ihm einen fürchterlichen Hustenreiz auslöst. Mit der Faust klopft ihm Iwanov auf den Rücken.
Gemeinsam verlassen sie das Hotel. Bis zum Roten Platz sind es lediglich ein paar Schritte. Die minus zehn Grad Kälte setzen Herrn Meinrad, trotz des Kutschers geschenktem Pelz, ein wenig zu. Es ist Sonntag. Der Rote Platz ist von Spaziergängern bevölkert.
»Bis Ende des 15. Jahrhunderts haben sich an dieser Stelle noch kleine Holzhäuschen befunden, die alle einem Großbrand zum Opfer gefallen sind. Der Zar Iwanov III hat dann den Platz zu einem Marktplatz umgestalten lassen.«
»Wieso Roter Platz?«, fragt Herr Meinrad.
»Seinen heutigen Namen ›Roter Platz‹, Krasnaja Polschadj, hat er erst im 17. Jahrhundert erhalten. Krasnaja hat eine Doppelbedeutung und steht sowohl für das Wort ›rot‹ als auch für das Wort ›schön‹. Am Anfang verwendete man den Begriff ›Schöner Platz‹, da sich vornehme Geschäftshäuser rund um den Platz angesiedelt haben. Seit der Oktoberrevolution dominiert jedoch die zweite Bedeutung der Rote Platz«
»Der Grund dafür ist wohl klar«, meint Herr Meinrad, »ich danke dir, Iwanov Iwanowitsch.« Unwillkürlich fallen die beiden in die Du-Form, ohne darüber Worte zu verlieren.
»Und dort drüben siehst du, mein lieber Herr Meinrad, die berühmte Basilius-Kathedrale.« ?»Ich kann sie von meinem Hotelzimmer aus bestaunen. Iwanov Iwanowitsch, erzähl mir doch ein wenig über die Entstehung dieses Wunderwerkes!«
Der Mann nimmt seine Pelzmütze mit einer Hand vom Kopf und streicht sich mit der anderen über den kahlen Schädel.

»Die Basilius-Kathedrale stellt den unumstrittenen Höhepunkt des Roten Platzes dar«, beginnt er zu berichten.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 162
ISBN: 978-3-99048-425-8
Erscheinungsdatum: 14.01.2016
EUR 16,90
EUR 10,99

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