Lyrik & Dramatik

Ein Gedicht für dich

Viki Paunovic

Ein Gedicht für dich

Übersetzung ausgewählter Gedichte von Jovan Dučić

Leseprobe:

Abschied
Ich traf dich wieder, und du warst voller Trauer,
hast versucht, deine Tränen
wie ein armes Kind zu unterdrücken.
Dann bist du, wie ein hoffnungsloser Schatten,
die ganze Nacht bei uns geblieben.

Zwischen uns war schon längst alles vorbei:
wie die Liebe, so der Hass.
Trotzdem spürten unsere fremd gewordenen Herzen
in der Dunkelheit, wie die letzten paar Tränen flossen.

Die einmal nahestehenden Herzen
brachten die längst fälligen Fragen endlich hinter uns,
die damals wie die endlosen Schatten zwischen uns standen,
und wir sind dem Glück vielleicht nie näher gestanden.


Akkord

Ich höre in einer ruhigen violetten Nacht,
wie die Sterne rauschen.
Ich denke nach und höre schweigend,
wie sich alles in der Wärme der Gelassenheit breitet.

Leise höre ich in der Einsamkeit
ewiges Gemurmel von der Erde und dem Himmelszelt.
Und ich höre eine lange, stille Zeit,
die langsam vergeht,
sowie die Wörter der Blätter und das Rauschen des Wassers.

Ich verstehe die Wörter, die immer noch wehtun,
die Sprache des Seins und das Flüstern der Dinge …
Es passt alles zusammen,
man kann hören, wie mein Herz schlägt.
Und es schlägt weiter.

Man konnte den Schlag hören,
es schlägt ruhig, Schlag für Schlag,
sowie der Klang der schwarzen Binsenmatte,
die sich auf dem ganzen Feld breitet,
um sich ins Konzert mit einschließen zu können.

Irgendwo unterirdisch in der Tiefe
mit dem gleichen Rhythmus, wie eine stille Glocke,
hörte man in der Dunkelheit ein großes Herz schlagen.
Es schlug langsam, ruhig, eintönig.


Am Wasser

Der Weg des Mondes zeigte sich in dem silbernen Meer;
Dort an der Spitze lagen schläfrig endlose Wellen.
Die letzte Welle kam zu den Klippen,
sie brach in Tränen aus, und starb dadurch.
Die Stille traf ein.

Die Nacht riecht traurig nach Zypressen.
Der Himmel ist aschgrau, so wie das Wasser und die Erde.
Ich habe heute Nacht
einen seltsamen Schmerz eingeatmet.
Eine tiefe Traurigkeit
aus dem Himmelszelt hat mich erwischt.

Heute Nacht schlugen Hunderte von Herzen in mir
und mein ganzes Wesen erwachte,
erhebt sich: einmal für den Stern
und einmal für die Frau.

Alles kocht in mir, als würde die Flut kommen
oder als würde ich wieder auferstehen!
Soweit der Sternenhimmel reichte
breitete sich am Wasser eine namenlose Nacht.


Angst

Warum liebe ich alles, was vergeht,
Freude und den Schmerz?
Ich höre diese Stimme aus der Ferne
und ich schaue auf den Weg,
der hinter mir zurückbleibt.

Welche Verbindung gibt es zwischen der Seele,
der Gegenwart und den Tagen,
die wie das Wasser verflossen sind?
Warum bevorzuge ich den Abend, der vergeht,
statt den lila Regen in der Morgendämmerung.

Es scheint, in mir wird
von den Erinnerungen alles grau.
Mein Herz ist mit Angst überfüllt
und traut sich nicht
weiterzumachen und zu leben.


April

Wie in einem Märchen hört es auf zu regnen.
Der Horizont ähnelt dem Rosengarten,
von überall hört man die Wildenten
und auf den grünen Hügel kriechen die Erdschnecken.

Irgendwo weht der letzte Rauchnebel,
eine Schar schreit verrückt durch den Sumpf.
Im Bach schwimmt der gelbe Sand,
und Sonnenstrahl scheint aus dem Schlamm.

Die Sichtgrenze ist luftig und weit,
begleitet vom Gesang einer Nachtigall
und eines Frosches.
Im Glas steht bereits die erste Schneeglocke,
der April mit seinen dunkelblauen Augen ist eingetroffen.


Aufwand

Wenn mich die gleichgültige und jämmerliche Zeit ermüdet,
entsteht in mir der Wusch, in den unzähligen Stunden
das Glück oder Unglück zu erleben, gleichgültig was…

Irgendwo, tief in mir wächst das Verlangen
und wird von den dunklen Schatten überdeckt.
Am Morgen, wenn ich aufwache,
ist das Gefühl noch da.
Es erhitzt mich oft,
und lässt mich gleich wieder erfrieren.

Es leuchtet in meiner Seele…
Ist das vielleicht die Flamme, die aufglüht?
Welche Tageszeit haben wir jetzt?
Morgendämmerung oder Abendstunde?
Ich dachte, es wäre die Liebe,
aber es war nur der Neid.
Es kam mir vor, es ist das Gleiche…


Begleiter

Auf meinem Weg
wollte ich den Weg bis zu Ende gehen!
Vergebens: Ich habe überall an der Kreuzung
die unsichtbaren Hände
mit dem tödlichen Zeigefinger getroffen.

Ich wollte in meinem Herzen nur meine Stimme hören,
aber ich hörte nur eine unbekannte Stimme.
Wer weiß von wo und von wem…
Ich wollte, dass die Träume aufhören,
aber ein unsichtbarer Schatten lässt es nicht zu.

Wo bin ich? Von wem ist das Werk?
Wem folge ich, ewig, unbewusst und leidenschaftlich?
Und wie viel ist von mir selber noch geblieben?
Wie viel? … Alles ist still.
Ah! Es ist schrecklich!


Bekanntschaft

Als ich sie traf, war der Himmel bewölkt;
der Garten starb mit schmerzlicher Ungeduld;
Herbstwasser murmelte bedrohlich
in der verzweifelten Eile zu verschwinden.

In meiner Jugend wusste ich nichts
über die Tage der Leidenschaft und des Leidens.
In meiner Seele fiel ihr Schatten,
kalt und blass wie das Mondlicht.

Ihre Stimme war wie die Musik der Traurigkeit.
Ich dachte, während des langen Zuhörens,
an das Vergangene, die kalten Herbstsagen
und einem traurigen Abschied.

Ihr Kuss war gleichzeitig sanft und eisig,
so wie der Kuss einer Marmorstatue.
Aber ihre blonden Haare rochen
nach blühenden roten Rosen.

Morgens war ich oft kraftlos,
als hätte ich die Bleiketten losgerissen.
Ich wachte auf und wusste nicht mehr,
wovon ich in dieser Nacht geträumt habe,
aber meine Augen waren verschwommen
und voller Tränen.


Bregalnica (Mein Vaterland)

Mit dir werden wir die Augen unserer Kinder
und die Stirn des Propheten
in der Stunde des Gerichtes trocknen.
Aus dem Klirren des Schwertes entsteht ein Fluss,
deren heiliges Licht
die Wahrheit und Schamlosigkeit trennen kann.

Als Feuerfunke bist du aus dem Schwert entstanden,
um den Weg, zwischen den beiden Zeitaltern,
schneiden zu können.
Den herrlichen Schleier heben,
das Feuer entflammen,
damit das Volk sieht,
wohin es gehen muss.

Wasser der Schreier in der dunklen Nacht,
über den beleuchteten Pfad geht
jetzt das Volk voller Siegeskraft,
und auf den Händen, wie einen wertvollen Samen,
trägt es ein Stück Heimathimmel.

Heiliger Fluss wurde in der Herrlichkeit gespiegelt.
Die verzaubernden Menschen haben mit dir gebracht:
die Frömmigkeit eines Priesters, Stolz des Löwen,
den weißen Adler und dein Penaten.

Dein Strahl strahlt,
um den Heiligenschein zu überstrahlen;
Du, bis gestern ganz unbekannt,
trägst alle Sonnennetze und die Sterne
und du knisterst im Kamin und am Altar.

Wenn dein Kopf vergisst sich umzudrehen,
wenn die Grenzen unverändert bleiben sollen,
und unsere Seelen die Farbe des Felsens bekommen,
dann wird unser Blut genauso, wie das Wasser fließt.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 102
ISBN: 978-3-99107-033-7
Erscheinungsdatum: 03.09.2020
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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