Cover: Die tschechische Linde

Die tschechische Linde


EUR 23,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 438
ISBN: 978-3-7116-1590-9
Erscheinungsdatum: 27.08.2026
Gerlinde lernt als Kind von Vertriebenen vor allem, sich anzupassen. Als Studentin bricht bei ihr eine Redeangst aus. Nach einem Selbstmordversuch vereinsamt sie. Erst die Auseinandersetzung mit ihrer Herkunft erdet sie und verleiht ihr buchstäblich Flügel.
1. Kapitel

Als die Abzweigung zu dem Dorf bereits ein ganzes Stück hinter ihr lag, hörte der Regen endlich auf, und Gerlinde kehrte wieder um. Auf den ersten Blick wirkte das Dorf verlassen, nur an den Satellitenschüsseln auf windschiefen Dächern, vereinzelten Blumen und Autos da und dort ließ sich erkennen, dass in einigen Häusern noch Menschen wohnten. Aus den Ruinen ragten teilweise nur die Umrisse der alten Brandmauern hervor. Aber es mussten große Gehöfte gewesen sein, Vierkanthöfe, die ihre Innenhöfe mit den eigenen Brunnen wehrhaft umschlossen.
Sie parkte ihren grauen Golf vor der kleinen Kirche auf dem Hügel unter einem riesigen Lindenbaum. Im Gegensatz zu den anderen Gebäuden war die Kirche neu verputzt und restauriert und wirkte trotz ihres hohen Alters frisch und lebendig. Hier also war ihre Mutter getauft worden. Gerlinde ging einmal um die Kirche herum, die ungewöhnlich gebaut war: vorne ein wuchtiger Kirchturm mit einer Zwiebelhaube, direkt dahinter das Kirchenschiff, das in zwei jeweils deutlich kleiner werdende Räume auslief. Die drei spitzgiebeligen Ziegeldächer fügten sich dabei wie die Teile einer Matrjoschka-Puppe ineinander. Das Kirchenschiff selbst wurde außen von schweren grauen Steinpfeilern gestützt.
Die Kirchenpforte war abgeschlossen. Hier drinnen hatte ihre Familie über viele Generationen ihre eigene Kirchenbank, wusste sie von ihrer Mutter. Für die Dorfbewohner war die Kirche immer der Dreh- und Angelpunkt ihres Lebens gewesen, von der Taufe bis zum Tod. Gerlinde las die Tafel, die an der Kirche angebracht war. Die Vorstellung, ihre Familie könnte bereits 1261, beim Bau der alten, dem Heiligen Ägidius geweihten Kirche mit Hand angelegt haben, flog ihr kurz durch den Kopf. Oder beim Wiederaufbau knapp zwei Jahrhunderte später, nach dem zerstörerischen Überfall der Hussiten.
Von den Dorfbewohnern war an diesem Sonntagmittag niemand zu sehen. Gerlinde suchte jemand, der ihr den Weg zum Elternhaus ihrer Mutter beschreiben konnte. Auf dem Kirchplatz stand ein Haus mit einem Schild „Česká Lípa“, offenbar eine Gaststätte. „Die tschechische Linde“, das konnte Gerlinde mit Hilfe ihres Wörterbuchs übersetzen. Sie zögerte erst, aber dann ging sie hinein. Im hinteren Teil des Gastraums spielten vier Jugendliche Tischfußball. Die blank gescheuerten Holztische in der kleinen Gaststube vorne waren unbesetzt. Auf der langen Theke lagen bloß eine Tafel Schokolade sowie je eine Packung Salzstangen und Chips, dazu kleine Preisschilder. In einer Vitrine waren verschiedene Biere, Limos, Cola und Bluna ausgestellt, ebenfalls mit handgemalten Preisen, als seien es kostbare Exponate, die man für die nachfolgenden Generationen aufbewahren wollte.
Die Wirtin ließ sie eine Weile an der Theke stehen, ehe sie aus einem Hinterraum, vermutlich der Küche, hervorkam. Sie sprach Gerlinde auf Tschechisch an. Aber als diese zuerst auf Deutsch und dann auf Englisch vergeblich versuchte, sich verständlich zu machen, rief die Wirtin einen der Jungs herbei. Gerlinde erklärte ihm auf Englisch, dass ihre Mutter und ihre Großeltern früher hier im Ort gewohnt hatten und sie auf der Suche nach deren Haus war. Der Junge übersetzte ihre Frage, wobei die tschechischen Worte wie ein wilder Bach aus ihm herausstürzten, Zischlaute fest an Konsonanten gekettet. Die Wirtin musterte Gerlinde und sagte etwas, was der Junge in stockendem Englisch an Gerlinde weitergab:
„Dort unten an der Straße, kleines Haus, wohnt alte Lukaschik, sie wohnt schon immer hier. Sie weiß, vielleicht.“
Gerlinde fand das Haus auf Anhieb. Als sie läutete, blickte eine alte Frau mit zerzaustem Haar aus dem Fenster.
„Entschuldigung, sprechen Sie Deutsch?“, fragte Gerlinde unsicher, und als die alte Frau nickte, fuhr sie fort: „Ich suche das Elternhaus meiner Mutter, sie kommt aus diesem Dorf, ihr Name war Bieramperl.“
„Warten Sie, komme“, sagte die alte Frau und stand schon in der Tür. Ihr Haus war klein und schief, einstöckig und langgezogen, mit niedrigem Dach und kleinen Fenstern. Der Verputz, ein undefinierbarer Gelb-Beige-Ton, blätterte an vielen Stellen gleichzeitig ab.
„Bieramperl, Bieramperl…“, murmelte sie. Nein, der Name sagte ihr offenbar nichts, sie schüttelte den Kopf und blickte Gerlinde dabei unverwandt in die Augen, als könne sie da eine Antwort finden.
Gerlinde verstand plötzlich, warum ihre Mutter immer alte Kleider mitgenommen hatte, wenn sie hierhergefahren war. Die Frau war ärmlich gekleidet, mit zerlöcherten Hausschuhen – Batschen, hätte ihre Mutter sie genannt – und gestopfter Strickjacke aus billiger Synthetik, die sie über einer verwaschenen Schürze trug. Gerne hätte ihr Gerlinde unauffällig eine Plastiktüte mit ein paar gut erhaltenen Kleidungsstücken in die Hand gedrückt.
„Stangler, meine Mutter hat es Stanglerhaus genannt“, brach es aus Gerlinde plötzlich heraus, denn sie erinnerte sich, dass die Häuser hier alle eigene Häusernamen besaßen, die mit den Familiennamen nichts zu tun hatten. Als Kind dachte sie deshalb lange Zeit, das Stanglerhaus müsse ein anderes Haus sein als das Elternhaus der Mutter.
„No ja, das Stanglerhaus kenn ich!“, kam die prompte Antwort. „Und gibt es dort See, Stangler-See. Früher im Sommer wir haben da gebadet. Aber Haus steht nicht mehr! Und See ist jetzt klein, nicht wie früher war!“
Immerhin konnte sie ihr beschreiben, wo es gestanden hatte und wie sie hinfand. Gerlinde bedankte sich und lief den Feldweg hoch, der sich vom Dorf den Berg hinaufschlängelte. Der Weg führte durch einen Wald, der sich rechts und links des Pfades als dunkle, undurchdringliche Mauer erhob. Der Boden war aufgeweicht vom langen Regen, aber es hatten sich keine Wasserlachen gebildet. Entlang des Weges liefen kleine Gräben, in denen das Wasser abfloss und den Berg hinabströmte bis zum Bach unten im Tal. Sie kam gut voran. Der Weg verließ jetzt den Wald und eilte durch weite Felder auf eine lichte Anhöhe zu. Dort wurde Gerlinde wiederum von einer riesigen alten Linde empfangen, die über einem Teich wachte.
„Da, wo alte Linde steht, daneben war früher auch Haus“, hatte die alte Lukaschik gesagt, „das sehen Sie!“
Hier, bei der Linde, musste also das Haus gestanden sein. Nichts war zu sehen, nicht ein Stein war davon übriggeblieben. Gar nichts deutete darauf hin, dass hier der Ort war, an dem ihre Vorfahren seit Jahrhunderten gelebt hatten. Hier war ihre Mutter geboren, hier hatte sie bis zur Vertreibung der Dorfbewohner im Februar 1946 gelebt. Obwohl es an dieser Stelle keine Spuren mehr davon gab, wusste Gerlinde genau, dass sie den richtigen Ort gefunden hatte. Hier musste die Wiege ihrer Mutter gestanden haben, alles passte zu ihren Erzählungen: das Haus auf dem Hügel, die Linde, der Teich. Gerlinde hatte ein imaginäres Land betreten, ein erzähltes Land, an dessen Existenz sie im Grunde nie geglaubt hatte und das sie nie hatte erkunden wollen. Es war ein Land aus einer früheren Zeit, fest in der Vergangenheit verankert.
Sie stand auf dem Hügel und blickte über die weiten Felder und den Waldrand. Noch waren die Weizengarben vom tagelangen Regen niedergedrückt, aber die kräftigsten unter ihnen richteten sich bereits wieder auf. Ein fürsorglicher Wind föhnte sie sachte trocken und soufflierte ihnen leise einen Text, den die Garben raschelnd wiederholten. Allmählich reckten sich auch die schwächeren empor und richteten sich nach und nach auf. Schließlich trat die Sonne hervor, die sich hinter einem Vorhang aus Wolken verborgen hatte. Trat hervor, als hätte sie nur auf ein Stichwort gewartet. Zuerst nur im Hintergrund, als blasse Komparsin, aber dann intensivierte sie ihr Strahlen und reichte dem Wind ihre wärmende Hand in einer großen, versöhnlichen Geste, die dankbar auch von den letzten niedergedrückten Halmen angenommen wurde. Endlich war die Sonne zurück, strahlte und lachte, tänzelte mit dem Wind und schäkerte mit den Bäumen. Allen warf sie Kusshände von Licht zu, alles, was sie traf, leuchtete auf: der Teich, die Linde, der Weizen. Den vergoldete sie.
Gerlinde stand da, schaute auf das Land und hatte plötzlich das Gefühl, etwas gefunden zu haben. Etwas, wonach sie gar nicht gesucht hatte. Weil sie nicht wusste, dass „es“ überhaupt existierte. Sie konnte es nicht beschreiben, nur spüren, aber es erdete sie und gab ihr einen festen Stand. Wenn sie später ängstlich und einsam war oder wenn sie in Panik geriet, erinnerte sie sich an dieses Gefühl am Teich, an die getrockneten und getrösteten Weizenfelder, an das verschwundene Haus bei der Linde. Und dann fühlte sie sich sicher und geerdet.
Als sie den Blick ins Tal hinabwandern ließ, entdeckte sie den Bach und den kleinen Weg zur Mühle, der ihr aus vielen Erzählungen ihrer Mutter vertraut war.
Und da geschah es: Sie erhob die Arme, hob ab und schwebte, getragen von einem lauen Lüftchen, hinunter ins Tal, immer den Mühlsteig anpeilend:
„Und ihre Seele spannte weit ihre Flügel aus, flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus.“
Diese Zeile kam ihr in den Sinn, während sie sachte und losgelöst, hoch über dem Ährenfeld, nach unten schwebte. Sie stammte aus einem Gedicht, das ihre Mutter in der Schule gelernt und oft in Erinnerung an die verlorene Heimat vorgetragen hatte. Gerlinde hatte es nie gemocht, wenn ihre Mutter solchen Gedanken nachhing und sie wegdriftete, weg von ihr. Das Gedicht mochte sie deshalb auch nicht. Immer hatte sie versucht, dem Kummer ihrer Mutter um die verlorenen stillen Lande zu entkommen, indem sie sich gleich davonstahl oder, wenn das nicht möglich war, ihre Mutter auf andere Gedanken brachte. Am besten ging das mit praktischen Fragen zur Haushaltsführung: Wie backe ich einen Apfelstrudel, wie koche ich Erdbeermarmelade ein oder schütze Wollsachen gegen Motten? Damit konnte sie ihre Mutter schnell zurückholen und dieses diffuse Heimweh vertreiben. Gerlinde sperrte sich gegen diesen alten, längst überholten Kummer, sie wollte ihre Mutter nicht in der fernen Vergangenheit, sondern im Jetzt und Hier, nur ihr zugewandt. Und diese ganzen alten Geschichten von einem verlorenen Land wollte sie schon gar nicht hören.
Jetzt fügten sich diese Verse mit einem Mal geschmeidig in die Landschaft ein, ganz ohne die Wehmut, mit der sie sonst immer daherkamen. Gerlinde überlegte, wie das Gedicht begonnen hatte, doch das wollte ihr nicht einfallen. Stattdessen fand sie sich mit einem Mal auf der Wiese neben dem Mühlsteig liegend wieder. Verwirrt rieb sie sich die Augen: War sie eingeschlafen?
Sie war geflogen, daran konnte sie sich nun erinnern. Und zwar von oben, wo das Haus einmal gestanden hatte, bis hinunter ins Tal. Sie war nicht gefahren und nicht gelaufen. Sie war geflogen! Oder war sie etwa den Hang hinabgerollt?
Sie erinnerte sich an Erzählungen ihrer Mutter, der Wind sei hier manchmal so stark gewesen, dass sich die Kinder fest an die Zäune hätten anklammern müssen, um nicht weggeweht zu werden. Aber es ging kein starker Wind, der Wind strich fast unmerklich durch die hoch gewachsenen Gräser am Hang über dem Bach. Angestrengt musterte Gerlinde den Berghang. Unberührt, Halm an Halm, Schulter an Schulter wie ein stehendes Heer stand das hohe Gras, nicht ein Grashalm war geknickt, nichts deutete daraufhin, dass hier gerade ein schwerer Körper darübergewalzt war. Aber konnte sie ihren Augen überhaupt trauen? Hatte die Erde hier nicht auch alles, was im Krieg passiert war, geschluckt und Gras darüber wachsen lassen: das Blut der Erschossenen, die Goldmünzen und die Gewehre der Anwohner, die Hitlerporträts, die an den Wänden hingen, und die vor Kriegsende hastig verbrannten Hitlerjugenduniformen?
Gerlinde rollte sich auf die Seite und drückte sich schwerfällig mit den Armen hoch, um wieder auf die Beine zu kommen. Vorsichtig setzte sie einen Fuß vor den anderen, als traue sie dem Boden nicht und müsse wieder laufen lernen. Doch dann ging sie, erst vorsichtig Schritt für Schritt, wie über einen schwankenden Sumpf, und dann schneller und schneller zurück in das Dorf, das jetzt Rychnov hieß und früher einmal Deutsch Reichenau gewesen war.
Ihr Auto stand immer noch allein vor der kleinen Kirche auf dem Hügel, und der alte Lindenbaum breitete schützend seine dichtbelaubten Äste darüber aus. Sie holte das Päckchen Pralinen aus dem Auto, das Marketa und Marek, ihre tschechischen Verwandten, ihr zum Abschied für ihre Mutter mitgegeben hatten, lief damit zum Haus der alten Lukaschik und läutete. Die alte Frau erschien wieder am Fenster. Aber dieses Mal stellte sie keine Fragen, sondern kam gleich herunter.
Wortlos überreichte sie der alten Frau die Packung. Modré z nebe, hießen die Pralinen. „Das Blaue vom Himmel“, hatte ihr Marketa übersetzt, und Gerlinde hatte es seltsam gefunden, dass die Farbe Blau im Tschechischen wie Moder klang. Die alte Lukaschik freute sich, dankte ihr mit einem tschechisch-deutschen Redeschwall und stellte die blaue Schachtel gleich auf die Fensterbank, neben ein verstaubtes Usambaraveilchen im selben Blau, um danach mit beiden schwieligen Händen Gerlindes Hand wie eine Quietschente zu drücken. Und obwohl es der alten Lukaschik nicht gelang, Gerlinde einen einzigen Laut zu entringen, spürte sie deutlich, dass dieses Drücken Wirklichkeit und kein Traum war.
Gerlinde kehrte wieder zum Kirchplatz zurück, sie sollte sich jetzt auf den Weg zurück nach Deutschland machen, noch einige Stunden Fahrt lagen vor ihr. Aber es fiel ihr schwer, sich von hier loszureißen. Es schien ihr plötzlich von größter Bedeutung, all die Geschichten, die sie von ihrer Mutter gehört hatte, den leibhaftigen Schauplätzen hier vor Ort zuzuordnen. Hier auf dem Kirchplatz, unter der alten Linde, war der Treffpunkt der Dorfbevölkerung gewesen. Hier hatte man sich zu den Trauungen, den Fronleichnamsprozessionen und den Faschingsumzügen getroffen. Unter dem großen Baum hatten die Menschen Schutz gefunden, bei Regen und im Sommer vor der Hitze. Auch zum Abtransport nach Deutschland ab Februar 1946 mussten sich die deutschen Einwohner hier auf dem Kirchplatz, unter der Linde, einfinden. Ihre Mutter Elisabeth Jacksch, geborene Bieramperl, war da sechszehn Jahre alt gewesen.
Ihr Blick fiel auf das Gasthaus bei der Linde, dessen Wirtin ihr den Weg zur alten Lukaschik gewiesen hatte. In dieser Wirtsstube hatten sich die Männer früher am Sonntag nach dem Kirchgang zum Frühschoppen getroffen. Im großen Saal des Gasthauses wurden die Hochzeiten gefeiert, hier hatte ihr Großvater mit seiner Blaskapelle zum Tanz aufgespielt. Gerlinde überlegte, wie die „Tschechische Linde“ damals wohl hieß – wahrscheinlich „Zur Linde“. Sie fragte sich, warum die Linde nicht einfach eine Linde geblieben war. Konnten denn Bäume überhaupt eine Nationalität annehmen?
Gerlinde trat einige Schritte unter die ausladenden Äste des alten Baums. Sie wünschte sich, die Sonne würde so richtig brennen, um die Daseinsberechtigung des alten Lindenbaums zu beglaubigen und um seine schützende Kraft am eigenen Leib zu spüren.
So alt, wie dieser Baum war, war er zweifelsfrei einmal von den Deutschen hier gepflanzt worden, denn in diesem Dorf, im Gegensatz zu den weiter im Landesinneren liegenden Gemeinden, hatten früher keine Tschechen gelebt. Doch – eine, die Mutter ihrer Mutter. Gerlinde kannte die Geschichte:
Ihr Großvater war mit dem Pferdewagen in die Stadt, nach Schweinitz, gefahren, um Getreide zu verkaufen. Wie immer hatte er dort im Gasthaus zu Mittag gegessen. Da das Essen besser war als sonst, fragte er den Wirt, ob er einen neuen Koch habe. Der Wirt bejahte und fügte hinzu, es sei kein Koch, sondern eine Köchin. Und da meinte der Großvater, dass er dann gerne öfter zum Essen kommen wolle. Darauf entgegnete der Wirt, dass daraus nichts werde, die Köchin suche eine Stelle „im Deutschen“, weil sie Deutsch lernen wolle. Woraufhin der Großvater die Köchin kurzerhand abgeworben und ihr eine Stelle auf seinem Hof angeboten habe. So war sie als Tschechin in das deutsche Dorf gekommen, als Köchin ihres Großvaters. Und dann hatte ihr Dienstherr, der große Bauer Bieramperl, sie auch noch geheiratet. Woraufhin die Tschechin von ihren Schwiegereltern und den anderen großen und kleinen Bauern gemieden und geschnitten wurde. Keiner hatte am Anfang mit ihr geredet!
Gerlinde stellte sich vor, wie ihre Großmutter zu Fuß das erste Mal den dunklen Weg durch den Wald zum Stanglerhaus gegangen war, womöglich mit einem Bündel in der Hand. Aber vielleicht hatte ihr Großvater sie auch von Schweinitz mit dem Pferdewagen abgeholt und sie waren den Weg gemeinsam hochgefahren.
Einen weiteren Ort wollte Gerlinde noch besuchen: den Friedhof. Dessen schmiedeeisernes Tor gab nach einigem Ächzen nach und öffnete sich. Hier fand sie aber nur Gräber mit tschechischen Namen auf groben Granitsteinen und Plastikblumen auf der Erde. Es gab keinen Hinweis auf die Familie ihrer Mutter, die ihre Toten hier begraben hatte. Bloß ein hohes, verwittertes Eisenkreuz mit deutscher Inschrift Es ist vollbracht fiel ihr ins Auge, das die Grabsteine der tschechischen Toten überragte. Und ein einziges deutsches Grab hatte überlebt, ebenfalls mit einem Eisenkreuz, das nicht ganz so hoch war. In dieses Kreuz war der Name Zita Watzl eingraviert, sie war neunzehn, als sie im Jahr 1932 starb. An den fremdartig klingenden Namen konnte sich Gerlinde erinnern, ihre Mutter hatte ihr erzählt, Zita, die Tochter des Dorflehrers, sei an Lungenentzündung gestorben, weil es damals noch kein Penicillin gegeben habe.
Gerlindes tschechische Großmutter war schon während des Krieges gestorben, vermutlich an einer Blutvergiftung durch einen rostigen Nagel. Ihr hatte man jedenfalls kein Eisenkreuz als Grabstein gesetzt, sonst wüsste Gerlinde jetzt, wo sie begraben war.
Ihr Großvater, ein kerngesunder Mann, war zwei Tage vor der Zwangsaussiedlung gestorben. Er wollte das Dorf nicht verlassen. Eher werde er in den Wald gehen, sich unter einen Baum setzen und dort auf den Tod warten, bevor er sich vertreiben lasse, hatte er gesagt. Er solle doch an seine beiden Töchter denken, die dann ohne seinen Schutz seien, gab man ihm zurück. Er ging nicht in den Wald, aber er starb trotzdem. Zwei Tage, bevor seine Töchter das Haus, das Vieh, die Felder und Wälder und den Teich zurücklassen und sich mit den höchst zulässigen fünfzig Kilo Gepäck am Sammelpunkt unter der Linde hatten einfinden müssen.
Am Tag zuvor, zur Beerdigung, hatten sich alle noch einmal auf den Friedhof begeben, zum letzten Mal. Sämtliche deutschen Bewohner, die nach dem Krieg übriggeblieben waren, waren gekommen, um einem der ihren die letzte Ehre zu erweisen. Es war undenkbar, Johann Bieramperl, der hier 1919 den Musikverein gegründet und in den darauffolgenden zwanzig Jahren bei allen Hochzeiten, Kirchweihen und Beerdigungen mit seiner Kapelle aufgespielt hatte, ohne Musik das letzte Geleit zu geben. Man musste ihn zwar ohne Blumen der Erde übergeben, denn Blumen waren in diesem kalten Februar im ersten Jahr nach Kriegsende nirgendwo aufzutreiben gewesen, aber nicht ohne Musik! Also hatten sie sich eingefunden: Die Posaune, zwei Hörner – das hohe Flügelhorn und das langgezogene, viel tiefere Tenorhorn – und sogar eine Trompete. Die Trompete war das Instrument ihres Großvaters gewesen. Das Fagott und das Waldhorn waren nicht mehr aus dem Krieg zurückgekommen. Das Flügelhorn wurde von einem alten Bauern geblasen, der nur mit Mühe und nur gelegentlich die Melodie aufnahm, da er ganz aus der Übung war und für den schon 1941 gefallenen Toni Seidl einspringen musste. Und die Trompete spielte einer der Schüler ihres Großvaters, der fünfzehnjährige Konrad Peichl, der noch vor kurzem die Uniform der Hitlerjugend getragen hatte.
Zum Schluss bliesen sie das Lied „Ich hatte einen Kameraden“, und alle weinten. Johann Bieramperl hatte dieses Lied in den ersten Kriegsjahren gelegentlich allein auf der Trompete gespielt, wenn für einen Gefallenen aus dem Dorf eine Andacht gelesen wurde. Aber jetzt spielten sie es zu viert. Und dann war auch das vorbei, und die Dorfbewohner verließen einer nach dem anderen den Kirchhof und drängten sich noch eine Weile unter der Linde zusammen. Schließlich gingen die Musiker durch das schmiedeeiserne Tor, an dem die Tschechen Spalier standen. Einer nach dem anderen legte wortlos sein Instrument in die ausgestreckten Arme eines Tschechen. Die Häuser waren bereits durchsucht worden nach wertvollen Gegenständen wie Standuhren, Schmuck, Geschirr und Musikinstrumenten. Aber diese Instrumente hatten sie damals nicht gefunden. Sie waren im Heu oder sonstwo versteckt gewesen. Jetzt hatten die Tschechen sie doch noch bekommen, und der Triumph über diese späte Beute stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Die Deutschen mussten ohnehin weg, was machte es da für einen Unterschied, ob man ihnen die Instrumente sofort oder erst beim Abtransport abnahm!
Gerlinde wunderte sich, wie genau sie sich plötzlich an die Einzelheiten dieser Geschichte erinnern konnte: Während ein Teil von ihr mit aller Macht versucht hatte, ihre Mutter der traurigen Vergangenheit zu entreißen, hatte ein anderer Teil aufmerksam zugehört und alles gespeichert. Nun musste sie sich aber losreißen von diesem Ort mit seinen alten Geschichten und nach Hause fahren, Richtung Stuttgart, zu ihrer Mutter. Kurz vor der Grenze hielt sie an einer Tankstelle, tankte auf und versorgte sich in dem kleinen Supermarkt mit zwei Schnitzelbrötchen in Klarsichtfolie, einer großen Tüte Chips und einer großen Flasche Cola. Schließlich packte sie noch zwei runde süße Teigtäschchen ein, die als „Kolatschen“ ausgezeichnet waren. Die nahm sie wegen des Namens: „Vor der Hochzeit gibt’s Kolatschen, nach der Hochzeit fliegen die Watschen“, hatte ihre andere Oma von Vatersseite, die „Maidstein-Oma“, immer zitiert, wenn ein Paar entweder zu lustig oder zu verstritten war. Und bei dem Wort Kolatschen hörte man schon das Klatschen der Watschen. Gerlinde wunderte sich, dass es echte Kolatschen zu kaufen gab und diese nicht zusammen mit der vertriebenen Welt in der Vergangenheit versunken waren.
…

Das könnte Ihnen auch gefallen :

Cover: Die tschechische Linde

Yasmine Meier und Herbert Wolf

Wie die Zeit, so die Lage

Buchbewertung:
Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder