Die Frau mit den roten Haaren, den bunten Tüchern und den dicken Wollsocken ...

Die Frau mit den roten Haaren, den bunten Tüchern und den dicken Wollsocken ...

Brigitte Brüggler


EUR 21,90
EUR 13,99

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 44
ISBN: 978-3-99026-465-2
Erscheinungsdatum: 29.05.2012
Geschichten einer Großmutter für ihre Enkelkinder. Geschichten, die mitwachsen in der langen Zeit vom kleinen Mädchen zur weisen Alten. Geschichten zum Vorlesen und zum Selbstlesen.
Vorwort

An Rosa Lisa und Zoe, meine zwei Enkelkinder: Als ich im ­Jänner 2001 und sechs Wochen später im Februar erfuhr, dass ihr beide auf dem Weg seid und mich zur Großmutter machen würdet, waren meine ersten Fragen an mich selbst: „Werde ich auch so eine wunderbare Großmutter werden, wie meine es war? Werde ich auch immer mit unendlicher Liebe und Geduld für sie da sein, sie verwöhnen und jede Menge Verständnis für all ihre im Moment ganz wichtigen Dinge haben?
Werde ich ihnen auch Geschichten aus meinem Leben erzählen, gefüllt mit Wünschen, Ängsten, Schwächen, Ansichten und Einsichten? So wie meine Großmutter, die wunderbarste Erzählerin wahrer Geschichten war? Wird auch für mich die Zeit stehen bleiben, wenn ich mit ihnen zusammen bin, und wird alles andere nicht mehr so wichtig sein?“ Viele Fragen, unbeantwortet zum damaligen Zeitpunkt, aber schon sehr wichtig und präsent in meinem Kopf und in meinem Herzen. Und im Erinnern der wunderbaren Geschichten meiner Großmutter wurde mir klar, ich will euch auch wahre Geschichten von mir erzählen. Vielleicht könnt ihr sie nicht alle gleich verstehen, aber sie werden mitwachsen mit euch, vom kleinen Mädchen zur Großmutter. Und vielleicht erst viele Jahre später, wenn ich schon ein Veilchen sein sollte, werdet ihr euren Kindern und Enkelkindern diese Geschichten vorlesen. Und dann wird es mich vielleicht doch noch ein wenig geben, zumindest als die „Frau mit den roten Haaren, den bunten Tüchern und den dicken Wollsocken …“


Winter

Mitten in der Nordsee, das ist ein großes Meer, gibt es eine kleine Insel. Man nennt sie Terschelling. Terschelling bedeutet Muschel. Die Insel sieht auch tatsächlich wie eine Muschel aus. Wie eine sehr kostbare, mit weißen Sandstränden, vielen bunten Hügeln in Grün, Lila, Braun und Rot und jeder ­Menge wunderbarer Düfte. Der Wind weht unaufhörlich denn die Düfte und Farben verzaubern ihn und er kann gar nicht aufhören zu tanzen und zu singen.
Inmitten dieser duftenden Hügel hat diese Muschel ihre Perle. Diese ist ein Häuschen mit roten Dachziegeln, großen ­Fenstern und vielen bunten Blumen und alten Bäumen im Garten. Wenn man die große Holztür des Häuschens aufsperrt, kommt man in ein wunderschönes Zimmer. Dort ist alles aus Holz gemacht: ein großer Tisch mit vielen Sesseln, eine kleine Küche, eine Leseecke und eine wunderbare Kuschelecke vor dem offenen Kamin. Ein besonders warmes und gemütliches Häuschen.
Dort wohnt immer wieder eine Frau mit roten Haaren, bunten Tüchern und dicken Wollsocken und wunderbarer Musik. Mit ihr lebt ein struppig zerzauster Hund, der verrückt ist nach Käse und nicht von ihrer Seite weicht. Wenn man durch das Fenster ins Haus schaut, kann man oft ihre roten Haare durch die Luft fliegen sehen, weil sie so gern tanzt. Den Hund, der ihr dabei zusieht, kann man dann oft bellen hören, wenn sie gar zu wild herumhüpft. In diesem Haus duftet es immer nach Kräutern und köstlichem Essen. Das Kochen ist für die Frau Zauberei und Zaubern macht ihr einfach Spaß. Sie liebt dieses Haus, weil es so kuschelig und warm ist, und glaubt fest da­ran, irgendwann mal für immer dort zu bleiben.
Einmal aber kam sie im tiefen Winter. Zu einer Zeit, als fast niemand auf der Insel war. Es war kalt, nebelig und einsam. Die Frau mit den roten Haaren, bunten Tüchern und dicken Wollsocken dachte, das mache ihr nichts aus, sie hätte ja das kuschelige, warme Haus und mehr bräuchte sie nicht. Tagsüber war das auch so. Man sah sie am Strand laufen. Ihre roten Haare leuchteten weithin, der struppig zerzauste Hund tobte dabei herum und jagte den Möwen nach. Man traf sie beim Einkaufen ihrer Zauberutensilien und konnte sie beim Plaudern mit den wenigen Inselbewohnern beobachten. Wenn sie gegen Abend in ihr Häuschen zurückkam, machte sie ein großes Feuer, kochte eine köstliche Suppe und schlürfte diese in ihrer Kuschelecke vor dem Kamin. Der Hund kuschelte sich zu ihr und kaute an einem großen Stück Käse. Bis spät in die Nacht las sie in ihren Büchern, schrieb Geschichten und dachte über ihre Zaubereien nach. Man könnte meinen, alles wäre ganz friedlich und wie sonst immer gewesen. Jedoch eines Nachts, als die Frau mit den roten Haaren, den bunten Tüchern und den dicken Wollsocken eingeschlafen war, schreckte sie hoch. Irgendetwas drückte ganz stark auf ihr Herz. Zuerst dachte sie: „Ja, was ist denn das? Ist es vielleicht mein Hund, der auf mir liegt, oder bin ich vielleicht mit einem dicken Buch eingeschlafen?“ Doch nichts von alledem traf zu. Der Hund schnurrte vor dem Feuer, das Buch lag auf dem Boden. Plötzlich wusste sie, was es war – es war Angst. Fürchterliche Angst, die auf ihr Herz drückte. Beim Nachdenken, was ihr denn Angst machen könnte, wurde sie noch ängstlicher. War es der Wind, der an den Fenstern rüttelte, oder waren es die Balken, die ächzten, oder die vielen kleinen Geräusche, die sich durch die Ritzen des Hauses einschlichen und breitmachten? Immer wieder versuchte sie sich zu sagen: „Ich liebe doch das Tanzen des Windes, ich möchte doch lebendige Holzbalken, ich kenne doch all diese kleinen Geräusche.“ Aber nichts half, irgendeine Erinnerung stieg immer wieder in ihr auf und machte sie erneut ängstlich. Jede Nacht kam sie wieder, die Angst, und die Frau mit den roten Haaren, den bunten Tüchern und den dicken Wollsocken war oft schon am frühen Abend nervös, ob sie auch diesmal wiederkommen würde.
Eines Nachts, als sie wieder da lag mit der Angst auf ihrem Herzen, nahm sie plötzlich all ihren Mut zusammen, stand auf und öffnete die große Holztür. Der Wind riss sie ihr sogleich aus der Hand und der Nebel versuchte an ihr vorbei ins warme Haus zu huschen. Da entdeckte sie ein kleines Mädchen, das zitternd im Wind schwankte und vor Kälte bebte. Die Frau mit den roten Haaren, den bunten Tüchern und den dicken Wollsocken vergaß all ihre Angst, streckte ihre Arme nach dem kleinen Mädchen aus und brachte es ins Haus. Sie schloss die Tür hinter sich und nahm es in der Kuschelecke vor dem Feuer unter ihre Decke. Sie wiegte und wärmte es in ihren Armen und erinnerte sich an die Zeit, als sie selbst klein gewesen war. Oftmals zittrig, schwankend und bebend. Das Mädchen schmiegte sich an sie und schon bald spürte sie eine wohltuende Müdigkeit aufsteigen, die sie genüsslich einschlafen ließ. Am Morgen war das kleine Mädchen verschwunden, der struppig zerzauste Hund gähnte laut und gab zu verstehen, dass er Lust auf Möwenjagd hätte und danach ein großes Stück Käse erwartete. Seit dieser Nacht denkt die Frau mit den roten Haaren, den bunten Tüchern und den dicken Wollsocken immer an das kleine Mädchen, wenn es ihr mulmig zumute wird. Dann nimmt sie es in die Arme, wiegt und wärmt es und schläft zufrieden ein.


Frühling

Der letzte Schnee war weggeschmolzen, die Tage wurden langsam wieder etwas länger und die Sonne kam auch bereits zu Kräften. Die Frau mit den roten Haaren, den bunten Tüchern und den dicken Wollsocken sah man immer öfter an ihrem Küchenfenster stehen und sehnsüchtig nach Norden blicken. Ihre Sehnsucht nach der kleinen Nordseeinsel und dem gemütlichen kleinen Häuschen mit den roten Dachziegeln mit den großen Fenstern und den alten Bäumen im Garten konnte sie oftmals nur durch Kochen von Köstlichkeiten unterdrücken. Ihr struppig zerzauster Hund wurde auch schon unruhig, denn er hatte nach der langen Zeit Krähenjagd wieder Lust auf das Herumtollen mit Möwen.
Jeden Tag kam Rigolettinchen, ein kleines Krähenkind, an ihr Küchenfenster geflogen und krächzte und krächzte ihr stundenlang ins Ohr. Es wollte immer wieder Geschichten von der kleinen Nordseeinsel hören. Wie es dort aussehe? Wie weiße Möwenkinder ihren Tag verbringen? Ob man bei Nordseewind überhaupt fliegen könne und wie der Käse dort schmecke? Es konnte nicht genug davon hören und die Frau mit den roten Haaren, den bunten Tüchern und den dicken Wollsocken war froh, davon erzählen zu können, denn es half ihr ein bisschen über ihre Sehnsucht hinweg.
Eines Tages, als es endlich wieder so weit war, sie ihre Sachen gepackt hatte und der struppig zerzauste Hund wild bellend vor Abenteuerlust ganz oben auf allen Gepäckstücken saß, bemerkte sie Rigolettinchen, das kleine Krähenkind. Es saß völlig zusammengequetscht unter all den vielen Gepäckstücken und versuchte Luft zu bekommen, ohne aufzufallen. Sie überlegte fieberhaft, ob sie es bemerken und Rigolettinchen erklären sollte, dass es noch viel zu klein sei, um für so lange Zeit so weit fortzugehen. Dass kleine Krähenkinder ihre Eltern noch sehr brauchen, dass Käse vielleicht doch nicht so gut schmecke und Möwenkinder auch öfter mal Streit hätten. Sie überlegte hin und überlegte her. Sie wusste ja, Rigolettin­chen war ein sehr eigensinniges Krähenkind. Alles, was es sich in den Kopf gesetzt hatte, musste geschehen und alles, was es interessierte und es kennenlernen wollte, musste ihm möglich gemacht werden. Und Argumente, wie zu klein oder noch nicht erwachsen genug, würden vom Tisch gefegt werden. Und dann gab es da noch etwas. Die Frau mit den roten Haaren, den bunten Tüchern und den dicken Wollsocken liebte dieses eigensinnige Krähenkind, seitdem es geboren war, über alles und spürte, wie ihr Herz warm wurde bei dem Gedanken, es auf ihrer Zauberinsel zu haben. Also entschied sie so zu tun, als ob sie das kleine Krähenkind nicht bemerke.test
5 Sterne
Von Herzen fürs Herz! - 18.11.2012

Unglaublich schöne Geschichten, die dort berühren, wo man selten etwas ranlässt! Perfekt zum immer und immer wieder Lesen, zum Kraft tanken und Wegträumen.

5 Sterne
einfach schön!!!! - 03.10.2012

Eine wunderschöne Geschichte mit unendlich viel Gefühl!!!

5 Sterne
Die Frau mit den roten Haaren - 05.08.2012
Huub Urlings

Zu Tränen gerührt.

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