Lyrik & Dramatik

Der Traum von der Maske

Felix Julius

Der Traum von der Maske

Leseprobe:

Personen:


Vor- und Nachspiel:

Siegfried, Theatermann
Ute, seine Frau
Gunther, Naturwissenschaftler/Freund des Hauses


Traum:

Militärszenen:

Offizier
Stefan Meier
Roland Hämmerle
Rekruten
Peter Moosmann
Frau Meier, Stefans Mutter
Nadja Schmid, Prostituierte
Herr Hans Müller
Zita, Offizierin
Yvonne
SEKE-Frauen
Xenia
Passanten, weitere Rekruten


Maskenfest:

Conférencier
Präsident der isolierten Stadt
Anna, seine Geliebte
Bettina und Franz
Claudia und Ernst
Ballgäste
Dorothee und Gerhard
Kati und Leo, gesellschaftliche Außenseiter
die unbekannte Maske
Musiker
Servicepersonal
weitere Ballgäste


Szenenfolge:

Vorspiel

Traum:
Marktplatz
Kreuzweg
Kasernenhof
Im SEKE-Bunker
Im Büro für Bürgerkontrolle

Maskenfest:
leuchtend blauer Saal
purpurroter Saal
grüner Saal
orangefarbener Saal
weißer Saal
violettfarbener Saal
schwarz-scharlachroter Saal

Nachspiel





Vorspiel
(Siegfried, Ute und Gunther in Siegfrieds Arbeitszimmer. Ein Gespräch ist im Gange)

Gunther: … aber im Prinzip ist es schon so, dass man als Naturwissenschaftler gefördert wird, solange man sich an die allgemeinen Spielregeln hält.
Ute: Wie meinst du das?
Gunther: Nun, solange du deine Forschungen im Rahmen der öffentlichen Meinung betreibst und an der vorgegebenen Stoßrichtung festhältst, wird es dir normalerweise an nichts fehlen.
Ute: Und wie ist es dann, wenn du mit deiner Arbeit gänzlich neue Wege gehen willst?
Gunther: Dann wird es allerdings sehr schwierig.
Siegfried: In dem Fall ist es so, dass freischaffende Künstler wie abtrünnige Wissenschaftler behandelt werden.
Gunther: Das klingt nicht optimistisch.
Siegfried: Dazu ist auch kein Grund vorhanden.
Ute: Ganz so schlimm ist es nun auch wieder nicht. Immerhin können wir überleben.
Siegfried: Fragt sich nur, wie lange noch. Und außerdem arbeitest du ja …
Ute: … nur, davon können wir bestimmt nicht leben …
Siegfried: Eben …
Ute: … und selbst wenn ich ganztags und mehr arbeiten würde – zur Unterstützung oder gar Erhaltung des Schauspiel-Ensembles reicht es nie und nimmer.
Siegfried: Also – vergessen.
Ute: Was vergessen?
Siegfried: Alles!
Ute: Du machst mir Angst. – Was soll dann aus uns werden?
Siegfried: Das weiß ich auch nicht.
Gunther: Besteht ein Anlass zu solchen Unkenrufen?
Siegfried: Ja.
Gunther: Wirklich?
Siegfried: Allerdings.
Gunther: Und der wäre?
Siegfried (Stoßseufzer) Der Fonds, aus welchem ich unsere Unterstützung bis anhin bezogen habe, hat beschlossen, diesen Posten zu streichen. Heute hab ich den Brief des Stiftungsrates erhalten.
Ute: Oh Gott, was machen wir jetzt?
Gunther: Nur keine Panik. Es wird sich schon ein Ausweg finden lassen.
Siegfried: Und was soll aus meinen Leuten werden? Die Schauspieler bekommen, wie die Marktsituation aussieht, so schnell keinen neuen Job. Überall werden Beiträge gekürzt. Selbst an den großen Häusern … Unsere Situation wird immer unerträglicher.
Gunther: Nun ja, du könntest vielleicht an eine Schule gehen, als Lehrer.
Siegfried: Nein!!! Das kann ich nicht. Nie und nimmer!
Gunther: Wieso denn nicht?
Siegfried. Weil mein Herz dagegen steht.

(Pause)

Ute: Aber warum um Himmels willen wird denn der Fondsbeitrag gestrichen?
Siegfried: (Achselzucken) Interesselosigkeit … Gleichgültigkeit … mangelnde Lobby – was weiß ich?
Gunther: Das versteh ich nicht.
Siegfried: Die mehr und mehr um sich greifende Video- und Fernseh-Unkultur ist sicherlich einer der Hauptgründe für die schwelende Interesselosigkeit an lebendiger Kunst.
Gunther: Diese Dinge haben aber auch ihr Gutes.
Siegfried: Und wo am meisten?
Gunther: Hm. Lass mich nachdenken!
Siegfried: Eben.
Gunther: Zum Beispiel bei Dokumentationen und im Nachrichtenwesen.
Siegfried: Gut, zugegeben – als Informationsplattform sind diese Dinge heutzutage unverzichtbar. Aber künstlerisch?
Gunther: Künstlerisch?
Siegfried: Ja, künstlerisch. Im künstlerischen Bereich spreche ich diesen Dingen ihren Wert ab.
Gunther: Ist es denn nicht besser, die Leute bekommen ihren Anteil an Kultur mittels Video und Fernsehen ins Haus, als überhaupt nicht?
Siegfried: Nein! Nein!! Nein!!! Das ist nicht einmal diskutabel. Dass ein intelligenter Mensch wie du sich dazu hinreißen lässt, solch einen Mist zu behaupten …
Ute: Aber Schatz – lass dich bitte nicht so gehen!
Siegfried: Ja natürlich, spannt euch nur zusammen. Er greift meine innerste Überzeugung an und ich werde mich nicht einmal aufregen dürfen …
Gunther: Mein lieber Freund, du weißt genau, dass keiner von uns beiden – weder deine Frau noch ich – dich verletzen will. Unter Freunden sollte es meiner Meinung nach jedoch möglich sein, einander ehrlich die Meinung zu sagen.
Siegfried: Aber aufregen darf man sich unter Freunden nicht …
Ute: Doch, selbstverständlich darfst du dich aufregen – du hast mich nur erschreckt mit deinem plötzlichen Ausbruch.
Siegfried: Oh, das war nicht beabsichtigt.
Ute: Danke. (Kuss)
Gunther: So, lasst uns jetzt das Gespräch über dieses wichtige und hochinteressante Thema wieder aufnehmen. – Wir waren bei der Frage stehen geblieben, weshalb immer mehr Gelder für Künstler und künstlerische Projekte gestrichen werden.
Siegfried: (düster) Da gibt es nach meinem Dafürhalten nur einen Grund: das Militär …
Ute: Aber … –
Gunther: (nachdenklich) Das Militär … wieso?
Siegfried: Das Militär wird – wie die menschliche Gesellschaft – immer dekadenter. Und es benötigt deshalb – nur um sich selbst zu rechtfertigen – immer größere Summen Geldes … einfach so, zum Überleben. Es hat eine starke Lobby.
Gunther: Nein, nein – so sinnlos ist das Militär nicht.
Siegfried: So? Und wofür brauchen wir bitte eine Armee?
Gunther: Zur Erhaltung des Friedens.
Siegfried: Genau dafür brauchen wir sie nicht.
Gunther: Doch, es ist so. Wenn ein absolutes militärisches Gleichgewicht besteht, dann kann uns nichts passieren.
Siegfried: Es besteht erst dann ein absolutes Gleichgewicht, wenn es überhaupt kein Militär mehr gibt.
Gunther: Theoretisch hast du recht. Nur wird es immer einen geben, der sich nicht an die Abmachungen hält. Und der könnte dann die Macht bekommen über alle anderen.
Siegfried: Wenn du davon ausgehst, dann kannst du dir am besten gleich die Kugel geben.
Ute: Aber es ist so.
Siegfried: Aha, ihr habt Angst. – Mit euren Befürchtungen habt ihr insofern recht, als das heute vorherrschende allgemeine Bewusstsein die Vorstellung einer Welt ohne Armee nicht zulässt. Die unbedingte Voraussetzung für eine Welt ohne Armee ist selbstverständlich ein allgemeiner Gesinnungswandel, der den Gedanken an die Notwendigkeit einer Armee überflüssig macht.
Gunther: Das kannst du aber jetzt von Anfang an vergessen.
Ute: Wieso?
Gunther: Der Gedanke an die Notwendigkeit von Selbstverteidigung ist in unserem genetischen Programm verankert. Dieses Problem wäre höchstens gentechnisch anzugehen, wenn überhaupt. Es wäre aber durchaus denkbar, dass es an einem Tag X nur noch pazifistisch geklonte Menschen gäbe.
Ute: Hör auf damit. Das ist ja schrecklich …
Gunther: … aber wahr – im Sinne von denkbar.
Ute: Nein, ich weigere mich einfach solche Gedanken zuzulassen!
Siegfried: Meiner Meinung nach ist der Mensch ein freies Wesen – also prinzipiell imstande sich in jeder nur denkbaren Situation aus freiem Willen für oder gegen etwas zu entscheiden.
Gunther: Könntest du mir da ein konkretes Beispiel geben?
Siegfried: Das ist im Zuge der gegenwärtigen Ereignisse nicht so schwierig.
Gunther: Ich bin gespannt, zu hören.
Siegfried: Nehmen wir die Entwicklung im Osten. Zuerst waren da die Studentenunruhen in China …
Gunther: … die blutig niedergeschlagen wurden.
Siegfried: Genau. Und dann war da Rumänien.
Ute: Aber da wurden doch der Diktator Ceausescu und seine Frau nach einem Blitzprozess vor laufender Kamera erschossen.
Gunther: Und auch sonst ging es recht blutig zu und her.
Ute: Vielleicht geht das nicht anders, wenn eine Situation schon so festgefahren ist, wie das in Rumänien der Fall war.
Siegfried: Wie dem auch sei. Es wurde in beiden Fällen ein Konflikt militärisch beendet.
Gunther: Ja, quasi mit den gleichen Mitteln.
Siegfried: Richtig.
Ute: Worauf willst du hinaus?
Siegfried: Auf die Entwicklung in der Tschechoslowakei. Dort war es anders.
Ute: Das stimmt. Es war an einem Freitagabend …
Siegfried: Genau.
Ute: … als dort die Regierung zurücktrat …
Siegfried: … und eben nicht die große Demonstration blutig niederschlug.
Gunther: Hm –
Siegfried: Und dann wurde ein Künstler, ein Dramatiker, zum Staatsoberhaupt gewählt.
Gunther: Das stimmt.
Siegfried: Die beste Lösung wurde also ohne Militär erzielt.
Ute: Ja, das ist wahr.
Gunther: Und trotzdem …
Siegfried: … trotzdem was?
Gunther: … trotzdem bin ich mit deiner Sichtweise nicht einverstanden.
Siegfried: Ja, Herrgott noch mal, was willst du eigentlich?
Ute: Wollen wir nicht ein bisschen spazieren gehen? Etwas frische Luft würde uns guttun. Ich war heute noch gar nicht draußen.
Gunther: Das ist eine gute Idee.
Siegfried: Ja, geht ihr nur mal zusammen spazieren. Ich habe hier noch einige dringende Arbeiten zu erledigen.
Ute: Willst du nicht mitkommen?
Siegfried: Nein, mein Schatz, ich muss wirklich arbeiten. Aber geht ihr nur, dann hab ich meine Ruhe.
Ute: Da bleibt uns nichts anderes übrig …
Gunther: Komm, lass uns gehen! Tschüss, Siegfried, bis dann.
Ute: Tschüss, mein Arbeitsschatz. (Kuss)
Siegfried: Tschüss – und spaziert schön. (Gunther und Ute gehen ab. Siegfried setzt sich an den Schreibtisch, lehnt sich zurück) Das ist wirklich keine tolle Arbeit. (Gähnt) Diese Diskussion hat mich ganz schön mitgenommen. (Stützt den Kopf in die Hände) Außerdem bin ich müde … und mir fällt zu dem Kram hier sowieso nichts mehr ein … (Legt den Kopf auf die Arme) So denkt es sich schon viel besser … (Schläft ein. Es wird dunkel)


Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 60
ISBN: 978-3-99038-269-1
Erscheinungsdatum: 08.04.2014
EUR 13,90
EUR 8,99

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