Lyrik & Dramatik

Der lange Weg nach Jamaica

Maximilian Gstöttner

Der lange Weg nach Jamaica

Roman

Leseprobe:

1.

Ich habe alles verloren. Meine Gesundheit. Meine Liebe. Alles.
Wenn du alles verloren hast, stehst du wieder auf oder du stirbst.
Wie weit muss ein Mann reisen, um eine Frau mit diesem Namen zu finden?
Maria del Rosario Caridad.
Ich sage diesen Namen immer wieder. Leise flüsternd, wiederholend. Als könnte ich sie zurückholen, zurück aus der Zeit, in der sie diesen Namen noch trug.


2. - Buenos Aires, im Jahr 1985

Pereira las das Bahnhofsschild: „Estación del Norte“.
Er wusste weder, wo er sich befand, noch wie er dorthin gekommen war.
Schwüle. Hitze. Lärm. Autos. Abgase.
Kaum Luft zum Atmen.
Stimmengewirr, laut und unverständlich.
Reklameschilder. Groß. Grelle Farben. Spanische Sprache.
Ein weiter Weg, von Hamburg nach Buenos Aires.
Warum konnte er sich nicht daran erinnern?
Überfall? Sorgfältig tasteten seine beiden Hände den Kopf nach einer Beule oder Blutspuren ab. Nichts von alledem.
Er fand seine schwarze Brusttasche, die er bei Reisen stets unter dem Hemd trug. An einem Halsband.
Die Boarding Tickets für den Flug nach Buenos Aires sind noch da.
Es fehlen der Reisepass, das Bargeld.
Bis auf 100 US-Dollar, die der Dieb in einer Art großzügiger Geste zurückgelassen hat.
Wo sind die Retourflüge? Gestohlen? Waren sie überhaupt gebucht?
Eine Farbkopie des Reisepasses blieb übrig.
Wurde vom Dieb wohl als nutzlos angesehen.
Panik. Schweiß. Kalte, nasse Stirn. Das Herz raste.
Qué pasa?
Gedanken der Verzweiflung.
Ausgerechnet in Spanisch.
Immer wieder betasteten seine Finger den Kopf, streiften über den Brustkorb, inspizierten seine Beine.
Der Lärm. Die vielen Stimmen. Fremde Straßenschilder.
Avenida Achaval Rodriguez. Calle 55.
Estación del Norte. Einer von vielen Bahnhöfen in Buenos Aires.
Die große Digitaluhr zeigte im Wechsel 20:39 Uhr und 29 Grad Celsius. Welcher Tag ist heute?
Drückende Hitze lag über der Stadt. Feuchtigkeit. Der Schweiß von Millionen Menschen verdampfte.
Wie lange war er schon an diesem Platz?
Warum der Bahnhof? Wie war er vom Flughafen hierhergekommen?
Neue Panikattacke. Vernichtende Intensität. Das Herz geriet aus dem Takt. Angst, an einem Herzflimmern augenblicklich sterben zu müssen.
Bei Rhythmusstörungen kannte er sich aus. Er war kein Arzt, aber ein erfahrener Hypochonder.
Die Situation machte dies nicht besser. Je mehr er versuchte, sich zu beruhigen, desto schneller schlug sein Herz. Schwach, unregelmäßig, rasend.
Die Karotis-Massage fiel ihm ein. Mit zwei Fingern jene Stelle am Hals massieren, wo die Halsschlagader eine Abzweigung bildet und zum Gehirn weiterführt. Diese fand er vor Aufregung nicht.
Ein solches Manöver war nicht ungefährlich. Wenn zu fest gedrückt wurde, konnte ein Herzstillstand eintreten.
Augenblicklich ließ er die suchenden Finger von seiner linken Halsseite und legte sich flach nieder.
Ein schwarzes, bärtiges Gesicht beugte sich über ihn. Intensiver Geruch nach Alkohol und Tabak.
– Hola, Pereira, puedo ayudarte? – (Kann ich dir helfen?)
– No, gracias, Señor. –
Der Mann murmelte einige unverständliche Schimpfwörter und weg war er.
Wieso nennt er mich Pereira? Das ist doch nicht mein Name!
Es war ihm aber recht, dass der Mann wieder verschwand.
Nur kein Aufsehen erregen. Kein Krankenwagen. Kein Blaulicht. Kein Krankenhaus. Keine Notaufnahme. In dieser fremden Stadt.
Davor hatte er mehr Angst, als an Ort und Stelle zu sterben.
Behutsam brachte er sich in eine sitzende Position, die nicht das Ziel von hilfsbereiten Menschen bot.
Die Wirkung war gut. Passanten gingen an ihm vorüber, keiner fragte nach Dingen, auf die er ohnehin keine Antwort gewusst hätte. Mein Gott, was ist los? Freude, dass sich seine Muttersprache wieder gemeldet hatte.
Ein Schluck Wasser, das wäre jetzt gut.
Er fühlte sich unfähig, aufzustehen, um etwas zu holen.
Am nächsten Kiosk, der nur wenige Meter entfernt war.
Die Geschichte vom Indianer fiel ihm ein, der am Bahnhof von Los Angeles von der Polizei aufgegriffen wurde, nachdem er schon zwei Tage auf den Stufen vor dem Eingang gesessen hatte.
Passanten war dies aufgefallen. Sie hatten die Ordnungshüter verständigt.
Auf Befragen meinte er, sein Körper sei schon angekommen, der Geist aber noch nicht.
Diese Gedanken erschreckten ihn. Betraf das auch ihn? Hatten sich Körper und Geist getrennt?


3.

Ein innerer Impuls sagte, er müsse augenblicklich weg von hier.
Die nächste Subte-Station (Metro) war nur 100 Meter entfernt. Durch das Drehkreuz hindurchgeduckt, schon war er am Bahnsteig. Inmitten von Fremden. Die Männer schwarzhaarig, unterschiedliche Größe, beinahe gleich aussehend, was Figur, Gesichter und Kleidung betraf. Die Frauen hoben sich deutlich davon ab. Bunte Kleider, die Farben der Haare in allen Variationen. Kurz geschnittene und lange Haare. Glatte und gekräuselte. Geflochtene Zöpfe mit einem bunten Hut.
Das war also nicht die U-Bahn seiner Heimatstadt.
Die nächste Garnitur fuhr in die Station, er stieg ein und fühlte sich sicher. Inmitten der vielen Menschen, die alle ein bestimmtes Ziel hatten.
Die einen stiegen zu, suchten nach einem Sitzplatz. Die meisten blieben stehen. Andere stiegen aus. Manche waren für sich allein, mit einem Kopfhörer Musik horchend.
Einige suchten Blickkontakt, um ein Gespräch zu finden. Dazu gehörte Pereira nicht. Es war wohltuend, inmitten von Menschen alleine zu sein. Er stieg aus, suchte nach einer neuen Linie, um im Kreis fahren zu können. Das war passend für seine Situation. Alles bewegte sich wie in einem Kreis.
Die Metro in Buenos Aires stellte um 23:00 Uhr den Betrieb ein.
Eine Frau mit hellbrauner Hautfarbe und langem, schwarz gekräuseltem Haar, saß neben ihm. Unvermutet sprach sie ihn an.
– De dónde eres? – (Woher kommst du?)
Pereira erschrak. Was soll ich ihr sagen? Dass ich hier fremd bin, hat sie schon erkannt. Steht mir ins Gesicht geschrieben.
Während er noch überlegte, drehte sie sich zur Seite.
– Soy de Europa, de Alemania. –
Das Gespräch war ihm unangenehm, er wollte allein sein mit seinen Ängsten. Eine längere Pause.
– Tuve un amigo de Hamburgo. – (Ich habe einen Freund aus Hamburg gehabt). Wiederum Stille.
– No estuve nunca allí. – (Ich war niemals dort).
– Porqué? – (Warum?)
– Me dejó plantado – (Er hat mich verlassen).
Was kann ich dafür? Dann kam es mühselig heraus:
– Lo siento. – (Das tut mir leid).
Plötzlich sprach sie Deutsch.
– Das muss es nicht. Es ist lange vorbei. –
Ihr Deutsch war bruchstückhaft, sie einigten sich darauf, weiterhin Spanisch oder Englisch zu benutzen. Im Gespräch überwogen die Pausen die gesprochenen Worte bei Weitem.
Bei ihm entstand ein gutes Gefühl. Nicht mehr ganz allein zu sein. Seinem Schicksal in der fremden Stadt nicht wehrlos ausgeliefert.
– In welchem Hotel wohnst du? –
– Ich habe noch kein Zimmer. –
– Um 01:00 Uhr nachts? Nicht zu glauben! Wann bist du angekommen? –
– Heute oder gestern. Mir fehlt die Erinnerung. –
– Wo ist dein Gepäck? –
– Ich habe keines. Es ist verschwunden. –
Eine lange Pause. Sie schüttelte den Kopf. Mit einem für ihn unverständlichen Murmeln.
– Das soll ich dir glauben? –
– Ich sage die Wahrheit. Glaub es mir, bitte! –
– Ich muss jetzt aussteigen. –
Und, nach einem kurzen Zögern:
– Komm mit. Morgen sehen wir weiter. –
Da musste er tief Luft holen. Was antworten?
Der Zug fuhr in die Station ein. Ohne eine Antwort abzuwarten, zog sie ihn am Ärmel aus der Türe. Ging wortlos voran zur Rolltreppe.
Er folgte langsam nach. Der Fußweg zu ihrer Wohnung war nicht weit, er nahm ihn nicht wirklich wahr.
Die Dunkelheit der Nacht. Gewitter von Gedanken in seinem Kopf. Er fühlte sich verloren und zugleich aufgehoben.


4.

Morgens, mit den ersten Sonnenstrahlen, die durch die Jalousie drangen, fand er sich auf einer Couch wieder.
Nach traumlosem, tiefem Schlaf. Seine Schuhe und die Hose waren ausgezogen, eine Decke über ihn ausgebreitet.
– Wie heißt du? –
Sie mochte wohl schon eine Weile dort gewesen sein. Ihn zu beobachten. Ihr Gefühl sagte ihr, dass sie ihn kannte. Was war mit ihm? Wollte er sich nicht erinnern? Das zeichnete eine Traurigkeit in ihr Gesicht. Erhabene Melancholie.
– Wo bin ich? –
– Bei mir, in meiner kleinen Wohnung. –
– Ich heiße Christiansen. Gestern hat mich jemand Pereira genannt. –
– Gut, dann nenne ich dich so, das passt hier besser zur Stadt. Hast du auch einen Vornamen? –
– Alexander! –
– Du hast tief geschlafen. Unruhig. Im Traum viel erzählt. Ich habe nichts verstanden. –
Sie saß nahe zu ihm, sodass er ihren Körpergeruch wahrnehmen konnte. Eine Mischung aus schwerer, exotischer Süße und Moschus.
– Wie ist dein Name? –
– Maria del Rosario. –
– Warum hast du mich mitgenommen? –
– Ich hab gesehen, dass du in Schwierigkeiten bist. Weiß der Teufel, welcher Art. Auf mich hast du verzweifelt gewirkt. Deshalb hab ich dich mitgenommen. –
– Danke! –
Mit seinem Handrücken versuchte er unauffällig ein paar Tränen wegzuwischen.
– Pass auf, Pereira, ich muss jetzt zur Arbeit gehen. Nachmittags bin ich zurück. Du bleibst so lange hier und wartest auf mich. Im Kühlschrank gibt es Mineralwasser und Kleinigkeiten zu essen. –
– Was machst du für eine Arbeit? –
– Ich bin Profesora de Inglés im Hafenviertel La Boca. –
– Hast du keine Angst, mich in der Wohnung hier allein zu lassen? Du kennst mich nicht. Ich könnte dich bestehlen. –
– Du wirst nichts stehlen. Sagt mein Gefühl. –
Ihr Gesicht war schokoladebraun. Dunkle Augen. Ihre Zähne strahlend weiß. Der rote Lippenstift betonte ihre vollen Lippen.
Wenn sie Englisch sprach, klang das noch schöner als ihr Spanisch.
Ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit nahm von ihm Besitz.
Hatten sie letzte Nacht miteinander geschlafen?
Er traute sich nicht, danach zu fragen. Die unausgesprochene Frage wurde durch ihren Gesichtsausdruck mit einem Lächeln beantwortet. Nein. Sie nahm ihre Tasche. Die Schlüssel. Ging eilig fort. Die Tür fiel ins Schloss, er hörte kein Geräusch des Zusperrens. Wenigstens bin ich nicht eingesperrt, dachte er, ging aber zur Tür, um das zu überprüfen.
Was für eine seltsame Frau. Er wusste nicht, was er tun sollte.
Zur Polizei gehen wegen einer Diebstahlanzeige? Oder besser auf die Botschaft wegen des Passes? Er hatte keine Energie, etwas zu planen. Zu unternehmen.
Blieb auf seinem Nachtlager sitzen und betrachtete das Zimmer.
Es war sehr klein. Auf der gegenüberliegenden Seite eine Kommode mit zwei Kerzenleuchtern und einem großen Wandspiegel, der dem Raum mehr Größe verlieh. Ein offener Durchgang zur Kochnische und eine Tür, hinter der sich vermutlich das Schlafzimmer befand. Aufstehen, um dies zu erkunden, dafür war er zu schwach.
Wohl auch das Gefühl, wie ein Spion zu sein, wenn er die Wohnung erforschen würde.
Blieb sitzen. Seine Augen ertasteten die ihm fremde Welt.
Das große Fenster mit dunkelroten Vorhängen gab nur wenig Licht. Vermutlich führte es in einen Hinterhof. Eine weitere Tür musste er dennoch öffnen, weil er unbedingt eine Toilette brauchte.
An der Wand hing ein farbenprächtiges Bild. Hahnenkampf als Motiv. Weiter ein gerahmtes Foto mit Regenwald, Wasserfällen in Kaskadenform.
Er erkannte es auf Anhieb. Ocho Rios in Jamaica mit den Dunn’s River Falls.
Ein Déjà-vu-Erlebnis.
Vor vielen Jahren war er diese Wasserfälle stromaufwärts geklettert.
Über der Kochnische war eine bunte Fahne befestigt, grün und schwarz, mit einem gelben, diagonalen Kreuz. Die Flagge von Jamaica.
Die Kommode war mit drei Fotos geschmückt. In Silberrahmen. Der ältere Mann mit schneeweißem Haar trug Uniform. Eine jüngere Frau und ein bildhübscher junger Mann.
In seinem Kopf formierte sich ein Wirbelsturm aus Bildern. Jagende Wolkenfetzen.
Jamaica. Da war er schon gewesen, in jungen Jahren, als er auf einem Schiff gearbeitet hatte. Die Bilder entglitten ihm wieder. Und wieder. Er konnte sie nicht festhalten. Keine klaren Erinnerungen fassen. Verzweifelt betastete er das Bild mit seinen Händen, um etwas zurückzuholen. Doch lediglich der Glasrahmen war zu spüren. Erschöpft legte er sich auf die Couch.
Schweiß und Tränen liefen über sein Gesicht. Der Dämmerschlaf kam ihm wie eine Befreiung vor.
Ein Geräusch weckte ihn. Es kam von oben, aus der Wohnung im nächsten Stockwerk. Wie lange hatte er wohl geschlafen? Das Gefühl für Zeit und Zeiträume war verloren gegangen. Was ist los mit mir?
Die Uhr über der Kochnische zeigte 14:00 Uhr.
Maria del Rosario würde nachmittags zurück sein.
Der Wunsch, sie zu sehen. Auch eine Angst davor.
Was hatte sie vor? Er wusste es nicht. War sich seiner Gefühle nicht mehr so sicher.
Sie schüttelten ihn durcheinander wie ein kleines Schiff auf hoher See.
Je mehr er sich mit ihrer Rückkehr befasste, desto intensiver befiel ihn die Unsicherheit.
Einfach abhauen? Ihr einen Brief schreiben? Was sollte er mitteilen? Dass er Angst vor ihr hatte? Unmöglich. Das stimmte auch nicht.
Wer ist Maria del Rosario? Was für ein schöner Name. Sie war auch nicht von hier. Von Jamaica kommend an Land gespült worden?
Wohin sollte er gehen? Wiederum mit der Metro im Kreis fahren? Seine Gedanken bewegten sich ohnehin im Kreis.
Die jamaikanische Flagge. Sie kam ihm so vertraut vor. War das sein zu Hause? Sicher nicht. Soviel an Klarheit gab es in seinen Gedanken.
Er holte sich ein Glas Wasser. Die Minuten flossen träge dahin. Ein Entschluss musste herbeigeführt werden.
Aber wie? Sollte er würfeln?
Es gab keine Würfelsteine. War er vielleicht selbst Teil eines Würfelspiels? Wer hatte die Steine in der Hand, wer waren die Mitspieler?
Die Wanduhr zeigte 15:15 Uhr. Da fiel ihm auf, dass er am linken Handgelenk keine Uhr mehr trug. War gestohlen worden. Auch seine Zeit?
Nein, die Uhr ist lediglich Zeitmesser. Nicht die Zeit.
Wiederum durchsuchte er seine Brusttasche. 100 Dollar wurden zurückgelassen. Ein Dieb mit Feingefühl? Sollte er ihn jemals treffen, würde er ihm glatt die 100 Dollar aushändigen.
Zur Vervollständigung der Diebesbeute.
Die neue Panikattacke kam so heftig, dass der Tod ihm näher schien als das Leben.
Glaubte die Fremde seinen Erzählungen, die so absonderlich waren, dass er sie selbst kaum fassen konnte?
Plötzlich hämmerte es wie wild in seinem Kopf.
Ich muss weg von hier! Schnell, bevor sie zurückkommt!.
Er suchte ein Blatt Papier, fand keines, nahm die Tageszeitung „La Prensa – Periódico de Buenos Aires“, begann am freien Rand zu schreiben. „Verzeih mir, ich muss weg. Ich kann nicht anders.“
Mehr fiel ihm nicht ein. So zerriss er diesen Abschnitt. Steckte ihn in seine Hosentasche.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 142
ISBN: 978-3-99048-974-1
Erscheinungsdatum: 20.06.2017
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
EUR 14,90
EUR 8,99

Halloween-Tipps