Lyrik & Dramatik

Das Leben ist ein Kunstwerk

Konstantin Troulos

Das Leben ist ein Kunstwerk

Meine (gelebte) Trilogie, ein Brückenbau zwischen Deutschland und Griechenland

Leseprobe:

Buch 1

Beeile dich auf deiner Reise nicht,
besser, dass sie lange Jahre dauert



Vorwort

Dem Drang meiner Seele folgend brach ich zu einer ungewissen Reise auf. Diese Reise lehrte mich Stück für Stück, mit allem, was auf mich einströmte, meinem Leben ein Haus zu bauen; mit vier soliden und starken Mauern.
Im Lauf der Jahre spürte ich mehr und mehr, wie sich die schroffen vier Ecken meines Hauses allmählich harmonischer miteinander verbanden. Mit der Aussöhnung mit meiner persönlichen Geschichte rundet sich die quadratische Grundform meines Hauses zu einem Kreis.




Eltern Kindheit Jugend Mutter

Meine Wurzeln an der Grenze

Die Höhen des Schwarzwaldes waren bedeckt von meterhohen Eismassen, in Kaskaden stürzte das Schmelzwasser talwärts, bahnte sich über Tausende von Jahren seinen Weg, immer tiefer und das Weite suchend, um sich ins Meer zu ergießen. Die Landschaft wurde geprägt von der Energie des Wassers, von den Winden, die aus fernen Kontinenten Wärme brachten, das wandernde Eis trug auf seinem Rücken riesige Steine mit sich, um sie sanft auf den Höhen des Schwarzwaldes niederzulegen. Jahre gingen vorüber. Das Eis zog sich langsam zurück und die Zungen der Gletscher gruben die vielen kleinen Seen, die sich mit einer vielfältigen Pflanzenwelt umhüllten.

Geprägt von Jahrtausenden zeigt sich heute diese Landschaft, faszinierend und geheimnisvoll zugleich. Ich wurde geboren in einem Tal, geschaffen von einem Fluss, Wutach genannt.
Die Region östlich des Feldbergs eröffnet sich unserem Auge als eine Landschaft, die vom Eis der Gletscher zu einem bizarren Gemälde gezeichnet wurde. Aus einem Urstromtal entstanden Täler und Hügel, und unzählige Bäche geben dem Wasser einen Lauf; jenes Wasser, das über Millionen Jahre aus einem Urstrom kleinere Flüsse gebildet hat.
Einer dieser Flüsse bahnt mäandernd seinen Weg, um als Gutach in einer Flussaue sanft dahinzufließen. Später stürzt das Wasser mehrere hundert Meter über kleinere Kaskaden, um die tief zerklüftete Wutachschlucht zu graben. Jetzt gaben die Bewohner dieser Region dem Fluss den Namen Wutach.
Wutach, wie konntest du denn eine so bizarre Pflanzen- und Tierwelt hervorbringen? Machte deine überschäumende Wut dich so schön? Längst wieder aus der Enge der Schlucht hinausgetreten, fließt du zum Rhein. Auf diesem Weg bildet die Wutach für wenige Kilometer die Grenze zur Schweiz. Mein Geburtsstädtchen hat einen Grenzübergang zum Kanton Schaffhausen; der einzige Schweizer Kanton, der nördlich des Rheins liegt.
Im Sommer nach dem Schmelzwasser des Frühlings ist es einfach, den Fluss an einigen Stellen zu überqueren. Von Stein zu Stein springend in die Schweiz einzufallen, war ein Nervenkitzel für uns Jungs, in den 50er Jahren, als der II. WK sich noch nicht allzu sehr entfernt hatte. Ich hatte oft ein Gefühl, dabei die Neutralität der Schweiz zu verletzen, in der ja bekanntlich nur Gutmenschen lebten.

Uns Deutschen, im Zollgrenzbezirk wohnend, war es erlaubt, pro Woche eine bestimmte Menge Lebensmittel in der Schweiz einzukaufen. Für mich als Kind befindet sich dort das Schlaraffenland, nicht weit hinter dem Schlagbaum der Grenze in einem Holzhäuschen. Es hatte ein kleines Fenster, das umrahmt war mit Schweizer Schokolade und „Mohrenköpfen“. Was war es, was mich als kleiner Junge erschreckte? Das unfreundliche Gesicht hinter dem kleinen Fenster mit seinen Kehllauten, oder das oft gehörte: Du bist hier nur geduldet. Die süße Schokolade schmolz auf meiner Zunge, floss in mein Herz und bedeckte meinen Kummer – wir Kinder der 50er Jahre brauchten Labsal. Dieser Wochenendausflug mit Mutter und Großmutter war für meine Schwester und mich eine Reise in eine andere Welt, einen Kilometer nur entfernt.
Den ersten Fernseher durfte ich im Dorf hinter der Grenze erleben, das Endspiel der Fußball-WM 1954. Jubel der Schweizer Zuschauer bei jedem Tor der Ungarn, unvergesslich das Schweigen, als Tor um Tor die Deutschen den WM-Pokal holten, ich duckte mich, machte mich noch kleiner als sonst; er sieht doch irgendwie anders aus, so fühlte ich mich schnell. Die mich begleitenden Erwachsenen wagten nicht sofort, ihrer Freude Ausdruck zu geben. Als sie wieder auf der deutschen Seite der Grenze waren, jubelten sie umso lauter.

Hinter dieser Grenze befindet sich ein Kanal, mit Wasserenergie für eine Fabrik. Daneben einbetoniert in eine Wiese ein einfaches Schwimmbecken, dies ist die Badeanstalt der Schweizer. Ab und zu wagte ich mich dorthin. Inzwischen hatte ich schon einige gleichaltrige Schweizer Bekannte, einer meinte einmal: Du mit deiner braunen Haut wärst beim Hitler bestimmt vergast worden. Freude darüber, dass ich Glück hatte – als Spätgeborener?
Im Fluss Wutach mit seinen seichten Stellen gab es Krebse zu beobachten, und manche Kiesbank im Fluss war ein geeigneter Ort, schwimmen zu lernen. Waffenfunde im Wasser und Erzählungen rund um diesen grenzbildenden Fluss gaben Fantasien ihren Raum, denn die Erwachsenen liebten es, Kriegserlebnisse zu erzählen, weit weg lagen die Schlachtfelder, aber eingemauert in ihrem Gedächtnis breiteten sie sie uns Jugendlichen aus wie Abenteuer, gar Heldentaten. Wir nannten dies: Geschichten aus dem Schützengraben. Verletzte und traumatisierte Männer blieben stumm, sie waren ein Rätsel für mich. Gewalt, Alkohol und Krankheit zeichneten ihre Gesichter; ich beobachtete. Einige von ihnen verschwanden bald wieder so plötzlich, wie sie aufgetaucht waren; weitergezogen oder gestorben.



Die Niederkunft meiner Mutter

Das Jahr 1945, 22.00 Uhr: Hoch in den Wolken streben beladene Flugzeuge ihrem Ziel entgegen. In geheimnisvoller Mission, ohne Positionslichter, werden sie ihre Last aus ihren Bäuchen über einem Ziel fallen lassen, um dort Leid und Tod zu verteilen.
In der neutralen Schweiz gibt es ein Unternehmen, welches mit Eifer Kanonen und auch Geburtszangen mit hoher Präzision herstellt. Exportartikel für Menschen, die die einen von dieser Welt und andere in diese Welt befördern. Wenn es der Zufall will, können diese Werkzeuge auch gleichzeitig an einem Ort zum Einsatz kommen.
Tief unter den Flugzeugen, deren Motorengeräusche von den Menschen beunruhigt wahrgenommen werden, befindet sich ein Krankenhaus. Wer es betritt, wird von Hinweisschildern dorthin geleitet, wo er sich mit Genesung, Sterben oder Geburt beschäftigen darf, je nachdem, wem sein Besuch gilt. Werdende Väter, die suchend durch die Station der Niederkunft eilen, befinden sich nun in einem Bereich, wo ihre Männerschritte unweigerlich bedachter, vorsichtiger werden. Männer wirken hier eher störend. Draußen liegt zur Zeit ihr Betätigungsfeld, um als Soldaten auf andere Soldaten zu schießen – aber dieser werdende Vater darf für Deutschland den Schutt wegräumen. Freiwillig war dieser Grieche nicht von Saloniki weggegangen.

Geschichte interessierte mich, in der Volksschule erfreute mich das Schulfach Heimatkunde, besonders wenn die Erkundung uns Schüler in Wald und Flur führte: Wie viele Gräserarten wachsen auf einer Wiese, welche Blätterformen weisen auf die Baumart hin und kennt ihr den typischen Ruf jeder heimischen Vogelart? Dieses Unterrichtsfach war eine gute Grundlage, meinen Forschergeist zu wecken. Die Geschichte meiner Geburtsstadt, Ausgangspunkt des Bauernaufstandes 1525, veranlasste mich, mit zunehmendem Alter über die Landesgrenzen hinaus zu denken: Weshalb verlassen Menschen ihre Heimat?
Was geschah in Griechenland, weshalb musste ein Grieche im Schwarzwald in den 1940er Jahren Zwangsarbeit leisten? Einige Antworten auf meine Fragen fand ich im Militärarchiv Freiburg.

Der Wehrmachtsbefehlshaber Südost in einem solchen Geheimpapier:

(…) Trotz wiederholter Verbote werden immer wieder Zivilpersonen aus dem Balkanraum in Transport- und Güterzügen sowie in Marschkolonnen und Einzelfahrzeugen der Wehrmacht über die Reichsgrenze mitgenommen. Abgesehen davon, dass dieses Verfahren aus passtechnischen Gründen unzulässig ist, sind abwehrmässig stärkste Bedenken hiergegen zu erheben. Dies gilt auch für die Mitnahmen von Zivilpersonen, die sich als Volksdeutsche ausgeben. (…)
Schon längst von Neugierde angespornt recherchierte ich auch in anderen Archiven. Das Militärarchiv und auch das Landesarchiv in Freiburg sind Fundgruben für allerlei Interessen. Im Lesesaal eines Archivs pulsiert der Wissensdurst: Wissenschaftler, Studenten und vereinzelte Personen mit unterschiedlichen Anliegen beleben das Bild. Einzelne Verzweifelte scheinen in den Regalen des Archivs die Bruchstücke ihrer Familiengeschichte einzusammeln, die das Leben irgendwo liegen gelassen hat.
Ich erinnere mich nicht mehr, wodurch ich auf das „Hebammen-Tagebuch“ des Krankenhauses gestoßen bin, in dem ich geboren wurde. Es wollte von mir gefunden werden im Landesarchiv. Darin ist meine Geburt festgehalten, zehn Tage lang, mit dem Blutdruck und der Temperatur meiner Mutter und gespickt mit einigen Regelwidrigkeiten. Wie ich mich über den Fund gefreut habe! Meine Erinnerungen und Fantasien bekamen Flügel, um weiter zu fliegen, höher zu steigen, weiter zu sehen. Eine Freude kann es sein, von dieser Höhe mit geschärftem Auge, wie ein Adler, auf das Objekt der Neugierde hinabzustürzen: Ich wollte wissen, wie es dazu kam, damals im Krankenhaus, dass mein Vater bei meiner Geburt nicht dabei sein durfte?

Datum der letzten Menstruation: Juli 1944, Mutter ledig, 25 Jahre alt.
Puls der Mutter abends: 60, Temperatur abends: 36,8
Nicht lebhaftes Treiben, dies erwartet der männliche Besucher, sondern angespannte Ruhe und abgedunkeltes Licht findet er vor. Aus dem Halbdunkel herrscht ihn eine Stimme an: Was suchen Sie hier? Sie müssen diese Station sofort verlassen. Ein Mann in Uniform kommt auf ihn zu, unmissverständlich mit einer Geste die Richtung weisend, in die er sich zu bewegen hat. Meinem zukünftigen Vater ist dieses Verhalten unverständlich, er will zu der Frau, die mich, sein Kind, gebären wird. Lange war er zu Fuß unterwegs, musste dabei jeden erdenklichen Schutz ausnutzen, um unentdeckt hier anzukommen. Es schmerzt ihn zu erleben, wie er wieder einmal zurückgewiesen wird, nicht in dieser Welt willkommen ist, in die sie ihn mit Zwang gebracht hatten.

Das bedrohliche Dröhnen der Flugzeugmotoren hat alle Schwangeren aus der Mütterstation in den Luftschutzkeller vertrieben. Dieser Raum, ursprünglich ein Kohlekeller, war provisorisch zu einem Schutzkeller geworden. Ratlos dreht der junge Vater sich um und verlässt das Krankenhaus, denn niemand informiert ihn, wo sich dieser Schutzraum befindet. Um zu gebären, werden die Frauen routinemäßig bei jedem Alarm in den Keller verlegt.
Resigniert tritt der Fremde hinaus in die Nacht der Bombenflugzeuge und der Kontrollen. Für ihn als Zwangsarbeiter ist seine Liebe zu einer deutschen Frau gefährlich: Griechisches Blut hat deutsches Blut „geschändet“.

Tage des Wochenbettes Eins
Puls: 60, Temperatur: 37,4
Wieder ist es zu hören, dieses stetig näherkommende Geräusch, das bis ins Innere des Krankenhauses dringt. Hoch im Schutze der vorbeiziehenden Wolken weht das bedrohliche Brummen über das Krankenhaus hinweg. Auch an diesem Abend hat man die schwangeren Frauen in einer eiligen Aktion in den Keller des Krankenhauses gebracht. Wie schön ist es oben in den Krankenzimmern; dort werden sie von Ordensschwestern wie Kranke behandelt. Eigentlich sind es doch nur Geburtsvorbereitungen. Die Mütter durften umhegt sich auf die Geburt ihrer Kinder vorbereiten. Jede dieser Frauen muss die täglichen Puls- und Blutdruck-Fragen über zehn Tage hinweg ertragen, was eine der zukünftigen Mütter ziemlich nervt: denn sie ist zu sehr mit sich selbst, ihrer Angst und mir, ihrem Kind, beschäftigt.
Wird der Vater des Kindes versuchen, zu ihr zu kommen? Sie weiß, wie gefährlich dies für sie beide ist. Besonders für ihn, sie kennt sein ungestümes Temperament. Bis jetzt haben sie es geschafft, ihre Schwangerschaft hinter der Mauer der Duldung und des Wegsehens zu verstecken, denn die Menschen in dieser Region befinden sich in den letzten Kriegsmonaten. Für sie beide bedeutet dies ein sehnliches, banges Warten auf Befreiung, umgeben von lebensbedrohlichen Kreisen der Endsieggläubigen, die nichts anderes als ihre Niederlage fürchten.
Die junge Frau hält sich zurück, nur wenig beteiligt sie sich an den Gesprächen der anderen Schwangeren. Wann hatten Sie Ihre letzte Blutung, fragt die Stationsschwester. Verstehe mal jemand den Sinn dieser Frage. Den Zeitpunkt der Geburt wird das Kind schon selbst bestimmen. Es ist längst passiert, was ihren jetzigen Zustand verursacht hat. Die Liebe und Hoffnung der jungen Eltern spielen bei dieser Fragerei überhaupt keine Rolle. Ihr Kind wird in diese unsichere, triste Zeit geboren werden. Wird es eine Geburt in ein anderes Leben? Für wen, für die Mutter, für das Kind? Für beide, für alle drei?

Tag des Wochenbettes Drei
Puls: 60, Temperatur: 37,4
Die täglichen Rituale des Puls- und Temperaturmessens unterbrechen die Monotonie des Wartens. Wieder einmal zurückverlegt ins Krankenzimmer gibt das Weiß der Wände diesem Warten zusätzlich einen Schuss routinierte Sterilität. Die Ordensschwestern machen jeden Tag ihre Arbeit gut. Sonst interessieren sie sich wenig für das, was draußen vor sich geht.
Um sich abzulenken, lauscht die junge Frau den Gesprächen der anderen Schwangeren; mit Inbrunst hecheln diese alles durch, was es in dieser engen Welt des Krankenhauses zu besprechen gibt. Die stille, junge Frau hat den Eindruck, dass die anderen Frauen sich ablenken von dem, was draußen täglich um sie herum passiert. Auch bemerkt sie,wie ihre Stimmen sich senken und Seitenblicke und das Getuschel der Besucher dieser Frauen ihr zeigen, wie wenig sie mit diesem Kind, auch in ihrer eigenen Familie, willkommen sein wird. Und das schmerzt. Um den Vater ihrer Leibesfrucht ranken sich allerlei unausgesprochene Fragen und Geschichten. Die Bewohner dieser Stadt sprechen nicht mit den Menschen, sondern lieber über sie.
Die Enge in der Familie dieser jungen Frau in die sie hineingeboren wurde, lassen ein Träumen nicht zu. Sie kann sich nur für das entscheiden, was ihr vorgegeben wurde. Als Älteste von sieben Kindern, zwei waren früh gestorben, hatte sie sich mit ihren vier Geschwistern zwischen Laut und Leise einzurichten. Träumen oder Spielen hatten in dieser Welt keinen Platz. Die Existenz dieser Kinder war eng verknüpft mit der Zuwendung der Eltern; die Kinder taten alles, um diese Zuwendung nicht zu verlieren.
Wer ist in Kriegszeiten bedürftiger: die Erwachsenen oder ihre Kinder? Wie viele Kinder werden im Krieg mit ihren Ängsten alleingelassen? Oft müssen sie zum Ende des Krieges das Eindringen von Militär in die Häuser und viele Durchsuchungen über sich ergehen lassen, ohne weinen zu dürfen. Es gibt wenige Bezugspersonen, die diese Ängste der Kinder verstehen; der Krieg hat die Erwachsenen selbst hart und stumpf gemacht.
Welche Bilder entstehen in dieser engen Welt in den Kinderköpfen? Aus dieser Diskrepanz zwischen Sehnsucht nach Sicherheit und Trauma entstehen in Kinderseelen Falten, die für immer bleibende, vernarbte Einschlüsse des Erlebten bilden.

Nun liegt meine Mutter mit den anderen Schwangeren im Keller des Krankenhauses. So wie es schon zur Routine für die Menschen dieser Region geworden ist, wandert man zu dieser Zeit in diesem Krankenhaus vorsorglich hin und her, im Rhythmus des Tages und der Nacht, denn immer zur Nachtzeit fliegen die Bomberverbände ihren Zielen entgegen. Eigentlich bietet Stühlingen kein lohnendes Ziel für einen Luftangriff; trotzdem war es im März zu einem Bombenabwurf eines einzelnen Flugzeuges gekommen, was aber nur einen Flurschaden verursacht hat.
Längst hat schon Jahre zuvor der Bombenkrieg der Alliierten gegen die deutsche Zivilbevölkerung eingesetzt, als Kollektivstrafe für deren Mitläuferverhalten. In den letzten Kriegsmonaten häufen sich täglich diese Bombendrohungen im Wechsel mit dem „Endsieg“-Geschrei aus dem Radio. Wo befindet sich eigentlich die tatsächliche Front? Das Abhören des Feindsenders im „Volksempfänger“ wird mit dem Tode bestraft.
Jahre zuvor war der Krieg weit außerhalb der Landesgrenzen nur über Jubelnachrichten im „Volksempfänger“ erfahrbar geworden, nun steht er direkt vor der eigenen Haustüre. Jetzt sprechen die vielen kleinen Führer besorgt von der Sicherheit der Deutschen. Je nach geografischem Standort wird vor den Roten oder den Negern gewarnt. Männer, die ein nicht fronttaugliches Alter haben, erhalten eine Armbinde oder eine entsprechende Anstecknadel. Dies befugt sie, ihre Mitbürger im Befehlston hin und her zu schicken. Ihre Sorge ist nichts anderes, als Menschen für unsinnige Arbeiten zu verpflichten, „dem Feind wehrhaft begegnen“ nennen sie es.
Zur selben Zeit müssen draußen, in den Bauernhöfen oder Steinbrüchen, andere Menschen ungeschützt ausharren. Denn dort sind die vielen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen, deren Arbeitskräfte man ausbeutet; ihre Sicherheit und ihr Leben spielen jetzt erst recht keine Rolle mehr.

Vor vielen Jahren, 1939, hat der Konflikt der Erwachsenen vielen europäischen Kindern die Träume zertrümmert. Meine Mutter war damals neunzehn und schon längst erwachsen. Sie musste in der Familie als Älteste mitverdienen. Mit ihrer Arbeit als Hausangestellte in den Familien reicher Menschen entlastete sie ihre eigene Familie. Am Tisch des Vaters saß somit eine Esserin weniger. Traditionell war es den jungen Frauen vorbehalten, nach einer angemessenen Ausbildung, vielleicht im Näh- und Strickhandwerk, schnell unter die Haube gebracht zu werden; dies war nun durch die Kriegsjahre erschwert. Viele junge Frauen sahen die Objekte ihrer Sehnsucht, heiratswillige Jungmänner, in den Krieg ziehen.

Tag des Wochenbettes Fünf
Puls: 60, Temperatur: 37,3
Vor dem Fenster des Krankenhauszimmers stehen Tannen, die ihren Duft bis zum Bett meiner Mutter ausströmen. Immer, wenn sich ihr Blick im dunklen Grün einer Tanne verliert, kommen die Erinnerungen. Der Mann, mein Vater, er war ihr so fremd mit seiner schönen braunen Haut und seinen schwarzen Haaren und doch so nah. Seine Statur war, als hätte eine wärmende Sonne sie geformt; das Licht am Ende des Tunnels.
Sie sieht ihn oft, denn inzwischen ist er als Frisör in meiner Geburtsstadt tätig. Zuvor hat er Tunnels reparieren müssen, denn Eisenbahnlinien sind beliebte Bombardierungsziele der Alliierten. Mit vielen anderen ist er in den letzten Kriegsjahren in die Region gekommen. Immer dort, wo eine Lücke in der Arbeitswelt geschlossen werden muss, werden diese Menschen hineingeschoben, wie ein Ersatz für ein defektes Maschinenteil. Sie müssen die deutschen Männer ersetzen, denn diese „kämpfen für das Vaterland“. Aus den Ländern, die deutsche Soldaten überfallen haben, schicken sie nun „Fremdarbeiter“ in ihre Heimat, die sie unterwegs einsammelten. Diese Männer werden immer sehr schnell dort eingesetzt, wo Arbeitskräftemangel herrscht: entweder in der Rüstungsindustrie oder dort, wo wegen der Zerstörungen durch Bombenangriffe Reparaturarbeiten anfallen. Die deutschen Männer werden in den letzten Kriegsmonaten in immer größerer Zahl einberufen. Immer ältere sind dabei – und in den letzten Kriegsmonaten, als Hitler für den Endsieg mobil macht, immer jüngere. Viel jünger als zwanzig sind manche.

Auch meine Mutter muss eine neu verordnete Arbeitsstelle annehmen. Nun stöpselt sie Verbindungen für Telefongespräche. Ortet sie eine vertraute Stimme bei einer ihrer Vermittlungen, dann findet ein reger Informationsaustausch statt, den sie sonst in der Öffentlichkeit nicht wagt. In ihrer vorigen Tätigkeit hatte sie als Postbotin gearbeitet. Auf ihrem täglichen Rundgang war es für sie unangenehm, wenn sie andere Menschen mit dem üblichen „deutschen Gruß“ begrüßen musste. Sie zog es vor, unbemerkt der Sache aus dem Weg zu gehen, indem sie die Straßenseite wechselte.
Auf diesen Gruß legen viele stramme Deutsche großen Wert, er schafft „Zugehörigkeit für eine großartige nationale Sache“. Dabei kann man schnell orten, wen man auszugrenzen hat. „Ausmerzen“ ist ein oft gebrauchtes Wort. Für die Briefträgerin war es sehr schmerzhaft, wenn sie bestimmte Briefe in der Hand hielt, denn sie erahnte vor den Empfängern den Inhalt dieser Briefe. Was sich hinter dem amtlichen Weiß eines Behördenbriefes verbarg, wusste sie schnell, darin hatte sie inzwischen Routine. Viele „Gefallen für das Vaterland“ hat sie in die Häuser getragen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 340
ISBN: 978-3-95840-198-3
Erscheinungsdatum: 08.09.2016
EUR 27,90
EUR 16,99

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