Das Innere des Äußeren

Das Innere des Äußeren

Wilhelm Walendy


EUR 22,90
EUR 13,99

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 100
ISBN: 978-3-95840-354-3
Erscheinungsdatum: 30.08.2017
Menschen in unserer Welt und in der jüngsten Vergangenheit werden in einer klaren und dichten Poesie mit ihren Handlungen, Problemen und Verflechtungen so dargestellt, dass man sich ihnen kaum zu entziehen vermag. Ein Kaleidoskop der menschlichen Existenz!
Die ermüdeten Lichter der Großstadt

der mutlose Schmutz der Armut

der erste Sonnenstrahl

in den Augen der Lerche

in ihrem Gesang.

Januar 2017






Advent


Es ist schon Spätnachmittag im Dezember noch kein Schnee zu warm er ist auf dem Weg zu seiner Nachhilfe der Sohn eines guten Bekannten er parkt das Auto und steigt aus …
- Guten Abend.
- Guten Abend.
- Wie alt ist sie?
- Eineinhalb.
- Und wie heißt sie?
- Sag’ dem Onkel, wie du heißt.

- Sie heißt Anna.
- Anna ist ein schöner Name.
- Hast du Gummibärchen?
Ihre Stimme ist klein, aber bestimmend …
- Oh, leider nicht! Aber das nächste Mal bringe ich welche mit.
Lachen … Er beugt sich zu ihr herunter …
- Welche Farbe möchtest du denn, rot?
- Ja, rot und gelb.
Ihre Augen treffen sich …
- Auch ein grünes …
- Gut, werde ich nicht vergessen, auch ein grünes.
- Komm, Anna, wir müssen nach Hause!

Die Großmutter geht schon voraus. Anna bleibt stehen und betrachtet unverwandt den Mann der jetzt zu seiner Nachhilfe geht mit einem sehr warmen Gefühl in seinem Bauch
Er dreht sich noch einmal um sie blickt ihm immer noch neugierig nachdenklich nach und er fragt sich was da wohl durch ihren Kopf geht was sich in ihr bewegt … ein kleiner Mensch
einzigartig ein kleines Universum mit all den noch versteckten manchmal sich öffnenden Eigenarten Wünschen Erwartungen Enttäuschungen Träumen Traurigkeiten und Freuden … dann läutet er an der Tür.

Walendy, 06.12.2015/15.08.2016, Nikolaus
Als er den Raum betrat, sah sie kurz auf, nur um sich zu vergewissern, dass er es war. Dann drehte sie sich zur Seite. Er ging in das andere Zimmer, in das frühe Strahlen einer Februarsonne schienen, setzte sich auf das Sofa an den Tisch mit den Illustrierten, blätterte ein wenig darin herum, genießend die unerwartete Wärme des Augenblicks … wenn er guter Stimmung war, amüsierten ihn die Menschen, welche auf den Fotos lächerlich ziellos in ihrem Geld herumschwammen; war er schlechter Laune, machten ihn die Bilder aggressiv und er legte sie angeekelt wieder weg, sich dennoch wohl bewusst seiend, dass er sie in ihrer Absurdität faszinierend fand … für den Moment wenigstens.
Sie kam auf ihn zu, suchte anscheinend ebenfalls die Wärme des Sofas und der Sonnenstrahlen und die Vertrautheit seiner zärtlichen Berührungen. Er liebte den Geruch und die Weichheit ihrer Haare, besonders dann, wenn er sie gegen den Strich streichelte, um dann innezuhalten und seine Hand ein wenig auf einer Stelle ruhen zu lassen. Tiefe Vertrautheit nannte er das und verlor sich in der Stille ihrer beider Existenzen … nicht für lange, denn sie entzog sich ihm, nicht ohne noch einmal sich in ihn hineinzudrehen, ein Zeichen der Vertrautheit und der Sicherheit des Wiederkommens. So empfand er es wenigstens. Und in ihm waren nun eine Ruhe und die Gelassenheit des Bewusstseins seiner Selbstverständlichkeit.

19. Februar 2016, Wwalendy






Am Meer


Es ist Herbst nicht so kalt wie gewöhnlich auf dieser Insel an diesem Meer das ja wild und tobend und unwirtlich und drohend seine Wasser gegen das Land wirft und ihm ungefragt dieses oder jenes Stück Düne entreißt einfach so in diesen kalten Jahreszeiten
aber nun wo ich hier an dem von der Flut liegen gelassenen Strand entlangwandere und die Wellen sich nur leise fast zart auf dem harten Sand verwerfen um sich zu verlieren sich wieder zurückziehen langsam und in ständig sich ähnelnden Rhythmen habe ich meine Jacke geöffnet um den Wind zu spüren nicht nur im Gesicht sondern auch am Körper ich zöge mich gerne aus um zu spüren zu fühlen erst den Oberkörper dann vielleicht meinen ganzen Körper meine Brust meinen Rücken hinunter zu meinem Geschlecht weiter hinab die Schenkel die Beine dann die Arme und die Hände ihre Flächen und ihre Finger und meine Füße beträten so viele sagt man Sände den leichten pulvrig wollig warmen Sand welcher mich an meine Kindheit an der See erinnert dann der Matsch der gurgelt unter den Tritten und dunkler an Farbe ist fast schwarz und einlädt mit ihm Formen zu formen oder ihn in dicken Klumpen in die Luft oder weg zum Wasser hin zu schleudern wo er dann aufspritzt und in tausend Teilchen mit den Wellen eins wird dann der Sand nun sehr nah am Wasser aber nicht von ihm touchiert dieser ist betonhart wie eine Rollbahn hier könnte ein Flugzeug landen hier haben wir als Kinder Rennen ausgetragen fünfzig Meter abgesteckt und uns dann zu Olympioniken aufgeschwungen waren es unter sieben oder gar unter sechseinhalb Sekunden die wir siegreich gerannt sind stolz und voller Energie und Lebensfreude es beginnt zu regnen erst ganz leicht wie ein Schleier er ist nicht mehr warm dieser Regen der Herbst hat jetzt das Sagen und ich überlege als der Regen heftiger wird und mich von der Seite her trifft mich in einen der übrig gebliebenen Strandkörbe zu setzen aber nein keine Zivilisation Störfaktor ich bleibe im Regen stehen der jetzt immer dichter werdend auf mich niederprasselt patschnass wie der Sand wie der Strandhafer vielleicht nicht so die wenigen Möwen am Wasser sie haben einen natürlichen Schutz ihr Gefieder ich lecke das mein Gesicht herunter rinnende Regenwasser von meinen Lippen ein angenehm frischer Geschmack den ich da koste dann lässt der Regen langsam nach hört ganz auf und ich blicke in den Himmel über mir er reißt auf der Wind treibt das Graumilchige dort oben auseinander und jagt es in unruhigen Haufen auf das Meer hinaus wo ich am Horizont zu meinem Erstaunen und meiner Bewunderung eine dicke schwarzundurchdringliche Wand über dem kaum auszumachenden Wasser sehe welche nur dann und wann wie in einem Kasperletheater von unsichtbaren Händen dahin gezogenen Schiffen dekoriert wird dort möchte ich jetzt nicht sein ich sehe Blitze und höre den Donner dann direkt über mir werden die Wolkenfetzen immer schneller immer dünner immer fadenscheiniger bis sich plötzlich ein großer mächtiger Pfannekuchen von schönstem klarem Blau aufbaut sich über den Dünen breitmacht und der Sonne schließlich ein riesengroßes Guckloch bietet welches sie mit ihrer Leuchtkraft ihrer Wärme und ihrer Mütterlichkeit im Nu füllt und sich unwiderstehlich ausbreitend den weißen Wolkengebirgen an deren Rändern eine Intensität an Wucht und Farbe verleiht dass ich da stehe allein mit geschlossenen Augen und nur noch dieses Wechselspiel von Licht und Wärme und zärtlichem Wind still auf mich wirken lasse in mich eindringen lasse mich aufheben lasse mich aufgebe und versinke in eine Sphäre in der ich scheine eins zu werden für einen Funken Zeit mit diesem Augenblick mit diesem Kosmos mit dieser Welt mit dieser Natur mit dem Strand dem Wind den Gerüchen des Meeres und des Sandes ich empfinde mich in einer Absolutheit in der weder Zeit noch Raum existieren ein Zustand wo es nichts mehr zu erklären gibt ich in die Tiefen in die ewigen Wahrheiten und endgültigen Wesen der Dinge für den Hauch eines Momentes der mir vorkommt wie das Zucken meines Augenlides eintauche erahnend die Unbegreiflichkeit der Schöpfung an der ich teilhabe und in der ich jetzt glücklich bin.

Freudenberg, 1. Weihnachtstag 2014






Ansichten eines Blattes


Normalerweise sagen die Menschen häufig: „Ich habe keinen Freund, ich habe keine Geliebte oder ich habe keinen Menschen, dem ich mich anvertrauen kann …“ Und sie sagen, dass es nicht so einfach sei, eine solche Person zu finden, geschweige denn für eine lange Lebenszeit mit diesem Menschen zusammenleben zu können.

Bei mir ist es anders: Ich hatte keine Wahl, denn ich wurde auf einem Ast neben vielen anderen meiner Art geboren und ich kann mit Fug und Recht sagen, dass diese erste Zeit, meine Kindheit und meine Jugend, in denen ich mich entfaltete, keinerlei große Probleme mit sich brachte. Im Gegenteil, ich fühlte mich aufgehoben, hatte meinen festen Platz, bekam genug Nahrung, zumeist sogar im Übermaß, wenn es regnete.
Wie ich diesen Regen liebte … besonders in der warmen Jahreszeit! Ich spürte die Zärtlichkeiten der Tropfen, spürte, wie sie langsam und bedächtig an mir herunterrollten und dann von mir ließen, oder ich spürte, wie sie wie in einem wilden Kinderspiel auf mich niederprasselten, wieder hoch hüpften und voller Freude die Wärme und die Strahlen der Sonne in sich aufnahmen und widerspiegelten. Und wenn die Sonne einmal nicht dabei war, erfreute ich mich an der Langsamkeit und an den melancholischen Düften, welche von unserem Zusammensein ausgingen.
Ich atmete dann tief - besonders in den Tagen des Herbstes - dieses schwere Parfüm ein, das mir mein Ich besonders bewusst zu machen schien, und wenn die Sonne wiederkam und die Regentropfen mich verließen, war da eine gemeinsame Traurigkeit, ein Abschiednehmen, welches auch ein wenig wehtat, aber andererseits mich dazu brachte, mich meiner Existenz und Einzigartigkeit intensivst bewusst zu sein …
So wie wenn die bunten Schmetterlinge kamen und mir von ihren Erlebnissen erzählten und mir sagten - und das war meistens im Herbst -, wie schön ich sei in meinem Kleid, wie der Malkasten eines Schulkindes, und dann konnte ich fast nicht meine Tränen zurückhalten vor Rührung. Und schließlich kamen der Spätherbst und das Abschiednehmen, welches ja zum Leben gehört wie die Ankunft desselbigen. Ich spürte schon recht früh, wenn die Kälte kam, wenn es später hell wurde des Morgens, wenn die Sonne auch am Mittag tief stand und abends so früh diese Welt verließ. Ich war traurig, das gebe ich zu, aber es war eine Traurigkeit, die mit Zufriedenheit und Ruhe und Zuversicht gepaart war, denn ich fühlte das Ende meines Lebens, und da es so schön und so bunt und so bewegend gewesen war, war es nun auch gut, dass es friedlich zu Ende ging … ich mich zusammenrollte, mich langsam von meinem Ast löste und ein Windstoß mich der Erde wiedergab.

November 2013






Begegnung


… er war auf dem weg zu seiner arbeit und er hatte wie so häufig die landstraße genommen sie war eine abkürzung und sie war schmal kurvenreich auf der einen seite gesäumt von einem wald der sich rasch anhob und ihm recht undurchdringlich erschien und auf der anderen seite nach westen hin offenes wiesen- und weideland welches sich durchzogen von einem bach leicht wellig erhöhte und dann und wann von einzelnen gehöften gesprenkelt sich am horizont verlief es dämmerte die scheinwerfer seines wagens leuchteten ihm den weg und seine gedanken waren schon auf seine arbeit konzentriert die er gerne verrichtete und die ihm viel freude und kraft schenkte als er ihn plötzlich im gehölz ganz nah an der straße stehend erblickte er stand da ruhig unbeweglich wie eine statue das ganze geschah in einem moment den wenn er ihn zählte sekunden dauerte und als er dieses zusammentreffen nun erfühlte kam es ihm vor wie eine ewigkeit es waren die augen seines gegenübers welche die seinigen erfassten und nicht loszulassen schienen ein ausdruck klarer und tiefer ernsthaftigkeit und ruhe lag in ihnen und es schien ihm als kannten sie sich schon immer als seien sie brüder die sich nie aus den augen verloren hatten und sich auch nicht verlören und in ihm ward ein von einem reinen und tiefen bewusstsein geprägtes ahnen purer existenz das gefühl dass sich sein leben und das seines gegenübers in ihrer beider augenpaare verschmolzen jenseits zählbarer zeit verbunden mit einer liebe zur schöpfung bedingungslos frei etwas was sich und dessen war er sich sicher für immer in seiner seele niederlassen würde er hatte tränen in den augen ob seiner freude und ergriffenheit und es tat ihm leid den anderen hinter sich lassen zu müssen auf seiner fahrt zu seiner arbeit und er dachte an diesem abend lange an ihn den anderen der ein rehbock war …

Sonntag, den 22. Februar 2015
um halb vier des Morgens






BILDER


… ein alter mann ihm war in seinem leben alles abhandengekommen weggegangen verflogen verschwunden
das einzige was er noch hatte eine von abgestorben scheinenden abstoßend und abweisend in eine froststarrende baumstumpflandschaft von öde und verlorenheit gesetzte welt dann bilder im innern von stalingradtrümmerstadt mit in die leere hineinstoßenden absurden toten kanonen und den gebrochenen augen toter soldaten der himmel war kein himmel mehr sondern eine graugrüne schiefertafel ohne anfang und ohne ende sodass die hölle dagegen leicht als ein gar nicht zu unangenehmer ort erscheinen mochte er beugte sich ein wenig nach vorn in der hoffnung der kälte ein wenig zu entweichen und beschloss in dieser haltung zu verharren und zu warten auf was oder auf wen das wusste er nicht es gab keinen anfang noch ein ende man könnte sagen es war das nichts und er verlor sich darin …
… sie war ihm keineswegs sofort aufgefallen unter der schar der jungen mädchen deren weiße und blaue und rote und gelbe hüte blusen röcke und bänder sich in angenehmster weise mit dem frischen grün und gelb einer frühlingslandschaft zu verheiraten schienen sie lachten und alberten oder standen still und unterhielten sich mit ernster haltung und miene und der wind strich leise und sanft um ihre stillen gesichter sie hingegen stand ein wenig abseits der anderen den rechten arm gelehnt an einen herabhängenden ast einer linde den sie zu streicheln schien ihr gesicht leicht verdeckt von ihren langen rötlich-braunen haaren welche von einem gelben mit einem roten band geschmückten hut bedeckt waren er konnte nur ihr profil sehen und er wand seinen blick nicht von der zartheit ihrer haut und dem feinen zug ihrer wange und ihres halses und er wünschte sich dass sie ihm ihr ganzes gesicht zuwende und er ihre augen sehen könne ein starkes gefühl der sehnsucht erfasste ihn so sehr dass es ihm wehtat und er sein alter bedauerte und er noch einmal zu leben anzufangen wünschte und er sah sich als junger mann der hoffnungsfroh auf sie zuging sie mit einem lächeln ansprach und ihr eine leuchtend gelbrote orchidee reichte hoffend auf einen leichten kuss des dankes auf die wange um für einen augenblick glücklich zu sein …

oktober 2013
test

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