Lyrik & Dramatik

Bergkameraden und andere Erzählungen

Franz Wichtl

Bergkameraden und andere Erzählungen

Leseprobe:

Bergkameraden

„Verdammtes Wetter, verdammtes!“ Rupert Meierhofer schüttelte den Kopf und trat wieder vom Fenster, durch welches er geschaut hatte, zurück. Mürrisch setzte er sich auf die Eckbank, die hinter dem großen, roh gezimmerten Tisch Platz bot. Dabei hatte er sich an der heruntergezogenen Leiter zum Matratzenlager den Kopf angestoßen.
„Verflixt, noch mal!“, zischte er durch die Zähne.
Seine miese Laune änderte sich auch nicht, als er den Rucksack öffnete und ein großes Stück Speck, einen Keil Brot und eine rote Zwiebel zum Vorschein brachte.
Aber nicht nur das Missgeschick und das Wetter waren es, dass ihm seine Laune so gründlich versaut hatten, er ärgerte sich hauptsächlich über seinen Eifer, den er immer an den Tag legte, wenn es darum ging, Ideen in die Tat umzusetzen. Nun saß er da und wartete auf seine Kameraden, mit denen er das Zwölferhorn in Angriff zu nehmen gedachte.
Vorigen Samstag war es gewesen, dass sie sich im Wirtshaus getroffen und über eine interessante Tour auf das Zwölferhorn unterhalten hatten. Man war sich dann bald einig, dem Berg an diesem Wochenende einen Besuch abzustatten. So ist Rupert schon gestern, am Freitag in aller Früh zur Hütte aufgestiegen, um sich auf dieses Erlebnis seelisch vorbereiten zu können. Auch war das Wetter am Freitag sehr schön gewesen, und wie es aussah, sollte es auch so bleiben. Doch dann gab es heute in den Morgenstunden dieses schauerliche Gewitter, das dann noch in einen Dauerregen überging und von Nebelschwaden und Wind begleitet wurde.
Franz und Andreas hatten versprochen am Samstag spätestens um neun Uhr bei ihm aufzutauchen. Mittlerweile war es aber schon Mittag geworden und von beiden weit und breit keine Spur. Er wusste auch nicht, ob sie unterwegs von diesem Gewitter überrascht worden oder noch gar nicht aufgebrochen waren. Jedenfalls waren sie bis jetzt noch nicht eingetroffen. Da half auch nicht, dass Rupert alle halbe Stunde – vielleicht war es auch kürzer – zum Fenster trat und Ausschau nach ihnen hielt.
So war es auch nicht verwunderlich, dass er vorhatte, nach dem kräftigen und verspäteten „Speckfrühstück“ und nach einem noch kräftigeren Schluck aus seinem mitgebrachten Schnapsfläschchen den Abstieg anzutreten.
Gerade als er den Rucksack schulterte und seinen Wetterfleck überstreifte, hörte er im Vorraum Stimmen.
„Seid ihr doch noch gekommen?“, fragte Rupert und öffnete die Türe der Stube, um in den Vorraum zu schauen. Zu seiner Verwunderung handelte es sich bei den Neuankömmlingen nicht um seine Freunde, sondern um ein Pärchen. Er, ein Mann so um die fünfzig, schon etwas grau meliert mit einem kurz geschorenen Bart, hellen Augen und einem freundlichen Lächeln um die Lippen, sie Mitte dreißig mit langen, mittelblonden Haaren, die am Regenschutz klebten. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu schließen war sie eher sauer.
Wie sich die drei nun so gegenüberstanden, sich musterten, aber kein Wort sagten, meinte Rupert: „Grüas euch! Seit’s auch nass word’n?“
„Ja, scheußliches Wetter habt ihr da in den Bergen und gar nicht so einladend für eure Gäste, wie ihr es in euren Prospekten immer so vielversprechend zeichnet. Wir haben aber zum Glück diese Hütte hier gefunden und hoffen uns an einem gemütlichen Feuer unsere Kleider trocknen zu können. Ich hoffe doch sehr, dass dies hier möglich ist.“
„Ja, wenn ihr euch ein Feuer macht, ist es sicher möglich, nur müsst ihr, wenn ihr wieder gehen werdet, aufpassen, dass es nicht mehr brennt. Auch sollt ihr nicht vergessen, euch ins Hüttenbuch einzutragen. Ich wünsche euch einen schönen Aufenthalt, denn ich gehe jetzt, bin eh schon seit gestern da. Pfürt euch!“
„Ach, guter Mann!“, sagte nun sein Gegenüber. „Könnt ihr uns nicht noch beim Einheizen behilflich sein? Da wir zu Hause unsere Wärme durch Fernwärme-Anschluss beziehen, habe ich keinerlei Ahnung, wie man in einem solchen Ofen ein anständiges Feuer entfachen könnte, ohne dass gleich alles zu Schaden kommt. Ja, seien Sie doch so freundlich und schlagen Sie meine Bitte nicht aus.“
Rupert war zwar nicht sehr begeistert, weil aber sein Gegenüber seine Bitte in einer so freundlichen Tonart vortrug, wollte er ihn dann doch nicht enttäuschen. Vonseiten der Frau kam keine negative, aber auch keine positive Reaktion. So entschloss er sich, doch noch ein wenig zu bleiben.
Er hatte Wetterfleck und Rucksack wieder abgelegt und machte sich nun daran, ein Feuer im Ofen zu entfachen, indem er von einem Scheit Späne schnitzte und diese mit einigen Seiten einer alten Zeitung in die Feuerstelle schob und anzündete. Bald knisterte es ganz sachte, und schon allein dieses Knistern verstärkte den Eindruck, dass es wärmer wurde.
Rupert hatte noch die Kanne genommen und war damit ins Freie getreten, um bei der nahen Quelle frisches Wasser zu holen. Auch ein paar neue Scheite Holz hatte er vom Stapel genommen, als er wieder die Hütte betrat.
In der Stube saß nun die Frau in der Nähe des Ofens in eine Decke gehüllt, die sie wohl vom Matratzenlager geholt hatte, und trocknete sich ihre Haare. Auch waren einige Kleidungsstücke über den Sessel, der zum Ofen gerückt war, gehängt, um so schneller trocken zu werden.
Der Mann, der auf der Eckbank saß und sich seiner Schuhe entledigt hatte, massierte gerade seine Füße, anscheinend taten sie ihm weh.
Rupert, der die Kanne auf den Ofen stellte und ein neues Scheit einlegte, meinte, denn irgendwie war ihm die Stille unheimlich geworden: „Seit’s schon lange bei uns?“
„Ja, über eine Woche schon, und wir haben vor, noch vierzehn Tage zu bleiben, hoffentlich wird das Wetter wieder besser und man kann wieder Wanderungen unternehmen, denn wir laufen so gerne durch eure schöne Gegend.“ Wieder hatte der Mann geantwortet und wieder war danach eine längere Pause entstanden.
„Teewasser ist fertig“, sagte nun Rupert, als das Wasser zu brodeln begann.
„Schön, nur, wir haben keinen Tee bei uns“, antwortete wieder der Mann und schaute traurig zu Rupert hin.
„Aber ich, wollt ihr lieber schwarzen oder grünen Tee?“
„Ich hätte lieber schwarzen Tee, meine Begleiterin sicher grünen!“
„Kann sie das nicht selber sagen?“, fragte Rupert und schaute zu der Frau hin, die einen finsteren Blick auf ihn warf, ihm aber nicht antwortete.
„Des Madel hat aber einen ordentlichen Zwider“, entfuhr es Rupert, der eigentlich keinen Streit suchen wollte.
„Wenn du damit den Unmut meiner Begleiterin meinst, kannst du sicher recht haben, ich bin ihr vorhin, als wir uns über unseren durchnässten Zustand unterhielten, ganz schön auf den Wecker gegangen“, sagte der Fremde lachend.
„Das legt sich aber sicher bei einer Tasse heißem ‚Jagertee‘“, meinte Rupert. „Wirst sehen, Madel, nachdem du den trunken hast, ist dir gleich wieder leichter!“
Rupert hatte nun drei Tassen aus dem Schränkchen genommen, je einen Teebeutel hineingegeben und mit heißem Wasser aufgegossen, dann hatte er Zucker dazugegeben, umgerührt, seine Schnapsflasche gezückt und einen kräftigen Schuss in jede Tasse eingeschenkt. Jetzt war der Tee auch nicht mehr so heiß und angenehm zu trinken. Ihm hatte Rupert die Tasse auf den Tisch gestellt, ihr hatte er sie in die Hand gedrückt und gesagt: „Der wird dir guttun.“
Ihr blieb auch gar nichts anderes übrig, als die Tasse anzunehmen, obwohl man ihr anmerkte, dass sie dies offensichtlich nicht wollte.
Rupert hatte sich nun auch niedergelassen und meinte: „Ich heiße Rupert – und wie heißt’s ihr?“
„Ich heiße Rüdiger von und zu Walldorf und meine …“
Jetzt fiel Rupert dem Rüdiger ins Wort: „Geh, kannst nicht sie selber reden lassen, sie hat ja noch gar nichts gesagt, seit sie da ist!“
Rüdiger von Walldorf, der mit einer solchen Aktion nicht gerechnet hatte, bekam einen roten Kopf, und die Frau, die an ihrem Tee nippte, hatte leise aufgelacht.
Möglich, dass es wegen dem Schnapstee war, der ihre Glieder zu wärmen begann, wahrscheinlicher aber, weil ihr Begleiter anscheinend einen würdigen Kontrahenten gefunden hatte, der sich von seinem stattlichen Aussehen und vor seinem Adelstitel nicht beeindrucken ließ.
Rupert, der immer noch zu ihr hinschaute und sie dabei ungeniert musterte, wartete geduldig auf ihre Reaktion, die nicht und nicht kommen wollte. „Was ist, Madel, traust dich nicht reden oder kannst nicht?“, fragte er in die entstehende Stille hinein.
„Doch“, sagte sie, ohne seinen Blick zu erwidern, den sie in ihrem Nacken förmlich spürte. „Ich möchte mich auch für den Tee bedanken, er tut wirklich gut. Ich fürchte nur, wenn ich den ausgetrunken habe, werde ich mich nicht mehr unter Kontrolle haben und womöglich auf dem Tisch ein Tänzchen wagen. Und ob das gut ist?“ Wieder hatte sie ihre Tasse an den Mund geführt und einen kleinen Schluck zu sich genommen.
„Ha“, lachte Rupert auf, „da brauchst keine Angst zu haben, denn erstens ist gar nicht so viel Schnaps in diesem Tee und zweitens, der Tisch würde dein Gewicht locker aushalten!“
„Hannelore“, sagte nun Rüdiger von Walldorf ein wenig ungehalten, „so sage Rupert doch, wie du heißt, das wollte er doch von dir wissen, nicht was du an sportlichen Aktivitäten demnächst zu tun gedenkst. Antworte doch endlich auf seine Frage!“
„Warum sollte ich etwas sagen, was er jetzt sowieso schon weiß? Immer du mit deiner Ungeduld“, sagte sie mehr als gedehnt, und wieder merkte man, wie der Unmut in ihr wuchs.
„Leutln, hört’s auf zum Streiten, denn des ist das Letzte, was wir hier heroben brauchen können. Da heroben, wo unter Umständen jeder den anderen braucht, haben Zank und Streit nichts verloren. Streiten könnt’s, wenn’s wollt’s, wieder wenn’s unten seid’s!“
Nun entstand eine peinliche Stille, und jeder schaute – gewissermaßen – betroffen in seine Tasse, weil sich jeder auf seine Art schuldig fühlte.
Rupert fühlte sich schuldig, weil er sich anmaßte, höhergestellte Persönlichkeiten zu belehren, obwohl er im Grunde genommen ja irgendwie recht hatte.
Hannelore, weil sie bei allem, was sie sagte – oder auch nicht sagte, ihren Unmut über die derben, von Rüdiger möglicherweise lustig gemeinten Anspielungen über ihre nicht regengerechte Bekleidung einfach nicht wegstecken konnte.
Rüdiger von Walldorf, der sich nicht nur von Hannelore, sondern jetzt auch von Rupert angegriffen fühlte, sah in sich selbst den Ursprung dieser Angriffe und hatte keine Ahnung, wie er diese Situation ins Positive wenden könne.
So waren sie alle eine Zeit lang still, hörten dem Prasseln im Ofen zu und genossen die wohltuende Wärme, die dieser von sich gab.
Hannelore, welcher der Platz neben dem Ofen nun doch zu warm wurde, war aufgestanden und hatte den Sessel, wo sie ihre Kleider abgelegt hatte, etwas zur Seite geschoben und die Bekleidungsstücke umgedreht, sodass deren Kehrseite der Wärmequelle ausgesetzt war. Sie setzte sich nun ebenfalls zum Tisch, immer noch in die Decke gehüllt.
Dass sie diese nun nicht mehr so fest wie bisher um sich geschlossen hatte, dürfte sicher keine Absicht gewesen sein, nur Rupert war es doch aufgefallen. Viel hatte er ja nicht gesehen, aber man wusste nicht, was noch kommen würde. Darum war er aufgestanden und hatte sich wieder zum Fenster begeben und mit Freuden festgestellt, dass der Regen nachgelassen hatte, ja dass er fast gänzlich aufhörte.
„Und sie waren ganz alleine auf dem Berg?“, hörte er Rüdiger fragen, und Rupert tat es wohl, dass die Stille endlich wieder gebrochen war.
„Ach nein!“, lachte Rupert auf, „ich wollte auf den Berg, aber meine Kameraden haben mich im Stich gelassen und das Wetter ist dazwischengekommen. Und gerade als ihr gekommen seid, wollte ich wieder ins Tal, aber auch hier blieb es beim Wollen.“
Rupert hatte sich nicht umgedreht, als er das sagte, sondern hatte seinen Blick in die Ferne gerichtet. „Ich gehe nicht mehr so gerne alleine in die Berge“, fuhr er mit gedämpfter Stimme fort, und an seinen Händen, die er hinten über seinem Gesäß ineinandergelegt hatte und die sich nun in sich zu verkrallen begannen, merkte man seine innere Spannung. Ganz langsam und so als rede er nur mit sich selber, begann er sein Erlebnis zu erzählen:

„Seit damals nicht mehr, als mich der Berg abgeworfen hatte. Ich bin bis dahin oft sehr leichtsinnig und vor allem ein Einzelgänger gewesen. Nie wollte ich mich, hier in der Natur, einer Gemeinschaft fügen, war ich doch von Berufs wegen einer Gemeinschaft verpflichtet. Ich wollte frei sein, frei von allen Zwängen, und suchte diese Freiheit in den Bergen und merkte bald, dass diese Freiheit, die ich suchte, auch dort oben nicht zu finden war.
Die Berge geben nicht, die Berge lehren, und sie zwingen dich zur Kameradschaft und Hilfsbereitschaft. Sie lehren dir die Einfachheit, den Verzicht. Viel schneller und intensiver als irgendwo anders zeigen sie dir deine eigenen Grenzen auf, und wenn du leichtsinnig damit umgehst, ja wenn du diese Grenzen ignorierst oder sie gar überschreitest, darfst du dich nicht wundern, wenn der Berg dich fallen lässt.
Dabei ist es mir bei diesen Klettereien nie um den Gipfelsieg gegangen, auch nie um die Genugtuung, die Schwierigkeiten überwunden und den Berg oder die Wand bezwungen zu haben. Ich wollte einfach nur oben sein, ganz oben, den Himmel förmlich berühren und die Welt mit all ihren Problemen hinter mir lassen. Wollte sie ganz klein sehen, ihr entfliehen – sozusagen.
Ich merkte aber immer wieder, dass dieses Unterfangen nur ein Wunschdenken war und blieb. Immer waren meine Probleme, die ich abzuschütteln versuchte, mitgegangen, mitgeklettert, saßen am Gipfel neben mir, ja krochen mit mir in den Biwak-Sack, wenn ich die Nacht dort oben verbrachte, und waren immer noch da, wenn die Sonne mich weckte. Und doch war mir dort oben wohler als unten im Tal.
Darum bin ich auch immer wieder aufgestiegen, nicht nur auf diesen Berg, nein, auch auf alle anderen in dieser Gegend und habe auch in anderen Gegenden kaum einen Gipfel ausgelassen.
Doch immer war es das Gleiche, ja oft war ich frustrierter beim Abstieg als beim Aufstieg.
Und dann passierte es – dabei weiß ich gar nicht genau, wie es dazu kam. Möglich, dass der Stein zu locker saß, auf dem mein Fuß einen Halt suchte, möglich aber auch, dass ich auf dem Felsen abrutschte, wo ich meinte, einen Halt zu finden. Und dann ging es in die Tiefe, obwohl ich mich angeseilt hatte. Die letzten beiden Haken, die ich in den Fels geschlagen hatte, hatte es nur so ausgezupft, als wären sie lediglich dort gelegen, der dritte, der zwar auch nachgab, hatte meinen Fall etwas gebremst und den Aufprall gemindert.
Wie lange ich so dalag, weiß ich nicht mehr. Anfangs wollte ich meine Augen auch gar nicht aufmachen, und alle meine Knochen spürte ich einzeln. Auch brummte mir mein Schädel und es hämmerte in meinem Kopf, vor allem, als ich mir meiner aussichtslosen Lage bewusst wurde. Wer sollte mich hier suchen, sollte es mir nicht gelingen, ins Tal zu kommen?
Als ich dann doch die Augen öffnete und den blauen Himmel mit seinen vorüberziehenden Schönwetterwölkchen sah, trat jene Angst in den Hintergrund. Mein Herz war über diesen Anblick so froh – vielleicht weil ich erkannte, dass ich noch lebte. Mit einem Mal merkte ich, wie ich an meinem Leben hing. Ich wollte nicht sterben, also musste ich kämpfen und handeln.
Obwohl ich mir nichts gebrochen hatte, war ich doch nicht in der Lage aufzustehen und den geordneten Abstieg zu meistern. Die Schmerzen waren zu groß und immer, wenn ich mich aufrichten wollte, wurde mir schwindlig und die Gefahr stieg, von dem kleinen Felsvorsprung, auf dem ich lag, abzugleiten. Auch war meine Thermosflasche in die Brüche gegangen und ich hatte nichts zu trinken.
Ich blieb noch eine lange Zeit so liegen und wollte die Hoffnung schon aufgeben, als mir ein kleines Grasbüschel, das im Hauch des Windes zitterte, mir wieder Mut machte. Auch diese zarten Gräser kämpften, in einer für sie unwirtlichen Gegend, ums Überleben und dachten doch nicht ans Aufgeben.
So hatte ich begonnen – viel Zeit hatte ich ja –, mich auf einen längeren Aufenthalt vorzubereiten. Ich schlug zwei Sicherungshaken ein und befestigte daran den Biwak-Sack, in den ich dann umständlich zu kriechen versuchte. Dabei hatte ich mich so ungeschickt bewegt, dass auch noch mein Rucksack verloren ging. Ich ärgerte mich fürchterlich darüber, ohne zu wissen, dass genau dies meine Rettung einleitete. Mein Rucksack wurde gefunden und ich aus der Wand geholt.
Mit meinen Rettern blieb ich, obwohl sie nicht aus dieser Gegend waren, jahrelang verbunden. Sie waren es auch, die mir wieder Mut machten, in die Berge zu gehen. Durch sie entdeckte ich die Schönheit einer echten Kameradschaft. Aber auch die Schönheit der Umgebung, die sich mit jedem Schritt änderte und Freude ins Herz bringt, offenbarten sie mir aufs Neue.
Ich wurde ein anderer Mensch. Ich nahm plötzlich die Schönheit der Natur wahr – jedes Grashalmes, jeder Blume – erfreute mich an den stetig ändernden Anblicken der Gegend, ja auch ein abgebrochener Ast, der quer über dem Weg lag und dem ich früher kaum Beachtung geschenkt hätte, vermochte jetzt mein Herz zu erfreuen.
Ich konnte mich am Spiel der Schatten, von der Sonne gezeichnet, aber auch am Nass, durch den Regen produziert, kaum sattsehen. So begann ich selber zu zeichnen. Zuerst waren es Blumen und Gräser, dann zeichnete ich Berge und ganze Landschaften. Sehr gut bin ich noch nicht, aber ich werde, wie ich meine, mit der Zeit immer besser.“

Rupert stand immer noch so beim Fenster und hielt seine Hände an der Rückseite seines Körpers gekreuzt und meinte in die Stille hinein, die entstanden war: „Verzeihung, aber so viel habe ich schon lange nicht mehr geredet, ich weiß auch nicht, warum ich das eigentlich getan habe!“
„Vielleicht um mich ebenfalls zum Reden anzuregen“, meinte Hannelore lachend, die immer noch in der Decke eingehüllt dasaß und in die Tasse hineinschaute, in der aber schon lange kein Tee mehr war. „Nur, ich bin keine Plaudertasche und habe auch nicht vor, eine zu werden“, sagte sie etwas lang gezogen.
Eigentlich hätte sich Rupert angegriffen fühlen können, aber er war es nicht.
Hannelore war aufgestanden, hatte ihre nun trockenen Kleider genommen und war hinauf zum Matratzenlager gegangen, um schon nach kurzer Zeit wieder voll adjustiert zu erscheinen. Auch hatte sie anscheinend die Decke, in die sie eingehüllt gewesen war, wieder an ihren Platz zurückgelegt, denn sie tauchte ohne diese auf.
„Von mir aus können wir wieder gehen“, sagte sie an Rüdiger von Walldorf gewandt, „meine Sachen sind trocken und ich fühle mich wieder sauwohl, dank dem ausgezeichneten Tee vom Rupert und der Gastfreundschaft dieses Hauses. Wird mir wohl lange in Erinnerung bleiben!“
„Was“, fragte nun Rüdiger von Walldorf spitz, „der Tee, die Gastfreundschaft oder Rupert?“
„Eifersüchtig? Du hast wohl keinen Grund dazu, oder?“ Hannelore hatte wieder ihre kämpferische Haltung eingenommen und Rupert ließ sein „Leutln, streitet’s schon wieder?“ hören.
„Aber keineswegs“, sagte Hannelore mit einer vielsagenden Handbewegung, „dass schaut vielleicht nur so aus, wir streiten doch nie! Stimmt’s, Herr Graf?“
Rüdiger von Walldorf zog es vor, darauf nichts zu sagen, und Rupert, dem die Angelegenheit peinlich war, machte sich am Ofen zu schaffen. Er hatte die Asche, die noch leicht glühte, durch den Rost gerüttelt und schickte sich an, diese in der Aschenlade ins Freie zu bringen und in der Grube zu entsorgen. Er hatte dann noch etwas Erde darüber gegeben, sodass keine Gefahr bestand, ein Feuer zu entfachen.
Als er mit der Aschenschale in der Hand wieder die Hütte betrat, kam ihm Hannelore bereits im Flur entgegen, alleine, wie es schien.
„Darf ich dich ins Tal begleiten? Alleine würde ich mich sicher verlaufen“, sagte sie, als Rupert gerade an ihr vorüberging.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 192
ISBN: 978-3-99048-355-8
Erscheinungsdatum: 23.03.2016
EUR 15,90
EUR 9,99

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