Cover: Kummer's Kurze – 2

Kummer's Kurze – 2
Aus dem Leben ges(ch)ehen – Von einer heißen Nacht in Spanien, Banküberfall mit Bauchlandung und Abfahrt mit dem Tod


EUR 25,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 198
ISBN: 978-3-99130-761-7
Erscheinungsdatum: 23.10.2025
33 neue Kurzgeschichten, die mit Charme, Witz und Tiefgang den Alltag beleuchten. Zum Schmunzeln, Staunen, Nachdenken – und vielleicht sogar zum Träumen. Willkommen bei „Kummer’s Kurze – Band 2“!
Vorwort


Als ich im Juli 2024 mein erstes fertiggestelltes Buch in den Händen hielt, verspürte ich große Freude und Genugtuung. Ich war dankbar, dass mir dieses Projekt dank toller Unterstützung des novum Verlags gelungen ist. Bereits während der Geburt meines ersten Buches habe ich damit begonnen, weitere Kurzgeschichten und Zwischentöne zu Papier zu bringen. Nach einer komplikationsfreien Schreibzeit von 9 Monaten hat das Manuskript meines zweiten Buches das Licht der Welt erblickt.

Ich verdanke es zahlreichen Erlebnissen mit meinen Mitmenschen sowie allerlei Schlagzeilen in verschiedenen Medien, genügend Stoff für weitere Texte zu erhalten. Das Prinzip der Wahrheiten und Halbwahrheiten lebt auch im vorliegenden, zweiten Buch weiter.

Wiederum sind es 33 Kurzgeschichten, die zum Schmunzeln und Nachdenken anregen sollen. Warum gerade 33 und nicht 30 oder 40? Die Zahl 33 hat für mich und meine Familie eine besondere Bedeutung, wohnten wir doch während sehr langer Zeit in Neuenburg in einem Haus mit der Nummer 33. Wir alle haben deshalb diese Zahl irgendwie in unsere Herzen geschlossen. Und dort wird sie für uns auch als symbolisches Zuhause bleiben.

Ich wünsche Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, viel Freude mit meinem zweiten Buch, den Geschichten 34 bis 66. Lehnen Sie sich zurück und lassen Sie sich überraschen.





34
Gepfefferter Terrorverdacht


Ein paar Tage vor Ostern 2009 liefen meine Frau und ich mit unserem Handgepäck durch den Transit des Flughafens von Porto. Unser Flugzeug der portugiesischen Fluggesellschaft TAP landete vor ein paar Minuten, von Genf kommend, nach einem kurzen Flug sicher in dieser am Atlantik gelegenen Stadt nördlich von Lissabon. Von Porto aus sollte es weitergehen nach Funchal, Hauptstadt der weltweit bekannten, ebenfalls zu Portugal gehörenden Blumeninsel Madeira. Meine Frau hatte diese Insel zur Feier unseres 20. Hochzeitstages ausgesucht. Wir feierten zwar unseren Hochzeitstag erst im September, wollte man aber die fantastische Blütenpracht dieses Inseljuwels im Atlantik bewundern, musste man sie eben im Frühjahr besuchen.

Für unseren Transfer in Porto stand nicht viel Zeit zur Verfügung. Obwohl wir bereits am Flughafen Genf die obligatorische Sicherheitskontrolle erfolgreich passiert hatten, mussten wir in Porto nochmals dasselbe mühsame Prozedere über uns ergehen lassen. Als wir an der Reihe waren, legte ich unter anderem auch meine Windjacke auf das Laufband. Meine Windjacke passierte unter scharfer Beobachtung der am Bildschirm sitzenden Kontrolleurin den Röntgenkanal. Dabei realisierte ich, dass die geschulten Augen der Kontrolleurin etwas Verdächtiges gesehen haben mussten, denn sie nahm rasch meine Windjacke vom Band, öffnete eine der Seitentaschen und holte einen kleinen Gegenstand hervor. Zum Vorschein kam ein Pfefferspray. Als ich das Pfefferspray in den Händen der Kontrolleurin sah, sagte ich zu mir: „Shit! Shit happens!“ Erst jetzt realisierte ich, dass ich doch glatt vergessen hatte, das Pfefferspray vor unserer Reise aus der Windjacke zu nehmen und zu Hause zu lassen. Das Pfefferspray hatte ich aus Gewohnheit stets dabei zu unserem eigenen Schutz vor Hunden, denen wir bei unseren täglichen Spaziergängen begegneten. Hunde, die leider nicht immer gut dressiert waren und auch schon versucht hatten, uns zu beißen. Das Pfefferspray hätte ich eingesetzt, wenn einer dieser Hunde zu gefährlich geworden wäre. Ich habe das Spray trotz einiger kritischer Situationen bisher nie zu Hilfe nehmen müssen. Ein Grund mehr, dass es in meiner Windjacke in Vergessenheit geraten war.

Bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen von Porto stand ich wegen dieses Pfeffersprays sofort unter Terrorverdacht. Kein Witz! Die Sicherheitskontrolleurin verwendete am Telefon gegenüber ihrem Gesprächspartner das Wort „Terrorist“. „Wow, jetzt wird es spannend“, sagte ich zu meiner leicht schockierten Frau. „Was wird jetzt passieren? Können wir trotzdem noch rechtzeitig unser Flugzeug nach Funchal erreichen?“ Wir wussten ja, dass wir keine Terroristen waren, aber die portugiesischen Sicherheitskräfte wussten es noch nicht.

Es dauerte keine zehn Minuten, und ich wurde von vier, ja vier, Flughafenpolizisten abgeholt. Meine Frau musste alleine und besorgt zurückbleiben. Ich wurde von den strammen Beamten in ein Kontrollbüro der Sicherheitskräfte eskortiert. Dort angekommen, musste ich zahlreiche Fragen beantworten. Dabei habe ich auch erwähnt, dass anlässlich der Sicherheitskontrolle am Flughafen Genf mein Pfefferspray unentdeckt geblieben sei. Die Beamten nahmen dies ohne weiteren Kommentar zur Kenntnis. Bei mir hinterließ jedoch die Ungenauigkeit der Sicherheitskontrolle am Flughafen Genf einen fahlen Beigeschmack. Wie vertrauenswürdig und zuverlässig waren solche Kontrollen überhaupt? Ganz abgesehen von Sicherheitskontrollen in anderen, weniger entwickelten Ländern.

Nebst der Beantwortung zahlreicher Fragen musste ich unzählige Formulare ausfüllen. Dabei dachte ich unweigerlich an den in der Schweiz oft gehörten Spruch: „Von der Wiege bis zur Bahre, Formulare, Formulare.“ Dies galt nicht nur für die Schweiz, sondern offensichtlich auch für Portugal. Nach einer gefühlt langen Zeit war dieses langwierige Prozedere endlich vorbei. Die Flughafenpolizei hatte realisiert, dass ich ein völlig harmloser 08/15-Schweizer Tourist war ohne terroristischen Absichten. Jetzt ging alles etwas schneller. Ein Beamter führte mich auf verschlungenen Wegen durch den Flughafen zu meiner wartenden Frau zurück. Sie war überaus froh, mich endlich wieder unversehrt zu sehen, und wir waren beide sehr dankbar, wieder zusammen zu sein.

Während des ganzen unerwarteten Zwischenfalls wurde ich von den portugiesischen Sicherheitskräften sehr korrekt und mit Anstand behandelt. Da gab es nichts zu kritisieren. Alle involvierten Beamten korrespondierten mit mir in französischer oder englischer Sprache. Portugiesisch war und ist überhaupt nicht mein Ding. Da verstehe ich auch heute nur Bahnhof.

Meine Frau und ich wurden umgehend von einer Flight-Assistentin der Fluggesellschaft TAP auf direktestem Weg zum Flugzeug geführt. Wir konnten nach dem Pfefferspray-Zwischenfall unseren Ferienvogel gerade noch rechtzeitig besteigen. Die Blicke der anwesenden Passagiere, die gezwungenermaßen auf uns warten mussten, sprachen Bände. Doch das war uns in dieser Situation ziemlich egal. Hauptsache, wir waren endlich an Bord. Unserem Weiterflug nach Funchal stand nun nichts mehr im Weg. Der gepfefferte Terrorverdacht hatte doch noch ein gutes Ende genommen. Wir machten es uns in unseren Sitzen bequem, genossen die wiedergefundene Zweisamkeit und freuten uns jetzt umso mehr auf unsere vorgezogenen, zweiwöchigen Hochzeitsferien auf Madeira.

Das Pfefferspray blieb selbstverständlich in der Obhut der Flughafenpolizei. Ein paar Monate später hatte ich auf meine Anfrage hin von der portugiesischen Polizei erfahren, dass unser Pfefferspray im Polizeihauptquartier von Lissabon einen Ausstellungsplatz gefunden hatte. Auf einer kleinen Erklärungstafel neben unserem Pfefferspray sei in portugiesischer Sprache zu lesen: „Gepfefferter Terrorverdacht“.


***


„Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“

Otto Julius Bierbaum

Diese Aussage habe ich bis zum heutigen Tag in unzähligen positiven wie auch negativen Momenten gemacht. Ich bin überzeugt, dass ein gesunder Humor hilft, schwierige Zeiten besser zu meistern und durchzustehen, ohne dass dabei das Mitgefühl und die Empathie vernachlässigt werden müssen. Verstehen Sie, was ich damit meine?


***





35
„Happy Birthday“-Fake


Im Spätherbst 1986 verbrachte ich mit einem sehr guten Freund, Kurt, vier erlebnisreiche Ferienwochen im östlichen Kanada und in New England, einer wunderbaren Region im Osten der USA. Wir wählten ganz bewusst diese Jahreszeit für unsere Reise, um den Indian Summer in vollen Zügen genießen zu können. Die Natur war einfach fantastisch: Die verschiedenen Farben der weiten Landschaften, unendlichen Wälder, türkisblauen Seen und Flüsse strahlten im Sonnenlicht um die Wette – unbeschreiblich schön. Bisher kannte ich den Indian Summer nur vom Hörensagen. Jetzt durfte ich ihn erleben. Ich hatte noch nie solch knallgelbe und -rote Ahornblätter in natura gesehen. Es wirkte beinahe kitschig und war dennoch natürlich. Wir kamen vor Staunen kaum mit dem Fotografieren und Filmen nach.

Wenn einem so viel Schönes wird beschert, ist dies schon ein Besuch der Stadt Boston wert. Wir wollten unbedingt auf unserer Fahrt nach New York einen Stopp in dieser schönen Stadt am Atlantik einlegen. Kurt kannte dort einen Studenten, Steve, der uns zum Übernachten in sein Ministudio eingeladen hatte. Diese Einladung nahmen wir natürlich gerne an. Aufgrund des damals hohen US-Dollars konnten wir auf diese Weise wieder ein paar Franken sparen. Als wir das Ministudio betraten, realisierten wir sofort, dass dies kein Ministudio, sondern ein Superministudio war. Wir kamen uns vor wie in einem Kaninchenstall, aber hatten immerhin unser Plätzchen zum Schlafen. Vom Militärdienst waren wir enge Platzverhältnisse mehr als gewohnt.

Abends führte uns Steve in ein gutes Restaurant der Mittelklasse im Zentrum von Boston. Kurt und ich wollten ihn zum Abendessen einladen, da er uns die Tür seines Superministudios zum Übernachten geöffnet hatte. Das Restaurant schien in Boston bekannt zu sein, denn es war sehr gut besucht an diesem Abend. Wir fanden gerade noch einen Tisch, wo wir zu dritt Platz nehmen konnten.

Nach der Vor- und Hauptspeise hatten wir alle drei noch Lust auf ein Dessert. Kurt und ich schauten Steve an und sagten ihm, dass er heute Geburtstag habe. „Aber ich habe heute gar nicht Geburtstag“, erwiderte Steve ganz erstaunt. „Das spielt überhaupt keine Rolle“, gab ich ihm zur Antwort. „Wir sagen dem Servierpersonal, dass du heute Geburtstag hast, und fragen, ob sie für Geburtstagskinder ein Dessert spendieren würden. Wir haben das schon woanders auch gemacht. Meistens hat es problemlos funktioniert, und die Restaurants offerierten ein Gratisdessert. Also packen wir die Gelegenheit, versuchen wir es doch auch in diesem Restaurant. Und du, Steve, du bist das Geburtstagskind!“ „No, no, no! Das kommt nicht infrage. Da mache ich nicht mit. Das wird doch nie klappen, nie und nimmer. Ich bin Student und will keinen Ärger riskieren“, wehrte sich Steve zuerst vehement gegen unseren Vorschlag. Wir gaben jedoch nicht so schnell auf und bearbeiteten Steve mit unseren Argumenten und Erfahrungen so lange, bis er schließlich einwilligte. Zwar etwas widerwillig, aber er stimmte zu. „Super, Steve! Du wirst deinen Spaß daran haben. Du wirst sehen. Wir werden uns köstlich amüsieren. Lass uns nur machen. Du brauchst, wie gesagt, nur ‚ja‘ zu sagen, wenn du gefragt wirst, ob du heute tatsächlich Geburtstag hast. Alles klar?“ Steve bejahte, aber man sah ihm sein mulmiges Gefühl von Weitem an.

Nun folgte die nächste Phase. Auf mein Handzeichen kam die Bedienung an unseren Tisch. Ich erklärte der Dame, dass Steve heute Geburtstag hatte und wir deshalb hier seien, um zu feiern. „Spendiert Ihr Restaurant ein Geburtstagsdessert oder etwas anderes?“, fragte ich mit einem möglichst unschuldigen Blick. „Oh, herzlichen Glückwunsch zu deinem Geburtstag, Steve!“, sagte die Bedienung zu Steve, der sich ebenso herzlich dafür bedankte. Ein Schauspieler hätte das nicht besser hinkriegen können. Die Bedienung fuhr fort: „Ja, selbstverständlich. Wir offerieren in solchen Fällen gerne das Dessert.“ „Super, das ist aber sehr nett von Ihnen, vielen Dank“, erwiderten wir alle drei im Chor und sehr glaubwürdig.

Wir mussten nicht lange warten. Nach rund 15 Minuten traten mehrere Personen des Personals „Happy Birthday“ singend an unseren Tisch und servierten uns freudestrahlend ein wunderbares Dessert. Wir freuten uns alle drei riesig über die gelungene Überraschung für unseren Steve. Dieser konnte es immer noch nicht fassen, dass alles so problemlos klappte. Wir genossen das wunderbare Geburtstagsdessert, es war ausgezeichnet und zudem schön präsentiert. Obwohl der „Happy Birthday“ von Steve ein Fake war, hatten wir kein schlechtes Gewissen und konnten so das Gratisdessert gut verdauen.

Schließlich verabschiedeten wir uns vom Personal des Restaurants mit einem anerkennenden Trinkgeld, traten gut gelaunt nach draußen und machten uns auf den Heimweg zu Steves Superministudio. Steve konnte immer noch nicht richtig fassen, dass alles so gut geklappt und er dabei echt viel Spaß gehabt hatte.

Ein paar Tage später machten Kurt und ich uns auf die Weiterreise nach New York. Wir verabschiedeten uns von Steve mit einem „Happy Birthday to you!“. Er krümmte sich einmal mehr vor Lachen, ein unvergessliches Erlebnis für uns alle.

Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob Steve seither wieder einmal mit einem „Happy Birthday“-Fake in einem Restaurant zu einem Gratisdessert gekommen ist.


***


In unserer, in jeder Hinsicht bewegten und fragilen Welt geschieht tagtäglich unglaublich vieles. Die Bildschirme unserer Handy überfluten uns direkt und in Sekundenschnelle mit Nachrichten aus aller Welt. Sofern das Handy eingeschaltet ist, versteht sich. Erfreuliches und Trauriges, Positives und Negatives, Wahrheiten und Lügen – alles ist dabei. Unser Gehirn hat sodann die beinah unmögliche Herausforderung, die auf uns über Augen und Ohren einprasselnden Meldungen zu verarbeiten. Zudem trifft es alle Vorkehrungen, damit die mit einem Handy konfrontierten Menschen trotz all diesen Good, Bad oder Fake News einigermaßen weiter funktionieren können.

Wenn dann unser Gehirn bei dieser anstrengenden und mühsamen Arbeit an seine Grenzen kommt und es ganz einfach nicht mehr mag, sendet es mit letzter Kraft ein „SOS“ an die auf dem Handy herumtanzenden Finger:

„Handy abschalten, sofort!“

Bleibt nur zu hoffen, dass die Finger dieses SOS unseres wertvollen Gehirns ohne Wenn und Aber umgehend in die Tat umsetzen, bevor Schlimmeres passiert.


***

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