Zenobios’ Kabinett

Zenobios’ Kabinett

Alexandra Kanobel


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 54
ISBN: 978-3-903271-67-8
Erscheinungsdatum: 20.07.2020
Zenobios betreibt mit Horamor eine Partnervermittlung. Doch was hat es mit seinem Kabinett - ein kleines geheimes Kämmerlein - auf sich? Was verbirgt er darin? Und glaubt er tatsächlich, als Herr über die Liebe walten zu können?
1. Szene

„Horamor“ stand auf dem roten Reklameschild in goldenen, schnörkeligen Buchstaben. Deutlich schien es den Passanten entgegen und lud sie ein einzutreten in das Reich der Liebe. „Ja, wollen Sie denn ewig alleine bleiben?“, fragte es ungläubig, zugleich ein einsames unglückliches Leben verheißend, sollte man die einmalige Chance nicht wagen, jetzt und nur hier sein Glück in einem anderen Menschen zu finden. Durch große Fenster, in denen sich die Außenwelt spiegelte, konnte der vorbeihetzende Passant einen kurzen Einblick in diese Welt der Liebe und des Glücks nehmen. Wagte man es, einzutreten, schwoll dem Abenteurer süßes Rasierwasser entgegen und man sah gepolsterte Biedermeier Sitzmöbel, eine große gläserne Vitrine und einen runden Tisch, auf dem Zenobios, Besitzer der Firma Horamor, die Verträge mit seinem Klienten zu unterzeichnen pflegte. Gegenüber der Eingangstür hing ein Bild des Lindauer Hafens von J. Albrecht. Auf dem Boden lag ein rot-gold-schwarzer Perserteppich. Zenobios selbst saß hinter seinem Schreibtisch und studierte die Verträge, die er mit den letzten Kunden geschlossen hatte. Seine Augen wanderten hastig über die Zeilen, bis er endlich mit einem zufriedenen Lächeln den letzten Satz gelesen hatte. Er nahm seine Taschenuhr aus der Seitentasche seiner smaragdgrünen Weste. Ein kurzer Blick und er klappte die Verträge zu, gab sie in seinen Aktenschrank, der hinter ihm an der Wand unter dem Lindauer Hafen stand, und nahm sein dunkelrotes Jackett von der Sessellehne, welches zu seiner Stoffhose farblich passte. Er zog seine Lederschuhe aus und gab sie in einen Sack. Dann zog er seine Sportschuhe an. Die Kette an der der Schlüssel hang klapperte, als er eine Tür aufsperrte, die in einer Nische in der Wand verborgen war. Kurz darauf verschwand er darin. In dem Raum auf einem Tisch lagen viele kleine runde Magnete, mit wächsernen Fingerabdrücken darauf geklebt, auf runden Scheiben aus Messing, einzeln oder jeweils paarweise zusammen. Zenobios nahm zwei dieser Magneten und entmagnetisierte sie durch starkes Erhitzen auf einem Gasbrenner. Zuvor kratzte er die Wachsschicht von ihnen rasch, jedoch sorgfältig herunter.
Es war nun siebzehn Uhr. Er schloss die Tür des Kabinetts hinter sich zu und versperrte diese sorgsam. Mit einem Gefühl der Befriedigung und einem Lächeln auf seinen Lippen über die getane Arbeit verließ Zenobios sein Geschäft und machte sich auf den Weg zum Tarockspielen, statt dem Theaterbesuch, den er mit Anna ausgemacht hatte. Das Theater, jedoch, entfiel. Beide Hauptdarsteller waren erkrankt. So nahm er den Sack mit den Schuhen und fing durch die in dämmrigen Licht gelegenen Straßen an zu laufen. Sein Kopf brummte. Er hatte Kopfschmerzen. In den Straßen war es ruhig. Die kühle Luft wirbelte seine Schmerzen durcheinander. Nach einer viertel Stunde kam er bei seinen Freunden leicht verschwitzt an.

Zwölf Karten teilte Herr Jung aus. Seine Frau, Zenobios und Herr Albrecht saßen als Spieler am Tisch.
„Treff zwei beginnt“, gab Herr Jung an.
Zenobios überlegte kurz. Die Karte fühlte sich glatt an in seiner Hand. Er drehte sie, befühlte ihre Kanten. Dann warf er sie auf den Tisch.
„Ihrer, Zenobios“, sagte Herr Albrecht.
„Neunzehn Punkte“, zählte Zenobios.
Herr Jung schaute kurz in seine Karten und fixierte dann Zenobios. Nach einer kurzen Weile fragte er: „Wie gehen Ihre Geschäfte, werter Herr Zenobios?“
Überrascht über die plötzliche Frage sah er auf und fing an zu sprechen. „Danke, gut. Ich kann mich nicht beklagen.“
Herr Jung, unzufrieden mit dieser Antwort, stocherte weiter herum. „Aber, haben Sie überhaupt genug Klienten, die sich in die Höhle des Löwen wagen? Ich meine, gibt es genug Menschen, die sich auch heute noch mittels einer Partneragentur verlieben wollen?“
„Die Leute wollen sich immer verlieben, es sei denn sie sind gerade verliebt! In diesem Punkt wird sich nie etwas ändern. Der Mensch ist und bleibt ein Herdentier“, gab Zenobios zur Antwort.
„Finden alle Ihre Kunden die wahre Liebe?“, wollte Frau Jung wissen.
„Die wahre Liebe?“, fragte Zenobios erstaunt. „Nun, ich möchte wohl sagen nein. Was ist das überhaupt ‘die wahre Liebe’? Ja, gibt es sie überhaupt?“
„Ja, natürlich! Wie können Sie daran zweifeln?“, protestierte Herr Jung, seiner Frau beipflichtend.
„Ich bin überzeugt, dass es sie nicht gibt! Die Liebe, mein Freund, ist wie ein Feuerwerk. Sie entsteht aus dem Nichts und hält kurz an, um dann im Nichts wieder zu verblassen. Lieber bin ich allein, als Zeit an eine andere Person zu verschwenden“, sagte Zenobios.
„Der Mensch braucht den anderen Menschen, geradezu wie die Rosen. Allein verwelken sie! Wie können Sie, gerade Sie, der eine Partneragentur betreibt, und mit siebenunddreißig in seinen besten Jahren ist, daran zweifeln?“
Seine Frau sah ihn liebevoll an und sagte ihm beipflichtend: „Richtig, mein Schatz.“
„Weil ich es weiß. Als Freund braucht man andere Menschen, ja. Einem helfend und unterstützend, aber nicht als ewiger Liebespartner“, sagte Zenobios und strich sich seine dunkelbraunen Haare nach hinten. Sich nicht über den Protest seines Spielgegners aufregend, sagte er die Worte ohne Aufregung.
„Als Liebhaber!“, konterte Herr Jung. „Kann ich je nur befreundet sein mit dem Mensch, den ich liebe? Will ich nicht immer mehr? Ein liebevolles Wort? Eine zärtliche Umarmung? Leidenschaft?“, fragte er ungläubig.
„Aber ich will nicht ‘mehr’, wie Sie es so schön andeuten. Was ist das schon? Mehr? Geld? In welcher Form? Kann ich denn mit Liebe bezahlen? Wofür ist es überhaupt von Nutzen? Das ‘Mehr’ hält nur für einen Augenblick. Dann ist es wieder weg. Menschen tun so viel, um Liebe in einem anderen Menschen zu wecken, nur um die besagte Leidenschaft kurz ihr Eigen nennen zu können. Und danach? Danach warten sie, viele vergeblich, und andere, die rennen der Leidenschaft krampfhaft hinterher, nur um sich wieder damit berauschen zu können, geradezu in die Wolken hinein. Nein. Liebe ist nichts weiter als Ablenkung, mit der man nicht in den Wagen steigen sollte, in dem man sicher auf der Straße fahren will.“
„Lieber bin ich dann abgelenkt, als nie im Geiste meinen Tagträumen zu gedenken. Und wäre es nur eine Sekunde, in der ich diesen Traum kosten dürfte, so wollte ich gern dafür leben“, echauffierte sich Herr Jung mit aufgeregter Stimme.
„Ein verschwendetes Leben“, sagte Zenobios trocken und kalt.
„Herr Zenobios, haben Sie denn gar keine Liebe in sich? Was ist mit Anna und Ihrer Tochter? Haben Sie die nicht lieb?“
„Einst, wie ich noch nichts von der Liebe wusste. Aber ich habe in all den Jahren, seit ich von der Restauration zum Geschäft mit der Liebe gewechselt bin, sehr viel dazugelernt. Man kann Liebe nicht kaufen, nicht mit allen Mitteln der Welt, auch nicht mit sich selbst.“
„Ich weiß, Anna hat Sie verlassen, aber haben Sie selbst Ihre kleine Tochter Eleonore nicht mehr lieb?“
„Eleonore ist noch ein Kind. Sie kennt noch nicht die großen Sorgen und die Trauer der Erwachsenen, sind sie einmal alleine“, sagte Zenobios.
„Irgendwann ist Eleonore Erwachsen?“, sagte Herr Albrecht.
„Glauben Sie?“, sagte Zenobios.
„Aber sicher!“, sagte Herr Jung.
„Sie sind grausam!“, sagte Zenobios.

Zenobios dachte an Eleonore, seine kleine Eleonore, wie er das letzte Mal mit ihr mit der Eisenbahn gespielt hatte. Gelacht hatte sie. Ein wunderbares, fröhliches Lachen, wie der Ton der hellsten Glocken war ihr Lachen zum Himmel empor gestiegen. Seine Gedanken schweiften zu dem rot-blauen Nussknacker, den er Eleonore geschenkt hatte, und der jetzt kaputt in seinem Geschäft immer in seinem Blickfeld stand, bereit zur Reparatur.

„Irgendwann werden Sie wieder eine zufriedene, harmonische Ehe führen, Herr Zenobios“, unterbrach ihn Herr Jung in seinen Gedanken.
„Um sich wieder scheiden zu lassen und Schmerzen ertragen zu müssen? Nein! Heiraten ist nur noch der letzte Verrat an den eigenen Gefühlen. Will man auf sich achten, liebt man nicht und schon gar nicht heiratet man!“, gab Zenobios den anderen Mitspielenden den Rat. „Liebe ist doch nichts als dauernde Mühe.“
„Die es wert ist“, sagte Herr Jung.
„Sie blendet“, sagte Zenobios.
„Sie macht die Welt zu einem schöneren Ort“, wandte Herr Jung ein.
„Doch ist nichts als Abhängigkeit“, fügte Zenobios hinzu.
Herr Jung sah kurz liebevoll zu seiner Frau. „Ich würde mich leer und leblos ohne meine geliebte Frau fühlen. Mein lieber Herr Zenobios, Sie verkennen die Liebe. Sie ist nicht, kann nicht perfekt sein. Jede Liebesbeziehung hat runde Flächen, aber auch Ecken und Kanten. Stich! Dreiundzwanzig Punkte.“
Das halbe Gespräch verstummte wieder und die Kontrahenten tarockierten die halbe Nacht weiter. Immer wieder hörte man sie „Stich!“ rufen und manchmal, wie jeder die Punkte zählte. Runde um Runde wurde gespielt, bis schließlich die letzte Runde um halb drei Uhr gespielt worden war. Zenobios übernachtete bei den Jungs.

Als Zenobios am nächsten Morgen die Tür zu seinem Geschäft öffnete, stand bereits die Sauergemüsefrau hinter ihm mit ihrem Regenschirm in der Hand, der ihre schwarze Hose und ihren weißen Pullover vor dem Regen schützen sollte. Ihre dunkelgrünen Augen sahen Zenobios wild an, als sich schon ihre vollen Lippen zu bewegen begannen.
„Guten Morgen, Herr Zenobios.“ Ohne auf seinen Gruß zu warten, sprach sie weiter. „Herr Zenobios, ich musste Sie unbedingt sehen. Wissen Sie, der letzte Liebhaber, den sie mir verschafft haben. Sie wissen schon, Gustav. Ich dachte, er sei der Mann fürs Leben. Dafür hab ich schließlich auch bei Ihnen bezahlt. Für die ‘Ewige Liebe’, sie war ja auch teuer genug. Ha ha!“, lachte sie leicht heiser. „Aber, was glauben Sie? Nichts. Nach nur einem Monat war wieder Schluss. Ich weiß nicht warum, aber ich kann ihn nicht mehr ausstehen. Dabei hab ich mir so großes von ihm erhofft. Schon bei der ersten Verabredung hatte es gefunkt, dafür hab ich ja auch schließlich bezahlt. Ha ha!“, lachte sie wieder Dann wurde sie ärgerlich. „Sie haben mir versprochen, dass er sich sofort in mich und ich mich sofort in ihn verlieben werde. Doch nichts. Kein Funke Liebe. Nicht einmal ein Funke meines Verstandes konnte die Liebe entfachen lassen!“
„Nicht einmal ein Lächeln?“, fragte Zenobios.
„Nicht einmal das für eine Sekunde!“, erwiderte die Sauergemüsefrau.
„Bitte treten Sie doch ein und setzten Sie Sich!“, sagte er höflich zu ihr gewandt mit einem grinsenden Lächeln im Gesicht. „Das Lokal ist gut geheizt und es gibt Gin!“
Mit diesen Worten drehte er den Schlüssel im Schloss um und öffnete die Tür. Sie Sauergemüsefrau trat ein, nach ihr Zenobios.
„Bevorzugen Sie eher grün oder rot?“, fragte er.
„Rot, ganz nach der Farbe der Liebe!“, antwortete sie.
Zenobios gab in das Glas mit der durchsichtigen Flüssigkeit einen roten Eiswürfel. Sie nippte daran. „Schmeckt gut!“, bemerkte sie, „Wie immer!“ Es verging eine viertel Stunde, in der die Sauergemüsefrau das eigenartige Getränk drunk. Zenobios war mit allerlei Tätigkeiten beschäftigt. Er öffnete die Balken der Fenster und kramte in seinem Aktenschrank herum. Doch dann hatte die Wirkung des Gesöffs eingesetzt. Kurz wurde es für die Sauergemüsefrau im Raum leicht nebelig. „Sie müssen Ihre Belüftung wieder kontrollieren!“, sagte sie zu Zenobios. „Ach ja. Ja! Danke!“, antwortete Zenobios. Dann war er für sie bereit.

Sagen Sie, wie machen Sie das überhaupt?“
„Geschäftsgeheimnis, meine Liebe“, lächelte Zenobios höflich.
„Na ja, ist ja auch egal, mir jedenfalls. Herr Zenobios, können Sie mir nicht einen neuen Mann verschaffen?“
„Ja, natürlich. An den Männern soll’s nicht scheitern. Ich habe eine große Auswahl an Klienten, die sich über eine Dame wie Sie, selbstständig und im besten Alter, sicher freuen würden. Die Frage ist nur, wie lange wollen Sie diesmal in ihn verliebt sein? Ein Monat oder länger?“
„Nein! Nein! Diesmal will ich kein Risiko eingehen und meine Zeit an jemanden verschwenden, für den es sich später nicht auszahlt. Diesmal will ich mich bitte nur zwei Tage in ihn verlieben. Das sollte reichen um herauszufinden, ob er ‘der Richtige’ ist oder wieder ein Schuss ins Leere.“
„Gerne, meine Liebe. Moment, ich hole nur einen Vertrag und das Nötige setzen wir ein.“
Zenobios sah auf die Uhr.
„Ja, sicher. Einen Wachsabdruck haben Sie ja noch von mir. Genügt der oder müssen wir einen neuen machen?“
„Der genügt vollends.“
Damit holte Zenobios einen vorgefertigten Vertrag aus einer Schublade seines Schreibtisches und brachte ihn zu dem kleinen runden Tisch, wo die Sauergemüsefrau bereits Platz genommen hatte. Er füllte den Vertrag mit zwei Tagen als Ablauf der Liebe aus und gab ihn schnell der Sauergemüsefrau zum Unterschreiben. Schnell war der Handel geschlossen. Die Frau zahlte und Zenobios sagte ihr, wo sie ihren neuen Liebhaber treffen würde. Zufrieden verließ die Sauergemüsefrau das Geschäft. Zenobios wischte sich den Schweiß von der Stirn und schloss den Vertrag in seinen Aktenschrank unter „S“. Dann ging er durch die Wandtür in das Magnetenkabinett. Er nahm den Magneten mit dem wächsernen Fingerabdruck der Sauergemüsefrau und einen anderen Abdruck auf einem Magneten von einem Mann und stellte sie so zusammen, dass sie sich, nachdem er sie mit einem anderen Magneten wieder magnetisiert hatte, anzogen. Sofort konnte er sie nicht mehr trennen. Er wusste, das würde für die nächsten zwei Tage so bleiben, bis er sie nach Ablauf der Frist wieder entmagnetisierte. Bis dahin würden die Sauergemüsefrau und ihr neuer Liebhaber ineinander verliebt bleiben, durch die Anziehungskraft der Magnete. Zenobios kontrollierte, zufrieden mit seiner Arbeit, die anderen Magnete, als er plötzlich auf die zwei Magneten sah, die er gestern entmagnetisiert hatte. Sie waren wieder beisammen! Zenobios schaute kurz weg, dann nochmals auf die beiden Magnete. Es stimmte! Sie standen wieder beisammen. Dabei war er sicher, dass er sie gestern entmagnetisiert hatte. Er ging hin und versuchte die beiden zu trennen, doch kein Rütteln half. Die Magnete blieben zusammen. Zenobios verließ das Magnetenkabinett und ging zum Aktenschrank, in dem er die Kundenkarteien verschlossen hatte. Er blätterte ein paar durch bis er auf die Namen „Paul und Grete“ stieß. Tatsächlich! Auf dem Vertrag stand „drei Wochen“ als Zeitraum der Liebe. „Aber warum waren die Magnete dann wieder beisammen?“ Zenobios wurde wütend und ging vor sich murmelnd in das Magnetenkabinett.
„Das darf nicht sein! Dafür haben sie nicht bezahlt!“, sagte er. „Dafür können sie gar nicht bezahlen. Niemand kann für die wahre und ewige Liebe hier bezahlen. Es gibt sie schlichtweg nicht!“, rief er aufgebracht. „Das muss ich verhindern. Die beiden dürfen nicht zusammen bleiben. Sie müssen getrennt werden, nur so hat alles seinen ordentlichen Lauf“, überlegte Zenobios und die Nasenflügel seiner länglichen Nase blähten sich auf beim Einatmen. Er schloss die Augen und atmete tief ein. Was sollte er tun? Wie sollte er die beiden wieder auseinander bringen? Waren sie wirklich „ineinander“ verliebt? Nein, das gab es nicht. Das konnte es gar nicht geben! Er musste sich beruhigen. Zenobios verschränkte seine Arme. Fest drückte er seine Hände gegen seinen Körper. Rasch öffnete er kurz darauf wieder die Augen und ging zur Tür seines Geschäfts hinaus.


EINSCHUB 1: ~ Vor „Horamor“ ~

Das Zimmer war halb erleuchtet. Die Vorhänge zum Balkon waren geschlossen und der frische kühle Wind wehte durch die Balkontüre in das Zimmer. Anna saß auf der Couch, halb in die Dunkelheit getaucht. Gleichmäßig hörte sie das Ticken des Sekundenzeigers der Wanduhr. Immer wieder drehte er seine Runden und nahm jedes Mal den Minutenzeiger ein Stück mehr mit auf seiner Runde. Eine Stunde verging. Eleonore schlief in ihrem Zimmer. Als ich die Eingangstüre öffnete betrat Zenobios das Zimmer. Er zog seine Straßenschuhe aus und ging ins Wohnzimmer, wo ihn Anna bereits erwartete.
„Hallo, Schatz! Wie war dein Tag? Wo ist Eleonore?“, lächelte Zenobios Anna an.
„Sie ist in ihrem Zimmer und schläft.“
„Gibt es etwas Neues?“, wollte Zenobios wissen.
„Zenobios, ich …“, fing Anna an zu sprechen, verstummte aber gleich wieder.
Zenobios sah sie erwartungsvoll an.
„Du hast gekocht, wie ich sehe. Lammbraten. Mit Kartoffeln“, Zenobios sog den Duft des Essens ein. Das Wasser lief ihm im Mund zusammen. „Stell dir vor, ich habe heute ein kostbares altes Buch zum Restaurieren bekommen.“
„Zenobios, ich …“, wollte Anna erneut ansetzen. Sie bekam die Worte einfach nicht aus ihrem Mund.
„Ja? Geht es dir gut? Du wirkst so angespannt“, war Zenobios besorgt.
„Danke. Mit mir ist alles in Ordnung.“ Anna war sich unsicher, ob sie es jetzt sagen sollte oder ob sie bis nach dem Essen warten sollte. Sie wollte ihm den Appetit nicht verderben. Aber es musste heraus. Es war egal wann. Die Angelegenheit war weder schön, noch einfach oder gar angenehm. Dennoch musste es gesagt werden.
„Zenobios, ich muss dir etwas sagen. Es ist wichtig.“
„Ja?“
„Zenobios … ich kann nicht mehr mit dir leben!“
Entgeistert sah Zenobios Anna an. „Wie bitte?“, Zenobios war sich nicht sicher, ob er die Worte richtig verstanden hatte oder ob es bloß ein akustisches Missverständnis war. Wahrscheinlich hatte er einfach schlecht gehört. „Kannst du das bitte nochmals wiederholen?“, bat er Anna.
„Ich kann nicht mehr mit dir zusammen sein!“
Er hatte tatsächlich richtig gehört. Kein Irrtum seinerseits. Vielleicht ein Irrtum ihrerseits? Nein, ausgeschlossen. Anna wusste immer, was sie sagte und tat.
„Warum?“, war das einzige Wort, welches Zenobios im Kopf herumgeisterte. „Warum?“
„Es geht nicht mehr. Ich habe mich in jemand Anderes verliebt. Lange habe ich versucht es zu unterdrücken, aber es geht nicht mehr.“
„Lange? Wie lange?“
„Ein paar Monate!“
„So lange!“, flüsterte Zenobios fast unmerklich. Die Gedanken schossen mit der Geschwindigkeit einer Gewehrkugel durch seinen Kopf, aber er brachte keinen Ton heraus. „Was ist mit Eleonore?“, fragte er um Fassung bemüht.
„Ich will nicht, dass sich für sie zu viel ändert. Ihr sollt euch weiter sehen. Du bist ihr Vater!“
„Aber nicht mehr für dich!“
„Etwas hat sich geändert. Es ist nicht mehr so wie früher.“
Damit verstummte das Gespräch zwischen den beiden. Anna ging zu Eleonore ins Zimmer und weckte sie. „Komm, Eleonore! Wir besuchen Großmutter!“, sagte Anna zu Eleonore. Die beiden gingen. Zenobios sah ihnen dabei zu, bis sich die Tür hinter ihnen schloss. Sie waren gegangen, fort. Zenobios setzte sich auf einen Sessel in der Küche, vor den kalten Lammbraten.

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