Krimi & Spannung

Wo?

Robert Singer

Wo?

Leseprobe:

MAPUNGUBWE, April 2014

Welcome, Sir!
1


Sie reagierte nicht auf seine staubige Kleidung. Nicht auf seine aufgerissenen Handballen. Die blutverschmierten Finger. Oder schien nicht darauf zu reagieren. Es war ihm egal. Er war hier, und das war das Einzige, das eine Bedeutung hatte. „Welcome, Sir!“, sagte sie in gebrochenem Englisch und mit ungebrochenem Blick. Beinahe fröhlich, erwartungsvoll und dahingehend, mit der Wahl der Übernachtung an diesem jenseits der Touristenströme gelegenen Ort einen Volltreffer gelandet zu haben. Er nickte, notierte seine Personalien und nahm Schlüssel und Wegkarte in Empfang. Er nickte wieder und verliess die Rezeption. Den Blick der Frau im Rücken oder wo auch immer. Er hätte sich umdrehen müssen, um dies sicher zu wissen. Aber dazu war er zu fokussiert. Er stieg in seinen Hertz-Wagen. Sechs Stunden Fahrt hatte man ihm am Schalter des O. R. Tambo Flughafens gesagt und damit bestätigt, was er bereits im Vorfeld abgeklärt hatte. Oliver R. Tambo, ein führender Kopf der Anti-Apartheits-Bewegung und Vorsitzender des ANC in den 80er-Jahren, war der Namensgeber, wenn der Entscheid auch nicht von ihm selber gefällt wurde, sondern vielmehr von der südafrikanischen Regierung, dreizehn Jahre nach seinem Tod.Auch wenn der Flughafen in Johannesburg am meisten Flugbewegungen auf dem afrikanischen Kontinent zählte, er war für ihn nur Durchgangstation. Ohne Bedeutung. Wie Pretoria mit dem Puls einer halbjährlichen Hauptstadt und den vielen Studenten. Ohne Bedeutung. Die vielen kleinen Ortschaften nördlich Pretorias, die teilweise immer noch von Touristen besucht werden, die sich ein Bild des wahren Afrikas machen wollen, indem sie private Tierparks besuchen oder sich ins warme Wasser der Quellen begeben, die einmal berühmt gewesen waren. Ohne Bedeutung. Auch wenn sie heilen. Heilen sollen. Sechs Stunden. Das war eine realistische Einschätzung gewesen. Er hatte doppelt so lange benötigt. Er betrachtete die Karte in seinen Händen, schüttelte den Kopf und startete den Motor. Er fuhr los, vorbei an den Schildern, die davor warnten, das Fahrzeug zu verlassen und die Geschwindigkeit von vierzig Kilometern pro Stunde nicht zu überschreiten. Ohne Bedeutung. Er war da, wo er zu sein hatte. Nach weniger als dreißig Minuten Fahrt stellte er den Wagen neben eine Rundhütte. Eine von etwa fünfzehn. Vor keiner stand ein Fahrzeug. Entweder waren die Touristen auf Safari und würden bald zurückkehren, oder es gab keine Touristen hier. Es war nicht die Saison. Und es war nicht der Ort. Er öffnete die Tür und trat ein. Angenehme Kühle trat ihm entgegen. Nachdem er die Vorhänge aufgezogen hatte, öffnete er die Glastür zu einer kleinen Terrasse. Sie war erhöht und mit einer niedrigen Steinmauer umgeben. Keine der Nachbarhütten war sichtbar. Nur die atemberaubenden Felsformationen, die von der Sonne angestrahlt wurden. Das hohe Steppengras machte mit seinem Gelb dem Farbenspiel von roter Erde und rötlich gelbem Gestein alle Ehre. Aber er hatte nun keinen Blick dafür. Er musste sich ausruhen. Er legte sich aufs Bett und schloss die Augen. Er war endlich da, obwohl er nicht den blassesten Schimmer hatte, was weiter geschehen würde. Es war zwecklos gewesen, ihn an dieser Reise zu hindern. Nicht die Versprechen zu Hause, nicht die Versuchung der großzügigen Aufstockung seines Kontos und auch nicht der weiße Geländewagen, der ihn an der Weiterreise hindern wollte und schuld war an der doppelten Fahrzeit, seinen aufgerissenen Händen und den wiederkehrenden Schmerzimpulsen, die von seiner Schulter an sein Hirn geleitet wurden. Plötzlich meinte er, einen Wagen zu hören. Wahrscheinlich hatte er sich getäuscht. Oder ein Gast kam zurück von einer Beobachtungsfahrt. Das kümmerte ihn nicht. Er würde heute keine Touren mehr machen, sondern bleiben, wo er war. Er war hier und würde auf sie warten. Sie würde sich melden. Auf die eine oder andere Weise. Davon war er überzeugt.









2


Er hatte Glück gehabt! Gut zwölf Stunden zuvor war ihm der weiße Nissan bereits aufgefallen, als er kurz vor Pretoria von der R21 in die Nationalstraße eingebogen war. Nicht weil es ein Nissan war und auch nicht, weil er weiß war. Kurz nach der Zahlstelle hatte der Wagen am Rand der Straße gestanden. Ein dunkel gekleideter, trainierter junger Kerl mit Sonnenbrille, offensichtlich der Besitzer oder zumindest der Fahrer, stand angelehnt an der Kühlerhaube. Die Fahrertür stand offen. Mit der Zigarette im Mund gehörte seine Aufmerksamkeit den unzähligen Fahrzeugen, die ihre Fahrt erneut aufnahmen, sobald die Gebühren für die Benutzung der Autobahn bezahlt waren. Er hatte diesen Mann schon am Flughafen gesehen. Bei der Autovermietung am Ende der Kolonne. Er hatte zuhinterst in der Reihe des Hertz-Schalters gestanden. Derselbe dunkle Anzug, der allerdings bei genauerem Hinsehen eine Reinigung verdient hätte und wohl schon länger im Besitz des Mannes war. Der Stoff des Jacketts spannte um die Oberarme. Es war klar, dass der Anzug in keiner Weise zu den Trainingseinheiten passte, die sein Körper wohl bereits hinter sich hatte. Er trug eine Sonnenbrille, die ihn aber nur wenig älter aussehen ließ, als er war. Es schien, als würde er warten, bis er an die Reihe kam. Vor ihm war eine Familie mit drei kleinen Kindern. Das Kleinste hatte wohl Hunger oder war müde oder auch beides. Die Mutter versuchte es zu beruhigen, was sie offensichtlich nicht schaffte. Er selber war dabei, seine Unterschriften auf den Mietvertrag zu setzen und blickte zu dem Kind hinter sich, das mit seinem Weinen nicht nur seine Aufmerksamkeit erzwang, sondern auch die Umstehenden unruhig werden ließ. Die beiden anderen Kinder saßen auf den großen Koffern, die neben dem Vater standen, bereit, weitere Zentimeter vorzurücken, sobald er die Kreditkarte wieder eingesteckt und die Autoschlüssel in Empfang genommen haben würde. Er war nicht der Einzige, der die Szene beobachtete. Interessiert und trotzdem abwesend. Den Blick abwendend, sobald dieser jenen der Mutter traf, die das Kind nun zurück in die Tragetasche legte. Nur der Mann zuhinterst schien keine Notiz von den Schwierigkeiten zu nehmen, die sich direkt vor ihm abspielten. Kein unterstützendes Kopfnicken. Kein wohlwollendes Lächeln, das die Mutter beruhigen sollte. Kein Blick, der ausdrücken will, dass nach einem zwölfstündigen Flug in einem engen Flugzeug mit Essen, das man besser verweigert hätte, und nur wenig Schlaf ein schreiendes Kind doch absolut kein Problem sei. Nein. Seine Augen waren nach vorn gerichtet. Seine Aufmerksamkeit galt allerdings nicht der Prozedur einer Autovermietung. Sie galt ihm. Das war offensichtlich. Er drehte sich wieder der schwarzen Angestellten zu, bedankte sich für die Schlüssel und glaubte, weiterhin Blicke in seinem Rücken zu spüren. Er drehte sich um und schaute zurück. Der Mann war verschwunden. Sie konnten doch nicht so schnell mitbekommen haben, dass er bereits hier war. Das war einfach nicht möglich. Er hatte doch niemandem etwas gesagt. Zumindest nicht den Zeitpunkt seiner Reise. Während er sich auf die Suche nach dem grünen Volkswagen machte, der ihm die nächsten Tage als fahrbarer Untersatz dienen sollte, schob sich die Reihe vorwärts, und das Schreien des Kindes hörte für einen kurzen Moment auf. Der Mann war nicht mehr zu sehen.Aber genau dieser Mann stand nun am Rand der Straße. Sobald er ihn mit seinem grünen Kleinwagen passiert hatte, schmiss der Wartende seine Zigarette in die Straße und hastete zur Fahrerseite seines Nissans. Mit der Ruhe schien es vorbei zu sein. Er stieg ein, schaute nochmals in die Richtung des grünen Fahrzeugs und startete den Motor, um die Verfolgung aufzunehmen. Er schlug die Tür zu, während er bereits in die Fahrbahn rollte. Vielleicht hatte er sich aber auch getäuscht. Vielleicht hatte der Nissan-Fahrer auch nur eine Rauchpause gemacht und plötzlich festgestellt, dass er zu spät kommen würde. Vielleicht sah er auch einfach nur Gespenster und hielt jeden dunkel gekleideten Mann für einen potenziellen Gefahrenherd. Und stehende Fahrzeuge am Straßenrand waren in diesem Land anscheinend keine Seltenheit. Eben erblickte er einen gelben Kleinlaster, der am Rand stand. Einige Männer stiegen von der Ladefläche. Junge Schwarze, offensichtlich am Ende ihres Arbeitseinsatzes. Niemand wusste, dass er hier war. Außer sie natürlich. Sie hatte ihm den Hinweis gegeben. Sie wusste, dass er kommen würde. Oder hoffte es. Und er wusste, dass sie niemandem gegenüber auch nur ein Wort verlieren würde. Verlieren könnte. Er drosselte das Tempo. Der Nissan sollte ihn überholen. Doch dieser ging ebenfalls vom Gas runter. Ein Hupkonzert ganz hinten veranlasste den Fahrer des Nissans allerdings, seinen kleinen Mietwagen trotzdem zu überholen. Die Blicke der beiden Fahrer trafen sich, als sie auf derselben Höhe waren. Ein Weißer. Wenig Haare im Gesicht. Noch weniger auf dem Kopf. Kahl rasiert. Regungslose Mimik. Verstärkt durch die Gläser seiner dunklen Sonnenbrille. Markante Kinnpartie. Das Fenster des Wagens stand offen. Er blickte zu ihm rüber, kurz nur, doch er glaubte, ein leichtes Lächeln auf dessen Gesicht zu sehen. Nur angedeutet. Wissend, das Ziel erreicht zu haben. Wie lange schaut man, dass es noch als beiläufig durchgeht? Wer war dieser Mann, der ihn zu verfolgen schien, seit er ihm am Hertz-Schalter das erste Mal aufgefallen war? Er richtete seinen Blick zurück auf die Straße vor sich. Der Nissan fuhr mit demselben Tempo neben ihm. Er schaute wieder zur Seite. Durch das offene Seitenfenster des Nissans direkt in den Lauf einer Pistole. Instinktiv drückte er das Gaspedal durch. Der Nissan blieb zurück und ließ die Fahrzeuge an ihm vorbeifahren, auch wenn er es war, der sich auf der Überholspur befand. Wahrscheinlich war er damit beschäftigt, die Pistole vor den Blicken anderer Verkehrsteilnehmer zu verstecken.Also hatte er sich doch nicht getäuscht. Er hatte ein Problem. Vor ihm tauchte ein langsam fahrender Kleinbus auf. Ein weißes, in die Jahre gekommenes Taxigefährt, typisch für dieses Land und mit Sicherheit mit mehr Personen gefüllt, als dies zugelassen wäre. Hinter ihm fuhr der Lastwagen, der mit massiver Geschwindigkeit sein Ziel erreichen wollte. Er wechselte die Spur. Der Lastwagen hinter ihm ließ wieder sein Hupkonzert ertönen und wechselte kurz nach ihm ebenfalls auf die Überholspur. Die Bahn war frei, und er gab Gas, in der Hoffnung, die Lücke zwischen sich und dem Verfolger zu vergrößern. Er blickte in den Rückspiegel. Das Taxi hatte die Geschwindigkeit ebenfalls erhöht und fuhr nun mit dem Laster hinter ihm eben auf. Unmöglich zu überholen, blieb der weiße Nissan zurück. Er erhöhte sein Tempo und vergrößerte damit die Lücke immer mehr zwischen sich und den beiden Fahrzeugen hinter ihm. Und seinem Verfolger. Er wechselte wieder auf die erste Spur und verließ die N1 auf einem kleinen Feldweg, der offenbar nicht abgesichert war. Vorbei an einigen Hütten, stoppte er seinen Wagen auf einem Seitenweg hinter bräunlichem Buschwerk. Er stieg aus und rannte zurück. Hinter einem riesigen Steinbrocken blickte er von einer Anhöhe auf die Autobahn. Er hatte sich zu früh gefreut. Der Nissan stand am Rande der Autobahn, die Fahrertür offen. Der Fahrer war nirgendwo zu sehen. Plötzlich hörte er ein Geräusch hinter sich. Intuitiv machte er einen Satz zur Seite und rannte entlang des Hügels davon. Die Kugel schlug in jenen Stein, hinter dem er sich eben noch versteckt hatte. Der Schütze würde noch nicht zufrieden sein. Er blickte sich um. Das Gelände wurde immer steiniger. Er lief in geduckter Haltung weiter auf dem Kamm des Hügels, der auf der rechten Seite immer steiler wurde. Es war zu spät, zur Autobahn runterzulaufen und Hilfe eines Fahrzeuges zu erbitten. Der Abhang war zu steil und mit Felsen und Akazienbüschen übersäht, deren lange Dornen angriffslustig nach allen Seiten zu zeigen schienen. Er blickte sich um. Der Mann kam genau auf ihn zu. Weiter vorn hörte der Kamm jäh auf. Sein Fluchtweg war abgeschnitten. Der Schütze sah dies und kam langsam näher. Er sah, wie er die Pistole anhob. Er sprang über den Kamm, als der gedämpfte Knall ertönte. Er wusste im Fallen nicht, ob er getroffen worden war oder nicht. Aber er wusste nun, dass ein Schuss in der Stille auch mit Schalldämpfer zu hören war. Während er den Abhang hinunterfiel, überschlug er sich mehrmals. Er riss Zweige und ganze Büsche mit sich, die seine Hoffnung zerstörten, Halt zu erhalten. Seine Hände brannten. In seiner linken Schulter spürte er einen heftigen Schmerz. Den Aufprall erlebte er nicht mehr bewusst. Hätte er durch seine blutverschmierten Augen in die Höhe geblickt, hätte er gesehen, wie der Mann mehrere Minuten nach unten blickte, dann zufrieden den Schalldämpfer von seiner Pistole drehte und sein Mobiltelefon ans Ohr legte, während er zu seinem Wagen zurücklief. Einige Stunden später wachte er auf. War es der Schmerz, der in seiner Schulter pochte? Oder die Sonnenstrahlen, die sein Gesicht nicht mehr wärmten? Er wusste, dass es im südlichen Afrika früh dunkel wurde. Und die Dämmerung dauerte nicht lange. Langsam setzte er sich auf, fasste sich an seinen Kopf. Eine kleine Platzwunde auf der Stirn. Das Gesicht fühlte sich an, als ob es mit Salzwasser bestrichen tagelang an der Sonne gelegen hätte. Oder auch ohne Salzwasser. Er versuchte aufzustehen. Die Beine waren in Ordnung. Seine Hände waren aufgerissen und voller Schürfwunden. Aus vielen kleinen Stichwunden waren kleine, vertrocknete Blutlinien Beweis des geringen Halts des Wurzelwerks der Dornenbüsche. Oder dass sie gut gehalten hatten. So genau wusste er das nicht mehr. Es war auch egal. Die kleinen Wunden brannten und sollten desinfiziert werden. Aber auch das war egal. Er musste so rasch wie möglich zu seinem Wagen zurück. Er lief seitlich aufwärts, strauchelte mehrmals und erreichte dann den Kamm. Mit zusammengekniffenen Augen überblickte er das Gebiet und sah weder den weißen Verfolgungswagen noch seinen Besitzer. Er schaute runter zur Autobahn. Der Nissan war wirklich weg. Die Sonne spiegelte ihr warmes Abendlicht in den Scheiben der Fahrzeuge, die auf ihrem Weg waren. Geduckt lief er zu seinem Wagen zurück. Niemand war in der Nähe. Er stand noch so da, wie er ihn hingestellt hatte. Als ob es der normalste Zustand für einen kleinen Mietwagen war, verlassen und führerlos im Niemandsland unscheinbar zwischen Akazien und Resten ehemaliger Wohnhütten zu stehen. Er stieg ein. Beim Drehen des Schlüssels rissen die Wunden auf seinen Knöcheln wieder auf. Er verzog leicht das Gesicht, wendete und bog erneut wieder auf die Autobahn ein. Er würde nicht mehr lange fahren können. Es wurde dunkel, und sein Ankunftsort würde erst am anderen Tag das Gate wieder öffnen.Seine Wahl fiel auf ein Protea Hotel kurz vor Polokwane. Vielleicht war dieser Name Programm. In den Jahren der Apartheid hieß die Stadt Pietersburg zu Ehren eines Generals, der während der Burenkriege Armeen befehligte. Als die südafrikanische Regierung entschieden hatte, die Namen, die an die dunkle Zeit der Apartheid erinnerten, im gesamten Land zu verändern, erhielt auch Pietersburg einen neuen Namen. Polokwane. In der Bantusprache bedeutet dieser Name „Ein sicherer Ort“. So hatte es im Führer geheißen, den er im Flugzeug gedankenlos durchgeblättert hatte.Ein sicherer Ort! Den brauchte er jetzt. Er betrachtete sich im Spiegel des kleinen einfachen Zimmers, in dem er sich nun befand. Aus geschwollenen Augenlidern blickten ihm grüne Augen entgegen. Sein dunkelblondes, durch den Staub grau wirkendes Haar stand in verschiedenen Richtungen von seinem Kopf ab. Sein Gesicht und seine Hände hatte er im Wagen notdürftig gewaschen, um die Dame am Hotelempfang nicht zu erschrecken oder sie zu veranlassen, die Polizei zu rufen. Die seit Tagen fällige Rasur gab seinem Gesicht den ähnlichen Ausdruck, wie er ihn in seinen jungen Jahren gehabt hatte, als es als verwegen galt, mit Bart und langen Haaren herumzulaufen. Vor allem als Angestellter eines Bankunternehmens. Dass er diese Verwegenheit mit einem Wechsel seines Arbeitsplatzes bezahlte, war eine jener glücklichen Fügungen, von denen es in seinem Leben bereits viele gab. Aber jener Rauswurf war wohl nicht zu toppen, auch wenn er nun schon beinahe zwanzig Jahre zurücklag. Mittlerweile brauchte er weder lange Haare noch einen Bart, um seinem Gegenüber seine Verwegenheit zu demonstrieren. Er zog sich aus, drehte seine ramponierte Schulter mehrmals rückwärts und rieb sie mit seiner rechten Hand. Sie hatte einen enormen Schlag erhalten, schien aber intakt zu sein. Er stieg unter die Dusche und liess das Wasser die notwendige Arbeit machen. Der Staub und das alte Blut liefen an seinem Körper runter. Der leicht verstopfte Abfluss ließ seine Füsse im Schmutzwasser verschwinden. Der Boiler des Hotels schien bereits leer zu sein, denn viel warmes Wasser war nicht mehr vorhanden. Trotzdem fühlte er sich wie ein frisch gewaschenes Baby, als er sich ein Tuch um die Hüfte schlug und sich aufs Bett legte. Er wollte die Arme hinter seinem Kopf verschränken, doch der Schmerz in der Schulter lehrte ihn eines Besseren, und so lag er da, die rechte Hand unter seinem Kopf und die linke auf seinem Bauch. Und so schlief er ein.









3


Ein sicherer Ort. Das war Polokwane gewesen. Früh am Morgen hatte er die Stadt verlassen und gehofft, dass auch vor ihm liegende Orte ein Gefühl von Sicherheit schenken würden. Jetzt war er hier. An der Grenze eines riesigen Landes, das die gesamte Südspitze des afrikanischen Kontinents umfasste. In wenigen Fahrminuten wäre er in Zimbabwe oder auch in Botswana, wenn es denn eine Grenzstraße in unmittelbarer Nähe und eine Brücke über den Limpopo gäbe, dem Grenzfluss, der der Provinz hier auch den Namen gab. Aber er musste nicht nach Zimbabwe. Und auch nicht nach Botswana. Er war jetzt hier, wo er zu sein hatte. Der Mann mit der Pistole hatte ihn nicht sonderlich erschreckt. Es zeigte ihm, dass er auf der richtigen Spur war. Er wurde unbequem. In den Augen gewisser Leute sollte er verschwinden. Und das zu wissen war gut. War unglaublich gut, weil er somit wusste, dass sich etwas bewegte. Dass der Albtraum bald ein Ende nehmen oder sich zumindest eine Lösung abzeichnen würde. Plötzlich schreckte er auf. Etwas war da. Sofort war er hellwach. Er wusste nicht, wie lange er dagelegen hatte. Wieder hörte er ein Geräusch, das schwer einzuordnen war. Geräuschlos stand er auf. Es war bereits dunkel. Ohne Licht zu machen schlich er in den kleinen Küchenbereich. Hier musste es etwas geben, das ihm helfen würde, sich zu verteidigen, sollte dies nötig sein. Langsam öffnete er die Schublade, die dem Herd am nächsten war. Er hatte richtig getippt. Er griff sich ein Fleischmesser und lauschte in die Dunkelheit. Wieder hörte er ein Rascheln. Wie von Füßen, die sich langsam durch das Laub eines Herbstwaldes in der Schweiz bewegten. Er schaute zur offenen Verandatür. Erneut war es zu hören. Er blickte hinter dem Vorhang auf die offene Terrasse, konnte jedoch nichts erkennen. Er umschloss das Messer in seiner Hand fester und machte einen Schritt nach draußen. Versuchte, seine Augen dazu zu bringen, so viel wie möglich zu erkennen. Er konzentrierte sich auf das Geräusch, drehte den Kopf nach links, machte einen weiteren Schritt zur Mauer hin und schaute nach rechts. Dorthin, wo der Steingrill einen Teil der niedrigen Mauer bildete. Er hob das Messer leicht an. Plötzlich sah er im fahlen Silberlicht des Mondes etwas grau schimmern. Ein Elefant. Er musste innerlich lachen und schüttelte den Kopf. Das Camp ist nicht eingezäunt. Natürlich. Das hatte ihm die Lady am Gate gesagt. Und wenn es nicht eingezäunt ist, kann es auch mal vorkommen, dass ein Elefant vor der Terrasse herumspaziert. Er betrachtete das große Tier mit Ehrfurcht und bedauerte, nicht einer der nichts ahnenden Touristen zu sein, deren einziges Reiseziel das Staunen über den herrlichen Tierreichtum war, um zu Hause beeindruckende Fotos zu präsentieren. Für Fotos hatte er keine Zeit. Aber die Zeit, ein wenig zu staunen, die nahm er sich. Hinter der Elefantenkuh war noch ein kleinerer Artgenosse schwach erkennbar, der hinter seiner Mutter hertrottete. Er schaute auf das Messer in seiner Hand und legte dieses mit einem Schmunzeln auf den Grill. Da hätten ihm die Größenverhältnisse einen Strich durch die Rechnung gemacht. Er musste aufs Klo, drehte sich um und ging wieder hinein. Und erschrak. „Hallo, Peter“, sagte die Frau, die es sich auf seinem Bett bequem gemacht hatte.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 444
ISBN: 978-3-99064-772-1
Erscheinungsdatum: 19.11.2019
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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