Wer?

Wer?

Robert Singer


EUR 21,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 442
ISBN: 978-3-99131-823-1
Erscheinungsdatum: 19.01.2023
In einem dunklen Raum – eingesperrt – leere Augen – Hände, die suchen. Stille. Absolute Stille. Kinder. Kleine Kinder. Weinen nicht. Nicht mehr. Was ist geschehen? Was wird weiter geschehen? Und die Frage: Wer brachte sie hierher?
Prolog

Sie saßen da.
Saßen einfach da und warteten.
Oder warteten auch nicht.
Es war nicht zu erkennen. Das Licht im Raum war zu schwach. Hervorgerufen nur durch einen schmalen Spalt in der Tür.
Nur schemenhaft tauchten die bleichen Gesichter aus dem Dunkel auf.
Fünf.
Es waren fünf Gesichter und sie gehörten zu fünf Körpern. Vielleicht waren auch noch mehr im Raum. Das war nicht erkennbar. Es war zu dunkel.
Sie waren klein und ließen erahnen, dass es Kinder waren, die da saßen.
Kleine Kinder, die einfach nur dasaßen und im Dunkel des Nichts sich selbst überlassen waren.
Sie sprachen nicht. Keinen Laut gaben sie von sich.
Waren es Kinder? Waren es überhaupt menschliche Wesen?
Sie bewegten sich nicht.
Nicht die kleinste Regung war zu sehen. Weil es dunkel war und weil sie sich tatsächlich nicht bewegten.
Im Raum herrschte absolute Stille. Er war leer, wenn man von den dünnen Körpern absah. Und er war klein. Nicht so klein, als dass sie nicht ihre Notdurft in der entferntesten Ecke verrichten konnten. Instinktiv. Zu Beginn wenigstens. Später ging das nicht mehr. Später waren sie zu schwach, in eine andere Ecke oder auch sonst wohin zu kriechen.
Später saßen sie einfach nur da und warteten. Warteten darauf, dass sich die Tür öffnen würde. Dass etwas Licht gemacht werden würde. Oder dass wenigstens eine menschliche Stimme an ihr Ohr dränge.
Eine vertraute Stimme oder auch eine, die sie nicht kannten.
Einfach eine menschliche Stimme hören, darauf warteten sie. Natürlich wünschten sie sich eine Stimme, die sie kannten. Später war ihnen egal, von wem die Stimme kommen würde. Hauptsache, sie hörten eine Stimme. Wenn schon sie selbst nicht miteinander sprechen konnten. Aber dieser Wunsch versank genauso im Dunkel der ewigen Nacht wie der Schmerz, den das Heimweh auslöste.
Am Anfang wimmerten sie, weinten sich in den dumpfen Schlaf, den der Hunger mit sich brachte, der bald über allem stand.
Auch über dem Heimweh.
Und dann, später, saßen sie nur noch da und warteten nicht mehr. Sie saßen da und merkten, wie auch der Hungerschmerz abnahm. Langsam. Mehr und mehr. Sie waren erschöpft, obwohl sie dieses Wort nicht kannten.
Woher auch? Sie waren noch zu klein.
Dort wo sie vorher waren, war es ihnen problemlos möglich zu schlafen, wenn sie müde waren. Und wenn sie aufs Klo mussten, gab es einen Ort, wo sie hingehen konnten.
Und sie hörten Stimmen. Stimmen, die sie kannten.
Mama.
Papa.
Auch andere.
Es war vor allem die Erinnerung an die Stimmen ihrer Mamas und Papas, die in ihren Ohren tönten. Es waren diese vertrauten Stimmen, nach denen sie sich sehnten, lange. Es waren diese Stimmen, die zärtlich durch ihre Gehörgänge wisperten, kurz nachdem sich die schwere Tür hinter ihnen geschlossen hatte und alles beinahe schwarz werden ließ.
Dunkelheit.
Auch das war etwas, das man ihnen nicht zugemutet hatte. Damals. Zuhause in ihren Zimmern brannte ein kleines Licht. Manchmal ließ Papa die Tür offen, damit Licht ins Zimmer fiel und das Kind etwas hören konnte.
Stimmen.
Vertraute Stimmen.
Stimmen, die das Kind kannte und ihm zeigten, dass es zuhause war.
In Sicherheit.
Geborgen und geliebt.
Man sagt, dass sich Kinder rasch an eine neue Umgebung anpassen. Je jünger sie sind, desto weniger schwer fällt es ihnen, sich auf eine neue Umgebung einzustellen.
Sich anzupassen.
Die kleinen Körper, die regungslos an der Wand kauerten, waren der beste Beweis, wie gut sich die Anpassung vollzogen hatte. Dunkel und grau wie das Gemäuer waren ihre eingefallenen Gesichtchen. Sie hatten sich wahrhaftig auf ihre neue Umgebung eingestellt. Weinten nicht mehr.
Wimmerten nicht mehr und sprachen immer noch kein Wort miteinander. Sollten sie jedoch jemals die Möglichkeit erhalten, auf die Zeit in diesem dunklen Betonloch zurückzublicken, würden sie mit Sicherheit davon berichten, dass die Anpassung beileibe nicht das höchste Gut der menschlichen Natur ist. Wenn sie denn überhaupt darüber sprechen konnten. Auch das war nicht sicher.
Aber sie dachten nicht an die Zukunft. Sie dachten nicht daran, einmal zurückzublicken geschweige denn, vorwärts schauen zu können. Und sie dachten schon gar nicht an die Möglichkeit, sprechen zu können. Geschweige denn, jemanden zu haben, der ihnen zuhörte. Sie hatten keinen Zeitbegriff. Dafür waren sie noch zu wenig lang auf der Welt. Sie saßen da und erwarteten nichts. Nichts von der Zukunft und schon gar nichts von der Gegenwart. Und die Bilder der Vergangenheit glitten mehr und mehr von ihnen weg, rutschten ins Nichts des dunklen Raumes.
Dann, irgendwann in der Leere der Zeit hörten sie ein Geräusch. Unterschiedliche Geräusche. Einzelne Augenpaare richteten sich unmerklich Richtung Türe. Ohne Bewegung des Kopfes. Nur ein sachtes Drehen der Augäpfel seitwärts war zu erkennen.
Woher kamen die Geräusche? Waren dies Schritte?
Kam Papa?
Kam auch Mama?
Kamen sie alle beide?
Ein Kratzen und Knirschen. Metall auf Metall. Ein Poltern. Es hallte von weit her und drang dumpf in den kahlen Raum. So viele Geräusche, die auf einmal da waren.
Ungewohnt.
Beinahe war es für die kleinen Kinder ein Lärm. Nichts konnten sie bereits einmal Gehörtem zuordnen. Nichts, das sie an ihr Zuhause erinnerte. Nichts, das ihnen Mut gab oder Hoffnung weckte, bald von Mami im Arm gewiegt zu werden. Einem kleinen Mädchen, das nicht älter als fünf war, rann eine Träne über die Wange.
Lautlos.
Einfach nur eine einzelne Träne. Unklar, wofür sie stand. Ungewiss, was sie bedeutete. Aber es war eine Regung. Mehr, als sich in den letzten Tagen bewegt hatte. Eine kleine Träne der Unschuld, die sich wie von selbst gelöst hatte und dem Gesetz der Schwerkraft gehorchte. Eine leise Träne.
Und der Lärm.
Beides zur selben Zeit.
Ein metallenes Rasseln war zu hören und die schwere Tür öffnete sich. Langsam zuerst, dann mit einem schnellen Ruck. Im Lichtschein war ein Kind schwach zu sehen, das zu ihnen reingeschoben wurde.
Ein Kind, so wie sie.
Ihre Augen blickten den Neuankömmling an.
Regungslos.
Leer.
Und bevor sich die Tür wieder schloss, konnte man sehen, weshalb die Kinder nicht miteinander sprechen konnten. Ihre Münder waren verdeckt. Verdeckt mit einer metallenen Platte, ähnlich dem Mundstück eines Schnorchels. Und ähnlich dem Schnorchel war das Metallstück auch befestigt. Aber nicht mit einem Gummizug. Viel mehr mit einem helmartigen Gebilde aus Metall, das um ihren Kopf gelegt worden war.
Sprechen konnte man so nicht mehr. Aber Tränen konnten fließen. Auch jetzt. Das neue Kind weinte.
Weinte in seinem Metallgestell, weinte nach Mama und Papa, nach Gutenachtliedern und Geschichten im Bett, nach vertrauten Stimmen und Geräuschen.
Und die Hoffnung des Kindes war noch groß.
So groß, wie sie auch die anderen Kinder empfunden hatten.
Lange Zeit zuvor.



September – Oktober

1
BARBARA ROBINSON

Barbara Robinson war glücklich. Überaus glücklich und zufrieden. Die Septembersonne, die vor wenigen Augenblicken hinter einigen Wolken hervorgekommen war, strahlte mit ihr um die Wette. Barbara Robinson war sicher, dass sie diese Wette gewinnen würde. Heute würde sie diese mit Sicherheit gewinnen. Bald war der Tag zu Ende und die Wolken waren zu stark und wahrscheinlich würden sich diese auch noch entleeren.
Mit ihren achtundzwanzig Jahren war sie an einem Punkt ihres Lebens angelangt, wie er besser nicht sein könnte. Während sie sich ihre rotblonden Locken aus dem Gesicht strich, wartete sie auf den Bus. Obwohl der Wind wehte, war es nicht kalt. Trotzdem war sie froh um den beigen Blazer, den sie über einer hellblauen Bluse trug. Die schwarze, knöchellange Hose von Peter Hahn ließ ihre Figur toll zur Geltung kommen. Sie hatte sie heute Morgen bewusst angezogen.
Sie musste lächeln, wenn sie an das Gespräch mit ihrem Vorgesetzten zurückdachte. Die Hose hatte ihm wohl gefallen. Und auch alles andere. Alles war so gelaufen, wie sie es sich vorgestellt hatte. Mehr noch. Wie sie es sich gewünscht hatte. In Tat und Wahrheit würde sie im kommenden Jahr weniger arbeiten und trotzdem ein Drittel mehr verdienen. Und das nur deshalb, weil sie von einem Großraumbüro in ein privates Büro wechseln konnte. Notabene im obersten Stockwerk des Gebäudes, das hinter der Bushaltestelle in den Himmel ragte.
Kein Wolkenkratzer, nein. Aber doch hoch genug, dass man die Konturen der obersten Fenster nur noch als Weiterführung von Linien wahrnehmen konnte. Barbara Robinson lächelte erneut. Nein, es war kein Wolkenkratzer wie in ihrer Heimatstadt. Das nicht. Aber trotzdem war es das höchstgelegene Büro, das die Stadt zu bieten hatte. Okay. Auf derselben Etage befanden sich noch unzählige andere Büroräume, aber Barbara Robinson war davon überzeugt, das schönste zu erhalten. Das hellste und größte. Im neuen Jahr. Das stand ihr zu.
Dafür hatte sie all die Jahre gekämpft und geschuftet, unzählige Überstunden gemacht und immer wieder den richtigen Augenblick abgewartet, um eine weitere Stufe ihrer Karriereleiter zu erklimmen und Etage für Etage höher zu kommen. Bis zuoberst. Dafür hatte sie sich manchmal auch ganz hinten angestellt und sehr oft oder meist auch nach vorne gedrängt. Und dafür hatte sie sich heute Morgen für die schwarze Hose von Peter Hahn entschieden. All dies hatte ihr geholfen, in die obersten Gefilde des höchsten Gebäudes der Stadt zu kommen.
Bald. Im neuen Jahr.
Barbara Robinson war in der Tat ein Glückskind. Schon immer gewesen. Damals in der Schule, als niemand der Lehrer erkannte, dass ihre Antworten nur im Ansatz richtig waren und sich mehr von ihrem Äußeren beeindrucken ließen. Oder in den Bewerbungsgesprächen, in denen es niemandem aufzufallen schien, dass ihr wichtige Abschlüsse fehlten. Sie wurde eingestellt. Vielleicht lag es an ihrem rotblonden Haar, das ihr Gesicht schulterlang umrahmte und diesem eine Aura der Unnahbarkeit und gleichzeitigen Verführung verlieh. Diese Haut, die wie schimmerndes Porzellan Zerbrechlichkeit ausstrahlte und so gar nicht zu den grüngrauen Augen passen wollte, die alles ausstrahlten. Aber keine Zerbrechlichkeit.
Barbara Robinson brauchte niemanden, der sich um sie kümmerte und sich Sorgen um sie machte. Sie war stark genug. Immer schon gewesen. Sie blickte auf die Uhr. Bald würde sie zuhause sein und mit einem schönen Glas Wein ein Bad genießen.
Es war Freitag. Kurz vor 19.00 Uhr.
Wochenende. Sie hatte es verdient, auszuspannen, sich etwas Gutes zu tun. Eigentlich könnte sie übers Wochenende auch verreisen.
Der Bus kam. Sie hatte ihn schon von weitem gesehen. Pünktlichkeit. Auch etwas, das sie an diesem Land liebte. Pünktlichkeit und Sauberkeit. Und die Ruhe.
Danach sehnte sie sich.
Nachdem sich die Türen des Busses geöffnet hatten, stieg sie ein und setzte sich auf einen der wenigen freien Plätze. Auch das Busfahren würde bald zu ihrer Vergangenheit gehören. Mit dem neuen Jahr gab es nicht nur ein Büro im obersten Stockwerk, sondern auch einen Wagen mit Chauffeur. Sie blickte aus dem Fenster. Sie war wirklich ein Glückskind. Barbara war aber auch selbstbewusst genug zu wissen, dass dieses Glück auf ihrer jahrelangen Vorbereitung, ihrer Willenskraft und ihrem akribischen Streben nach Perfektion gegründet lag. Sie wusste, dass sich das Glück dieser Erde nicht auf der Straße befand und man ihm nachhelfen musste. Das hatte sie getan. Seit sie denken konnte.
Alles, was sie zur Verfügung gestellt bekam, hatte sie dazu genutzt, nach oben zu kommen. Stufe um Stufe.
Und heute hatte sie erreicht, wovon sie all die Jahre geträumt hatte. Unwillkürlich blickte sie den Hochhäusern auf der Seite entlang nach oben. Ein sanftes Lächeln umspielte ihren zartrosa geschminkten Mund. Ihr Büro lag höher. Viel höher.
Ja, sie war ein Glückskind.


2
BARBARA ROBINSON

Kurze Zeit später lag sie in ihrer Wanne und nippte an ihrem Glas. Sie wollte sich nicht betrinken und wenn, dann nicht zu schnell. Sie war ein Glückskind. In der Tat. Heute hatte sie das erreicht, wonach ihr der Sinn all die Jahre gestanden hatte, und das mit dem Effort, den aufgewendet zu haben sich nun auszahlen würde.
Sie blickte sich um. Es war ein großes Badezimmer. Achteckig und mit riesigen Spiegeln auf den je gegenüberliegenden weißen Wänden. Manchmal, wenn sie ein leichtes Makeup auflegte, musste sie sich ansehen und lächelte von allen Seiten zurück. Ja. Wenn Barbara Robinson in einen Spiegel in ihrem großen Badezimmer blickte, fühlte sie sich nicht einsam. Umgeben von diesen schönen Frauen mit der Porzellanhaut. Und jede lächelte. Genauso wie sie. Lächelnd und inmitten vieler Freundinnen.
Sie blickte unwillkürlich zu einem der Spiegel, lag aber zu tief, als dass sie sich hätte sehen können. Auch wenn die Wanne auf einer Erhöhung stand. Um sich sehen zu können, musste sie aufstehen und sich zu den Spiegeln drehen. Das tat sie aber nicht. Nicht jetzt. Sie wusste, dass sie makellos war. Ausgestattet mit einer Haut, um die sie alle im Fitnessstudio beneideten. Die alten, aber auch die Jungen. Sie spürte deren Blicke, wenn sie in die Umkleide trat. Manchmal glaubte sie sogar, sie darüber sprechen zu hören. Aber sicher war sie sich nicht. Vielleicht waren das auch die Stimmen in ihrem Kopf. Wunschstimmen. Sie wusste es nicht. Aber ob real oder nur in ihrem Kopf: Es waren wundervolle Dialoge, die sie zu hören bekam. Dialoge über sie und ihre Haut, die dafür verantwortlich war, dass sie sich nur wenig Makeup auftragen musste. Und dies auch nur deshalb, damit sie einige Minuten ungeniert in den Spiegel schauen konnte. Ein wundervolles Bild. Eine Freude, es zu betrachten. Immer und immer wieder. Die acht Spiegel im Badezimmer waren denn auch der Grund, dass sie sich nach der ersten Besichtigung keine andere Wohnung mehr angesehen hatte. Acht Spiegel! Mit goldfarbener Umrahmung. Golden wie die Armaturen der zwei großen Waschbecken aus weißem Marmor. Wo gab es denn sowas? Sie liebte weiß. Und sie liebte ihre Wohnung. Zugegeben. Immer hatte sie nicht so gewohnt. Bei weitem nicht. Ganz früher hatte sie sogar in dieser Stadt gewohnt, bevor sie nach Amerika gebracht worden war. Jetzt war sie wieder hier. In einer Wohnung, die ihr entsprach. Sie war immer davon überzeugt gewesen, dass ihr eine Wohnung wie diese zustand. Nicht mehr und nicht weniger. Oberstes Stockwerk. Mit Blick über die Stadt. Direkter Zugang von der Tiefgarage. Mit dem Lift war sie in wenigen Sekunden in ihrem Reich. Ihrem Rückzugsort. Ihrem Traum in Weiß.
Nur wenn sie auf der halbüberdeckten Terrasse stand und am viel zu niedrigen Geländer nach unten blickte, konnte sie einen Hauch von Stadt wahrnehmen. Weit unten ging eine Hauptstraße durch. Stark befahren. Sie war die Verbindung zum Flughafen, der etwa fünfundzwanzig Minuten außerhalb der Stadt lag und von dem sie nur an Nachmittagen auf der Terrasse etwas mitbekam, wenn sie zuhause war. Was aber nicht geschah, weil sie an den Nachmittagen arbeitete. Auf der Terrasse stand sie nur, um diesen vagen Geruch von Stadt aufzunehmen und in die Nacht zu lauschen, die Lichter der Autos und Bürogebäude zu sehen. Manchmal fragte sie sich ernsthaft, ab wie vielen Häusern man von Skyline sprechen durfte. Hier sicher nicht. Zu wenige Gebäude und zu wenig hoch. Trotzdem erinnerte es sie an die Bilder von Amerika, wenn sie alles, was sie sah, größer dachte. Manchmal blickte sie nach unten, sah den Lichtschein der Autos und drehte sich um mit der Gewissheit, dass sie diese Straße befahren würde. Irgendwann. Mit einem Fahrer.
Einem Fahrer, der sie direkt in die Tiefgarage fahren würde. Und dann dachte sie an den Lift, der sie nach oben in ihr Penthouse brachte. Von der Tiefgarage. Nicht vom Haupteingang her, in welchem Karl oder Kurt stand und ihr die Tür jeweils aufhielt. Das wäre dann nicht mehr von Bedeutung. Dann würde ihr Fahrer die Türe ihrer Limousine öffnen und ihr einen schönen Abend wünschen. Diskret und charmant. Und am andern Tag würde er wieder bereit sein, sie in ihr neues Büro im obersten Stockwerk des höchsten Gebäudes dieser Stadt zu bringen. Und sie würde ihren Fahrer beim Vornamen nennen. Vielleicht wäre es auch ein Karl oder Kurt. Sie wusste vieles, aber das noch nicht. Wer konnte das zum jetzigen Zeitpunkt schon wissen? Aber lange würde es nicht mehr dauern und dann würde sie sich von ihm die Wagentür öffnen lassen. Er hätte eine Sonnenbrille auf und würde von Zeit zu Zeit in den Rückspiegel sehen und ihr makelloses Gesicht betrachten.
Und vielleicht …
Sie streckte ihre Arme, stützte sich leicht ab und legte den Kopf nach hinten, darauf bedacht, den Wein nicht zu verschütten. Sie schloss die Augen und sah die Bilder ihrer Zukunft. Sie war am Ziel. Wenige Monate und sie würde dort sein, wo sie schon seit Ewigkeiten hingehörte. Ihre Geduld würde sich bezahlt machen. Und die guten Gene ihrer Mutter, die sie nie gekannt hatte. Wahrscheinlich waren es die Gene ihrer Mutter. Irgendwie konnte sie sich nicht vorstellen, die Reinheit ihres Äußeren von einem Mann vererbt bekommen zu haben. Auch ihren Vater hatte sie nicht gekannt.

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