Krimi & Spannung

Warum

Wuni Hu

Warum

Dunkle Schatten

Leseprobe:

Thomas blickte auf seine Uhr: 06.50 Uhr. In 10 Minuten fährt der Zug ein. Sein Atem dampfte in der kühlen Morgenluft. Fröstelnd vergrub er seine Hände tief in den Hosentaschen und starrte gebannt in den Himmel. Gleich würde das Schauspiel beginnen. Der Himmel bot mit der leichten Wolkendecke die ideale Leinwand dafür. Bei den schwarzen Schatten, die die Berge am Horizont waren, fing es an. Ein majestätisches Glühen betonte die Konturen des Gebirges. Orange, wie der Widerschein eines gewaltigen Feuers. Bei einem normalen Brand würde sich der orange Schein auf dieses Glühen beschränken, doch der Schein wurde intensiver und begann, über die Wolkenleinwand zu wandern. Es sah aus, als würde sich Lava über den gesamten Himmel ergießen.
Thomas folgte dem Schauspiel gebannt. Es war ihm unmöglich, den Blick von dem wie aus gegossenem Magma bestehenden Firmament zu lösen. Der gesamte Himmel über der Stadt schien in Flammen aufzugehen. Die Umgebung leuchtete ebenfalls in diesem gespenstischen Rot. So unnatürlich, als würden in diesem Moment die Grenzen der Wirklichkeit verschwimmen und uns einen Blick in eine Welt jenseits der uns bekannten erhaschen lassen. So schnell, wie das Schauspiel der Morgenröte kam, verblassten die Farben auch schon wieder und der Moment verging.
„Wenn es so etwas wie Magie auf dieser Welt gab oder gibt“, dachte Thomas sich, „so gehörte ein solcher Sonnenaufgang dazu.“
Er riss seinen Blick von dem verlöschenden Morgenrot los, als er im Augenwinkel eine Bewegung gewahrte und feststellte, dass sein Zug schon in den Bahnhof einfuhr. Als sich die Türen des stehenden Triebwagens öffneten, erwachte der Lautsprecher über ihm krachend aus seinem Schlaf. Eine durch das blecherne Megafon misstönend verunstaltete Stimme begrüßte die aussteigenden Fahrgäste und klärte sie über die weiteren Zugverbindungen auf.
Als der letzte Fahrgast den Zug verlassen hatte, stieg Thomas zu und suchte sich einen der zahlreichen freien Sitzplätze aus. Er freute sich immer, wenn Ferien waren, denn dann war der Zug fast wie ausgestorben. Nur ein paar Pendler wie er fuhren noch mit, um zu ihren Arbeitsplätzen zu kommen. Nachdem er sich gesetzt hatte, öffnete er seine Tasche und holte mit zielsicherem Griff sein Wirtschaftsmagazin heraus, das er jeden Morgen las. Doch er hatte Lust, es wieder in der Tasche verschwinden zu lassen, als er den Titel der neuen Ausgabe las. Aber er rang sich durch, es doch aufzuschlagen, schließlich bezahlte er Geld dafür. Er hatte sich schon mehrmals überlegt, die Zeitschrift abzubestellen, denn irgendwie ging es immer um die gleichen Themen. Schon als er den ersten Artikel las, musste er seufzen. Schon wieder. Die Unternehmen gaben den Politikern die Schuld an der aktuellen Misslage. Sie fühlten sich nicht genügend unterstützt durch politische Maßnahmen. Die Unternehmen litten noch unter den Nachwirkungen der Terroranschläge in den Vereinigten Staaten. Die Börse lag am Boden und alle fanden keinen anderen Weg als zu jammern, wie schlecht es ihnen doch ginge, und diese Zeitung ließ sich auch noch dazu herab, das zu verbreiten. Thomas war auch Kapitalist, denn er hatte von ein paar Unternehmen Aktien in seinem Depot liegen. Zwar keine Millionenwerte wie bei den großen Investoren, aber für einen kleinen jungen Angestellten doch ein ansehnliches Sümmchen. Diese Summe war aufgrund der aktuellen Börsenlage zwar kleiner als zu der Zeit, als er sie gekauft hatte, aber er war optimistisch für die Zukunft, denn auf jedes Tief kam auch immer ein Hoch. Er verstand deshalb nicht, warum die Wirtschaftszeitung immer nur jammerte. Er fand es erbärmlich, sich im Selbstmitleid zu suhlen. Die Politiker hingegen fühlten sich von den Unternehmen im Stich gelassen, die jede Maßnahme, die sie verabschiedeten, als unzureichend abtaten. Die Unternehmer forderten immer nur, anstatt selbst zu handeln. Anscheinend war es inzwischen so weit gekommen, dass die Unternehmer verlernt hatten, wie man ein Unternehmen eigenverantwortlich führte und selbstständig Entscheidungen traf, denn jedes Mal, wenn es irgendwo in der Weltwirtschaft nach Schnupfen klang, hatten die Unternehmer Angst vor einer ausgewachsenen Grippepandemie und suchten Schutz in den Sicherungssystemen, die den Staat erst funktionieren ließen, und verfielen in Depressionen, anstatt sich selbst mal den Kopf darüber zu zerbrechen, ob dieses Verhalten gerechtfertigt war oder ob man etwas dagegen tun könnte, damit das eigene Unternehmen nicht krank würde.
Der Zug war angefahren und hatte auf Reisegeschwindigkeit beschleunigt. Als Thomas nach einiger Zeit genervt aus seiner Zeitschrift aufblickte, um sich zu orientieren, erhaschte er aus dem Fenster einen Blick, der ihn versöhnlicher stimmte. Der See, den er erblickte, wurde von einer Nebelwand, die daraus aufstieg und in Windrichtung über die angrenzenden Wiesen getrieben wurde, verschleiert. Doch das Beeindruckendste war der Lichteffekt, den die inzwischen über die Alpen gekletterte Sonne zauberte. Sie beschien den Nebel und tauchte die Wassertröpfchen in ein milchiges, intensives Gelb. Die Nebelfahnen, die der unsichtbare Wind daraus riss und bewegte, sahen so aus wie ein in Zeitlupe brennendes Feuer. Die aus diesem goldgelben Meer aufragenden Bäume, von denen nur die Wipfel zu sehen waren, wirkten wie Inseln im Flammenmeer. Die Natur besaß einen eigenen Zauber, der Thomas immer wieder aufs Neue fesselte. Leider war das Fest der Sinne nur von kurzer Dauer, denn der Zug raste um die nächste Kurve und der Anblick verschwand aus seinem Blickfeld. Mit einem warmen Gefühl der Erinnerung an dieses Schauspiel senkte er den Blick und las weiter.
Bald darauf wurde er von der Stimme des Lokführers aus seiner Lektüre gerissen, die verkündete, dass sie ihren Endbahnhof in Kürze erreichen würden, und alle bat, auszusteigen. Der schmale Korridor aus Bäumen, den sie bisher passiert hatten, verbreiterte sich und Weichen fügten immer mehr Gleise hinzu. Nachdem sie unter einer Brücke hindurchgefahren waren, erblickte man die Stadt und zig Gleise, die zum Abstellen und Rangieren von Lokomotiven, Wagons und Triebwagen dienten. Der Triebwagen verringerte seine Geschwindigkeit und hielt am Bahnsteig an.
Thomas verstaute seine Zeitschrift wieder und stieg mit den paar verbliebenen Fahrgästen aus. Nachdem er sich an die mollige Wärme im Zug gewöhnt hatte, kam es ihm auf dem Bahnsteig doppelt so kalt vor als beim Einsteigen. Die Luft war klar und sonnendurchflutet. Die restlichen Wolken hatten sich aufgelöst und der Himmel erstrahlte in einem intensiven Blau.
Durch die Unterführung unter den Gleisen hindurch trat er in die Bahnhofshalle hinaus und wurde von einem Geruch von frischgebackenen Semmeln aus der Bäckerei empfangen. So gut wie es roch, bekam er Appetit, obwohl er gerade erst gefrühstückt hatte. Er eilte wegen der unwidersteh­lichen Düfte schnell vorbei und trat auf den hellen, sonnenbeschienenen Vorplatz des Bahnhofs hinaus. Das Licht der auf­gehenden Sonne war noch immer von dieser intensiv gelben Farbe und tauchte die bunten Blätter der Bäume in die prächtigsten Farben. Ein sanfter Wind, den er nur als kühles Prickeln im Gesicht spürte, versetzte die Blätter der Bäume in einen sanft rauschenden Tanz. Die leicht wogende Masse verlor immer wieder Blätter, die in der Summe gesehen wie ein bunter Regen zu Boden glitten.
Thomas liebte den Herbst, da es für ihn die schönste Jahreszeit war. Die glasklare kühle Luft tief einatmend, ging er los. Mit halb geschlossenen Augen genoss er die wärmenden Sonnenstrahlen im Gesicht. Ein Gefühl der Schwerelosigkeit des Augenblickes überkam ihn. Tiefer Friede erfüllte ihn, bis er zur doppelspurigen Straße des städtischen Rings kam und neben ihm die Autos entlangbrausten. Das Geräusch zerbrach den Augenblick des Glücks und er öffnete enttäuscht die Augen. Dafür wandte er seinen Kopf interessiert nach rechts, wo sich ein Fahrzeug an das nächste reihte. Er kam gerade an dem Autohaus vorbei, wo er jeden Morgen die neuesten Modelle ansah. Er erblickte Mittelklasselimousinen, Sportwagen, Geländewagen und Gebrauchtwagen in allen Variationen. Ein Wagen hatte es ihm immer besonders angetan. Es war eine kurze gedrungene Flunder, die wie ein gespannter Muskel dastand, jeden Moment bereit, aus dem Ausstellungsraum auszubrechen und Spaß zu haben. Dieses Auto würde er gerne Probe fahren, aber dies war vermutlich so gut wie unmöglich, und kaufen konnte er es auch nicht, denn es kostete mehr als all sein Erspartes zusammen Wert war. Er wollte es auch nicht haben, aber eine Fahrt würde ihn schon jucken. Von einer anschwellenden Sirene wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Er blickte sich um und sah auch schon den Verursacher des Kraches, der die Stille dieses Morgens zerschnitt. Es war ein Polizeiauto, das mit mehr als den erlaubten 60 Stundenkilometern an ihm vorbeiraste. Kurz vor der roten Ampel bremste das Auto ab, bis der Fahrer sicher war, dass alle anderen stehen blieben, und gab wieder Gas, um die Kreuzung schnellstmöglich zu überqueren. Kurz darauf war auch das Heulen der Sirene in der Ferne verklungen.
Thomas ging in Gedanken versunken weiter. Als er vom Boden aufsah, erblickte er auf der anderen Straßenseite sein Ziel. Ein siebengeschossiges rotes Hochhaus, in dem sich die Steuerkanzlei, in der er arbeitete, befand. Als er an der Ampel wartete, um die Straße zu überqueren, betrachtete er das Haus, welches im morgendlichen Sonnenlicht rot glühte. Er wusste, dass der äußere Schein trog, denn es wohnten hauptsächlich untere Bevölkerungsschichten darin. So kam es schon vor, dass mal einer vor den Eingang gekotzt hatte oder zerbrochene Bier- und Schnapsflaschen vor der Tür lagen, oder auch mal jemand (oder dessen Hund) in den Hausgang pinkelte.
Nachdem er die Straße an der Fußgängerampel überquert hatte und auf den Eingang zuging, sah er, dass in der Seitenstraße neben dem Haus ein Polizeiauto parkte. Es war nicht irgendein Streifenwagen, sondern derselbe, wie er an der Nummer feststellte, der eben an ihm vorbeigerast war. „Wahrscheinlich hat ein Bewohner die Tankstelle nebenan überfallen“, dachte er sich, als er die Eingangstür aufdrückte. Es empfing ihn die wohlbekannte Dämmrigkeit des Hausflurs. Er fragte sich mal wieder, wie eine Steuerberatungsgesellschaft in solch einem versifften und alten Bau ihr Büro haben konnte.
Er stieg die Treppe, die aussah, als ob sie seit geraumer Zeit nicht mehr geputzt worden war, hinauf. Im ersten Stock begegnete er der alten Putzfrau, die sich jeden Montagmorgen abmühte, den Hausgang mit gekrümmtem Rücken zu schrubben, ohne ihm den Anschein von Säuberung verpassen zu können. Er stieg in den zweiten Stock hinauf und erlebte eine Überraschung, sodass er mitten im Schritt innehielt.
Die Tür zur Kanzlei stand sperrangelweit offen und davor waren alle Mitarbeiter versammelt. Herr Mayerhuber, sein Kollege, der ihm bei der Arbeit gegenüber saß, lehnte mit dem Rücken an der Wand neben der Aufzugtüre. Trotz seines noch nicht so hohen Alters von 55 Jahren war sein Gesicht mit Falten durchzogen. Heute jedoch wirkten sie wie tiefe Täler, die von einem Gletscher in die Landschaft gegraben worden waren. Seine blicklosen Augen starrten ins Leere. Ihm gegenüber lehnte der neueste Zuwachs der Firma an der Wand, aber er schien sie nicht wahrzunehmen. Die sonst so lebensfrohe Frau war so blass und starr wie Herr Mayerhuber. Ihr auch sonst widerspenstiges Haar hing ihr heute in besonders wirren Strähnen ins Gesicht. Was Thomas von ihrem Gesicht erkennen konnte, war zu einer Maske aus Schrecken erstarrt. Ihr Blick flackerte wild und sie wirkte alt. Ihn überkam ein mulmiges Gefühl. Neben ihr lehnte die Auszubildende Magdalena, ebenfalls so blass wie die Wand hinter ihr. Sie starrte den Boden vor sich an, wobei sie ihn nicht wahrzunehmen schien. Doch den schlimmsten Anblick bot Frau Hubertus, die Ehefrau des Seniorchefs. Ihr Gesicht wirkte eingefallen, sodass es mehr einem Totenkopf glich, und die offenen Augen starrten ins Leere. Ihre Hände klammeren sich so stark an Herr Mayerhuber, dass die Knöchel weiß durch die Haut hervorstachen. Obwohl sie sich so fest an ihn klammerte, dass es wehtun musste, schien Herr Mayerhuber in seinem katatonischen Zustand keinen Schmerz wahrzunehmen.
Frau Hubertus zitterte am ganzen Körper wie Espenlaub, was sie noch fester zupacken ließ, aber es half nicht, das Zittern unter Kontrolle zu bringen. Je fester sie sich an Herr Mayerhuber klammerte, umso stärker schien ihr Zittern zu werden. Obwohl Thomas nun schon seit einer geschlagenen Minute auf das unglaubliche Bild starrte, das sich ihm bot, fiel ihm die Stille erst jetzt auf. Keiner schien ihn auch nur wahrzunehmen.
„Guten Morgen zusammen“, sagte er in fröhlichem Ton, um die Totenstille zu brechen. Aber der Ton war nicht fröhlich, sondern schien der Situation noch Nahrung zu geben. Seine Worte verhallten ungehört in der Stille des ­Hausganges.
„Was ist denn los?“, fragte er mit wachsendem Unbehagen und einem Bauchgefühl, das ihm riet, lieber zu verschwinden. Es lag irgendwie eine Schwingung in der Luft, die in ihm den Fluchtreflex auslöste. Das Schweigen seiner Kollegen trug nicht gerade zu seiner Beruhigung bei. Stille. Alle starrten weiterhin in die Leere. Aus blicklosen Augen durch den Boden oder die Wand. Sie wirkten wie lebensechte Wachspuppen, aber wenn man genau hinsah, bemerkte man doch ein Lebenszeichen. Frau Hubertus hob den Kopf. Thomas’ Fantasie ging mit ihm durch, denn sie bewegte sich langsam und ruckartig wie ein Zombie und starrte nun durch Thomas hindurch. Thomas überkam ein eisiges Frösteln. Obwohl ihm nach dem Spaziergang vom Bahnhof hierher nicht mehr kalt war, bekam er eine Gänsehaut und fing an zu zittern. Er musste sich beherrschen, sonst hätte er noch mit den Zähnen geklappert.
Als er in die weit aufgerissenen, starren Augen von Frau Hubertus blickte, lief es ihm eiskalt den Rücken hinunter und sein Bauch sagte ihm noch deutlicher, dass es besser wäre, von hier zu verschwinden. Er las ein Entsetzten und Grauen darin, das nichts auf der Welt wieder verbannen konnte. Diese Augen hatten etwas derart Entsetzliches und Grauenhaftes gesehen, dass es Thomas Furcht, ja direkt Angst, einflößte. Thomas riss sich von ihrem Anblick los und starrte die offen stehende Kanzleitüre an. Dieses Etwas musste da drin sein. Bei diesem Gedanken fröstelte ihn erneut. Obwohl durch das Fenster von der gegenüberliegenden Seite das Sonnenlicht hereinströmte, konnte es die Finsternis, die sich in seiner Vorstellung hinter der Türe zu befinden schien, nicht vertreiben. Sein Herz schlug schneller, als er den Gedanken fasste, durch die Türe zu treten. Doch jede Faser seines Körpers schrie förmlich danach, auf dem Absatz kehrtzumachen und diesen Ort schnellstens zu verlassen. Doch gleichzeitig erglomm ein Funke.
Seine Neugier erwachte und trieb ihn auf die Türe zu. Langsam machte er einen Schritt. Sein Herz schlug noch schneller. Ihm stellten sich die Nackenhaare auf. Er hörte sein Blut in den Ohren rauschen. Noch ein Schritt. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. Noch ein Schritt. Und noch einer. Die Türe kam ihm wie ein aufgerissenes Maul vor. Die immergrüne Plastikpflanze vor dem Fenster warf einen vielköpfigen Schlangenschatten über den Boden und durch die offen stehende Bürotüre. Noch ein Schritt. Er war hindurch. Nichts hatte sich verändert. Die Sonne schien immer noch mit wärmenden Strahlen durch das Fenster, doch der Schatten der Pflanze war nur noch ein normaler Schatten. Die versammelten Mitarbeiter vor der Türe schienen nicht mitbekommen zu haben, dass er sich auf die Türe zubewegt hatte und nun auf der anderen Seite stand. Sein Herzschlag beruhigte sich ein wenig. Aber nur kurz. Es begann, gleich wieder schneller zu schlagen. Härter als zuvor, als wollte es seinen Brustkorb sprengen. Thomas nahm einen Geruch war. Ganz leicht. Fast zu gering, um ihn überhaupt wahrzunehmen. Er wandte tief atmend, fast hyperventilierend, seinen Kopf nach links. Der Geruch wurde stärker. Er starrte den dämmrigen Flur entlang. Ein rostrotbrauner Läufer lag auf dem Boden. Dieser schien so alt wie das Haus selbst. Die Farben dunkel vom Schmutz, der sich über die Jahre darin festgetreten hatte. Die weißen Wände kahl, ab und zu unterbrochen von den Türen, die zu den Büros führten. Ein paar Fotos in Schwarz-Weiß verliehen dem Augenblick etwas Unwirkliches. Aber heute wirkte alles noch viel düsterer, abweisender, und Thomas wandte sich in diese Richtung.
Langsam schlich er den Flur entlang. Der Geruch nahm an Intensität zu. Metallisch. Er meinte, er schmecke Kupfer. Noch langsamer als zuvor ging er weiter. Irgendetwas in ihm wusste, was dieser Geruch zu bedeuten hatte. Etwas Altes, Vertrautes und gleichzeitig so Fremdartiges, dass seine Furcht noch stärker wurde, regte sich in ihm. Je weiter er sich in den Flur vorwagte, desto stärker wurde der metallische Geruch. Obwohl alles in ihm danach schrie umzukehren und zu fliehen, war seine Neugier und das Alte und Fremdartige stärker. Sie trieb ihn einen kleinen Schritt nach dem anderen weiter voran. Ihm kam der Flur viel länger vor als sonst. Was wohl daran lag, dass er sich sehr viel langsamer bewegte als sonst üblich.
Er erreichte die ersten Türen, die links und rechts abzweigten. Auf der linken Seite lag das Büro seiner Chefin und rechts die Büros der Angestellten. Der Geruch wurde noch stärker. Er ging weiter. Er wusste im tiefsten Innern, was dieser metallische Geruch bedeutete, aber er verbannte das Bild, das sich ihm aufdrängte, zurück in die tiefsten Tiefen seines Unterbewusstseins. Dort harrte es aus und wartete geduldig darauf, dass er in seiner Wachsamkeit nachlassen würde, um ihn anzuspringen.
Langsam ging er weiter und näherte sich dem letzten Türenpaar. Der Geruch war jetzt so übermächtig, dass ihm schier die Luft wegblieb. Der kupferartige Geschmack auf seiner Zunge war so stark, dass er meinte, ihn nie wieder loszuwerden. Er schloss die Augen. Er war vor dem letzten Türenpaar angekommen. „Links“, wisperte eine leise Stimme in ihm. Er drehte sich in diese Richtung und öffnete die Augen.
Was er durch die offenstehende Türe sah, ließ das Bild, das sich in seinem Unterbewusstsein gebildet hatte, wie eine Seifenblase zerplatzen. Die Wirklichkeit schlug seine Fantasie bei Weitem. Vor Entsetzen riss er die Augen weit auf und sein Atem stockte. Der Anblick sollte sich auf ewig in sein Gedächtnis einbrennen. Unfähig, auch nur zu blinzeln oder wegzuschauen, musste er zusehen, wie sich das Bild mit fotografischer Präzision in sein Gehirn brannte.
In dem Zimmer herrschte wie immer Dämmerung. Gegenüber der Tür befand sich zwar eine Fensterfront, aber diese lag auf der Schattenseite des Hauses. Der dunkle Teppich und die schweren, dunklen Möbel trugen auch nicht gerade dazu bei, dem Zimmer mehr Freundlichkeit zu verpassen. Die Wände, die ehemals Weiß gestrichen waren, hatten über die Jahre einen schmutzig-grauen Ton angenommen.
Auf dem Bürostuhl hinter dem wuchtigen Schreibtisch saß Herr Hubertus nach vorne gesunken. Sein Oberkörper lag auf der Tischplatte und sein Kopf lag in einer Blutlache vor dem Schreibtisch auf dem Boden. Er war mit einer Axt, die immer noch im Holz der Tischplatte steckte, abgetrennt worden. Die Seite der Axt, die zum Körper wies, war rostrot vom eingetrockneten Blut, das, als der Kopf ab war, aus dem Halsstumpf gespritzt war.
Die Axt hatte wie eine Barriere gewirkt, sodass der Bereich direkt hinter der Waffe nicht mit Blut bedeckt war wie der Rest des Tisches. Der Schreibtisch war über und über mit dem getrockneten rostroten Lebenssaft bedeckt, der an den Tischkanten wie ein Wasserfall heruntergelaufen war.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 270
ISBN: 978-3-99003-260-2
Erscheinungsdatum: 23.03.2011
EUR 12,90
EUR 7,99

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