Krimi & Spannung

Wann?

Robert Singer

Wann?

Leseprobe:

9. Juli 1982
11.28 Uhr

1
Seinen Anfang nahm alles schon früher. Viel früher. Nur dass Jakob Morello damals noch nicht wusste, was alles kommen würde. Was alles noch vor ihm lag.
Er war noch kein Mann, als er an jenem Freitag die schwere Holztür zur Bahnhofshalle öffnete. Wahrhaftig nicht. Viel zu schwer war sie für die dünnen Arme, die an seinem schmächtigen Körper nur behelfsmäßig festgemacht schienen. Obwohl die Jungen in seinem Alter bereits einen üppigen Bartwuchs präsentieren konnten, wenn sie sich nicht rasierten, offenbarte sein bleiches Gesicht das Bild eines Jungen, der weder oft an der Sonne war, noch Hilfe gegen seine starke Akne erhielt. Jakob Morello war achtzehn Jahre alt und wurde selten älter als vierzehn geschätzt. Seine geringe Körpergröße verstärkte den Eindruck, dass man es bei ihm mit einem Kind zu tun hatte, welches bald in den Sturm der Pubertätsjahre eintauchen würde. Dass er von diesem bereits hin und her geworfen wurde, ahnte niemand, der mit ihm zu tun hatte. Nur er wusste es. Wusste es ganz genau. Er befand sich mitten drin und verfluchte in seinen dunkelsten Momenten, dass ihn niemand darauf vorbereitet hatte. Da war nur dieses Wort, welches die Erwachsenen geheimnisvoll lächelnd ausgesprochen hatten. Manchmal auch ohne ein Lächeln. Vor allem dann, wenn sie es als Erklärung und Entschuldigung verwendeten, wenn etwas ganz schwierig war.
Wenn er ganz schwierig war.
Jakob wusste nun, was das Wort bedeutete und hatte gelernt, damit umzugehen. Und er spürte, dass es nicht mehr lange dauern würde. Dass sich der Sturm bald legen würde. Schließlich war er bald zwanzig, und spätestens dann musste es vorbei sein. Vielleicht geschah es auch schon früher. Als er ins Innere des Gebäudes trat und hinter ihm die Tür mit einem lauten Knall zuschlug, setzte sich in ihm die Gewissheit fest, dass die bevorstehende Reise ein guter Anfang war.
Ein Neustart.
Ein Weg, den Sturm zu verlassen.
Eine Möglichkeit, Ruhe zu finden.
Er war total überrascht gewesen, als Nadja und Patrick ihn gefragt hatten, ob er Lust habe, mit ihnen nach Venedig zu kommen. Sie, die ihn die vergangenen Jahre in der Kantonsschule immer gemieden hatten. Jeder in seiner Klasse hätte viel dafür gegeben, mit den beiden in die Ferien zu verreisen. Sie waren eindeutig die Lieblinge. Vielleicht würden noch andere mitkommen, hatten sie ihm gesagt. Natürlich hatte er gezögert. Klar. Mit ihren dunkelbraunen Augen hatte Nadja ihm offen ins Gesicht geblickt, während Patrick sie eng umschlungen hielt.
„Schau, Jacky, das wird eine super Reise werden. Wir werden uns total gut amüsieren. Wär’ doch mal was. So kommst du mal weg und raus, nicht wahr?“
Jakob hasste es, wenn sie ihn Jacky nannte. Aber es war nicht der Zeitpunkt gewesen, sich darüber zu beklagen. War es eigentlich nie. Er würde wirklich gerne weggehen. Etwas anderes sehen. Raus aus dem Ganzen. Wenigstens für eine gewisse Zeit. Weg von daheim. In der Tat war das Angebot verlockend. Aber sein Misstrauen war ebenfalls da.
Aufgebaut in den vergangenen Jahren der Enttäuschungen. Gewachsen in den Jahren seiner Kindheit. Gefestigt durch die Erfahrungen seiner Schulzeit. Er hatte gelernt, dass dies zum Sturm gehören musste und hätte gerne gewusst, wie die anderen es schafften, Wind und Wellen auszuweichen.
Sie saßen auf der Fensterbank und sprachen ihn an, als er auf dem Weg zur Mensa war.
„Nun, Jacky, was meinst du? Bist du dabei? Du warst doch noch nie in Italien. Oder etwa doch?“
Jakob schüttelte den Kopf.
„Siehst du? Dann wird es höchste Zeit.“
Patrick biss ihr leicht ins Ohrläppchen, schaute ihn verschwörerisch an und sagte leise: „Kommt Angie nicht auch?“
Nadja nickte. „Klar, sie kommt auch. So etwas lässt sie sich doch nicht entgehen.“ Sie drehte sich um und küsste Patrick auf den Mund. Jakob stand da und schaute zu, wie die beiden die Welt um sich herum zu vergessen schienen. Sie hatten den Sturm hinter sich. Davon war er überzeugt. Wenn man den Sturm hinter sich hatte, konnte man küssen, ohne dass es einen kümmerte, wenn ein schlaksiger Junge dabei zuschaute. Als sich Nadja von Patrick löste, konnte er einen Speichelfaden sehen, der den Moment der Verbindung noch einige Sekunden zu verlängern schien. Nadjas Zunge fuhr über ihre Oberlippe, und Jakob sah, wie sie lächelte. Wie sie ihn anlächelte. Sie meinte es ernst. Sie wollte wirklich, dass er sie begleitete. Das Misstrauen war verschwunden. Wenigstens ein bisschen.
„Nun komm schon, Jacky. Oder willst du den ganzen Sommer in deiner Bude hocken?“
Das wollte er nicht. Liebend gern würde er weg. Italien. Venedig. Eigentlich war es ihm vollkommen egal, wohin die Reise gehen würde. Die Vorstellung, allem für einige Zeit den Rücken zu kehren, war unglaublich ermutigend. Noch ermutigender war es, dass die beiden ihn fragten, auch wenn er eigentlich sicher war, dass er nur die Ersatzlösung war.
„Wer hat denn abgesagt?“
Patrick setzte sich auf. „Was meinst du?“
„Ihr kommt doch nicht einfach so auf die Idee, mich auf eine Reise mitzunehmen. Da sind doch noch andere, mit denen ihr sonst immer zusammensitzt. Also hat doch sicher jemand abgesagt, und ihr habt ein Billett zu viel.“
Einerseits war da diese Angst, dass sie sich einen Spaß mit ihm erlaubten. Einmal mehr. Andererseits fühlte er tief in seinem Innern dieses Kribbeln. Ausgelöst durch die Hoffnung, die sich vor ihm auftat.
Eine Möglichkeit.
Eine Veränderung.
Das Ende des Sturms.
„Wir haben kein Billett zu viel. Wir haben noch gar keine Billetts. Aber wir sind voll in der Planung und würden uns freuen, wenn du mitkommen könntest. Wär’ doch cool!“ Sie lächelte Patrick an und strich ihm über seine glatt rasierte Wange.
„Und Angelika kommt auch?“
Jakob staunte, dass er sich getraut hatte, die Frage zu stellen.
„Ja, sie kommt definitiv mit. Gerade gestern hat sie zugesagt.“ Patrick grinste ihn an. „Und? Was ist nun?“
Das Misstrauen wich mehr und mehr und machte der Hoffnung Platz, dass sein Leben eine Wende erfahren würde. Er durfte sich nicht immer von allem distanzieren und sich selber ins Abseits manövrieren. Noch bevor er einen klaren Gedanken fassen konnte, spürte er, wie sein Kopf leicht nickte.
Nadja lachte ihn an. „Ist das also ein Ja?“
Jakob nickte nun klarer und sagte: „Ja, ich glaube, das ist ein Ja.“
Patrick schüttelte den Kopf. „Du glaubst?“
Nun lachte auch Jakob. „Ja, ja, ja. Ich komme gerne mit nach Venedig.“
Er lachte und spürte, wie sich die Nebel des Misstrauens lichteten. Vollends auflösten. Sie erzählten ihm dort auf der Fensterbank vom Campingplatz, der direkt am Meer lag und überhaupt nicht viel kostete. Im Gegensatz zum Zugticket, das doch ziemlich teuer war. Aber Jakob Morello war bereits voll angesteckt von der Vorfreude auf die bevorstehende Reise.
Er hatte nicht viele Ausgaben, und das Geld, das er in den vergangenen Jahren zusammengespart hatte, würde vollkommen reichen. Sogar die Hunderternote seines Paten lag noch unangetastet in seinem Sparschwein. Jakob Morello war ein sparsamer Teenager, und diese Sparsamkeit sollte ihm nun helfen, aus dem Sturm zu kommen. Sie hatte sich bezahlt gemacht, und als er an jenem Abend in seinem Bett lag, umspielte ein Lächeln sein Gesicht. Italien.
Er würde verreisen.
Er konnte es immer noch nicht glauben.
Als er es in der Küche seiner Mutter sagte, zeigte diese keine Reaktion. Wenigstens keine wirkliche. Sie hatte nicht einmal damit aufgehört, das Geschirr zu spülen. Seit er denken konnte, hatte ihn seine Mutter nicht wahrgenommen. Die Gespräche reduzierten sich höchstens auf Fragen, wie er einen seiner wenigen Wünsche bezahlen wolle oder weshalb es denn unbedingt ein Studium sein müsse. Er wusste, dass sie wollte, dass er so schnell wie möglich Geld verdiente, damit sie etwas davon abkriegte. Das würde allerdings nie geschehen. Das hatte er sich bereits früh geschworen und ihr nichts von seinen kleinen Gelegenheitsjobs erzählt. Während sie eine Bratpfanne auskratzte, fragte sie ihn: „Und wie willst du das bezahlen?“
Also hatte sie doch gehört, was er ihr erzählt hatte.
„Ich habe genug Geld. Ich habe gespart.“
Sie stand da vor der Spüle und hörte nicht auf, die eingebrannten Bratkartoffelreste wegzukratzen. Keine weitere Frage. Nichts. Wahrscheinlich hatte sie nicht einmal mitbekommen, dass er in seinem Zimmer verschwunden war. Er verachtete sie zutiefst und konnte nicht verstehen, dass sie war, wie sie war. Aber wahrscheinlich gehörte auch das zum Sturm der Pubertät. Er wusste es nicht, weil ihm niemand davon erzählte. Er wusste, dass sie ihn verachtete. Dies aber auch nur dann, wenn sie feststellte, dass er anwesend war. Meistens war das Gegenteil der Fall.
Er würde rauskommen. Und Nadja und Patrick würden ihm dabei helfen. Und dann würden auch die anderen mitziehen und ihn nicht mehr behandeln, als sei er gar nicht vorhanden. Er lächelte erneut und schüttelte in seiner Vorstellung den Kopf. Wie idiotisch war das Sprichwort, jemanden wie Luft zu behandeln. Luft war Sauerstoff. Wenigstens ein wesentlicher Teil davon. Wenn also jemand wie Luft behandelt wird, ist er für ihn doch lebensnotwendig. Oder lag er da total falsch? Egal.
Er wurde nicht wie Luft behandelt. Er wurde gar nicht behandelt. Man redete nicht mit ihm. Man sprach nicht mal hinter seinem Rücken über ihn. Wahrscheinlich würde sich in dreißig Jahren gar niemand an ihn erinnern. Oder in einem halben Jahr. Manchmal hätte er sich gewünscht, dass sie ihn auf dem Nachhauseweg abpassten, um ihn zu verprügeln. Aber wie sollte jemand, der nicht da war, verprügelt werden? Und er war dieser Jemand. In der Sportstunde rannte er jeweils, was das Zeug hielt, was völlig unnötig war, da es für seine Mannschaft niemals eine Option war, ihm den Ball zuzuspielen. Bei der Wahl der Mannschaften saß er als Letzter an der Wand und wusste stets, in welche er zu gehen hatte. Er wurde niemals wirklich gewählt, sondern musste als Letzter aufstehen, während sich die anderen bereits aufstellten. Er wurde in der Tat nicht wie Luft behandelt. Er wurde überhaupt nicht behandelt.
Und das sollte sich nun alles ändern. Er freute sich und leerte am anderen Tag sein Sparschwein. Das Konto, das ihm seine Eltern zu seiner Geburt eröffnet hatten, hatte seine Mutter bereits geleert und in ihren Wodka investiert. Oder in was auch immer. Sein Sparschwein war eigentlich gar kein Schwein im herkömmlichen Sinn. Vielmehr war es eine kleine Tasche. Ähnlich wie ein Couvert, aber aus Stoff mit einem Reissverschluss. Er hatte sie in einer abschließbaren Holzschatulle in einem Fach in seiner Pultschublade, die er ebenfalls immer zugesperrt hielt. Er wollte nicht, dass seine Mutter daran ging, denn dann würde er das Geld nie wiedersehen.
Jakob erinnerte sich noch gut daran, als er zu Weihnachten von seinem Vater Gold erhalten hatte. Ein Stück Gold in der Form einer Münze. Er wusste nicht, wie viel es wert war. Der Wert für den damals zehnjährigen Jungen war unglaublich hoch, da es ein Geschenk seines Vaters war, der ihm die Münze in die Hand gedrückt hatte, bevor er in den Zug stieg. Immer zu Weihnachten und manchmal an seinem Geburtstag kam er kurz zu Besuch, und manchmal drückte er seinem Sohn ein Geschenk in die Hand. Damals war es eine richtige Goldmünze gewesen. Natürlich hätte er sich mehr gefreut, wenn es ein Geschenk gewesen wäre, das er hätte auspacken können. Mit viel Papier und einer schönen Schleife. Er spürte jedoch, dass es etwas Besonderes sein musste, eine solche Münze in seinem Besitz zu haben. Sein Vater hatte ihn liebevoll angelächelt und gesagt: „Gib gut darauf acht, mein Junge. Dieses Geldstück ist mehr wert als ein normales Geldstück. Das ist richtiges Gold.“ Jakob war unglaublich stolz gewesen, richtiges Gold in seiner Hand zu haben. Er hielt die Münze fest umschlossen, bis er daheim war. Als er sie zu Hause seiner Mutter voller Stolz gezeigt hatte, verzog diese keine Miene. Wusste sie nicht, wie wertvoll sein Schatz war? Er legte die Münze auf ein rechteckiges Stück Spiegel, welches er einmal auf einer Baustelle gefunden hatte und freute sich, dass sie darauf noch viel größer wirkte als in seiner Hand. Als er am anderen Tag von der Schule kam, war beides weg. Der Spiegel und die Münze.
„Wo ist mein Gold?“, fragte er seine Mutter, nachdem er aus seinem Zimmer in die Küche gerannt war.
„Du sollst doch in der Wohnung nicht rennen!“, sagte sie, während sie eine durchsichtige Flüssigkeit in ein Glas leerte.
Jakob ließ nicht locker und trat zu seiner Mutter hin, die am Küchentisch saß.
„Mami, hast du das Gold genommen? Hast du meinen Schatz genommen? Mami?“
Seine Mutter schaute ihn an und nahm einen Schluck aus ihrem Glas. Auf dem Herd kochte Wasser. An der Rückwand liefen kleine Wassertropfen runter. Wie die Träne, die sich in Jakobs rechtem Auge zu lösen begann.
„Ach, hör doch auf zu heulen. Die war sowieso nicht viel wert. Du hättest sie im Couvert lassen sollen, aber mit den Kratzern darauf …“
Jakob schaute seine Mutter mit großen Augen an und an jenem Mittag wusste er zwei Dinge: Erstens, dass er in diesem Haus niemals wieder würde Geld herumliegen lassen – und zweitens, dass das Gefühl des Hasses wehtat.
Seit diesem Tag sperrte er sein Geld weg. Er war davon überzeugt, dass seine Mutter keine Ahnung hatte, wie viel er bereits zusammengespart hatte. Geld, das er von seinem Paten oder auch seinem Vater erhielt, wurde ihm jeweils unauffällig zugesteckt. Vielleicht ahnten sie, dass er es sonst nicht lange würde sein Eigen nennen können.
Nun sollte sich seine Sparsamkeit und Vorsicht also auszahlen, und er konnte sich Ferien in Italien leisten. Sein Zimmer war dunkel. In der Wohnung war es still. Draußen hörte er einen Hund bellen. Er lag gerne einfach so in seinem Bett. Lauschend. Nachdenkend.
Damals in der Nacht, als er ohne seine Goldmünze war, hatte er zuerst geweint und sein Kissen nass gemacht. Als er keine Tränen mehr hatte, reifte in dem kleinen Jungen der Gedanke, dass er nie wieder weinen und den Abend und die Nacht dazu verwenden würde, herauszufinden, weshalb die Erwachsenen sich so verhielten, wie sie sich verhielten.
Das hatte er so beibehalten. Nur, dass er sich nicht mehr über die Erwachsenen im Speziellen ein Bild machte, sondern über seine gesamte Umgebung. Wie funktionierte das Zusammenspiel von Eltern zu Kindern? Wie lief es zwischen Vorgesetzten und Angestellten? Zwischen Mann und Frau? Zwischen ihm und den anderen? Was war gesund? Was war krank oder machte krank? Er machte sich ein Bild. Über das Warum ihres Handelns. Über die Möglichkeit, wie er etwas ändern könnte. Wie viel Schuld lag vielleicht in seinem eigenen Verhalten? Wie konnte er sich so ändern, damit sich auch die Leute seiner Umgebung änderten?
In dieser Nacht allerdings wusste er, dass er nichts ändern musste. Er würde mit Nadja und Patrick nach Italien reisen. Und mit Angelika, die alle nur Angie nannten.
Alle, außer ihm. Er nannte sie so, wie sie hieß. Auch über sie machte er sich Gedanken. Aber diese Gedanken waren anders.
Ohne Schuld.
Rein. Ängstlich. Zart.
Er wusste nicht, wer auch noch mitreisen würde und war gespannt darauf. Dieses Mal wollte er alles richtig machen. Keine falschen Fragen stellen. Er nahm sich vor, am nächsten Wochenende auf seinem kleinen Transistorradio die Hitparade zu hören, damit er sich in Gesprächen darüber nicht blamieren würde. Morgen würde er Nadja das Geld bringen, damit sie das Billett bezahlen konnte. Und noch Weiteres, was in solchen Fällen notwendig war. Platzreservation im Zug und auch eine Gebühr für den Campingplatz. Er kannte sich da nicht aus und wollte nicht mit Fragen bereits wieder einen Sturm entfachen. Er war draußen. Wind und Wellen weit weg. Es konnte sich etwas ändern, und er durfte es auf dieser Reise auf keinen Fall vermasseln.
So stand er nun in der riesigen Halle des Bahnhofs und drehte sich zur Tür um, die mit einem lauten Poltern zugefallen war. Im Gebäude schien dies niemanden zu kümmern. Es war elf Uhr. Er war viel zu früh. Der Zug fuhr erst in 28 Minuten. Aber er wollte auf keinen Fall zu spät kommen. Zu Hause hatte er gespürt, dass er so schnell wie möglich gehen wollte. Er glaubte nicht, dass seine Mutter mitbekommen hatte, dass er das Haus verlassen hatte.
Als er auf die Gleise trat, nahm er den unverkennbaren Geruch des Bahnhofs war. Metall, erhitzte Schottersteine. Kein unangenehmer Geruch. Viel mehr etwas, das ihn daran erinnerte, dass die Möglichkeit vor einem stand, wegzufahren. Zu verreisen. So hatte es immer gerochen, als ihn sein Vater in die Arme geschlossen hatte, bevor er in den Zug stieg und seinen Sohn allein zurückließ. Damals kam zum Geruch des Bahnsteigs auch noch der herbe Duft seines Rasierwassers, der in Jakobs Nase stieg. Dieser Geruch fehlte an diesem Tag. Trotzdem sog er auf, was er konnte.
Das war Freiheit.
Das waren Ferien.
Das war ein Aufbrechen.
Ein Aufbruch.
Er schaute um sich. Immer mehr Menschen traten auf den Bahnsteig. Die Uhr über seinem Kopf zeigte bereits eine Viertelstunde nach elf Uhr an. Er ging zurück in die Bahnhofshalle. Vielleicht hatte er den Treffpunkt falsch verstanden, und sie warteten drinnen auf ihn. Aber da war niemand, der auf ihn wartete.
11.22 Uhr.
Er trat wieder auf den Bahnsteig. Es wurde wärmer. Er kramte einen Zettel aus seiner braunen Manchesterhose und faltete ihn auf.
Abfahrt 11.28 Uhr, Gleis 1, stand da. Selber von ihm notiert, damit er es auf keinen Fall vergass.
Von Weitem hörte er das Kreischen der Bremsen des einfahrenden Zuges und die entsprechende Durchsage über die Lautsprecher. Obwohl er davon beinahe nichts verstehen konnte. Weshalb wurden diese Durchsagen nicht gemacht, bevor der Zug einfuhr? Aber eigentlich war das nicht die Frage, die ihn kümmerte. Er schaute sich um. Er blickte auf seine Uhr. Sein Herz begann zu hämmern. Er beobachtete, wie sich die Passagiere immer näher zu dem langsam einfahrenden Zug drängten. Von Nadja und Patrick war nichts zu sehen. Der Zug hielt an. Türen öffneten sich, und die davorstehenden Leute bewegten sich leicht zurück, um die Personen aussteigen zu lassen und dann selber einzusteigen. Nach einer Minute war der Bahnsteig leer.
11. 27 Uhr.
Ein Kondukteur stand am Ende des Zuges und ließ einen schrillen Pfiff ertönen. Die Türen schlossen sich. Jakob konnte nicht einsteigen. Er hatte kein Billett. Das hatte Nadja. Und Nadja war nicht hier.
11.28 Uhr.
Während sich der Zug langsam in Bewegung setzte, wurden ihm zwei Dinge bewusst.
Erstens: Er hatte sich nicht am Ende des Sturms, sondern nur für einen kurzen Moment in seinem ruhigen Auge befunden.
Zweitens: Gegen den Schmerz der Enttäuschung musste er etwas unternehmen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 368
ISBN: 978-3-99107-262-1
Erscheinungsdatum: 10.12.2020
EUR 18,90
EUR 11,99

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