Krimi & Spannung

Vorbestimmt

Lukas Jahn

Vorbestimmt

Auf der Suche

Leseprobe:

Einführung

An einem grauen düsteren Regentag, an dem es so stark regnet, dass man keine zwei Meter weit sehen kann, und der Wind so stark weht, dass sich die Bäume krümmen, ereignet sich ein Schicksal, das von seinem traurigen Ausmaß seinesgleichen sucht. An jenem Tag, an dem die meisten Menschen zu Hause in ihren gemütlichen Häusern sind, befindet sich ein kleiner Junge mutterseelenallein auf der Straße und wird vom prasselnden Regen förmlich durchgespült.

Weinend und hilflos läuft er ziellos hin und her, die Verzweiflung ist ihm ins Gesicht geschrieben, die Angst allgegenwärtig. Der Junge heißt Thomas, er hat kurze hellbraune Haare, einen eher ovalen Kopf, der ein spitzes Kinn mit sich zieht, und ist knapp eineinhalb Meter groß.
Erst neun Jahre ist er alt, als für ihn ein Tag beginnt, der sein ganzes Leben verändern würde, denn vor wenigen Minuten ist er ganz alleine neben einem Müllcontainer in einer verwinkelten Seitengasse aufgewacht. Wie er hierherkam, weiß er nicht, das Einzige, woran er sich noch erinnern kann, ist, wie er in seinem kleinen gemütlichen Bett eingeschlafen ist, und danach tief und fest geschlafen hat.

Aber plötzlich ist er hier am nächsten Morgen aufgewacht, alleine, ohne zu wissen, wieso er hier ist, und was er hier macht. Er versteht die Welt nicht mehr, als er bemerkt, dass er ganz alleine ist.

Wo ist seine Mutter, die ihn am letzten Abend gerade noch im Arm gehalten hatte? Wo ist sein Vater, der ihm stets sagte, dass er ihn beschützen würde? Wo ist er jetzt?
Voller Angst und mit dem einzigen Wunsch, wieder in den warmen Armen seiner Mutter zu sein, schreit er verzweifelt: „Mama …! Papa …!“
Enttäuscht schaut er um sich und kann nicht verstehen, wo sie sind, da schreit er noch einmal: „Mama …! Mama …!“

Doch er hört niemanden, das einzige Geräusch, das er wahrnimmt, ist das Prasseln des Regens auf den Asphaltboden. Doch sollte er die Hoffnung einfach aufgeben?
Nein, er denkt nicht einmal daran, stur setzt sich der kleine Knirps unter einen Baum am Straßenrand, um ein bisschen Schutz vor dem Regen zu finden, und schreit alle paar Minuten: „Mama …! Papa …!“

Doch egal wie laut er schreit, oder wie viel er weint, es kommt niemand, der ihm hilft. Mit den Stunden, die vergehen, schwindet auch seine Hoffnung, doch was hat er für eine andere Wahl, als einfach hierzubleiben und zu warten?

Wo sollte der kleine hilflose Junge hin, das Einzige, was er kennt, ist ein großer Hof, auf dem er bis jetzt mit seinen Eltern und seiner Schwester lebte. Er kennt nichts anderes, noch nie in seinem Leben ging er von zu Hause weg, noch nie befand er sich an einem so unbekannten Ort wie jetzt …


Kapitel 1 – Rastlos

1.1 Auf sich allein gestellt

Es wird langsam dunkel, der Regen prasselt nach wie vor erbarmungslos auf ihn herunter, als er aufsteht und davonläuft. Die Hoffnung, dass seine Eltern doch noch kommen würden, hat er verloren. Enttäuscht und gebrochenen Herzens macht er sich auf den Weg, wohin, weiß er nicht, er läuft einfach und hofft auf sein Glück. Nach unzähligen Tränen, die geflossen sind, bemerkt Thomas, dass es nichts bringt zu weinen, denn es sieht ihn ja sowieso niemand, der mit ihm Mitleid haben könnte. Er versteht, dass er nun auf sich allein angewiesen ist, und dass er jetzt selber entscheiden muss, wohin er geht, und was er macht.
Da bemerkt er auf einmal, dass sich in seiner rechten Hosentasche etwas befindet, er fasst mit seiner Hand hinein, und zieht ein schwarzes, taschenuhrgroßes, rundes Stück hervor. Es ist ein kleiner Kompass, doch Thomas sieht diesen Gegenstand zum ersten Mal, und kann sich nicht erklären, was es ist. Er steckt diesen merkwürdigen Gegenstand wieder in seine Hosentasche und macht sich auf den Weg. Beinahe die ganze Nacht läuft er am Straßenrand entlang und fragt sich, was er nur falsch gemacht hat, dass ihn seine Eltern so hart bestrafen. Schließlich legt er sich einfach neben den Straßenrand auf eine kleine Wiese und schläft ein. Er ist so müde, dass es ihm egal ist, wo er schläft, er ist so enttäuscht, dass es ihm egal ist, ob er wieder aufwachen wird oder nicht.

Also schläft er und träumt davon, wie ihn seine wunderschöne Mutter in ihren Armen hält, und ihn liebevoll umarmt. Tief und fest schläft er mehrere Stunden lang, bis ihn am nächsten Morgen durch Zufall eine Frau findet, die mit ihrem Auto auf der Straße an ihm vorbeifährt. Sie sieht den hilflosen Jungen schlafend auf der Straße liegen. Schnell stellt sie fest, dass etwas nicht in Ordnung ist, und so setzt sie ihn kurzerhand ins Auto, und bringt ihn in ein Krankenhaus. Die Ärzte behalten ihn dort ein paar Tage zur Untersuchung, doch als sie feststellen, dass seine Familie nirgends aufzufinden ist, verfrachtet man ihn kurzerhand in ein Kinderheim nahe der Schweizerisch-französischen Grenze. Thomas sitzt dort immer an einem Fenster mit dem Blick auf die Straße und schaut hinaus. Mit seinem kleinen Kompass in der Hand, den er stets bei sich trägt, erhofft er sich, dass im Falle eines Auftauchens seiner Eltern, sie ihn auch erkennen würden, wenn er den Kompass bei sich hat. Nicht nur das, es ist auch der einzige Gegenstand, den er besitzt, der aus seiner früheren glücklicheren Zeit stammt. Jeden Tag weint er, und immer wenn ein Auto auf den Parkplatz des Kinderheims vorfährt, meint er, dass ihn seine Eltern jetzt endlich holen kämen, doch nie waren sie es … Er sitzt jeden Tag an dem gleichen Fenster, und schaut, ob jemand kommt, er wartet auf seine wunderschöne liebevolle Mutter, auf seinen gutmütigen barmherzigen Vater und auf seine kleine Schwester, mit der er jeden Tag spielte. Doch leider wartet er vergebens, Woche für Woche, Tag für Tag, Stunde um Stunde … Mit der Zeit, die vergeht, wird seine Hoffnung immer kleiner, dennoch setzt er sich einfach ans Fenster, weil er nichts anderes mehr zu tun hat. Er ahnt zwar, dass seine Eltern wahrscheinlich nicht mehr kommen würden, dennoch schaut er auf den Parkplatz, um sich einfach nur zu vergewissern, dass sie wirklich nicht mehr kommen. Vierzehn Monate lang bleibt er ganz alleine im Heim, alle Menschen, die er vorher kannte, waren plötzlich nicht mehr hier, nur fremde Personen um ihn herum. Diese vierzehn Monate prägten den jungen Thomas sehr stark, sie veränderten ihn so sehr, dass er danach nicht mehr der gleiche Junge wie zuvor war.
Aus dem einst lebensfrohen jungen Menschen, der in jede Person Vertrauen gesetzt hat, ist jetzt ein trauriger Einzelgänger geworden. Das Vertrauen in seine Mitmenschen hat er verloren, zu kalt und lieblos war die letzte Zeit hier im Kinderheim. Nach diesen Erfahrungen voller Enttäuschungen und Trauer bringt man ihn zu einer Pflegefamilie. Doch sie kommen mit dem kleinen anspruchsvollen Jungen nicht zurecht, und nach ein paar Monaten bringen sie ihn wieder zurück ins Kinderheim. Als er sich gerade wieder an das Umfeld im Kinderheim gewöhnt hat, kommt er in die nächste Pflegefamilie. So geht es immer weiter, bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahr. Genau ein Tag nach seinem Geburtstag wird er wieder ins Heim gebracht, und an diesem Tag bekommt er endgültig alles satt. Kurze Zeit, nachdem er im Heim angekommen ist, beschließt er auszubrechen. Ein Kinderheim ist natürlich kein Gefängnis, dennoch werden abends die Türen verschlossen, meistens um 19.00 Uhr. Das weiß Thomas natürlich noch vom letzten Aufenthalt, und so plant er, kurz bevor sie die Tür schließen, sich heimlich aus dem Staub zu machen. Das gelingt ihm auch, völlig durcheinander und nicht wissend, was der nächste Tag bringen wird, bricht er wütend aus dem Heim aus und läuft davon. Mit jedem Schritt, den er zurücklegt, entfernt er sich weiter, er blickt nicht zurück, es gibt nichts mehr hinter ihm, was eines Blickes würdig wäre, denkt er sich, und läuft einfach geradeaus. Zu jung ist er noch, um einen genauen Plan entwickeln zu können, wie es weitergeht, er hat einfach nur ein Ziel, nämlich wegzugehen, sodass ihn niemand mehr herumkommandieren kann und mit seinem Leben spielen, wie es ihm gerade passt. Er wurde zu schlecht behandelt in letzter Zeit, um Hoffnung zu haben, dass es besser werden könnte, denn soweit er zurückblicken kann, erging es ihm stets ähnlich. Mit diesen Gedanken im Kopf läuft er mehrere Stunden weiter, bis es beinahe so dunkel ist, dass er keine zwei Meter weit mehr sieht. Er hat stets seinen kleinen Kompass in der Hand und läuft nach Osten. Er weiß nicht genau warum, er könnte ebenso gut in Richtung Norden laufen, doch irgendwie hat er das Gefühl, in Richtung Osten gehen zu müssen. Vielleicht ist es, weil er in der Zeit im Kinderheim, als er Tag für Tag am Fenster saß, immer in Richtung Osten blickte. Oder es ist, weil dort die Sonne aufgeht, denn in diese Richtung ist er früher schon immer gerne gelaufen, im Morgengrauen, mit Papa auf dem Feld, der aufgehenden Sonne entgegen, die alles erstrahlen lässt. Doch mittlerweile ist es dunkel, er ist müde, doch er hat Angst sich hinzulegen, weil er befürchtet, dass es für ihn kein Morgen mehr geben wird. Er will nicht zurück ins Heim, er will nicht, dass ihn irgendjemand aufgreift, wenn er schlafend gefunden wird, um ihn zurückzubringen, er will einfach nur laufen.
Er stellt sich vor, was wäre, wenn er nie mehr anhalten würde, somit wären doch auch seine Probleme verschwunden, seine Sorgen wie weggeblasen. Deshalb marschiert er mit diesem aufwühlenden Gedanken weiter, so lange, bis es wieder beginnt Tag zu werden, und er die ersten Vögel hoch oben von den Bäumen herunter zwitschern hört. Die Dunkelheit verzieht sich langsam, die Sonne steigt über dem Horizont vor ihm auf und erhellt nicht nur die wunderschöne Landschaft um ihn herum, sondern auch sein Herz. Die ersten Sonnenstrahlen erkämpfen sich den Weg durch die üppige Landschaft voller Bäume, und da sieht Thomas erstmals, wo er genau ist, was sich um ihn herum befindet und wo er langgehen möchte. Er findet sich auf einer grünen Wiese wieder, um ihn herum stehen vereinzelt große Eichen und Buchen, auf denen unzählige Vögel ihrem morgendlichen Gesang nachgehen. Diese wunderschöne Natur empfindet er als ein Geschenk, die Erinnerung an seine Heimat lässt ihn nachdenklich werden, so gerne möchte er, dass alles wieder so ist wie früher.
Das erste Mal seit Monaten steht er wieder auf einer grünen Wiese, zu lange war er in diesem Heim gefangen, meistens drinnen am Fenster, oder selten draußen auf dem betonierten Vorplatz, mit Blick auf eine viel befahrene Straße.
Aber diese Zeiten sind vorbei, er ist jetzt weit weg von diesem trostlosen Ort, so schaut er auf seinen Kompass, und geht wie immer weiter in Richtung Osten. Den ganzen Tag läuft er weiter, über wild bewachsene Wiesen, entlang hoher Hügel, umgeben von steilen Abhängen, bis er oben am Kamm einer dieser Hügel anhält, wo er über mehrere Kilometer weit sehen kann. Er sieht unter sich einen dichten Wald, in dem bis zu zwanzig Meter hohe Tannen, beinahe endlos bis zum Horizont stehen. Sein Blick schweift weiter über den Wald hinweg, als er plötzlich eine Hütte entdeckt, ganz schwach schimmert sie zwischen den hohen Tannen des Waldes hindurch, sodass er sich nicht sicher ist, wirklich eine Hütte zu sehen. Doch allein der Gedanken daran, hier endlich auf jemanden zu stoßen, der ihm helfen, ihm etwas zu Essen geben und vielleicht einen Schlafplatz bis zum nächsten Tag geben könnte, lässt ihn hoffen. Er steigt den Hügel hinunter, klettert über Stock und Stein, bis er unten beim Wald ankommt. Er versucht immer geradeaus zu gehen, sodass er die Hütte nicht verfehlt. Mithilfe seines Kompasses gelingt ihm dies anfangs auch ganz gut, bis er immer tiefer in den dichten Wald hineinläuft und er allmählich die Orientierung verliert. Er kann sich nun nicht mehr mithilfe der Umgebung orientieren, zu dicht ragen die Tannen um ihn herum in die Höhe, deshalb bleibt der Kompass seine einzige Möglichkeit, nicht vom Kurs abzukommen. Nach einer Weile lichtet sich der Wald und er steht in einer Schneise, wo nur hohes Gras wächst. Da entdeckt er, wie am Rand dieser Schneise über ein paar kleineren Bäumen Rauch aufsteigt. Er wird verursacht durch den Kamin der Hütte, die Thomas vom Hügel aus gesehen hat. Er nähert sich langsam und entdeckt eine kleine Scheune, die neben dem hohen Haus steht, welches aussieht wie das eines Bauern. Die Tür der Scheune ist leicht geöffnet, er blickt vorsichtig hinein und bemerkt, dass es nur ein Strohlager ist, halb gefüllt. Er wägt sich hier in Sicherheit, legt sich kurzerhand auf das Stroh und schläft vor Müdigkeit sofort ein.
Als er am nächsten Tag von den Leuten, die den Bauernhof betreiben, entdeckt wird, schrickt er auf und sagt stotternd: „Es tut mir leid, dass ich hier bin, aber ich weiß nicht wohin. Ich bin schon seit zwei Wochen unterwegs, und als ich diese Scheune sah, ruhte ich mich ein wenig aus.“ Völlig unerwartet sagt der Mann, dem der Bauernhof gehört: „Ist ja okay, beruhige dich, es ist alles gut.“ Eigentlich hätte Thomas ja einen wütenden Mann, der ihn aus der Scheune jagen würde, erwartet, doch jetzt hat er einen liebevollen Mann vor sich, der ihm seine Hand entgegenstreckt. Völlig verwirrt fragt er ihn: „Wieso sind Sie so nett zu mir?“ Ohne zu zögern antwortet dieser: „Weil ich sehe, dass die meisten Leute nicht nett zu dir waren, deshalb will ich jetzt nett zu dir sein. Ich bin Bernd, freut mich.“ „Mein Name ist Thomas“, antwortet er.
Thomas kann im ersten Moment gar nicht verstehen, warum diese Leute so freundlich zu ihm sind, noch nie in seinem Leben hat er bis jetzt so nette Menschen kennengelernt. Zu lange hatte er Menschen um sich, die nie so etwas Selbstloses getan hätten, zu viele Male ist er enttäuscht worden, deshalb kann er nicht verstehen, welch Glück er gerade hat. Nach diesen kurzen Überlegungen fragt er den netten Mann verlegen: „Darf ich ein paar Nächte hierbleiben, und in der Scheune schlafen?“ Schnell antwortet Bernd: „Ja, du darfst hierbleiben, doch komm ins Haus, es gibt dort sicher einen warmen Platz, wo du dich ausruhen kannst. Die Scheune hier ist für meine Zuchttiere, doch du bist ein Mensch und hast es verdient, in einem warmen gemütlichen Haus zu leben.“ „Ich habe aber kein Geld, das ich Ihnen geben könnte, dafür, dass ich bei Ihnen leben darf.“ Bernd schüttelt hastig den Kopf und sagt mit einem Lächeln im Gesicht: „Das ist kein Problem, wenn du wieder bei Kräften bist, kannst du mir bei der Feldarbeit helfen, die Kühe melken oder sonst irgendetwas für mich tun.
Ich brauche einen starken Jungen wie dich, der mir hier helfen kann. Was sagst du?“ Voller Freude, mit der Gewissheit jetzt für ein paar Tage in Sicherheit zu sein, antwortet er schnell: „Ja, sehr gern! Ich werde ein sehr guter Arbeiter sein.“ Nach diesem Gespräch steht Thomas aus dem Strohlager auf, verlässt die Scheune, läuft mit Bernd in Richtung des großen Bauernhauses und schaut sich neugierig um. Er wird hier nett behandelt, so freundlich wird mit ihm gesprochen, dass er sich sehr schnell an das liebevolle Umfeld gewöhnt. Er kann zwar nicht begreifen, wieso diese Leute so nett zu ihm sind, doch er weiß, dass sie es sind und diese Tatsache freut ihn ungeheuerlich. Er wird von der netten Familie aufgenommen, beginnt bei ihnen zu leben, zu arbeiten und wird ein Teil von ihnen. Anfangs ist er noch sehr schüchtern, doch schon nach ein paar Tagen taut er langsam auf und beginnt immer mehr zu reden. Das liebevolle Umfeld um ihn herum tut ihm so gut, dass er nach nur wenigen Tagen wieder zu lächeln beginnt. Bernd und seine Frau schließen ihn sehr in ihr Herz, und nach zwei Monaten beschließen sie, den Jungen zu adoptieren. Als Thomas dies erfährt, begreift er, dass sein langer einsamer Weg jetzt ein Ende hat. Zuerst ist er überglücklich, er genießt es, ein Teil von etwas zu sein, geliebt zu werden und seine Liebe zurückgeben zu können. Es scheint alle perfekt, seine neuen Adoptiveltern machen es ihm leicht, zu fühlen, dass er nun eine Familie hat. Sie versuchen alles dafür zu tun, dass er glücklich ist. Aber schon bald merkt er, dass er eben doch alleine ist, denn egal wie nett diese Familie zu ihm auch ist, er wird nie vergessen, woher er wirklich kommt, wer seine richtigen Eltern sind und dass er eben doch nicht ein Teil hiervon ist.


1.2 Die große Reise beginnt

Mittlerweile sind zehn Jahre vergangen, zehn Jahre, in denen Thomas erwachsen geworden ist und in denen er zu einem jungen Mann herangereift ist. Bernd und seine Frau Rita wurden sozusagen zu seinen Eltern, zu seiner Familie. Das schreckliche Ereignis vor über dreizehn Jahren hat er verdrängt, die Erinnerungen an seine Mutter, die er einst hatte, sind verloren gegangen, zu lange ist es jetzt schon her. Wir befinden uns im Jahre 1999, es ist der achte März, als Thomas wie so oft die Felder pflügt. Mittlerweile ist der kleine Junge erwachsen geworden, und hat sich an das Leben hier gewöhnt. Jeden Tag läuft er an jener Scheune vorbei, in der er einst Zuflucht suchte und im warmen Strohlager übernachtete. Es sind stets die gleichen Gedanken, die in seinem Kopf umherschwirren, wenn er die Scheune betritt, denn immer überlegt er sich, was es für ein Zufall war, ausgerechnet hierher gelaufen und auf diese nette Familie gestoßen zu sein. Es waren ja intuitive Entscheidungen, die ihn schlussendlich hierher auf den Bauernhof geführt hatten, aber war das wirklich nur Zufall?
Oder war es seine Bestimmung, dass er hier diese Menschen traf, und bei ihnen bleiben durfte? Es sind stets diese Überlegungen, die er sich macht, wenn er neben der Scheune vorbei zum Traktor läuft, um mit ihm die Felder zu pflügen. Dies ist auch heute der Fall, er fährt mit einem großen Traktor, an dem am Ende ein Rächen befestigt ist, und wühlt damit die Erde auf. Ohne zu ahnen, dass sich sein Leben in den nächsten Tagen völlig verändern wird, erledigt er wie immer gelassen seine Arbeit. Tag für Tag schuftet er auf dem Feld, und der Wunsch nach einer Veränderung wächst immer mehr, aber seine Meinung zählt nicht viel, also arbeitet er stets weiter und weiter und weiter … Doch eines Tages, an einem neunzehnten Mai, ist alles anders, er ist völlig aufgeregt, denn heute ist sein großer Tag.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 262
ISBN: 978-3-99048-332-9
Erscheinungsdatum: 18.04.2016
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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Krampus & Nikolo