Vino Infernale

Vino Infernale

Jan Cucco


EUR 18,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 372
ISBN: 978-3-95840-034-4
Erscheinungsdatum: 10.09.2020
Weil sich bei seiner Frau partout kein Nachwuchs einstellen will, begibt sich der genuesische Schifffahrtskaufmann Lambretta auf die Suche nach einem Wein, der die Fruchtbarkeit fördern soll und gerät dabei in den Dunstkreis einer kalabrischen Mafia-Familie.
Porta Ticinese, Milano

Bevor er wieder ins Freie trat beobachtete er aufmerksam die ein- und ausgehenden Personen am Hauptportal des Ospedale Maggiore.
Nichts Verdächtiges. Dennoch wartete er eine Familiengruppe ab, um sich ihr anzuschließen und so unerkannt das Krankenhaus zu verlassen.
Er fuhr mit dem Bus zum Piazza Duomo, von dort ging er zu Fuß in die Via Torino und dann zu der Adresse im Corso Porta Ticinese. Wegen seines Zick-Zack-Weges war er sich sicher, dass ihm niemand gefolgt war. Vorsichtig näherte er sich dem Toreingang. Ja, da war der Hinterhof, den er suchte. Steht dort nicht jemand? Bei dem Nebel und der Kälte steht man hier doch nicht einfach herum. Savino pirschte sich näher heran und versuchte die Person zu taxieren. Der Typ war klein, gedrungen, trug eine alte Wolljacke und hatte sich eine Mütze weit ins Gesicht gezogen.
Klar, der schiebt Wache, und zwar so, dass ihn die Portineria offensichtlich nicht sehen kann.
Savino kombinierte, was hier inzwischen los war.
„Sei schneller als Dein Gegner“, hatte ihm sein Vater eingeschärft. Er ging zurück zur Via Torino und telefonierte von einer Bar. „Pasquale, nimm Lucio mit und kommt mit einem Furgone hierher. Bringt einen Werkzeugkasten und das Geschirr mit. Sofort!“
In der Region Milano waren zwölf Männer der Familie Milla-Minniti zu Diensten. Sie stammten alle, wie die Familie Milla-Minniti, aus der Provinz Crotone in Calabria. Die eine Hälfte kümmerte sich um Schutzgeld und Erpressungen, die anderen gingen normalen Berufen nach, und mussten bei besonderen Maßnahmen zur Verfügung zu stehen. Wie heute.
Eine Stunde später näherte sich der Transporter der Kreuzung an der Via Torino. Savino überließ nichts dem Zufall und kontrollierte, ob Pasquale und Lucio alle erforderlichen Utensilien dabeihatten. Er überprüfte die Qualität des Geschirrs, wie er es nannte, Fesseln, Knebel, Messer. Aposto, alles ok. Gemeinsam fuhren sie langsam Richtung Toreinfahrt. Im Nebel war jetzt nicht viel zu erkennen und von dem Mann keine Spur.
„Der wird in einer Bar stecken, um sich bei der Kälte etwas aufzuwärmen“, meinte Pasquale.
„Möglich“, antwortete Savino. „Wartet ihr hier, ich weiß, wie er aussieht, mal sehen, ob ich ihn ausfindig machen kann.“
In der Mocri-Bar, einige Häuser weiter, stand er tatsächlich am Tresen, vor sich ein Likörglas. Der trinkt bestimmt Averna, vermutete Savino. Schon die Tatsache, dass dieser süßliche Likör in Sizilien hergestellt wird, verursachte bei ihm einen Widerwillen gegen das Getränk. Klein, weniger als 1,60 m und kompakt – der Mann hatte seine Jacke geöffnet und nach hinten gezogen. Ein Nacken wie von einem Stier war sichtbar.
Respekt, wenn es denn der Rollando-Clan war, und davon musste er ausgehen, dann schiebt hier ein trainierten Kämpfer Wache. War kein anderer verfügbar oder was hat das zu bedeuten?
Er musste sich schon eine Finte überlegen, sonst könnte das Ganze schiefgehen. Sie warteten solange, bis der Mann wieder seine Position neben dem Portal eingenommen hatte. Dann fuhren sie langsam in Richtung Torbogen, Savino und Lucio stiegen aus und versteckten sich hinter dem Fahrzeug. Im Nebel war dieses Manöver von dem Wächter nicht zu erkennen, da war sich Savino sicher. Pasquale hielt an und stieg mit einem Karton unter dem Arm aus, so als wollte er etwas abgeben. Zunächst ging er an dem Mann vorbei in Richtung Portineria, drehte sich langsam um und verwickelte den Mann in ein Gespräch. In diesem Moment kamen Savino und Lucio aus ihrer Deckung und streckten den Mann mit einer Reihe von Faustschlägen nieder. Der wehrte sich nach Kräften, und die besaß er. Mit einem unerwarteten Kopfstoß versetzte er Lucio einen klassischen K.O. Aber Savino gelang es, ihn so blitzartig zu fesseln, dass der Mann, völlig überrumpelt, keine weitere Chance zur Gegenwehr hatte. Pasquale verklebte ihm den Mund und zog ihm seine Mütze über die Augen. Alles vollzog sich ohne einen Laut. Der Wachmann wollte wohl auch in eigenem Interesse keine Polizei auf den Plan rufen. Mit Hilfe mit dem wieder zu sich gekommenen Lucio schleppten sie ihn in das Fahrzeug.
„Du wirst uns nachher sagen, was ihr hier vorhabt, mein Junge. Sonst gnade dir Gott, deine Tage sind gezählt!“ Savino lüftete seine Mütze, fuhr mit einer blitzenden Messerklinge dicht über seine Augen und ritzte ihm eine Wange ein. Der Mann nickte panisch. Dann zog er ihm die Mütze wieder über die Augen und gab seinen beiden Leuten die Anweisung, ohne dass der Mann es hörte:
„Bis heute Abend will ich wissen, warum er hier gestanden hat und für wen er arbeitet. Er soll sagen, was seine Clique vorhat.“
„Haltet ihn an einem sicheren Ort und lasst ihn in drei Tagen wieder frei.“
„Ich rufe Dich heute Abend an, Pasquale!“
Der Fiat-Transporter rauschte ab. Savino wusste, dass es schwierig sein würde, aus diesem Typen etwas herauszuquetschen. Omerta ist Omerta – aber … bei intensiver Behandlung spuckt der eine oder andere vor Angst doch etwas aus, besonders dann, wenn sie anfingen, die Hoden über ein Feuer zu halten. Ein Geheimrezept der Schäfer des Sila Greca-Gebirges um Gefangene zum Reden zu bringen. Jetzt kreisten seine Gedanken wieder um Filippo.

***

„Mein Beileid, Signor“, hatte ihm der Arzt gesagt. Obwohl er sich so beeilt hatte, war er zu spät gekommen. Aber von seinem Dorf am Fuße des Sila Greca bis zur Bahnstation und dann bis Milano brauchte er mehr als dreißig Stunden. Kalter, schwerer Winternebel lag über der Stadt. Kein Wind. Der klebrige Smog der Industrie und der Fahrzeuge wich keinen Zentimeter nach oben, sondern kroch in die Kleider, in Mund und Nase. Man konnte kaum normal atmen. Die Passanten waren dick eingepackt. Viele trugen Wollmützen und hatten sich warme Schals umgeschlagen. Einzig einige wohlhabende Mailänderinnen schienen die Kälte zu goutieren. Sie trugen ihre Pelze aus und flanierten am Piazza Duomo, in der Galleria Vittorio Emanuele und in der Via Montenapoleone. Vor den wenigen Autowaschanlagen stauten sich wie immer die Autos. Jedoch mussten die Fahrer drei Stunden nach der Wagenwäsche feststellen, dass alles umsonst war. Der schmierige Grauschleier pappte sich wie selbstverständlich wieder auf das Blech. Um diese Jahreszeit gab es nur graue Autos in Milano. Savino fühlte sich nicht wohl bei diesem Klima und in dieser Stadt schon gar nicht. „Mein Beileid, Signor, es muss ein schwerer Schlag für Sie sein, den Bruder verloren zu haben. Er kam sehr spät zu uns mit seinen sehr schweren Brandverletzungen. Während der ersten drei Tage waren wir skeptisch, ob er es packen könnte. Dank seiner stabilen Konstitution schaffte er es und war bereits auf dem Wege der Besserung. Wir können uns den plötzlichen Tod nicht erklären. Bei Brandverletzungen ist es allerdings nicht ungewöhnlich, dass sich die Krankheitsverläufe unvorhergesehen dramatisch ändern können. Trotzdem hat uns der Vorgang überrascht. Alle Versuche ihn noch zu retten scheiterten. Es tut mir wirklich leid, Signor.“ Savino sah den Arzt zunächst schweigend an, dann sagte er: „Hatten Sie Dienst, als sich sein Zustand verschlechterte?“ Den Arzt erstaunte weniger die Frage als der scharfe Ton. Dass ihm von einem, wie es ihm erschien, einfachen Mann aus Süditalien die Frage so investigativ gestellt wurde, überraschte ihn. „Ich hatte zwar keinen Dienst, aber man hat mich hinzugerufen als die Komplikationen begannen. Warum fragen Sie?“
„Sie sprachen davon, dass Sie sich den plötzlichen Tod nicht erklären können. Das stimmt doch, oder?“
„Ja, in der Tat, das habe ich so formuliert. Es hat mich persönlich überrascht, dass der Krankheitsverlauf so eine Wende vollzog. Aber, falls Sie meinen, dass medizinisch etwas schiefgelaufen sei, so kann ich versichern, dass ihr Bruder von Beginn an, zunächst in der Intensivstation, dann aber auch in dem Krankensaal, sehr sorgsam betreut wurde. In der Nacht, als sich der Zustand ihres Bruders verschlechterte, befand er sich in der Obhut meines Kollegen. Wie gesagt, er ließ mich rufen, weil ich Ihren Bruder die ganze Zeit betreut hatte.“ Savino sah ihn zweifelnd an.
„Sie sehen mich so fragend an. Mehr kann Ihnen nicht sagen.
Dennoch will ich ganz offen mit Ihnen sprechen. Mich hat die Situation mit Ihrem Bruder sehr beschäftigt. Als Arzt sucht man immer nach den Gründen, die für den Tod eines Menschen verantwortlich gemacht werden können. Auch, um daraus für die Zukunft etwas zu lernen. In diesem Fall hier glauben wir an die Wahrscheinlichkeit, dass über die Besucher etwas an den Kranken herangetragen worden sein könnte. Wie gesagt, wahrscheinlich. Am Abend bevor Ihr Bruder starb kamen zwei Freunde zu Besuch. Sie waren nach den Worten der Krankenschwester nur ganz kurz bei Ihrem Bruder. Sie berichtete mir, dass sie, nachdem die Männer wieder gegangen waren, ein zweites leeres Glas neben dem Bett ihres Bruders fand. Dazu müssen Sie wissen, dass wir bei Brandverletzungen grundsätzlich ein Trinkverbot für Getränke verhängen, die nicht von uns verabreicht werden. Wenige Stunden nach diesem Besuch ging es Ihrem Bruder plötzlich schlechter.“
„Haben Sie das Glas untersuchen lassen?“, fragte Savino.
„Auf die Geschichte mit dem Glas sind wir erst Tage später gekommen, als wir alle Möglichkeiten durchgegangen sind. Da war es längst gespült. Allerdings möchte ich hinzufügen, dass zu diesem Zeitpunkt bei dem Zustand des Patienten die orale Aufnahme von Flüssigkeiten inzwischen als unbedenklich eingestuft werden konnte. Theoretisch könnten die Besucher Ihrem Bruder etwas zu trinken angeboten haben. Aber ich muss betonen, alles, was ich gerade sage, ist nicht mehr als eine vage Vermutung.“
„Das heißt mit anderen Worten, die Flüssigkeit selbst könnte die Ursache sein, oder habe ich Sie falsch verstanden?“, sagte Savino.
Die schneidend gestellte Frage rief Unbehagen beim Arzt hervor. Was war das für eine Person, die vor ihm stand? Er fasste sich und antwortete ruhig:
„Wir kontrollieren natürlich die Mitbringsel der Besucher nicht, mein Herr. Wie sollten wir? Wenn Sie derartige Vermutungen haben, dann müssen wir natürlich die Polizei einschalten!“
„Dazu ist es wohl zu spät. Wissen Sie, wer diese Freunde waren? Oder können Sie sie beschreiben?“
„Am besten, Sie fragen die Krankenschwester, vielleicht kann die Ihnen etwas sagen!“
„Geh der Sache auf den Grund“, hatte ihm sein Vater eingeschärft!
„Ich will genau wissen, was da passiert ist.“
„Die Krankenschwester kommt morgen wieder, sie hat mit den Besuchern gesprochen.“ Savino wimmelte die erneute Forderung auf Einschaltung der Polizei ab, stellte noch einige Fragen und kündigte an, noch einmal wiederzukommen.

***

Ein Hindernis war geräumt, jetzt ging Savino in den Hof auf Entdeckung. Eine ziemlich große Fläche, halb gepflastert. Viel war bei diesem Nebel nicht zu sehen. Zur linken Hand entdeckte er einen kleinen Bau, wie eine Baracke. Darin befand sich scheinbar ein Büro. Er ging weiter geradeaus und konnte rechts durch den Nebel schemenhaft eine Kirche ausmachen. Fünfzig Meter geradeaus fand er das Gewächshaus. War hier Filippos Zentrallager, das Deposito Centrale, wie er es nannte? Er betrachtete aufmerksam die Szene. Der Nebel legte alles in Unschärfe. Wie durch einen Filter gedämpft, aber deutlich hörbar, nahm er die Verkehrsgeräusche des Corsos wahr. Im Hof aber war es gespenstisch ruhig.
Sieh Dir alles genau an!
Sein Bruder musste also von diesem Gewächshaus aus die Geschäfte geführt haben. Die Idee vom Padrone, heimlich und ohne großes Aufsehen in das Waffengeschäft in Norditalien einzusteigen, erwies sich als äußerst lukrativ. In gewissen Kreisen gehörte es zum guten Ton, im Besitz einer Waffe zu sein. Die Waffen wurden getarnt in Kisten mit Wein verpackt und fanden immer weiter steigenden Absatz. Savino hatte gehört, dass diese Art der Diskretion viel Anklang fand und durch die Mund-zu-Mund-Propaganda viele neue Interessenten generierte. Savino war sich sicher, dass ihn die Portineria gesehen hatte. Aber, solange er sich nicht weiterbewegte, hatte sie nichts gefragt. Er entschied zurück zu gehen.
„Guten Tag, ich bin der Bruder von Filippo und wollte mir seine Werkstatt ansehen.“
„Das geht nicht, die ist von den Carabinieri versiegelt worden.“
„Nun gut, von außen werde ich mir das ja wohl ansehen können. Sie können mir sicher auch sagen, was denn genau passiert ist?“ Er versuchte so freundlich wie möglich zu fragen.
„Es war furchtbar, es war entsetzlich, ich kann es nicht mit Worten beschreiben.“ Sie schien aufgelöst und wollte gerade damit beginnen das Unglück zu schildern. Plötzlich hielt sie inne und sagte nur schroff:
„Fragen Sie besser die Carabinieri, dort erhalten Sie alle Auskünfte.“
„Aber, wie gesagt, ich bin doch der Bruder, ich habe doch ein Recht darauf zu wissen, was passiert ist! Warum wollen Sie mir denn keine Auskunft geben?“
„Ach, junger Mann, hier sind Dinge in den letzten Wochen geschehen. Die Carabinieri haben mir ausdrücklich gesagt, ich solle niemandem von der Sache erzählen, sonst käme ich in Gefahr.“
„Aber, sagen Sie mir doch etwas!“
Sie drehte sich weg und betrat wieder ihr Hausmeisterzimmer. Savino vermutete, dass wohl weniger die Carabinieri der Anlass ihres Verhaltens waren, sondern vielmehr der Typ, der bis eben Wache schob. Er schritt wieder auf das Gelände hinaus. Auf dem Weg zum Gewächshaus stolperte er fast über ein Rohr, das aus dem Boden ragte und an dem ein Wasserhahn montiert war. Er sah sich genauer um. Es musste in der Nacht Frost gegeben haben, denn der umherliegende Müll war noch weiß bedeckt. Bei näherem Betrachten stellte er fest, dass es sich um angesengte, teils verbrannte Stofffetzen handelte. Er ging weiter, durchschritt einen verfallenden Zaun und stand dann vor dem Gewächshaus. Bretter und Eisenteile versperrten den Weg. Er sah am Tor ein Siegel der Carabinieri und versuchte durch die Scheiben des Gewächshauses in das Innere zu blicken. Aber nichts. Die Scheiben waren besprüht und stumpf oder mit Platten vernagelt. Er entschied sich zur Baracke zu gehen, vielleicht erhielt er dort mehr Informationen. Davor standen zwei Autos. Ein Hahn, dem die meisten Federn fehlten, spazierte mit seinen Hühnern umher. Was stand auf dem Schild? „Renato Brandi, Importatore.“ Es war tatsächlich ein Büro. Er überlegte, ob er klingeln sollte, aber er verwarf die Idee und entschied sich seine Nachforschungen doch lieber im Stillen weiter zu führen und ging zurück zum Gewächshaus. Die Portineria konnte ihn wegen des Nebels jetzt mit Sicherheit nicht mehr sehen. Er beschloss nach einer Möglichkeit zu suchen, um in das Gewächshaus einzudringen und bahnte sich seinen Weg durch Gerümpel und Gestrüpp. Die seitlichen Mauern waren massiv. Auf der Rückseite gab es auch einen Zugang. Er sah sich noch einmal um und sicherte sich ab, dass ihn niemand beobachten konnte. Der Zugang war aber derart verbarrikadiert, sodass sich wohl auch die Carabinieri nicht die Mühe gemacht hatten, dort ein Siegel anzubringen, wahrscheinlich waren sie gar nicht bis hierher vorgedrungen. Von hier aus waren es bestenfalls noch hundertfünfzig Meter bis zur Basilika, deren Umrisse er nur ahnen konnte.
Was mache ich jetzt?
Wie weit waren die Carabinieri mit ihren Ermittlungen gekommen? Anders als in Rocca dell’Alto musste er sich hier von der Polizei fernhalten. Dort hatten die Polizisten das zu tun, was seine Familie wollte. Er empfand die Situation zu Hause sehr entspannt und angenehm. Durch seine Familie erhielten die jungen Leute Arbeit und die Polizisten konnten ihr karges Gehalt mit monatlichen Zugaben erheblich aufbessern. Langsam wurde ihm kalt. Er versuchte eine Holzlatte abzubrechen, die seitlich an der Tür angebracht war, aber sie war fest verschraubt. Sollte er nicht besser morgen wiederkommen? Nein, er wollte keine Zeit verlieren. Dann überlegte er einige Schritte durch das Gestrüpp zur anderen Ecke des Gewächshauses zu gehen. War hier die Mauer genauso hoch? An dieser Ecke standen drei mannshohe Metallfässer. Er rüttelte am ersten Fass, voll, kaum zu bewegen. Er zwängte sich zum zweiten hin. Das schien etwas leichter zu sein. Aber es saß auch fest. Er hangelte sich um das Fass herum, um an das dritte heranzukommen. Dieses sah genauso aus wie die anderen, aber er konnte es bewegen. Der Deckel war wie bei den anderen Tonnen mit Steinen, Brettern und Balken belegt. Er baute sich aus einigen herumliegenden Hölzern eine Art Tritt, um sich den Fassverschluss ansehen zu können. Nachdem er den Deckel freigelegt hatte sah er, dass in den Deckel ein Verschluss eingearbeitet und mit drei Bolzen gesichert war. Er nahm eine Zange aus seinem Werkzeugkasten und zog die Bolzen aus der Halterung. Das Scharnier ließ sich leicht bewegen. Es funktionierte. Er klappte den Deckel auf und blickte in die Tonne. Sie war leer. An der Fasswand waren Sprossen aufgearbeitet. Er kletterte hinunter. Auf dem Boden angekommen stellte er fest, dass sich im Boden eine etwa sechzig mal sechzig Zentimeter messende geriffelte Eisenplatte befand. Etwa einen Meter über dem Boden entdeckte er an einer Seite einen Schieber. Er drehte ihn zur Seite. Dahinter kam ein weiterer Schieber zum Vorschein. Noch ein Handgriff, auch dieser ließ sich durch leichtes Drehen öffnen. Nun war das Innere des Gewächshauses sichtbar. Völlig demoliert. Von hier aus betrieb sein Bruder den offiziellen Weinhandel. Das wollte er sich später noch einmal ansehen. Ihm war es jetzt wichtiger, einen weiteren Fluchtweg aus dem Gewächshaus zu finden. Er schloss die Schieber und nahm nun die Bodenplatte ins Visier. Ein unauffällig angebrachter Griff ließ sich lösen und damit die Platte aufklappen. Die Lichtverhältnisse waren nicht gut, aber soviel konnte er mit seiner Taschenlampe sehen, es ging mindestens fünf Meter hinab. Ein runder Schacht aus Stein, wie ein leerer Brunnen. Eine Metallleiter führte hinab. Unten angekommen sah er zwei gegenüberliegende kleine Türen. Zunächst öffnete er die linke Tür. Schnell stellte er fest, dass es sich wie oben wieder um doppelte Wandungen handelte. Im Schein seiner Lampe wurde klar: Da war es. Das geheime Lager. Von hier aus hatte sein Bruder den Waffenhandel betrieben. Es schien unversehrt. Er schloss die Tür wieder und öffnete die gegenüberliegende. Der Strahl seiner Taschenlampe öffnete den Blick in einen unterirdischen Gang. Er ging einige Schritte in den Gang hinein. Hier stoppte er. Es reichte aus, um eines zu wissen: Das ist einer der Fluchtwege, die sein Bruder eingerichtet hatte. Die Anordnung seiner Familie hieß: „Sichert euch immer zwei Fluchtwege!“ Es musste also noch einen zweiten geben, aber zunächst wollte er sich auf diesen konzentrieren.

***

Nach der Unterredung mit der Krankenschwester verdichtete sich seine Vermutung, dass hinter allem tatsächlich der Rollando-Clan steckte. Sie hatte ihm berichtet, dass sein Bruder mit schweren Brandverletzungen von zwei Männern bei der Ambulanz abgeliefert worden war. „Diese kamen jeden Tag zu Besuch und haben sich liebevoll um ihn gekümmert“, sagte sie. „Die Ärzte hielten seinen Zustand für kritisch, aber nicht hoffnungslos. Und er befand sich nach einiger Zeit auf dem Weg der Besserung.“ Bis hierhin deckten sich ihre Aussagen mit denen des Arztes, stellte Savino fest. Sie sagte dann: „Seine beiden Freunde hatten ihn am frühen Vormittag besucht und mit ihm gescherzt und gelacht. Gegen Abend erschienen zwei Männer, die sich als Verwandte vorstellten. Weil es schon spät war, wollten wir sie eigentlich nicht mehr zu ihm lassen. Sie sagten, sie kämen von weit her und wollten aber nicht lange bleiben. Tatsächlich blieben sie auch nur etwa eine Viertelstunde.“
„Wie sahen die Männer aus?“, hatte er gefragt.
„So genau hatte ich mir sie nicht angesehen, aber sie waren sicher nicht von hier.“
„Wieso, was heißt nicht von hier?“
Die Krankenschwester erschrak. „Na ja, es schienen Leute aus dem Meridione gewesen sein. Sie sprachen Dialekt. Irgendwie von Süditalien. Aber ich kann nicht sagen, woher sie stammten!“
„Können Sie die beiden nicht näher beschreiben? Was haben sie gesprochen?“
„Frag präzise“, war die Anweisung vom Papa.
„Sie haben sich abgewandt als ich den Saal betrat. Auf jeden Fall war einer ziemlich dünn und lang, der andere sehr klein. Ich kann sie wirklich nicht beschreiben. Es ist mir lediglich aufgefallen, dass der Kleinere merkwürdig geformte Ohrläppchen hatte.“
„Wie waren sie gekleidet?“
„Sie waren sehr einfach gekleidet. Na ja, der Dünne schon etwas ansehnlicher.“
Es war eindeutig, das müssen die Männer von dem Rollando-Clan aus Catania sein. Zwei Entscheidungen lagen vor ihm: Priorität hatte die Räumung des Depots, danach wollte er die Mörder zur Strecke bringen.
5 Sterne
Absolut lesenswert - 09.11.2020
Michael Warnck

Ein interessantes, wirklich spannendes und absolut lesenswertes Buch. Der Autor versteht es meisterhaft durch die Verknüpfung der verschiedenen Erzählstränge den Spannungsbogen immer aufrecht zu halten.Die detaillierte, bildhafte Schilderung der Örtlichkeiten sorgt für eine authentische Atmosphäre und nimmt den Leser mit zu den unterschiedlichen Schauplätzen – sehr gut recherchiert.Besonders eindrucksvoll sind die profunden Kenntnisse um das Thema „Italienische Weine - Rebsorten, Anbaumethoden und Historie“, die so ganz nebenbei immer wieder in den Roman einfließen.Durch die Charakterisierung der handelnden Personen gelingt es, ein klares nachvollziehbares Bild über deren Motive und Handlungsweisen zu vermitteln.Einige wenige besonders drastisch dargestellte Szenen sind nicht unbedingt etwas für zarte Gemüter, gehören aber in der Realität zu den Vorgehensweisen im entsprechenden „Milieu“.

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