Krimi & Spannung

Verschollen auf Naxos

Gilda Boldt

Verschollen auf Naxos

Leseprobe:

<strong>1</strong>

Zu ihrer Verabschiedung aus dem Schuldienst waren alle geblieben, die Kollegen, die geladenen Gäste vom Elternrat, die Putzfrauen und die Abordnung der Schüler. Das Schuljahr war beendet und desgleichen ihr Arbeitsleben.
Sie hatte im vorigen Jahr einen Hörsturz erlitten. Seitdem war es für sie unerträglich, weiter ihrer Unterrichtsarbeit nachzukommen. Der Lärmpegel in der Schule war derart hoch, dass sie sich nur mit Ohrstöpseln in dem Gebäude aufhalten konnte. Der Amtsarzt bescheinigte ihr, dass eine Tätigkeit als Lehrerin für sie nicht zumutbar sei. So kam es zu der Frühpensionierung.
Der Schulrat hatte eine Rede gehalten, aus ihrem Schulleben geplaudert, alles Wissenswerte erwähnt, soweit es aus den Akten zu ersehen war. Der Schulleiter hatte ihre Verdienste gepriesen, die Kollegen sich eine launige Persiflage auf ihr Schulmeisterdasein und das der Lehrer im Allgemeinen einfallen lassen. Der Schulchor hatte ein selbst gedichtetes Lied auf die Melodie eines bekannten Volksliedes gesungen und ihre Klasse sie mit Aufsätzen über Erlebnisse aus den vergangenen, gemeinsam verbrachten Jahren erfreut.
Danach hatten sie sich alle über die kalten Platten hergemacht, die sie bei einem Partyservice bestellt hatte. Ihr selbst gebackener Kuchen wurde sehr gelobt. Dann war einer nach dem anderen gegangen, nicht ohne ihr das Übliche zu wünschen, wie:
„Alles Gute für dein weiteres Leben und vor allem Gesundheit!“ „Nutze deine Zeit, von der du ja jetzt genügend zur Verfügung hast!“ „Ach, wären wir doch schon so weit!“ „Komm uns bald besuchen!“
Nun steht sie allein im Lehrerzimmer vor dem ungeheuren Berg schmutzigen Geschirrs. Die Kollegen waren zu geizig, sich einen Geschirrspüler zu leisten. So musste diese Arbeit abwechselnd von den Mitgliedern des Kollegiums verrichtet werden. Heute hatten es alle eilig, in die Ferien zu starten. So verrichtet sie den Abwasch allein. Das hat aber auch etwas Gutes. Sie kann, während ihre Hände mechanisch arbeiten, noch einmal alles Revue passieren lassen.
Bei der Ausrichtung ihrer Abschiedsfeier hatte sie keine Kosten gescheut. Die Kollegen nahmen alles dankbar an. Sie hatten allesamt das Trauma vom Leben des „armen Dorfschulmeisterleins“, unter dem der Lehrerstand vor noch gar nicht so vielen Jahren litt und von dem das gleichnamige Lied berichtet, nicht überwunden und aßen alles, was es gratis gab, mit dankbarer Freude.
Das kalte Büfett war wegen seiner erlesenen Auswahl besonders hervorgehoben worden. Und dann die vielen Flaschen Champagner! Wann hatte jemals ein Kollege etwas so Kostbares ausgegeben? Sie hörte den Kollegen Schröder, der selbst derart knauserig war, dass er sich nicht scheute, auf Kollegiumsausflügen im Restaurant eine Kinderportion zu bestellen, um dann von den anderen die Reste zu essen, seiner Nachbarin zur Rechten zuraunen: „Ist solch ein Aufwand nicht übertrieben? Ich hoffe nicht, dass dies hier Maßstäbe für die Zukunft setzt.“ Er konnte nicht wissen, dass sie das edle Getränk in einem Supermarkt preiswert erstanden hatte.
Noch einmal geht sie an das Fenster des Lehrerzimmers und schaut auf den betonierten Schulhof, auf dem sie viele Pausen verbracht und die Schüler beaufsichtigt hat. Manchen Streit konnte sie schlichten. Hinter dem Hof liegt die Spielwiese, ein ausgedehntes Gelände mit vielen unterschiedlichen Bäumen. Etwas abseits kann man den Schulteich erkennen, der von ihrer letzten Klasse unter Mitwirkung der Eltern angelegt wurde.
Sie nimmt aus ihrem Fach im Lehrerbord die letzten Dinge und verlässt den Raum. Dann geht sie ein letztes Mal durch das Gebäude, in dem die Putzfrauen schon emsig wirken, bis zu ihrer Klasse. Hier gibt es nichts Vertrautes mehr, sind doch sämtliche Bilder und der Schmuck von den Wänden entfernt worden, ebenso die Pflanzen von den Fensterbänken. Die Schüler haben mit ihr die Schule verlassen und werden nach den großen Sommerferien auf eine weiterführende Schule wechseln.
Sie verlässt das Schulgebäude, geht den Weg entlang bis zum Parkplatz, besteigt ihr Auto und fährt los.
Alle hatten erzählt von den Reisen, die sie in den Ferien unternehmen wollten. Man zeigte auch Interesse an ihren Reiseplänen. Aber sie hatte sich noch nicht entschieden. Das konnte sie ja immer noch. Die Zeit drängte nicht mehr. Zum ersten Mal in ihrem Leben besaß sie unbegrenzt davon.
Sie mag noch nicht nach Hause fahren. Alles würde anders sein. Sie muss keine Hefte mehr korrigieren, keine Vorbereitungen für den Unterricht machen. Sie braucht sich kein interessantes Thema für die Schüler auszudenken und in Gedanken schon zu gestalten für die Zeit nach den Ferien.
Die großen Kartons für die überflüssig gewordenen Schulbücher stehen schon bereit. Die meisten hat sie an Kollegen weitergegeben. Einige besonders wertvolle will sie ihrer Patentochter schenken, die in Kürze ihr Lehrerstudium beenden wird.
Sie fährt in das nahe gelegene Einkaufszentrum. Im italienischen Café trinkt sie einen Cappuccino. Dann schlendert sie an den Geschäften vorbei. Bisher hat sie sich wenig für Mode interessiert. Heute sieht sie alles mit etwas anderen Augen. Sie kann sich für den Beginn ihres neuen Lebensabschnittes etwas Neues zum Anziehen kaufen. Vielleicht soll sie sich im Ganzen neu orientieren. Das Einkaufszentrum ist auffallend leer. Man merkt, dass viele schon in den Urlaub gefahren sind.
Endlich tritt sie wieder ins helle Sonnenlicht hinaus. Es ist ein besonders schöner Tag. Sie fährt in den kleinen Park in der Nähe ihrer Wohnung, setzt sich auf den Rasen und lässt sich von der Sonne bescheinen. Die Vögel singen, in den blühenden Rosen summen die Bienen, und in ihr ist eine seltsame Leere.
Sie kann sich nicht so recht der neu gewonnenen Freiheit erfreuen. Was soll sie mit so viel unausgefüllter Zeit anfangen? Es gibt keine Verwandten, die in ihrer Nähe wohnen und die sie besuchen kann. Ein Bruder lebt, getrennt schon seit Langem von seiner Frau, in München und hat einen Lehrstuhl für Archäologie an der Universität inne. Seine Kinder, ihre Nichten und ihr Neffe, sind ihr weitgehend fremd. Ihre Mutter, Großmutter und sie hatten sich zu sehr in das Leben dieser Familie eingemischt, sodass ihr Bruder die Konsequenz gezogen und die Verbindung mit ihnen abgebrochen hatte.
Richtige Freunde besitzt sie nicht, nur mit einer Kollegin hatte sie engeren Kontakt über das übliche Miteinander im Schulalltag hinaus. Aber diese hat sich vor fünf Jahren vom Schuldienst beurlauben lassen und lebt seitdem auf der Kykladeninsel Naxos.
Gegen Abend erreicht sie ihre Zweizimmerwohnung. Ihre Nachbarin, Frau Herringhaus, auch eine pensionierte Studienrätin, erwartet sie schon und überreicht ihr einen prächtigen Blumenstrauß. Sie wünscht ihr Glück nach dem beendeten Lehrerdasein und für ihr weiteres Leben.
Frau Herringhaus hat eine Tochter, die im Rheinland wohnt und die sie nur ein bis zwei Mal im Jahr sieht. Ihr Mann, ein Postbeamter, ist früh gestorben. So wurde auch ihr Leben von dem Dienst an Kindern und Jugendlichen bestimmt. Sie kann Anne­katrin gut verstehen und weiß, wie schwer der Übergang von einem erfüllten Arbeitsleben in den Ruhestand sein kann.
Annekatrin bittet sie zu sich herein, und die beiden trinken eine von den übrig gebliebenen Flaschen Champagner. Zwar haben die Kollegen gemeint, sie könne diese im Kühlschrank lassen. Man werde sie später, nach den Ferien, auf ihr Wohl leeren. Aber so viel Großzügigkeit wollte sie nun doch nicht präsentieren.
Wie kann es anders sein, die beiden Nachbarinnen reden bis spät in die Nacht hinein über Schulerlebnisse. An den nächsten Tagen muss Annekatrin sich zwingen, endlich einmal auszuschlafen. Kein Wecker klingelt um sechs Uhr in der Frühe, aber sie ist dennoch wach. Sie lässt sich Zeit mit dem Frühstück und liest ausgiebig die Zeitung, die sie bisher erst nachmittags lesen konnte.
Als die gesamte Wohnung gereinigt ist und alles blitzt, überbrückt sie noch einige Tage mit dem Aufräumen der Schränke und dem Aussortieren von unnötigen Büchern und Kleidungsstücken. Ihr Patenkind wird die Bücher erst nach den Ferien abholen.
Annekatrin besorgt sich aus einem Reisebüro Prospekte und studiert diese genau, um sich ein Ziel auszuwählen, aber sie wird von einer lähmenden Lustlosigkeit überwältigt, die jegliche Entschlussfreudigkeit im Keim erstickt.

<strong>2</strong>

An einem schönen Julimorgen fährt Annekatrin mit der S-Bahn in die Innenstadt von Hamburg. Ohne Ziel bummelt sie durch die Straßen. Als sie an dem Friseursalon eines renommierten Haar­stylisten vorüberkommt und die gewagten Frisuren der Models auf den Fotos in dem Schaufenster sieht, kommt ihr der Gedanke, an ihrem Äußeren etwas zu verändern.
Sie betritt den hellen, vornehmen Salon. Ein junger Angestellter meint, sie habe Glück, denn da die Ferien begonnen hätten, könne er sie sofort bedienen ohne Wartezeit. Der junge Mann hat einen etwas absurden Haarschnitt, der sich nicht beschreiben lässt, einen Ohrring im linken Ohrläppchen und einen wohl unechten Brillanten am linken Nasenflügel.
Annekatrin denkt kurz darüber nach, ob er wohl schwul sei. Sie kann sich aber nicht mehr erinnern, an welchem der beiden Ohrläppchen der getragene Ring das Schwulsein signalisiert. Auch weiß sie nicht, ob daran überhaupt etwas Wahres ist.
Der junge Mann stellt sich ihr als Maurice vor. Damit sie seinen Namen wisse, wenn sie später einmal wiederkommen wolle. Sie werde bestimmt zufrieden sein mit seiner Arbeit, meint er, denn er habe schon viele berühmte Kunden zufriedengestellt. Er nennt ihr einige Namen, von denen ihr aber nur wenige bekannt sind. Sie stellt fest, dass sich darunter auch einige Männer befinden, und wieder kommt ihr der Gedanke, dass er das „Zufriedengestellthaben“ auch anders meinen könnte.
Maurice unterbricht ihren Gedankengang. Seine Hände wuscheln wild in ihren Haaren, werfen einige streng zurück und holen andere weit nach vorn, halten sie hoch und lassen sie wieder fallen. Dabei beobachtet er ihr Gesicht aufmerksam im Spiegel. Endlich scheint er der Lösung nahe zu sein.
„Gnädige Frau, lassen Sie sich einfach in meine Hände fallen! Ich werde Ihnen ein Styling zaubern, das Sie überraschen wird. Lassen Sie mir freie Hand?“
Annekatrin ist schon fast willenlos. Sie vermeidet es, sich im Spiegel näher anzuschauen. Das Licht im Salon zeigt schonungslos ihr blasses Gesicht mit den nichtssagenden, blauen Augen, das umrahmt ist von dunklen, grau melierten Haaren. Auch der Schnitt, an dem sie seit Jahren nichts mehr verändert hat, ist wenig vorteilhaft. Ein Pony fällt ihr in die Stirn, an den Seiten hängen die Haare halblang, auf eine Länge geschnitten, herab. Verderben kann er nicht viel. Warum also nicht einmal etwas Neues wagen? „Machen Sie es so, wie Sie es für richtig halten! Ich wollte sowieso etwas Neues ausprobieren.“
Maurice tritt wieder einige Schritte zurück, dann tänzelt er mit gezierten, kleinen Schritten heran und sagt: „Ich würde Ihnen zu einer anderen Farbe raten.“ „Geldschneiderei“, denkt sie. Aber warum nicht? Sie besitzt ausreichend Geld. Ihre Pension ist gut, so gut, dass sie noch einiges Geld jeden Monat wird zurücklegen können. Anfang des Jahres hat sie die letzte Rate der Hypothek, die auf ihrer Eigentumswohnung lag, abgelöst.
„An welche Farbnuance haben Sie gedacht, Maurice?“ Sie nennt ihn zum ersten Mal bei seinem Namen. Er registriert es eitel. „Ich würde ein Braun mit einem leichten Ton ins Rötliche vorschlagen. Nicht Kastanie, sondern ich werde die Mischung selbst für Sie kreieren. Wenn sie Ihnen gefällt, können wir sie beim nächsten Mal wieder nehmen. Ich notiere mir die Farben und die Zusammenstellung für meine Kundinnen.“
„Nun gut, Sie werden es schon richtig machen.“ Er holt aus einem Plastikbeutel, der zugeschweißt ist, Kamm, Bürste, Rollenwickler und allerlei andere Dinge heraus. Dann beginnt die Prozedur.
Maurice verschwindet hinter einem Vorhang. Nach einem Weilchen kommt er mit einem Schälchen und einem Farbbrei darin wieder zum Vorschein. Sorgfältig trägt er das Farbgemisch zuerst auf den Haaransatz auf, danach verteilt er den Rest auf die übrigen Haare. Nun muss die Farbe einige Zeit einwirken.
Maurice kredenzt Annekatrin eine Tasse Kaffee und bringt ihr einige Zeitschriften. Annekatrin liest in den Frauenzeitschriften Klatsch und Tratsch über Prominente und Adelige. Sie kennt kaum eine der Personen. Nie ist ihr bisher Zeit für eine so nutzlose Beschäftigung geblieben.
Ein leises Klingeln zeigt das Ende der Einwirkungszeit an. Maurice spült die Farbe heraus und wäscht mit Hingabe ihre Haare. Danach massiert er ihr eine Kur ins Haar. Annekatrin genießt die wohltuende Massage der Kopfhaut und denkt: „Eine solche Behandlung könnte ruhig länger dauern.“ Annekatrin findet die Farbe sehr dunkel, aber Maurice beruhigt sie: „Den richtigen Farbton kann man erst bei trockenem Haar erkennen.“
Nun steht Maurice nachdenklich hinter ihr. Er schaut wie ein Künstler, der überlegt, wie das begonnene Werk zu vollenden sei. Mit einem plötzlichen Ruck, einem Impuls folgend, fängt er an zu schneiden. Annekatrin ist gespannt. Es ist verwirrend, wie er hier Haare kürzt, dort welche stehen lässt. Sie kann zuerst kein Prinzip darin erkennen, meint auch, er ändere zwischendurch seine künstlerische Meinung.
Doch endlich ist er zufrieden. Nun beginnt er zu föhnen, Bürsten einzudrehen und wieder herauszudrehen. Hier wird kürzer, dort länger geföhnt, die Haare toupiert und danach etwas gezaust, damit es natürlich aussieht.
Annekatrin muss zugeben: Es ist gekonnt. Das Ergebnis ist verblüffend und kann sich sehen lassen.
Sie sieht sich kaum mehr ähnlich. Wie kann es angehen, durch Farbe und Schnitt der Haare ein Gesicht so zu verändern? An der einen Seite sind die braun gefärbten Haare mit dem gewissen rötlichen Ton kurz gehalten und nach hinten gekämmt, an der anderen länger gelassen. Dort fallen sie leicht gewellt nach vorn etwas über die Augen, sodass man sie mit leichtem Schwung nach hinten werfen kann. Maurice zeigt ihr mit anmutiger Kopfbewegung, wie dies zu bewerkstelligen sei.
Annekatrin ist zufrieden. Nur ihr Gesicht ist blass und unscheinbar, trotz der tollen Frisur. Maurice sieht sie kritisch an und meint: „Gnädige Frau, Sie müssen etwas für Ihr Face tun. Gehen Sie zur Kosmetikerin! Gönnen Sie sich eine Behandlung! Ich kann Ihnen meine Kollegin Nicole hier im Salon empfehlen.“
Ehe Annekatrin sich äußern kann, hat er die Kosmetikerin herangeholt. Auch sie hat augenblicklich nichts zu tun, wegen der Flaute des Ferienbeginns. Annekatrin überlegt nicht lange. „Jetzt müssen Nägel mit Köpfen gemacht werden“, hätte ihre Mutter gesagt. Sie nimmt in einem Kosmetiksessel Platz und lässt sich eine Stunde verwöhnen mit Kompressen, Gesichts- und Nackenmassagen, mit Peeling und Masken. Sie lernt eine Menge neuer Begriffe.
Dann wird sie geschminkt. Die nette, junge Frau erklärt ihr genau, wie sie sich schminken muss, um bestimmte Konturen ihres Gesichtes zu verdecken und andere hervorzuheben. Maurice lässt es sich nicht nehmen, ihre Haare, die während der Behandlung etwas gedrückt wurden, wieder in die ursprüngliche Fasson zu bringen. Ein erneutes Trinkgeld lehnt er überschwänglich und entschieden ab.
Annekatrin ersteht noch einige Kosmetikartikel und verlässt nach drei Stunden den Salon mit einem sehr veränderten Aussehen und um einige Hundert Euro leichter.
Zuerst geht sie etwas verunsichert durch die Mönckebergstraße, über den Jungfernstieg und biegt schließlich mit schon beschwingteren Schritten in den Neuen Wall ein.
Hier haben sich in den vergangenen Jahren einige Nobelboutiquen niedergelassen. Sie schaut zum ersten Mal nicht an diesen Schaufenstern vorbei, sondern bewusst hinein, prüfend, ob irgendetwas zu ihrem neu erworbenen Äußeren passt.
Als sie in einem Schaufenster einen schicken Hosenanzug aus leichtem hellem Leinen sieht, betritt sie den Laden und lässt ihn sich zeigen.
Die Verkäuferin, eine Dame in edelsten Klamotten aus der Kollektion dieser berühmten Hamburger Modedesignerin, meint, dass sie mit ihrer jugendlichen Figur mit Leichtigkeit die Größe 38 tragen könne.
Annekatrin hat ihren Körper durch verschiedene Sportarten, die sie intensiv betrieben, und den Sportunterricht in der Schule, den sie jahrelang gegeben hat, schlank erhalten. Ihre Muskeln sind stramm, kein überflüssiges Fett oder wabbeliges Fleisch, vor dem sie sich ekelt, verunstaltet ihre Arme und Beine.
Sie probiert den Anzug an. Er sitzt wie für sie geschneidert. Dazu empfiehlt ihr die Dame eine dezente lila Bluse, die wirklich hervorragend dazu passt. Ein Rock, aus demselben Material gefertigt, wird alles noch vervollständigen, meint die Dame. Auch den ersteht sie und zu guter Letzt noch ein sportliches, weißes Kleid, das, vorn geschlitzt, ein gutes Stück ihrer tadellos geformten Beine sehen lässt.
Annekatrin hat an diesem Tag so viel Geld für Friseur und Kleidung ausgegeben wie in den vergangenen zehn Jahren nicht. Zu Hause probiert sie die Sachen noch einmal an und bewegt sich wie ein Mannequin vor dem Spiegel. Sie gefällt sich außerordentlich gut.
In der Sonnabendausgabe des Hamburger Abendblattes studiert sie den Automarkt. Sie hat sich entschlossen, mit dem Auto in den Urlaub zu fahren. Ihr Wagen ist alt und wird kaum eine größere Reise überstehen.
Sie überrascht sich dabei, dass sie sich nicht, wie früher üblich, die Verkaufsannoncen für gebrauchte Kleinwagen anschaut. Nur die billigsten dieses Genres waren bisher für sie infrage gekommen. Sie sieht nach den besseren Marken.
Bei der Rubrik für Porsche-Gebrauchtwagen verweilt sie. Es wird einer angeboten, schwarz, ein schon älteres Modell, aber mit nur wenigen Kilometern auf dem Tacho. Nur aus der augenblicklichen guten Laune heraus ruft sie die Nummer an. Aber ehe sie es sich versieht, sitzt sie in ihrem kleinen, schäbigen Auto und fährt zu dem verabredeten Platz, nicht ohne sich vorher in ihre neu erstandene Kleidung zu werfen. Sie parkt ihren Wagen einige Straßen entfernt.
Ein älterer Mann steht schon vor dem am Telefon genannten Haus. Er ist gut gekleidet, aber nicht unbedingt so, wie Annekatrin sich einen Porschefahrer vorgestellt hat. Der Wagen steht in der Garage. Der Besitzer fährt ihn heraus und empfiehlt eine kleine Probefahrt.
Er ist Erstbesitzer. Der Wagen ist gepflegt und hat viele Extras. Nach dem Grund für den Verkauf gefragt, meint er, er sei nicht mehr an dieser Art Sportwagen interessiert. Aus dem Alter sei er heraus. Er habe sich einen kleineren Wagen für den täglichen Gebrauch bestellt.
Annekatrin vergisst zu handeln, um den Preis noch etwas zu drücken, so begeistert ist sie von dem Gefährt. Der Gedanke, zukünftig in diesem Auto zu fahren, nimmt sie ganz gefangen.
Sie wollen sich in zwei Tagen bei der Zulassungsstelle treffen. Bis dahin habe sie das Geld besorgt, verspricht sie.
Auf dem Heimweg überlegt sie, wie sie das Geld am besten flüssigmachen kann. Sie muss einige Aktien verkaufen. Welche das sein sollen, wird sie ihrer Beraterin in der Bank überlassen. Außerdem muss sie ihren Wagen in der Zeitung zum Verkauf anbieten. Für dieses alte Modell und dazu noch Billigwagen wird sie nicht viel bekommen.
So fährt Annekatrin den, gemäß ihrem neuen Selbstgefühl,für sie passenden Wagen.
Die Wohnung ist gerichtet. Frau Herringhaus wird in ihrer Abwesenheit die Blumen versorgen und den Briefkasten leeren. Außerdem hat Annekatrin ihr versprochen, sie in regelmäßigen Abständen anzurufen. Ihre Handynummer wird sie in ihrer Wohnung hinterlegen, sodass Frau Herringhaus sie jederzeit erreichen kann. Ein Handy ist genau das Utensil, das noch zu ihrem neu erworbenen Persönlichkeitsbild fehlt. Also erwirbt sie es.
Eines Morgens füllt sie ihren leider sehr knapp bemessenen Kofferraum mit allen neuen Kleidungsstücken. Einige weniger teure haben die Garderobe noch vervollständigt. Nun ist sie auf dem Weg nach Süden. Zuerst will sie ihren Bruder in München aufsuchen.
Es bereitet ihr Vergnügen, in diesem Wagen zu fahren. Früher hatte sie es abgelehnt, schnell zu fahren, weil sie die Geschwindigkeit fürchtete. Jetzt tritt sie das Pedal durch. Der Wagen beschleunigt sehr schnell auf 160 Stundenkilometer. Noch ein bisschen schneller wagt sie zu fahren. Als der Tacho 180 anzeigt, löst sie den Fuß und gönnt ihren schweißnassen Händen eine Entspannung. Sie erreicht München am frühen Abend, nachdem sie sich unterwegs einige Pausen von der ungewohnten Anspannung genehmigt hat. Sie lässt diese kurzen Aufenthalte Revue passieren.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 214
ISBN: 978-3-99003-231-2
Erscheinungsdatum: 07.07.2011
EUR 16,90
EUR 10,99

Herbstlektüre