Krimi & Spannung

VENUSBERGE

Siegmund Künzel

VENUSBERGE

Gottesfrauen, Verführung und Macht

Leseprobe:

1 - Versprochene Treue

Als Sandra die Haustür hinter sich geschlossen hat, ohne sich nochmals umzudrehen, startet Dr. Wenger wieder den Wagen, legt den ersten Gang ein, und das Gefährt schiebt sich langsam wieder auf die schneebedeckte Hauptstraße. Er hatte gehofft, dass sich Sandra nochmals umdrehen und ihm nachwinken würde. Aber er hatte sich geirrt.
Er schaut auf die Straße, gibt zwar vorsichtig Gas, aber die Winterräder drehen trotz allem zuerst durch, rutschen ein wenig auf dem Eis, bekommen dann jedoch Griff und bewegen das Auto langsam vorwärts durch den Schnee.
Starker Schneefall hat wieder eingesetzt. Noch nie hat es so viel Schnee gegeben in diesem Winter. Dr. Wenger schaut konzentriert auf die verschneite Straße. Die Scheibenwischer schieben die dicken Flocken zur Seite und geben ihm die Sicht frei.
Als er das sieht, schüttelt er nachdenklich den Kopf und denkt: Da kommen so viele Schneeflocken vom Himmel herab, und jede einzelne ist ein Individuum, jede ist anders gestaltet. Alles singuläre Wesen … – wie wir.
Dr. Wenger denkt an Sandra und Barbara.

Er fährt vorsichtig und sehr konzentriert, aber seine Gedanken sind auch bei Johannes, dessen Grab sie soeben verlassen haben. Ganz besonders kommt ihm die schwangere Sandra in den Sinn; Johannes war so glücklich gewesen, dass sie beide nun ein Kind erwarteten. Aber es sollte für Johannes nicht mehr sein.
Schade, denkt Dr. Wenger, er war ein so guter Mensch gewesen. Gewesen – vorbei. Nun war Sandra allein auf der Welt; nun musste sie versuchen sich mit dem werdenden Kind in ihr in dieser Welt zurechtzufinden.
Sie würde es schaffen, dessen war sich Dr. Wenger sicher, und er hatte ihr versprochen, ihr beizustehen.
„Schließlich ist sie meine Schwägerin“, sagt er laut vor sich hin, und ein unerwartet gutes Gefühl steigt in ihm auf.

Automatisch schaltet er in den höheren Gang. Die viel befahrene Hauptstraße ist vom Schnee geräumt worden, nur noch der feine Neuschnee liegt jetzt wie ein Leinentuch auf dem dunklen und leicht vereisten Asphalt.
Dr. Wenger lächelt. Er schaltet die Wärme verströmende Klimaanlage im Auto etwas höher.
Hatte mir Barbara wirklich zugelächelt?, fragt er sich plötzlich.
Oder war es nur ein Versehen, seinerseits – oder von ihr?
Vielleicht nur ein guter Wille, ihrerseits?
Oder vielleicht sogar nur eine gut gemeinte Geste?
Oder war es wirklich mehr?

Er konnte nur rätseln. Aber wie auch immer: Er war innerlich frei geworden, so frei von allem, was ihn so lange, sein ganzes bisheriges Leben, bedrückt hatte. Ja, über viele Jahre hatte er – nicht immer, aber oft – an sein schreckliches Tun gedacht. Jetzt jedoch war er froh und sogar glücklich diese zentnerschwere Last endlich abgeladen zu haben. Nun konnte er wieder befreit durchatmen. Ein herrliches Gefühl.
Er spürte, wie es nicht nur äußerlich im Innenraum des Autos, sondern auch bei ihm innerlich wärmer wurde. Sein beschwerter Geist erhob sich und blühte sichtbar auf. Er lächelte, dankbar zufrieden.

Und plötzlich fühlt er sich auch körperlich wieder um Jahre jünger. Geist und Körper rücken näher zusammen und werden wieder harmonisch, und die Seele vollführt luftige „Sprünge“.
Bewusst setzt er sich aufrecht, streckt seinen Rücken und hebt selbstbewusst seinen Kopf. Sogar seine Augen blicken unbeschwerter und klarer auf die wenigen noch vor ihm tanzenden Schneeflocken auf der Windschutzscheibe.
Wie doch ein negativer Seeleneffekt solch einen großen Einfluss auf ein Leben haben kann, denkt er. Aber er wusste es ja; als Arzt hatte er auch schon vielen Patienten Ratschläge gegeben, die alle in diese Richtung wiesen. Doch Ratschläge geben ist das eine, sich selbst Ratschläge geben und diese dann konsequent auch selbst umzusetzen ist immer etwas anderes.
Körper und Seele arbeiten eben eng zusammen, bestätigt er sein medizinisches Wissen und lächelt wieder.
Fast euphorisch durchquert er die Stadt und gelangt schließlich nach Hause.
Er fährt den Wagen in die Garage und begibt sich zur Wohnung. Beschwingter als sonst läuft er die wenigen Treppen hinauf und betritt den warmen Flur.

„Hallo“, ruft er lebhaft, fast übermütig, in die Stube.
Seine Frau sitzt im Wohnzimmer. Sie ist mit einer Näharbeit beschäftigt, von der sie kurz aufschaut und ihn begrüßt, als er zu ihr hineingeht.
„Schön warm ist es hier“, sagt er und reibt sich die etwas klammen Hände.
„Es schneit noch immer“, erwidert sie. „Wie lange es wohl noch schneien wird? In diesem Winter will es gar nicht aufhören.“
„Nun, es wird schon einmal nachlassen“, sagt er laut und setzt sich in seinen Sessel.
Dabei durchgeistert ein Gedicht von Eduard Mörike seinen Kopf, das er einst in der Schule gelernt hatte und das ihm Jahrzehnte nicht mehr in den Sinn gekommen ist: „Frühling lässt sein blaues Band, wieder flattern durch die Lüfte … –
Es muss doch Frühling werden.“ Sein Herz klopft leicht.
Seine Frau schaut zu ihm hinüber. Er sieht es, und plötzlich fühlt er sich wie ein kleiner Junge, den man gerade bei einer unerfreulichen Sache ertappt hat. –
Doch er grinst in sich hinein.
Auf dem kleinen Tischchen neben ihm liegen noch alte Zeitungen. Die obenauf ist schon etwa acht Wochen alt.
„Entschuldigung, dass ich sie nicht fortgeräumt habe. Ich wollte sie heute alle entsorgen“, bemerkt seine Frau, als sie sieht, dass er die älteste Zeitung wieder aufschlägt.
„Nur nicht …“, entfährt es Dr. Wenger, fast gebieterisch.

Sie schaut erschreckt auf – und ihn an.
Was soll denn das nun, denkt sie leicht erregt und bemerkt, dass er wieder die Todesanzeigen ansieht. Warum denn das? Sie hatte es schon vor langer Zeit bemerkt, dass er die Zeitung immer wieder vornahm, die Todesanzeigen las und immer wieder und wieder die Augen schloss und sinnierte.
Er hat sich total verändert, stellte sie jetzt mit Bestimmtheit fest. Irgendwie war er gerade in den letzten Wochen anders geworden. Aber das wusste sie schon lange. Auch sie hatte sich verändert, schon lange. Sie hatte sich verselbstständigt und machte, was ihr passte.
Zwischen ihnen hatte sich eine gewisse kalte Sterilität breitgemacht.
Sie hatte sich vorgenommen sich nicht mehr bewusst um ihn zu kümmern, und dass es ihr egal sei, was er mache, aber – sie hätte doch gern gewusst, welche Anzeigen er immer wieder studierte und warum. Sie dachte, vielleicht ist es ein alter Freund aus seinem Bekanntenkreis. Gefragt hatte sie nie. Es ging sie nichts an – er konnte tun, was er wollte, und sie tat es auch. Von Liebe wurde schon lange nicht mehr gesprochen, und körperlich war die einstmals heiße Phase so nach und nach zu warm und über lauwarm zu fast kalt gewechselt. Dieser Ofen war langsam ausgegangen. –

Aber es war ihr schon am Heiligen Abend aufgefallen, er war damals – wie sie meinte – eher niedergeschlagen nach Hause gekommen. Wie ein grauer Schleier hatte sich damals eine einsame Trübsal um ihn gelegt. Er war sehr ruhig gewesen damals, was er sonst gar nie war, hatte nur das Notwendigste geredet und auch mit den Enkelkindern wenig unternommen. Ja, sich kaum um sie gekümmert.
Er arbeitet eben viel zu viel, dachte sie. Wie oft in den letzten Jahren war er erst sehr spät nach Hause gekommen, hatte schnell etwas gegessen und sich dann in sein Studierzimmer zurückgezogen. Sie wusste ja, warum: Zwillingsforschung.
Der Heilige Abend aber war in den vergangenen Jahren immer ein eher heiteres Familienfest gewesen. Alle waren stets gespannt auf die kommenden Geschenke, das gute Essen. Weihnachtslieder wurden gespielt, und die ganze Familie war immer freudig bei der Sache. Sie selbst hatte sich jedes Mal ans Klavier gesetzt und einige bekannte Weihnachtslieder gespielt, und falls man die Strophen kannte, wurde auch freudig mitgesungen.
In diesem Jahr schien es jedoch, als wenn sich etwas Dunkles in die sonst helle Feststimmung geschoben hätte, was es verhinderte, eine rechte feierliche Atmosphäre in der Familie aufkommen zu lassen. Etwas störte. Nur wusste keiner, was es war; schon gar nicht die Enkelkinder, die immer wieder zu Opi – wie sie ihn nannten – gingen, ihn um ihre Aufmerksamkeit baten, doch immer wieder von ihm weggeschickt wurden.
Sie dachte damals: Er ist eigentlich gar nicht bei uns; er lebt wie in einer anderen Welt. Ob es wohl etwas mit seinem „Zwillingsprojekt“ zu tun hat, mit dem er sich schon viele Jahre befasst?, fragte sie sich. Sie konnte sich seine fast abweisende Reaktion damals nicht erklären.

Scheu schaut sie jetzt zu ihm hinüber und bemerkt – er sieht gar nicht mehr traurig drein; im Gegenteil, eine freudige Abgeklärtheit spiegelte sich auf seinem Gesicht. Er schien sehr zufrieden mit sich. Wieder hat sich eine Änderung in seinem Verhalten ergeben, denkt sie erfreut.

Doch er konnte – nach der Beerdigung, auf der er allein gewesen war, ohne seiner Frau etwas gesagt zu haben – jetzt seine Frau überhaupt nicht mehr umarmen, was er ab und zu noch flüchtig getan hatte. Aber sie war klug genug, ihn nicht zu zwingen zu Sachen, die er nicht mehr mit ihr tun konnte. Eigentlich war das ja schon lange vorbei, das wusste auch sie.
Er ist jetzt zu mir wie eine sterile Krankenpflegerhilfe, hatte sie einmal ihrer besten Freundin gebeichtet, die hereinkommt, ihre Hände desinfiziert, ihre Handgriffe erledigt und wieder geht. So kam ihr seine Beziehung manchmal vor, sogar noch mehr distanziert, da er keine Handgriffe am Körper vornahm.
Sie hatten beide ihre Träume und Visionen von einst schon lange aufgegeben, begraben. Jeder ging seinen Weg.

Viele Jahre waren sie nun schon miteinander verheiratet. Sie hatten sich damals bei einer Opernaufführung kennengelernt. Sie wusste nicht mehr, war es DIE WALKÜRE oder GÖTTERDÄMMERUNG gewesen? Auf alle Fälle WAGNER.
In der Pause waren sie sich praktisch in die Arme gelaufen. Sie von rechts kommend, er von links – putsch, und schon hatte es gefunkt. Er hatte sich höflich entschuldigt und sie dann zu einem Getränk eingeladen – was war es noch mal gewesen? Auch das hatte sie in den langen Ehejahren anscheinend vergessen. War es ein Singapur Slang gewesen? Ach, Slang hin oder her, sie hatte damals nur ihn gesehen – damals.
Doch, doch, sagte sie, es war Singapur Slang gewesen; an ihn konnte sie sich jetzt wieder gut erinnern; sie schmeckte ihn eigentlich noch heute auf ihrer Zunge. Aber man vergisst so vieles, gewöhnt sich so schnell an alles, überhaupt wenn das Zusammenleben sehr gut funktioniert.
Sie hatten sich damals verabredet, sich später öfter getroffen – alles ging damals sehr schnell –, und bald darauf hatten sie geheiratet, obwohl sie noch einen Freund gehabt hatte, mit dem sie schon einige Zeit zusammen war.
Ihr erstes Kind wurde sehr kurz darauf geboren. Es waren nur ein paar Monate dazwischen. Jetzt dachte sie wieder daran und fragte sich: Ob das Kind wirklich von IHM oder von ihm war? Sie wusste es nicht. Damals war es ihr auch egal gewesen. Sie liebten sich, und er hatte sich sehr auf sein Kind gefreut.

Er war damals als Assistenzarzt in einem Krankenhaus angestellt gewesen. Dank seiner Initiative und seines Arbeitseinsatzes wurde er schnell Oberarzt. In der Zwischenzeit wurde ihr zweites Kind geboren.
Umgezogen sind sie ein paar Mal. Sie ist immer zu Hause geblieben, obwohl sie ihrem Beruf nachgehen wollte. Aber er wollte es so. Er sagte immer: Kinder müssen ein Zuhause, einen elterlichen Ansprechpartner haben, sie müssen sich wohlfühlen in ihrer häuslichen Umgebung; kleine Kinder brauchen die familiäre Wärme. Es muss schlimm sein für ein Kind – gerade in den ersten Jahren –, in einem Heim aufwachsen zu müssen, so dachte, sagte und entschied er. Er wollte es einfach nicht – und wusste, warum!

Am Anfang ihrer Ehe erfreute er sich immer an ihrer Großzügigkeit, ja sogar ihrer Großmut, er wagte es kaum zu denken, geschweige denn es auszusprechen. Aber er blieb dabei; ja, es war doch Großmut, die sie ihm entgegenbrachte, und – es war ihre nicht geheuchelte Leidenschaft. Doch sie ging ihm manchmal einfach – wie er damals in seinen jungen Assistenzjahren dachte – zu fordernd vor und verlangte freie Hingabe in aller Offenheit. Sie war einfach ehrlich in ihrem ?Begehren.
Aber diese Ehrlichkeit konnte er ihr nur schwer erwidern. Immer wieder erinnerte er sich an seine Jugendsünde. Das war zwar schon lange her – aber es lag immer noch in seiner Seele eingebettet, und so fragte er sich oft – bei ihrem Zusammensein –, ob er ihr nicht besser alles beichten solle. Doch dabei blieb es dann auch. Denn er sagte sich, dass das allein nur ihn etwas anginge und er allein damit fertigwerden musste. Eine andere Person durfte damit nicht belastet werden.

Er war ein guter Vater und Ehemann – in den ersten Jahren wenigstens. Dann jedoch interessierte er sich immer mehr für „seine Zwillingsforschung“ und vergaß oft seine Frau und Familie. Spät kam er manchmal nach Hause, und früh ging er immer öfter wieder in die Klinik. Und so geriet ihr Eheleben zu einer Art Aneinandervorbeileben.
Doch trotz allem: Sie hielt zu ihm – und er zu seiner Familie.
Sie hatten sich schließlich damals nicht nur vor dem Standesbeamten, sondern auch vor dem Traualtar in der Kirche ihr Jawort gegeben – und sich gegenseitig Treue versprochen, obwohl das für ihn nur eine reine Routine und ein Nachgeben war, seiner angetrauten Frau zuliebe.
Er war nicht eigentlich religiös. Doch ab und zu musste er auch niedergeschlagenen Familien, denen er aus medizinischer Sicht einen negativen Bescheid geben musste, mit „Religiösem“ wieder auf die Beine helfen, und so hatte er sich einige Male mit der Bibel befasst und sogar mit großem Interesse darin gelesen. Vieles war auch hängen geblieben in seinem Kopf, doch es war eher unausgegorener Saft und kein Wein.

Anfangs bäumte sich seine frevelhafte Tat noch in seinem Inneren auf und strebte suchend nach Reue und Vergeben. Aber nach und nach vergaß selbst dieses innere Aufbäumen sich aufzubäumen und verkroch sich schließlich unter verdeckende wild wachsende Seelenbüsche.
Nach und nach überwucherten psychische Dornensträucher das Geschehene, und er vergaß es immer für eine gewisse Zeit, bis durch engen Kontakt mit eingebundenen Personen die Sträucher wieder auseinandergerissen wurden und sich die zerteilten Dornenzweige erneut wie eine offene Wunde darstellten.
Doch jetzt war plötzlich alles anders; die „offene Wunde“ hatte sich mit zarten, wohlriechenden Rosen überzogen. –

Dr. Wenger legt die Zeitung zur Seite, seinen Kopf auf die erhöhte Rückenlehne, schließt die Augen und schläft ein – mit sich und der Umwelt zufrieden, wie noch nie in seinem bisherigen Leben.
Seine Frau bemerkte es zwar, aber den wahren Grund sollte sie nie erfahren. Es ging nur ihn und diese andere Person etwas an.


2 - Und wie geht es weiter? Allein …

Als Sandra die Haustür hinter sich geschlossen hat, bleibt sie kurz stehen. Sie fühlt sich plötzlich so allein. Und das war sie ja nun wirklich. Draußen hört sie das abfahrende Auto.

Gedankenverloren streicht sie sich leicht über ihren gewölbten Bauch. Das Kind, das sie unter ihrem Herzen trägt, hatten sie beide mit großer Freude erwartet – schon lange. Oft waren sie beide und gerade Johannes freudig erstaunt und sogar in großer Rührung gewesen, wenn sie die sanften und manchmal überdies heftigen Bewegungen des sich entwickelnden Lebens spürten. Sie hatten dann beide ihre Hände auf ihren Bauch gelegt und aufgeregt gewartet, bis wieder ein kräftiger Tritt und somit Leben aus dem Inneren zu spüren war. Sie hatten sich dann immer angeschaut und voller Vorfreude auf das kommende Geburtsereignis für ihr Kind gedankt; Gott gedankt, der ihnen nach so vielen langen Jahren des Wartens nun ihren Wunsch erfüllt hatte. Sie wollten gar nicht wissen, was es werden würde. Sie hatten immer gesagt: Wir nehmen es aus Gottes Hand und akzeptieren es, ob Mädchen oder Junge; es ist ein Geschenk Gottes.
Jetzt jedoch bekommt sie plötzlich Angst. Eine innere Not drängt sich in ihre Gedanken, denn nun fühlt sie sich zum ersten Mal wirklich allein. Für sie hieß es jetzt, sich um sich und das zu erwartende Kind zu kümmern. Das kommt ihr nun – nachdem die Beerdigungstage sie sehr in Anspruch genommen und auch etwas abgelenkt hatten – voll in den Sinn.

Sie geht weiter die kurze Treppe hinauf, zieht den Schlüssel hervor, öffnet die leichte Tür und betritt ihre nun „ausgestorbene“ Wohnung, wie sie meint. Schwer atmend, sie muss ja für zwei Lebewesen Luft herbeischaffen, lässt sie sich in den Bürosessel fallen, in dem ihr Mann immer saß, und faltet die Hände.
Bisher war es so gewesen, dass sie sich in manchen Situationen immer zusammengesetzt hatten, die offenen Fragen, die auf sie beide zugekommen waren, diskutierten und die Probleme zusammen besprachen, welche sie dann schließlich im Gebet ihrem himmlischen Herrn, an den sie beide glaubten, weiterreichten. Und wie immer legten sich danach die oft stürmischen Gedankenwellen, und eine fast sorgenfreie Atmosphäre gab ihnen Ruhe und einen inneren Halt zurück.

Als sie so an vergangene Zeiten denkt, treten ihr Tränen in die Augen. Warme Luft umfächelt sie leicht. Tief zieht sie den Sauerstoff in sich hinein. Und mit jedem dieser tiefen Züge füllen sich nicht nur ihre Lungen, sondern auch die trüben Gedanken bekommen mehr Freiheit, und in dieser Freiheit schließt sie die feuchten Augen und betet in kindlicher Einfalt – diesmal allein.
Alles das, was ihr wie ein schwerer Felsbrocken auf dem Herzen liegt, spricht sie an und bringt es im Geiste ihrem himmlischen Vater, an den sie fest glaubt. Alles spricht sie an, ihr jetziges Leben, das werdende Leben in ihr, die materielle Lebenssituation, in der sie sich nun befindet; sie bittet um die guten Freunde, welche sich gerade in der letzten Zeit immer so um sie gekümmert hatten, betet um eine leichte Geburt und denkt zum Schluss auch an Dr. Wenger, welcher mit Johannes immer so gute Gespräche geführt hatte. Dr. Wenger und Johannes hatten sich ja wirklich wie Vater und Sohn entwickelt. Ein Herz und eine Seele.
Dann nimmt sie ein Blatt Papier aus dem Drucker und beginnt zu schreiben:
„Alles hat sich verändert …
Nun hast du mich verlassen.
Ich darf gar nicht daran denken – aber es ist so.
Du bist fort.
Ich bin jetzt allein – ich muss dich körperlich freilassen.
Nie wieder wirst du mich anschauen.
Nie wieder werde ich deinen Blick suchen.
Nie wieder wird mich deine starke Hand in Liebe berühren.
Nie wieder wirst du mich an dich drücken und herzen und liebkosen.
Alles vorbei.
Ja, ich verstehe es.
Und doch frage ich mich: Wie kann ich weiterleben ohne dich? Wie werde ich die Zukunft ohne dich zubringen?
Und ich frage mich auch: Wie bist du gestorben? Hattest du noch Schmerzen gehabt, oder bist du in ‚Frieden‘ von uns allen gegangen? Gegangen heißt für mich, du hast einen großen Spalt hinterlassen. Etwas zwischen uns ist zerrissen.
Ob dieser Riss je wieder geflickt wird und der Spalt wieder ausgefüllt werden kann?
Wahrscheinlich nicht, denn wir alle sind bestimmt diesen Schmerz zu ertragen.
Und wo bist du jetzt? Bist du am Ziel deiner Erdenreise angekommen? Du hast ja auf dieses Ziel hier auf Erden hingelebt. Und du hast daran geglaubt!
Und – wie sieht es dort aus? Ist es so, wie du es dir vorgestellt hast?
Wahrscheinlich wird es ganz anders sein, denn wer kennt schon den Himmel, wie er uns hier gepredigt wird, geschweige denn den ‚Himmlischen Frieden‘, in dem du dich ja wahrscheinlich befindest? –
Wir wissen es nicht – wir können es nur glauben!

Liebster Johannes, ich muss dir gestehen: Erst jetzt bin ich nach langem Grämen, nach langer Trauer, nach einer Zeit des Stillstands, ja nach langem Nicht-mehr-leben-Wollen endlich angekommen in meiner ‚Welt‘, so wie sie um mich ist. Ich weiß mich heute geborgen in der Liebe GOTTES; ich bin dadurch nicht mehr allein, und die starke Hand fühle ich nun neben mir in Jesus Christus.
Eines Tages werde auch ich dir nachfolgen. Ich habe es dir damals schon auf dem Friedhof gesagt, als ich bemerkte: Wir seh’n uns …
Bis dahin will ich – freudig – versuchen meinen Weg hier auf Erden weiterzugehen in der Gewissheit, dass alles einen Sinn hat.“

Das schreibt sie nieder in der Hoffnung, dass nun alles gut wird. Erleichtert faltet sie den Brief, steckt ihn in ein Kuvert und klebt es zu. Auf die Vorderseite schreibt sie mit dicken Buchstaben: Alles hat sich verändert …
Das Kuvert legt sie in ein Schubfach des Schreibtischs.
Nachdem sie so ihre weltlichen Anliegen an die „himmlische Seelsorge“ weitergegeben hat, fühlt sie sich auf eine wunderbare Weise irgendwie befreit.
Die Tränen stocken, die Schwere in ihr ist gewichen, und sie empfindet sich plötzlich wieder gestärkt und mutig, aufgehoben in einer polaren Welt. Sie lächelt dankbar.

Langsam dreht sie sich um und blickt auf den vollen, mit Büchern, Zeitungsartikeln und anderen christlichen Schriftstücken übersäten Schreibtisch. In den letzten Tagen hatte sie nie daran gedacht, seinen Schreibtisch überhaupt anzuschauen. Sie war an ihm vorübergegangen, ohne ihn zu bemerken. Nun war er verwaist; aber alles lag noch – wie immer – an seinem Platz.
Niemals hatte sie sich um Johannes’ Schreibtisch und seine schriftlichen Arbeiten gekümmert. Das war sein Reich gewesen, und in diesem hatte er gewirkt.
Nun aber schaut sie sich um, nimmt hier ein Buch in die Hand, blättert etwas uninteressiert darin herum und legt es wieder an seinen vorherigen Platz; hebt dort eine ältere Zeitung auf und schiebt sie wieder zurück.
Direkt vor ihr liegt ein Stoß vollgeschriebener Blätter. Fast etwas ängstlich befingert sie die einzelnen Seiten und dreht sie langsam auf den Rücken, wiederum Seite auf Seite. Alle Blätter sind mit der Hand beschrieben. Die Handschrift ist bestimmt und klar. Die Wörter schwungvoll aneinandergereiht und schön.
Plötzlich fällt ihr Blick auf eine Zeile. Dort steht: „… mit vierunddreißig Jahren war ich also nun allein. Ganz allein – aber mit zwei Kindern. Doch ich hatte mir geschworen, diesen Kindern eine gute Mutter zu sein und ihnen zu helfen einen hoffnungsvollen und erfolgreichen Start ins Leben zu garantieren.“

Sandra erschrickt leicht, als sie das liest. Ihr kommt ihre jetzige Situation in den Sinn, und damit wächst ihr Interesse an dem Geschriebenen. Sie blättert weiter, überfliegt kurz die geschriebenen Seiten; nimmt dann aber alle Blätter und legt sie zurück, sodass der Anfang nun wieder obenauf liegt.
Sie denkt: Was ist hier wohl aufgeführt? –

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 556
ISBN: 978-3-99048-671-9
Erscheinungsdatum: 21.11.2016
EUR 22,90
EUR 13,99

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