Krimi & Spannung

Upps – ein außergewöhnliches Verwirrspiel

Konrad Weinert

Upps – ein außergewöhnliches Verwirrspiel

Thriller

Leseprobe:

Es braut sich was zusammen



Kommissar Felix Lohmann saß in Würzburg in seinem Büro. Es klopfte an der Zimmertür. Nach einem üblichen „Herein“ betrat Kollege Wimmer mit einem etwa 40 Jahre alten Mann sein Zimmer.
„Herr Lohmann, dies ist Herr Gruber. Er vermisst seine Frau seit gestern.“
„Danke, Kollege Wimmer. Herr Gruber, nehmen Sie doch bitte Platz.“
Lohmann schaute Robert Gruber interessiert an. „Sie vermissen ihre Ehefrau seit wann?“, begann er das Gespräch.
„Seit gestern Morgen, also seit ca. 34 Stunden“.
Lohmann notierte sich den neunten Oktober. „Erzählen Sie bitte mal ausführlich, Herr Gruber, am besten, was sich seit gestern Morgen ereignete.“

Kommissar Lohmann war erfahren genug mit solchen Fällen. Eine gezielte Befragung würde ihm schnell zeigen, ob es sich um ein tatsächliches Verschwinden handelte oder ob einige Stunden Warten polizeiliche Ermittlungen ersparen würden.
Robert Gruber antwortete: „Gestern Morgen so gegen 7:00 Uhr bin ich zur Arbeit gefahren. Am Abend gegen 17:30 Uhr kam ich zurück nach Hause. Meine Frau war nicht da. Meine Kinder hatten sie auch nicht gesehen.“
„Wie alt sind Ihre Kinder?“
„Jan ist zehn und Chantal neun Jahre alt.“
Lohmann hakte nach: „Dann hätten sie doch das Verschwinden Ihrer Frau bemerken müssen, als sie aus der Schule kamen.“
„Eigentlich nicht. Meine Frau arbeitet seit zwei Jahren wieder in Teilzeit bei der Volksbank. Gestern wäre sie gegen 13:00 Uhr nach Hause gekommen“, antwortete Robert Gruber. „Aber sie trifft sich auch direkt nach Dienstschluss mit ihrer besten Freundin Yvonne oder geht shoppen. Dann stellt sie vorbereitetes Essen in den Kühlschrank. Die Kinder machen sich das Essen dann in der Mikrowelle warm.“
„Dann haben sie ja zwei ziemlich selbstständige und aufgeweckte Kinder“, resümierte Lohmann.
„Ja, das funktioniert ganz gut“, entgegnete Gruber mit einem leicht stolzen Lächeln.
Lohmann fragte weiter: „Was machten Sie, als Ihre Frau weiterhin abwesend blieb?“
„Ich war nicht sonderlich beunruhigt, weil das schon mal vorkommt. Als ich am nächsten Morgen wach wurde und Sahra nicht neben mir lag, rief ich alle möglichen Freunde und Bekannten und meine Eltern an. Aber nirgends war sie. Ich habe dann bis jetzt gewartet, weil man ja aus den Medien oder dem Fernsehen weiß, dass die Polizei bei nicht konkreten Hinweisen, die ein sofortiges Eingreifen rechtfertigen, das weitere Abwarten empfiehlt.“
Felix Lohmann überlegte kurz, ob er auf die letzte Bemerkung von Robert Gruber reagieren sollte, entschied sich dann aber, die Befragung fortzusetzen.
„Sie haben auch keinen Termin ihrer Frau übersehen? Verwandtenbesuch, Kurzurlaub, Fortbildung oder Ähnliches?“
Gruber schüttelte nur den Kopf. Lohmann fragte weiter: „Sie gehen aber jetzt davon aus, dass etwas passiert sein könnte?“
„Ja, ich bin sehr beunruhigt. Das ist noch nie vorgekommen, dass meine Frau so lange abwesend war.“

Kommissar Lohmann sah Gruber direkt in die Augen und sagte: „Herr Gruber, um einiges ausschließen zu können, muss ich Ihnen noch zwei Fragen stellen: Ist es möglich, dass Ihre Frau sich überraschend von Ihnen oder der Familie getrennt hat?“
Robert Gruber blickte verständnislos zurück. „Völlig ausgeschlossen. Wir führen eine glückliche Ehe, unsere Kinder sind unser Ein und Alles. Nie gab es richtigen Streit. Meine Frau würde uns nie freiwillig verlassen. Und schon gar nicht so hinterlistig.“
„Gut, Herr Gruber, dann die zweite Frage. Können Sie sich vorstellen, dass ihre Frau einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist? Hat Sie Feinde?“
„Das scheint mir die einzige plausible Erklärung zu sein“, antwortete Robert Gruber. „Nur Feinde gibt es nicht. Alle mögen uns. Ausgeschlossen.“
„Gut“, sagte Lohmann, „ich denke mir, wir sollten davon ausgehen, dass Ihre Frau dann wirklich verschwunden ist. Von einem Verbrechen würde ich bei dem derzeitigen Sachstand nicht ausgehen, eher von unglücklichen Umständen. Haben Sie schon die umliegenden Krankenhäuser kontaktiert?“

Nach einer Stunde hatte Lohmann von Robert Gruber alle Informationen erhalten, die er für ein weiteres Vorgehen brauchte. Ein aktuelles Foto seiner Frau schickte Robert Gruber von seinem Smartphone direkt an Lohmanns E-Mail-Adresse.
„Ich möchte mich noch auf Ihrem Grundstück und in Ihrem Haus umschauen, für einen ersten persönlichen Eindruck. Und vielleicht finden wir ja einen Hinweis darauf, wo Ihre Frau sein kann oder was passiert ist. Kommen Sie, Herr Gruber, wir fahren gleich los.“

Roberts Eltern warteten in der Zwischenzeit im Haus ihres Sohnes auf einen erlösenden Anruf oder eine andere positive Nachricht. Auch waren sie für ihre Enkelkinder da, beantworteten Fragen und sorgten für die Mahlzeiten. Eine äußerliche Normalität sollte ihre innere Aufgeregtheit überstrahlen. Aber spätestens, als Robert Gruber mit Kommissar Lohmann das Grundstück betrat, war es mit der Äußerlichkeit vorbei. Und die neugierigen Nachbarn bemerkten, dass bei den Grubers irgendetwas nicht stimmte.

Lohmann machte sich keine großen Hoffnungen, von den Nachbarn sachdienliche Hinweise zu erhalten. Er konnte sie immer noch befragen. Wenn es stimmt, was Gruber ihm über sich und seine Frau erzählt hat, erwartete ihn hier ein sauberes und ordentliches Haus, ein intaktes Familienleben auch über Generationen und keine ausgefallenen Dinge oder Hobbys. Nach einem Rundgang durch alle Räume des Hauses bestätigte sich seine Ahnung.

„Tja, das war’s fürs Erste.“ Lohmann sah keine Notwendigkeit, sich länger bei den Grubers aufzuhalten. „Ich befrage jetzt noch einige Nachbarn. Spätestens am Montag melde ich mich wieder bei Ihnen, Herr Gruber. Sollte sich Ihre Frau zurückmelden, informieren Sie mich bitte unverzüglich. Auch nachts.“ Er überreichte Gruber seine Visitenkarte mit Mobilfunknummer, verabschiedete sich und fuhr ins Kommissariat. Den notwendigen Schreibkram erledigte er als Erstes. Dann rief er seine Kollegin Gundula Fels an und berichtete von der neuen Situation. Da er aber keinerlei Ansatz für eine Ermittlung sah, einigten sich beide darauf, am kommenden Montag die weiteren Ermittlungen mit Hochdruck aufzunehmen. Natürlich in der Hoffnung, dass Frau Gruber bis dahin wieder aufgetaucht sein würde.

Felix Lohmann trank ein frisch gezapftes Bier in seiner Stammkneipe. Zwar war es erst Mittag, aber wenn er in drei Stunden im Stadion seine Würzburger Kickers anfeuern würde, gönnte er sich vorher schon ein Bierchen. Alles andere als ein Heimsieg wäre heute enttäuschend. Bei dem Super-Wetter ist eine Niederlage undenkbar. Außerdem könnten sich dann die Kickers nicht im oberen Tabellendrittel festsetzen. Die Stimmung in der Kneipe war wie vor jedem Heimspiel ausgezeichnet. „So muss Fußball sein: Euphorisch, enthusiastisch, friedlich, fröhlich“, resümierte er zu sich selbst.

Sein Handy klingelte. Robert Gruber berichtete total aufgeregt, dass seine Frau gefunden wurde. Ein Polizist aus Hof hätte angerufen. In einem Waldstück in der Nähe von Hof bei Gefell war sie an einen Baum gefesselt worden, eine Gesichtsmaske habe keinerlei Sicht zugelassen. Seine Frau sei Opfer einer Entführung und Vergewaltigung geworden. Es gehe ihr gut, soweit die dortigen Polizisten und Ärzte es bis jetzt beurteilen konnten.

Lohmann war total erleichtert, auch wenn er jetzt das Heimspiel verpassen würde. Schnell vereinbarte er, dass Gruber ihn abholen solle, wegen des bereits getrunkenen Bierchens. Sie würden gemeinsam nach Hof fahren. Von unterwegs rief Lohmann im Kommissariat an und bestellte einen Kollegen nach Hof, der ihn später abholen sollte.
Auch rief er die Polizeidienststelle in Hof an und ließ sich auf den neuesten Stand bringen: Sahra Gruber wurde in einem kleinen Waldstück morgens gegen 9:00 Uhr von einem Mann, der seinen Hund ausgeführt hat, gefunden. Sie war gefesselt, der Mund mit Klebeband verschlossen, eine blickdichte Maske über den Kopf gezogen. Der Arzt eines Rettungswagens hatte bestätigt, dass es Frau Gruber relativ gut gehe. Sie sei stabil, lediglich etwas unterkühlt. Äußere Verletzungen lägen nicht vor. Im Sana Klinikum in Hof wurden gerade die notwendigen Untersuchungen vorgenommen.

Nach Sahra Grubers Aussage geschah die Entführung am Nachmittag durch einen Unbekannten. Sie sei längere Zeit bewusstlos gewesen und hätte wohl viel geschlafen. Es wäre auch zu mehreren Vergewaltigungen gekommen. Sie berichtete von einer längeren Autofahrt in einem Wohnmobil, ständig verbundenen Augen, gefesselten Händen und Füßen. Der Täter hätte sie ausreichend mit Essen und Getränken versorgt.
Lohmann gab viele dieser Ergebnisse an Robert Gruber weiter, aber nicht alle. Ermittlungstaktisch musste er einiges verschweigen. Er konnte Gruber aber beruhigen, die Autofahrt nach Hof verlief problemlos.
Gegen 15:00 Uhr kamen sie im Krankenhaus an. Robert Gruber konnte gleich zu seiner Frau, die Untersuchungen waren abgeschlossen. Lohmann ließ den Eheleuten Gruber einige Zeit für das Wiedersehen.

In der Zwischenzeit erfuhr er die Untersuchungsergebnisse der Ärzte. Demnach gab es keine nennenswerten äußeren und inneren Verletzungen. Die Druckstellen an den Hand- und Fußgelenken von der Fesselung würden in wenigen Tagen verschwunden sein. Die Spuren von den Vergewaltigungen ebenfalls.
Vermutlich war ein Gleitmittel benutzt worden. Die Laborergebnisse seien erst im Laufe des kommenden Montags zu erwarten. Physisch sei die Patientin erstaunlich stabil.
Einer Befragung durch Kommissar Lohmann stimmten die Ärzte unter der Voraussetzung zu, dass die gebotene Vorsicht eingehalten wurde und der Patientin Aufregungen erspart blieben. Eine psychologische Betreuung würde noch am Abend erfolgen. Aus medizinischen Gründen musste Frau Gruber eine Nacht lang zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben.
Lohmann klopfte an die Tür und betrat das Krankenzimmer. Die Grubers unterhielten sich leise, händchenhaltend, vertraut.
Robert Gruber blickte zur Tür und sagte zu seiner Frau: „Du, Schatz, das ist Kommissar Lohmann aus Würzburg. Er ist mit mir gleich hierhergefahren. Er ist der zuständige Kommissar.“
Lohmann trat näher an das Bett: „Guten Tag, Frau Gruber. Schön, Sie so gesund zu sehen. Darf ich Ihnen einige erste Fragen stellen?“
„Wenn es nicht zu lange dauert, gerne.“

Lohmann fasste zunächst seine Erkenntnisse zusammen und fragte dann: „Können Sie den Täter beschreiben? Oder ist Ihnen etwas Besonderes an ihm aufgefallen?“
„Ja, das kann ich. Wir haben ja vor der Entführung miteinander geredet.“
Lohmann konnte sein Erstaunen nicht verbergen. „Dann erzählen Sie mal, woran Sie sich erinnern.“
„Also, ich ging in die Stadt zum Einkaufen. Es war so ein schöner Herbstnachmittag. Auf dem Parkstreifen parkte dieses Wohnmobil. Ein Mann stieg aus und kam auf mich zu. Er fragte nach dem Weg nach Würzburg. Er meinte, dazu habe er im Wohnmobil auf dem Tisch Kartenmaterial. Der Mann war größer als ich, schlank, er hatte dunkles Haar, einen Vollbart, trug eine Brille und war gut gekleidet. Er trug weiße Handschuhe. Er sagte, wegen einer Hautanomalie müsse er seine Hände mit einer sehr fettigen Creme behandeln. Die Handschuhe würden seinen Tagesablauf erheblich erleichtern.
Er sprach eher leise, mit leichtem Akzent. Ich ging mit hinein in das Wohnmobil. Auf einem Tisch lagen Landkarten. Er klappte die Karten auf. Auf dem Ausschnitt von Nordbayern zeigte ich ihm den Weg von Bad Mergentheim über die Bundesstraße nach Würzburg.
Er war sehr charmant, bedankte sich und fragte mich kurz, ob ich in Bad Mergentheim wohne oder was ich gerade vorhabe. Nach diesem kurzen Small Talk bot er mir ein Glas Mineralwasser an. „Als kleines Dankeschön“, sagte er. Während ich trank, fragte er, ob ich zufällig die Klinik für Thorax-, Herz- und Thorakale Gefäßchirurgie der Universitätsklinik Würzburg in der Oberdürrbacher Straße 6 kennen würde. Dort müsse er sich einer speziellen Untersuchung unterziehen.“

Kommissar Lohmann hatte Sahra Gruber aufmerksam zugehört. „Frau Gruber, ich unterbreche Sie ungern, möchte aber zu einigen Details etwas nachfragen. Wie spät war es, als der Mann Sie ansprach? Wo genau parkte das Wohnmobil? Können Sie das Wohnmobil näher beschreiben oder haben Sie sich das Kennzeichen oder etwas Auffälliges gemerkt?“
Sahra Gruber legte die Stirn leicht in Falten, brauchte noch einige Sekunden und sagte dann: „Während der Entführung habe ich dauernd gegrübelt, was ich mir merken sollte für den Fall, dass ich die Sache überlebe. Daher kann ich mich an einige Einzelheiten erinnern. Also. Es muss so gegen 15:00 Uhr gewesen sein. Da ich nicht zu Mittag gegessen hatte, wollte ich im Schloss-Café einen Cappuccino trinken und ein Stückchen Kuchen essen. Das Wohnmobil parkte auf den Parkstreifen in der Kapuzinerstraße in Richtung Stadt. Es war weiß oder champagnerfarben. An das Kennzeichen kann ich mich nicht erinnern. Ich habe nicht darauf geachtet. Auf der rechten Seite war die Eingangstür zum Innenraum. An der Innenseite der Eingangstür klebten zwei oder drei Aufkleber von Ampelmännchen, wie man sie aus Berlin kennt. Drinnen war alles aufgeräumt, es stand kein Geschirr rum, alles war sehr ordentlich. Die Landkarten lagen sorgfältig übereinander auf dem Tisch. An der Rückseite des Wohnmobiles war kein Fenster. Die Inneneinrichtung war aus hellem Holz, vielleicht Furnier. Keine Verästelungen. Das weiß ich so genau, weil mein Mann und ich uns letztes Jahr eine neue Küche gekauft haben: Da achtet man auf solche Details.“
„Können Sie den Mann noch näher beschreiben? Hatte er eine Narbe oder dergleichen? War der Mann alleine? Können Sie den Akzent beschreiben?“
Lohmann hakte im Geiste seine Standardfragen ab, die beim Erstgespräch am erfolgversprechendsten waren.
Sahra überlegte kurz. „Die Kleidung des Mannes war wohl wenig getragen. Es gab wenige Knitterfalten, die Hose war wie frisch gebügelt. Wie ich schon sagte, sehr gepflegt. Ja, seine schlanken Hände fielen mir auf. Der Akzent des Mannes? Ich würde sagen, osteuropäisch oder türkisch oder so. Wir hatten ja nur wenige Worte miteinander gewechselt. Und in den Stunden danach sprach er kaum, und wenn, dann auch nur in diesen unvollständigen Sätzen.“
„Haben Sie versucht, mit ihm zu sprechen, ihn in ein Gespräch zu verwickeln?“
„Nein. Er gebot mir unter Androhung von tiefem Schmerz, weder zu reden noch ihn etwas zu fragen.“
„Können Sie sich vorstellen, dass wir mit Ihrer Hilfe ein Phantombild anfertigen?“
„Ich glaube schon“.
„Was geschah dann?“, fragte Lohmann weiter.
„Also, bevor ich das Wohnmobil verlassen konnte, wurde mir ziemlich schnell so komisch, schummerig. Die Beine wollten nicht mehr. Der Mann fragte noch, ob mir nicht wohl sei. Dann erinnere ich mich an nichts mehr.“

Sahra Gruber machte eine Pause. Lohmann sah, wie sie die Stirn in Falten zog und wohl versuchte, sich an Einzelheiten zu erinnern. Robert Gruber überlegte, ob er den Kommissar bitten sollte, die Unterredung zu beenden, als seine Frau weiter berichtete. „Als Nächstes erinnere ich mich, dass ich wach wurde. Ich war an Händen und Füßen gefesselt, auf dem Kopf hatte ich eine undurchsichtige Maske, wahrscheinlich aus Leder. Das roch noch so frisch. Alles um mich herum war schwarz. Meine Mundpartie war nicht von der Maske bedeckt, auch die Nase war frei. Ich konnte ganz normal atmen. Aber mein Mund war mit Klebeband bedeckt. Ich konnte nicht schreien oder um Hilfe rufen. Und mein Körper war irgendwie fixiert, ich konnte mich kaum regen. Ich lag auf einer Matratze. Mein Unterkörper … war entkleidet, nur mit einer Decke bedeckt. Zwischen den Beinen war es feucht.“

Sahra Gruber schwieg und atmete jetzt schwer. Für Kommissar Lohmann war sofort klar, dass sie von einer Vergewaltigung sprach.
Schnell fragte er zu dem vorher Geschilderten: „Frau Gruber, meinen Sie, das Bewusstsein verloren zu haben, weil Sie etwas Schlechtes gegessen hatten oder weil in dem Mineralwasser ein Betäubungsmittel war?“
„Ich hatte an dem Tag ganz normal gefrühstückt, Müsli und Kaffee. Den ganzen Tag über ging es mir gut. Und das Hungergefühl, das am frühen Nachmittag in mir aufkam, kenne ich so. Also nichts Besonderes. Daher war es eventuell ein Betäubungsmittel. Nachdem ich dann aufgewacht war, musste ich einige Zeit später nochmal Mineralwasser trinken.
‚Wirst du noch einmal schlafen‘, oder so etwas Ähnliches sagte der Mann. Und ich schlief dann auch ein.“
„Fällt Ihnen zu der Fesselung noch etwas ein?“
„Sie tat anfangs höllisch weh und schnitt in die Haut ein. Im Krankenhaus wurde das schon festgestellt. Ich bat den Täter dann um Lockerung, vergeblich. Nur wenn ich auf die Toilette musste, lockerte er die Fußfesselung, sodass ich gehen konnte.“
„Die Toilette des Wohnwagens?“
„Ja. Kompliziert, weil es so eng war und ich gefesselt blieb. Aber es ging.“
„Und die Maske trugen Sie die ganze Zeit?“
„Ja, es war immer alles schwarz. Ich sah nicht, wo ich war, was es zu essen gab, wie die Toilette aussah. Nichts. Erst im Wald hat mir der Mann, der mich gefunden hat, die Maske abgenommen.“
„Gut, Frau Gruber, das sollte für heute reichen. Vorhin haben Sie wahrscheinlich eine Vergewaltigung angedeutet, richtig?“
„Ja“, hauchte Sahra leise und senkte den Kopf.
„Das hat Zeit, Frau Gruber. Aber befragen müssen wir Sie. Ich werde eine Kollegin hinzuziehen, sehr erfahren und kompetent. Oder Sie können auch mit ihr alleine reden, wenn Sie möchten. Sie können sich das noch überlegen. Können Sie vielleicht schon morgen die weiteren Ereignisse schildern?“, fragte Lohmann.
„Es muss ja sein. Also warum lange hinauszögern. Einverstanden. Wie heißt die Kollegin?“
„Frau Kommissarin Gundula Fels. Dann bis morgen und gute Besserung.“
Zu Robert Gruber gewandt sagte er: „Kümmern Sie sich bitte um Ihre Frau. Fahren Sie ohne mich nach Hause, ich werde abgeholt. Ein Kollege ist schon unterwegs.“

Sahra Gruber sprach Lohmann nochmals an. „Herr Kommissar, gerade fällt mir ein, dass mir ein ziemlich großes Stück meiner Haare abgeschnitten wurde. Hier, schauen Sie mal.“ Dabei drehte sie den Kopf zur Seite.
Felix Lohmann trat näher an das Bett. „Stimmt, jetzt sehe ich es auch. Ein ziemlich großes Stück. Das muss ja auffallen, wenn man Sie nicht gerade von vorne anschaut. Danke für diese Information. Vielleicht wird das bei der Aufklärung helfen.“

Vor dem Haupteingang des Krankenhauses wartete Lohmann auf seinen Kollegen, der ihn abholen würde. Er atmete die frische Herbstluft tief ein. Er hatte sich damals für den Beruf des Kommissars entschieden, um Verbrechern das Handwerk zu legen und die Welt besser zu machen. Die Menschen sollten in Frieden und Sicherheit leben können. Er hatte nicht im Entferntesten daran gedacht, welche Einzelschicksale er erfahren würde, welche Abgründe doch in einigen Menschen aufgetan werden, mit welchem Leid er sich auseinandersetzen müsse.
In der Ausbildung wurde ihm theoretisch beigebracht, dass er das viele Leid, dass er erleben würde, nicht an sich herankommen lassen dürfe und dass er bei der Aufklärung von Verbrechen versuchen müsse, wie der Täter zu denken. Und über die Jahre hatte er sich einen Schutz aufgebaut, insbesondere durch Verdrängen. Aber Verbrechen an Kindern und die Vergewaltigung von Frauen gingen ihm immer noch sehr nahe.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 180
ISBN: 978-3-95840-494-6
Erscheinungsdatum: 30.08.2017
EUR 15,90
EUR 9,99

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