Krimi & Spannung

Unheimliche Begegnung

Patrick Salm

Unheimliche Begegnung

Leseprobe:

Umrisse einer düsteren Halle tauchen aus dem Nichts auf, ein ohrenbetäubendes Geräusch eines Kompressorhammers lässt mich erschauern. Fantasie oder Wirklichkeit? Unfähig, klar zu denken, scheine ich aus einem Traum zu erwachen.
Die Halle ist real, das heftige Geräusch des Kompressors weicht einem dumpfen Brummen in meinem Schädel, meine Sinne spielen verrückt. Blut fließt aus meiner Kopfwunde über die Augenhöhlen und verbindet sich auf dem ölverschmierten Betonboden zu einer ekelhaften, klebrigen, rot-schwarzen Lache. Ich träume nicht, das ist Realität!
Apathisch auf dem Bauche liegend, den Kopf zur Seite gedreht und schwach atmend, versuche ich meine Gedanken zu bündeln.
Eine ältere heisere Männerstimme in unmittelbarer Nähe holt mich in gebrochenem Französisch zurück in die Realität. Was ich höre, lässt meine Nackenhaare sich sträuben.
„… und wenn er tatsächlich nichts wissen sollte, legt ihr ihn gleichwohl um. Wir können uns keine Zeugen leisten.“
In dieser dramatischen Situation schaltet der Rest meines noch intakten Ichs instinktiv auf Überleben - es geht um Leben und Tod.
Wo bin ich? Wie komme ich hierher? Wer ist das und was will man von mir?
Schmerzende Arme und Beine hin oder her: Ich bleibe regungslos und mit geschlossenen Augen auf dem harten Betonboden liegen, die Häscher sollen glauben, dass ich mein Bewusstsein noch nicht wiedererlangt habe.
Wenige Zentimeter vor meinem Kopf erkenne ich durch zugekniffene Augen zwei Männerbeine in glänzend polierten schwarzen Lackschuhen mit stenzenhaften Absätzen, die heisere Stimme stammt von einer Person hinter meinem Rücken.
Mindestens drei unbekannte Männer meine ich in diesem wahrscheinlich stillgelegten Lager oder in der Fabrikhalle zu erkennen. Sie unterhalten sich auf Französisch. Nun habe ich Gewissheit: Es sind tatsächlich drei Männer.
Vor vielleicht einer Minute bin ich aus der Ohnmacht erwacht. Unwissend, wo und weshalb ich mich hier befinde, auch fehlt mir jeglicher Hinweis zur Tageszeit, nur wenig Licht erhellt den Raum, das macht die Situation für mich noch unerträglicher. Meine Nackenhaare sträuben sich erneut.
Der Besitzer der heiseren Stimme anscheinend der Chef der Bande, schickt sich an, die Halle zu verlassen. „Wir treffen uns dann am vereinbarten Ort, verscharrt ihn an derselben Stelle wie die letzten beiden.“
Gehorsam spricht aus dem „Ja Capo, werden wir erledigen.“
Es sind zwei Männer, die zurückbleiben, sich meiner annehmen und mich zum Sprechen bringen sollen. Die Art ihrer Ergebenheit lässt auf eine strenge Hierarchie schließen, wahrscheinlich eine Mafia-Organisation - wilde Gedanken rasen durch mein Hirn.
Ein quietschendes Türgeräusch und ein heftiger Knall signalisieren das Öffnen und Schließen eines schweren Tors.
Noch während ich mich mit dem Gedanken auseinandersetzte und mir ausmale, wie die Folter aussehen wird, welche mich zum Sprechen bringen soll, fassen vier kräftige Arme unter meine Schultern und schleifen mich zu einem schweren Holzstuhl.
Draußen höre ich das Starten eines Motors.
Der eine Gangster macht sich daran, mit Ledergurten meine Unterschenkel am Holzstuhl festzuschnallen. Ohnmacht simulierend fallen Oberkörper und Kopf nach vorne und veranlassen den zweiten Verbrecher, mich auf der Sitzfläche festzuhalten. Seine Pistole baumelt im Halfter vor meiner Nase.
Jetzt oder nie! Adrenalin versetzt die Muskeln in höchste Leistungsbereitschaft. Meine rechte Hand schnellt nach vorne und reißt für den Verbrecher völlig überraschend die Pistole aus dem Halfter. Ich drücke ab.
Der Knall und ein Schmerzensschrei hallen durchs Gebäude. Meine zweite Kugel trifft den am Boden hantierenden überrumpelten Gangster. Er versucht noch, seine Pistole aus dem Halfter zu reißen, als ihm das Geschoss die rechte Schulter außer Gefecht setzt. Seine Pistole schlittert über den schmutzigen Hallenboden.
In Sekundenbruchteilen hat sich das Blatt gewendet. Mit schmerzverzerrten Gesichtern winden sich die Verbrecher im Dreck des Hallenbodens. Noch vor wenigen Sekunden dem Tod geweiht, erwache ich zum agierenden Part. Wie lange noch?
Ein erstes Mal wird mir, obwohl immer noch benommen und fast taub, die riesige, verlassene Betonhalle bewusst. Überall Dreck und Schutt, einige wenige verrottete Maschinen dümpeln vor sich hin, rostige Stahlträger tragen das Betonskelett der Halle, und die meisten Scheiben sind zersplittert. Der Boden ist mit Scherben übersät.
Trotz meines dröhnenden Kopfes versuche ich mich zu konzentrieren. Hat der Verbrecherboss die Schüsse gehört und stürmt nun mit der Pistole im Anschlag durch das schwere Eisentor? Oder ist er unterwegs, um Verstärkung zu holen?
Ich bin zu allem bereit und sollte sich das Tor nur einen Spaltbreit öffnen, würde ich sofort schießen.
Nichts geschieht, das Tor bleibt geschlossen. Nur das Stöhnen der beiden Männer und das Geräusch des sich entfernenden Autos hallen in den kahlen Wänden.
Mühsam gelingt es mir, mich aufzurichten und mit wackeligen Beinen torkle ich zum nächstgelegenen geborstenen Fenster. Im Vorbeigehen ergreife ich die in einiger Entfernung vom zweiten Gangster liegende Pistole.
Der Anblick ist ernüchternd. In einer Blutlache winden sich die angeschossenen Männer, daneben liegen Lederfesseln, Zangen und andere Folterinstrumente.
Der Blick durch das Fenster lässt mich ein erstes Mal aufatmen. Eine Staubwolke hinter sich herziehend entschwindet das Fahrzeug des Capo, das Motorengeräusch muss die Schüsse übertönt haben.
Ungefähr fünfunddreißig Jahre alt schätzte ich die beiden Verbrecher, ihre kurz geschnittenen schwarzen Haare und die vor wenigen Augenblicken noch edlen dunkelblauen Nadelstreifenanzüge brennen sich in meine Sinne.
Überleben will ich und schnellstmöglich hinaus aus der Hölle.
Die Sonnenstrahlen vor der Türe treffen mich wie ein Keulenschlag. Endlose Sekunden verstreichen, bis ich mich an die Helligkeit gewöhnt und mich aus meiner momentanen Blindheit befreit habe.
Eine rostige Eisentreppe führt hinunter auf einen aufgebrochenen Asphaltplatz, auf welchem ein kleiner Suzuki Jeep parkt, vermutlich das Fahrzeug der beiden Verbrecher.
Mich unsicher am Geländer festhaltend bringe ich die rostige Treppe hinter mich und stehe nun vor dem mit angelehnter Fahrertüre parkierten roten Suzuki.
Keine Menschenseele weit und breit. Diese Gegend um das alte Fabrikgebäude scheint weitab jeglicher Zivilisation zu sein. Der Schlüssel steckt nicht im Zündschloss, ich weiß, wo ich ihn finden werde; ich muss nochmals zurück in die Halle.
Übelkeit und Bewusstseinsstörungen begleiten mich auf dem Weg zurück zur Treppe. Der Schlag oder die Schläge auf meinen Kopf müssen heftig gewesen sein, wahrscheinlich macht mir eine schwere Gehirnerschütterung zu schaffen.
Heftig keuchend stehe ich erneut vor dem Tor. Aus dem Innern dringen Wortfetzen der verletzten Gangster. Ich wundere mich ob der Kraft ihrer Stimmen. Die Schussverletzungen waren doch nicht, wie von mir vermutet, lebensgefährlicher Natur gewesen.
Sind noch andere Männer im Raum? Ich rede mir ein, dass dies unmöglich der Fall sein kann. Bis in die äußerste Nervenspitze angespannt bereite ich den Überraschungsmoment zum Erstürmen der Halle vor. Es gibt nichts zu verlieren.
Der Hell-Dunkel-Kontrast im Innern könnte mich für entscheidende Sekundenbruchteile handlungsunfähig machen. Noch immer heftig atmend und mit geschlossenen Augen, zusätzlich mit meinen Händen abgedeckt, versuche ich mich auf die Dunkelheit im Innern vorzubereiten.
Mit der Pistole im Anschlag stürme ich in die Halle, der eine liegt noch immer stöhnend in der Blutlache am selben Ort wie vorhin, der zweite, einige Meter davon entfernt, mit einem Handy am Ohr. Seine Verletzung scheint weniger schlimm zu sein, es ist seine Stimme, die ich vor dem Tor gehört habe.
Eins wird mir sofort klar, dieses Gespräch wird bald Komplizen auf den Plan rufen, viel Zeit bleibt mir nicht.
Der Tritt ins Handy ist heftig. Aluminiumteile, feine Drähte, Datenchip und Plastikteile zerbersten unter meinem Schuhtritt, dieses Handy wird nie mehr eine Verbindung herstellen.
„Où sont les clefs du Suzuki?“ - Wo habt ihr die Schlüssel des Suzuki?
Er spielt auf Zeit, meine Pistole zielt auf sein Knie, er begreift, dass ich es ernst meine und fördert mit seiner unverletzten Hand aus seiner teuren Jacke den Wagenschlüssel zutage.
Warum ich hier bin und wie ich hier hergekommen bin, könnte ich mit Sicherheit jetzt aus ihm herauspressen, aber die Zeit, die ich dazu brauchen würde und das damit verbundene Risiko, von den anrückenden Gangstern überrascht zu werden, lassen mir keine Wahl. Aus seiner Anzugstasche entreiße ich seine Brieftasche, diejenige seines sich am Boden in einer Blutlache wälzenden Komplizen wage ich nicht herauszuziehen, zu schauderhaft ist sein Anblick.
Der Zündschlüssel passt und wenige Augenblicke später setzt sich der Suzuki in Bewegung. Wohin soll ich fahren? Ich habe ja keine Ahnung, wohin ich verschleppt worden bin.
Nur eine einzige Straße, sie wurde vor wenigen Minuten vom Gangsterboss benutzt, führt weg vom alten Industriebau, und auf dieser Straße wird vermutlich bald hektischer Verkehr in die Gegenrichtung einsetzen. Auf eine Verfolgungsjagd mit dem schwach motorisierten Suzuki könnte ich mich nie einlassen, immerhin hat er Allradantrieb und große Räder.
Noch ist keine Staubwolke in der Ferne sichtbar. Den Suzuki lenke ich nach rechts von der Straße weg, einen sanften Hügelzug empor auf eine ebene Steppenlandschaft, und blicke in die hoch am Horizont stehende Sonne. Ein erster Anhaltspunkt, um die Himmelsrichtung und die Zeit zu ermitteln.
Erinnerungen lösen sich langsam aus dem Nebeldunst.
Lissabon, ja, in Lissabon im Hotel Lutecia war ich abgestiegen. Das war …
An den Tag mag ich mich nicht mehr erinnern, aber an den Grund meines Besuches in diesem Hotel. Ich bin Elektroingenieur und verantwortlich für die Schlussabnahme der Elektroinstallation einer Meerwasserentsalzungsanlage westlich von Lissabon. Am Morgen öffnete ich in der Parkgarage die Türe meines Mietwagens. Ab diesem Zeitpunkt besteht eine Lücke bis zum Moment, als ich in der Betonhalle das Bewusstsein wiedererlangte.
Leichtes Gestrüpp aus Lorbeerbäumchen stellt sich dem Suzuki in den Weg, bereits eine erste Möglichkeit mich zu verstecken, und in einiger Entfernung erkenne ich einen dünn durchsetzten Wald mit Kiefern, Pinien und Korkeichen.
Lissabon liegt nördlich der Flussmündung des Rio Tajo in den Atlantik. Also muss ich mich ebenfalls nördlich von dieser Linie befinden, wie weit vom Meer entfernt, kann ich nur vermuten.
Die hochstehende Sonne signalisiert Mittag. Seit der Entführung müssten ungefähr vier Stunden verstrichen sein. Ob es noch derselbe Tag ist, kann ich im Moment nicht beurteilen. Deshalb blende ich diese Möglichkeit für meine momentanen Überlegungen aus.
Mein Portemonnaie mit den Ausweisen wurde mir nicht abgenommen und auch das Handy steckt noch immer in der Gurttasche. Anscheinend interessierten sich die Gangster nicht für mein Geld oder meine Person. Wofür also? Für mein Wissen? Aber welches Wissen?
In verhaltener Fahrt, ohne verräterische Staubwolke, bewege ich den Suzuki nun Richtung Süden der vermuteten Küste entgegen.
Ich habe sie erwartet, diese andere Staubwolke. Sie zieht sich auf der Straße, durch den Hügelzug jedoch verdeckt, links unterhalb in die entgegengesetzte Richtung. Die Gangster sind unterwegs zu ihren verletzten Komplizen. Was für Fahrzeuge und wie viele, kann ich aus der Länge der Staubfahne nicht feststellen.
Vielleicht in zwei, drei Minuten werden sie die Fabrikhalle erreichen.
Einige werden ihre Kollegen bergen und die übrigen Jagd auf den Mann machen, welcher, wie von ihnen vermutet, ein Geheimnis mit sich trägt und nun auch Belastungszeuge bei einem allfälligen Gerichtsprozess sein könnte.
Wie wenig mein Leben noch wert ist, wird mir in diesem Moment erneut bewusst. Nicht die wärmende Sonne ist schuld am nassen Hemd, es ist kalter Schweiß, der mich frieren und das Hemd am Körper kleben lässt. Gedanken rasen: Wie lange halte ich diesem Druck noch stand? Obwohl mit zwei Pistolen bewaffnet, bin ich mir bewusst, bei einer Konfrontation mit den Gangstern keine Chance gegen die Übermacht zu haben. Nur ein Überraschungsangriff aus dem Hinterhalt würde mir eine minimale Chance ermöglichen, aber wo soll ich mich in dieser Ebene verstecken und wie will ich wissen, dass die Verbrecher dann tatsächlich in diese Falle tappen?
Ich unterbreche die Fahrt. Es ist beruhigend, dass die Räder auf dem trockenen Steppenboden keine verräterischen Spuren hinterlassen.
Kiefern lösen Pinien und vereinzelte Korkeichen ab und trotz dichter werdenden Baumbeständen gelingt es mir, mit der immer wieder durchscheinenden Sonne und im Zickzackkurs um kräftige Kiefernstämme kurvend weiter Richtung Süden zu navigieren.
Ungefähr fünf Kilometer habe ich zurückgelegt. Ich befinde mich nun in einem dichten Kiefernwald. Erneut steht der Suzuki, keine Geräusche sind auszumachen, nur friedliches Vogelgezwitscher und herrliche Düfte von Kiefern und gesundem Waldboden.
Noch während des Aussteigens streift mein Blick über den Innenspiegel. Das soll ich sein? Geschwollene, rot unterlaufende Augen glotzen mir entgegen. Ein blutverschmiertes Gesicht mit einer klaffenden Wunde und einer ebenso großen Beule am Kopf, das Hemd schmutzig und ebenfalls klebrig rot, so erkenne ich mich kaum mehr.
Und erneut die Frage: Was ist mit mir passiert und weshalb? … und wenn er tatsächlich nichts wissen sollte, legt ihr ihn trotzdem um. Wir können uns keine Zeugen leisten.
Wieder und wieder fressen sich diese traumatisierenden Worte in meine Seele. Hatte ich im Hotel eine außergewöhnliche Begegnung, an die ich mich nicht mehr erinnern mag? Vielleicht auch rein zufällig. Oder bin ich auf Unterlagen gestoßen, welche mich nun das Leben kosten können?
Noch immer unter dem Einfluss des brummenden Schädels versuche ich eine Erklärung zu konstruieren - es muss mit dem Hotel oder mit etwas in der Umgebung des Hotels zu tun haben.
Verscharrt ihn an derselben Stelle wie die letzten beiden.
Erneut lassen diese Worte des Capo meine Nackenhaare sich aufrichten.
Anscheinend bereits zwei Personen hat dieses vermeintliche Wissen das Leben gekostet.


*


Ich erschrecke heftig. Eine Hand legt sich auf meinen Oberschenkel.
„Du hast doch nicht etwa Angst vor der lieben Lola?“
Schwarze Augen in ebenso schwarzem Gesicht, ihre reizvollen Brüste durch das lachsfarbene Negligé kaum verhüllt, dazu ein glänzender schwarzer Minirock aus Plastik, der Einsicht erlaubt, wo ihre langen Beine enden, nehmen mich in Beschlag.
„Du siehst aber schlimm aus, deine Mama war sehr böse zu dir. Lola möchte dich trösten.“
Ein Kauderwelsch aus Portugiesisch und Englisch fließt aus ihrem üppigen, rot geschminkten Munde. Die Schönheit weiß, wie man Männer auf den „richtigen Weg“ trimmt.
„Mineralwasser und Bier solltest du nicht zu viel trinken, Champagner wird dir viel Kraft geben. Lola trinkt auch gerne ein bisschen davon, offerierst du ein kleines Gläschen? Sie wird dir dann viel Zeit schenken. Wie heißt du übrigens, schöner Mann?“
Ich brauche eine gewisse Zeit, um mich zu sammeln. Das Bild im Innenspiegel des Suzuki vor Augen, mit blutender Kopfwunde, verschmutztem Anzug und geschwollenen, rot unterlaufenen Augen.
… Schöner Mann … ihre Bemerkung entlockt mir erstmals ein Lächeln. Dieses durchtriebene Frauenzimmer.
„Pascal nennt man mich normalerweise, heute bin ich namenlos.“ Ihre Hand fühle ich nun noch intensiver.
„Armer Pascal, wenn du ganz lieb bist, darfst du bei mir duschen und ich werde dir die Wunden säubern und dann noch viel Zeit für dich haben.“
Das „Ganz-lieb und-viel-Zeit-für-dich-haben“ entlockt mir jetzt sogar ein kleines Lachen. Ich sehe die Euroscheine flattern.
Während Lola mich belustigt beim Verzehr der Pommes, Chips und Oliven beobachtet, nippt sie vergnügt am Champagner.
„Weißt du, vielleicht sollten wir zusammen essen gehen, und dann kommst du noch zu mir.“ Ihre Hand nähert sich dem Scheitelpunkt zwischen meinem linken und rechten Bein.
„Und was kostet dieses Zu-dir-Kommen, Lola?“
Sie schmunzelt. „Eine Stunde hast du die einfühlsame Lola ganz für dich allein und das für winzige fünfzig Euro.“
Ihrem Lächeln kann ich nicht widerstehen. Fordernd ergreift sie meine Hand und zieht mich aus dem Lokal. Nach wenigen Metern und einige Häuserzeilen weiter stoppt ihr kleiner Seat vor einer von außen als solche kaum wahrnehmbaren, unscheinbaren Spelunke. Das vorwiegend von Männern frequentierte Lokal hält in einer Nische einen freien Tisch bereit. Offensichtlich ist Lola nicht das erste Mal Gast dort.
„Nun darfst du mir auch sagen, was mit dir geschehen ist, Pascal. Du tust mir aufrichtig leid.“
Es ist nicht mehr dieselbe Frau wie vorhin. Wahrscheinlich ist ihr Zuhälter ebenfalls im Lokal und der hat für seriöse Gespräche kein Musikgehör.
„Wenn du mir hundertfünfzig Euro schenkst, lieber Pascal, höre ich dir auch gerne länger zu. Weißt du, ich muss um Mitternacht mindestens hundert Euro abliefern.“
Es ist Lolas Masche, Männer hierher zu entführen, sich das Nachtessen bezahlen zu lassen und anschließend den käuflichen Sex in einem nahen Zimmer zu vollziehen. Einige treue Stammkunden pflegen diese Beziehung schon seit längerer Zeit mit ihr und machen ihr Schicksal erträglich, meint sie nun wieder mit verführerischem Lächeln.
Ich erzähle ihr meine Geschichte.
„Weißt du, dort, wo ich herkomme, sind solche Ereignisse Alltag. Das dürfte dir zwar nicht helfen, aber bestimmt findest du einen Ausweg.“
Die ersten hundertfünfzig Euro wechseln den Besitzer. Mit leuchtenden Augen drückt sie mir einen Kuss auf die Wange.
„Darf ich dich um einen Gefallen bitten, Lola? Mir macht heftiger Schwindel zu schaffen und ich bin todmüde. Was ich dringend brauche, ist ein Ort, wo ich sicher übernachten kann.“
Ein weiterer Hunderteuroschein lugt aus der vom Verbrecher annektierten Brieftasche.
„Ausnahmsweise lasse ich dich bei mir übernachten, Pascal. Ich wohne in der Nachbargemeinde mit meiner Mutter und meinem vierjährigen Sohn Mirlo. Auch für deinen Suzuki hätte ich ein Versteck.“
Längere Zeit verweile ich im Schatten des Schuppens hinter dem Lusttempel. Ich horche nach verdächtigen Geräuschen. Nichts Beunruhigendes ist feststellbar. Niemand scheint den Suzuki entdeckt zu haben.
Lolas Temperament zeigt sich auch in ihrer Fahrweise mit dem Seat, wobei sie eine auf Rot stehende Verkehrsampel sehr großzügig interpretiert. Nur mit Mühe gelingt es mir, dem Suzuki zu folgen.
Ein alleinstehendes älteres Haus bewohnt sie zusammen mit Mutter und Kind. Besorgte und vorwurfsvolle Blicke bringen Lola nicht aus der Ruhe. „Dieser Mann wird heute Nacht hier schlafen, Mama.“
Die Überraschung folgt auf dem Fuß. Lola führt mich in ein Zimmer mit vielen fein säuberlich arrangierten Plüschpuppen, einer fantasievollen Deckenlampe, wahrscheinlich aus Afrika, und einem Bett mit glattgestrichener sauberer Bettwäsche.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 248
ISBN: 978-3-99064-076-0
Erscheinungsdatum: 07.12.2017
EUR 12,90
EUR 7,99

Krampus & Nikolo