Krimi & Spannung

Und wenn sie grün sind

Anne Konieczny

Und wenn sie grün sind

Jugendthriller

Leseprobe:

Ella und Lydia

Es war zu heiß, um für Französisch zu büffeln. Im Nachbargarten vergnügten sich zwei Schreihälse im Planschbecken, ein paar Häuser weiter wurde gegrillt und auf der Straße malten Kinder mit Kreide um die Wette. Ein richtiger Freitagabend eben. Die Sonne stand bereits hinter den Kirschbäumen und blendete die beiden Zwillingsschwestern in ihrem Garten. Ella konnte sich nicht konzentrieren. Schon lange nicht mehr. Aber sie wollte sich diese Chance nicht entgehen lassen - die gute Note auf der Französischprüfung in vier Wochen war schließlich ihre Eintrittskarte für den vierzehntätigen Trip nach Paris in den Sommerferien. Nur die Besten wurden zugelassen. Und Ella wollte eine von ihnen sein.
„Konjugiere être vollständig in Futur Simple“, forderte Lydia Ella auf. Auch ihr konnte man ansehen, dass sie keine Lust mehr hatte. Zwei ganze Stunden hatten die beiden Geschwister jetzt schon in der Sonne geschmort. Schweißperlen hatten sich auf Lydias Stirn gebildet, die sie mit einer raschen Handbewegung wegwischte. Ella rappelte sich von ihrer Gartenliege auf und zählte die sechs verschiedenen Verbformen auf.
Lydia nickte zufrieden. „Ich wäre schon froh, wenn bei mir die Hälfte hängen bleiben würde“, seufzte sie und warf selbst einen Blick auf die Verbtabellen vor sich. „Vielleicht sollten wir die ganzen Formen aufnehmen und über Nacht abspielen. So was soll hängen bleiben.“
„Träum weiter, Lydia. So ein Schrott bringt rein gar nichts, glaub mir.“
„Na, du scheinst es ja zu wissen. Verrate mir doch mal deinen Trick. Wie kommt’s, dass bei dir immer alle Vokabeln hängen bleiben und ich mir jedes Mal einen abquälen muss?“
Ella schloss ihre Augen und streckte ihr Gesicht der Sonne entgegen. Lydia nervte. Was konnte sie schon dafür, dass sie sprachlich talentiert war und Lydia nicht besonders? Offensichtlich hatte sie andere Gene als ihre Zwillingsschwester abbekommen. Und die hatte sie sich nicht ausgesucht.
Doch Lydia bohrte weiter. „Ich wette, du schreibst dir die Verbformen auf einen Zettel und hängst ihn an den Spiegel im Badezimmer. Genügend Zeit verbringst du dort schließlich. Und bei jemandem, der so selbstverliebt ist wie du und stundenlang in den Spiegel schaut, klappt das natürlich.“
Ella ließ die Beleidigung an sich abprallen. Lydias Eifersucht kannte sie mittlerweile zu gut, um sich jetzt noch darüber aufzuregen. Sie schob ihre Sonnenbrille zurück auf ihren Kopf und sah Lydia dabei zu, wie sie die vielen Blätter, die auf dem Rasen um sie herum ausgebreitet waren, einsammelte. Sie ging in Richtung Haus. Für heute hatte sie anscheinend genug.
„Hey, Lydia!“, rief Ella und sah, wie sich ihre Schwester umdrehte, kurz bevor sie die Terrassentür erreicht hatte. „Aufgeben ist nicht. Wenn wir das durchziehen, heißt es schon bald ,Salut Paris‘ und ‚au revoir öde Sommerferien in diesem Nest‘, für zwei ganze Wochen, kapiert?“ Ella grinste breit, doch Lydias Motivation hielt sich in Grenzen. Sie hatte ihre dünnen blonden Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und starrte Ella nur mit ihren hellgrünen Augen an.
„Momentan zieht mich dieser ganze Aufnahmeprüfungsscheiß und deine Selbstverherrlichung aber ziemlich runter.“
Ella zuckte nur mit den Schultern und schaute ihrer Zwillingsschwester noch hinterher, als sie ins Haus ging. Sie selbst stand auf und zog ihre Liege in den Schatten unter den Kirschbäumen. Ein wenig wollte sie noch tagträumen. Sich ausmalen, wie sie ihre Sommerferien in vier Wochen verbringen würde.
Ob Lydia überhaupt eine Chance in dem Test hatte, konnte sie schlecht einschätzen. Das gewisse Etwas, das einen antrieb, wenn man kurz davor war, aufzugeben, fehlte ihr auf jeden Fall. Zumindest was ihr Französisch anging. Den Großteil ihrer Freizeit verbrachte sie doch mit dem Malen, eingesperrt in ihrem Zimmer. Ab und zu ertappte Ella sie, wie sie mit geschlossenen Augen auf ihrem Bett lag und Musik hörte. Und das für Stunden. Ella seufzte. Lydia war wirklich nicht mehr zu helfen.
Und manchmal hatte Ella sowieso das Gefühl, ihre Schwester würde nur darauf warten, bis sie in zwei Jahren das Abitur in der Tasche hatte, um dann in Hamburg Kunst zu studieren. Ihr Französisch würde so oder so flöten gehen, da war sie sich sicher. Aber Ella würde das auf jeden Fall nicht vom Lernen abhalten. Sie würde die Prüfung bestehen und nach Paris gehen. Dann hätte es wenigstens eine der Larsentöchter aus diesem Kaff geschafft.
Sie blieb noch eine ganze Weile im Garten, um sich den Endspurt zu den Sommerferien auszumalen und sich Dinge zu überlegen, die sie mit Carlotta unternehmen könnte, bevor auch sie ihr Lernmaterial zusammensuchte und zurück ins Haus ging, um sich dort abzukühlen. Ausgelassen schlenderte sie in die Küche, wo Jutta Larsen das Abendessen vorbereitete. Geübt schnitt sie Tomaten und Mozzarella in feine Scheibchen, genau so, wie Herr Larsen es mochte. Ella stibitzte sich eine der Kirschtomaten und schob sie sich in den Mund.
„Na, genügend gelernt?“
Ella schüttelte den Kopf. „Genügend geschwitzt trifft’s eher.“ Sie griff nach einer frischen Wasserflasche und öffnete sie, um die kalte Flüssigkeit in hastigen Zügen herunterzuschlucken. Frau Larsen sah aus dem Küchenfenster, durch das sie volle Sicht in den Garten hatte. Die Sonne schien immer noch hell. Die Hecke war frisch geschnitten und der Rasen gemäht. Das Gras leuchtete hellgrün im letzten Sonnenschein. Lydias Augen, dachte sie. Die hatten eine ganz ähnliche Farbe.
„Für so eine Prüfung kann man wohl nie genug lernen, was?“
„Stimmt. Aber man kann es zumindest probieren.“ Jutta platzierte die Tomaten- und Mozzarellascheiben auf einer großen weißen Platte, träufelte Olivenöl darüber und legte frisch gepflücktes Basilikum auf den Mozzarella. „Hast du Lydia gesehen?“, wollte Ella wissen.
„Die ist auf ihr Zimmer gegangen, wahrscheinlich um die neuen Akrylfarben auszuprobieren.“ Sie bevorzugte es, sich ganz in Ruhe ihrer Kunst zu widmen. Daran, stattdessen ihren Teint mal ein wenig aufzufrischen, dachte sie nicht.
„Natürlich.“ Ella verdrehte die Augen. „Was auch sonst.“ Dann klemmte sie sich die Wasserflasche unter den Arm und stand auf. „Ich gehe wieder raus, ja?“
„Ach, warte. Carlotta hat angerufen. Ich soll dir ausrichten, dass sie morgen Zeit hat. Du kannst zu ihr fahren.“ Ella lächelte und verschwand mit einem freudigen „Super!“ Nach wenigen Augenblicken sah Jutta ihre Tochter wieder im Garten, wie sie sich auf die Liege legte, um sich noch etwas in der Sonne zu aalen.
Sie ertappte sich beim Lächeln. Zwei hübsche Töchter hatte sie. Ella mit ihren dunklen Haaren und schokoladenbraunen Augen und Lydia mit ihren blonden Haaren und den leuchtend grünen Augen. Ihre Figur und Gesichtszüge glichen einander, auch wenn sie keine eineiigen Zwillinge waren.
Und trotzdem wünschte sich Jutta Larsen, ihre Töchter würden mehr miteinander anfangen können. In letzter Zeit sprachen sie nur noch während des Französischlernens miteinander und morgens verließen sie noch nicht einmal gemeinsam das Haus, obwohl der Unterricht für beide zur selben Stunde begann.
Dabei sagt man doch immer, Gegensätze ziehen sich an.

***

Den Samstag verbrachte Ella bei Carlotta. Ihre Eltern besaßen eine Villa am Rande des Waldes, in der Carlotta in einem Luxus lebte, von dem Ella nur träumen konnte. Am meisten gefiel ihr der riesige Pool mit Gegenstromanlage, den sie bei der Hitze nutznießen konnte.
Die beiden Freundinnen schwammen ihre Bahnen und ließen sich schließlich auf ihre Handtücher auf den Rasen fallen. Ihre bunten Bikinis leuchteten in der Sonne. Um sie herum blühten Hortensien, Wildrosen und Lavendel.
„Du kriegst wieder Sommersprossen“, sagte Carlotta und deutete auf die ersten braunen Pünktchen, die anfingen, sich um Ellas Nase zu bilden. Sie lächelte schief. Süß sah Ella damit aus, fand sie, obwohl sie genau wusste, dass Ella sie eher als lästig empfand.
„Das heißt, es sind bald Sommerferien“, lenkte Ella ab und rollte sich auf die Seite, um Carlotta zu betrachten. „Nur noch vier Wochen Schule. Ich zähle jeden Tag.“
„Ich weiß. Ich auch.“ Sie grinsten sich an.
„Und dann nur noch ein Jahr Schule …“
„… und drei Monate bis zur Volljährigkeit!“
Ella stöhnte bei dem Gedanken, dass ihre Freundin schon in wenigen Monaten achtzehn sein würde - volljährig! - während sie noch ein ganzes Jahr vor sich hatte. Carlotta hatte in der siebten Klasse eine Ehrenrunde gedreht und war deswegen ein Jahr älter als alle anderen, die nächstes Schuljahr in die Zwölfte kommen würden.
„Du weißt gar nicht, wie sehr ich dich deswegen hasse.“ Ein ganzes Jahr hatte sie noch vor sich, in dem sie minderjährig sein würde. Ella stöhnte. Ab achtzehn war man wenigstens ein jemand. Kein Kind mehr, sondern ein angesehener und wohl respektierter Teil der Zivilisation. Und genauso würde auch sie behandelt werden. Endlich würde Ella für sich selbst entscheiden können, was gut für sie war, wie lange sie nachts wegbleiben durfte und wie und wo sie ihre Ferien verbrachte. Nicht so wie jetzt, wo ihre Eltern immer noch das Sagen über sie hatten.
„Hauptsache, du nimmst mich dann morgens mit zur Schule, sobald du dein eigenes Auto hast, damit sich deine arme Freundin nicht mehr mit dem Rad abquälen muss“, spaßte Ella und legte sich auf den Bauch, sodass auch ihr Rücken etwas Sonne abbekam.
„Versprochen. Sobald ich mein Auto habe.“
Ella gab sich mit einem wohligen Seufzer zufrieden und genoss für eine ganze Weile das warme Prickeln der Sonne auf ihrer Haut.
Ein Auto. Natürlich würde Lotta eins bekommen, sobald sie achtzehn war, schließlich waren ihre Eltern steinreich, wenn nicht sogar Millionäre. Eigentlich gehörten sie nach Blankenese. Ein Wunder, dass sie sich noch mit den Spießern, die hier in Reihenhäusern in einem kleinen Vorort Hamburgs lebten, abgaben. Ein schönes Wunder, gestand Ella sich ein, denn ohne Carlotta würde sie es hier nicht aushalten.
„Weißt du was?“ Ella schaute zu ihr auf. „In der Nähe von hier hat vor ein paar Tagen erst ein neues Café aufgemacht. Moccabella. In zehn Minuten wären wir da. Hast du Lust?“
Ella überlegte nicht lange. Sie nahmen Lottas dunkelroten Roller.
Von außen sah das Moccabella unscheinbar und blass aus. Auch im Inneren war wenig los, es war dunkel und müffelte nach alter Tapete. Eine Barista stand hinter dem Tresen und mixte ein Kaffeegetränk. Sie blickte kurz auf und nickte, als Ella und Carlotta das Café betraten.
Das Leben des Cafés schien sich im Garten abzuspielen. Bunte Kissen lagen auf den Stühlen, und die kleinen Windlichter auf den runden Bistrotischen waren bereits angezündet, obwohl es gerade einmal fünf Uhr nachmittags war. Ein paar andere Jugendliche in Ellas und Carlottas Alter verdrückten riesige Portionen Eis. Manche tranken nur Eiskaffee oder Bier.
„Was darf’s für euch sein?“ Ein gut aussehender Kerl mit dunklen Locken trat an ihren Tisch und die beiden Freundinnen bestellten jeweils einen Eiskaffee. Carlotta sah dem Typen noch hinterher.
„Womit habe ich es verdient, auf eine Schule zu gehen, in der alle heißen Jungs Arschlöcher sind und die anderen aussehen, als würden sie ihre Klamotten aus der Mülltonne fischen?“ Ella lachte. So etwas konnte nur von ihrer Lotta kommen.
„Das liegt daran, dass wir in so einem verdammten Kaff festsitzen. Zu viele schlechte Voraussetzungen.“ Sie rührte in ihrem Kaffee herum und ihre Gedanken schweiften ab, nach Paris. Bestimmt würde sie jemanden kennenlernen. Einen französischen Sunnyboy mit süßem Akzent. Überhaupt würde dort alles besser werden.
Im selben Moment gab Ella irgendetwas von hinten einen Ruck, und sie ließ vor lauter Schreck ihren Eiskaffee fallen. Das Glas zersprang beim Aufprall in tausend Splitter und hinterließ einen fiesen Fleck auf ihrem frisch gewaschenen Sommerkleid.
„Merde!“, stieß sie aus und wünschte sich gleich danach, das französische Schimpfwort nie ausgesprochen zu haben.
„Sorry!“ Jemand mit blonden Strubbelhaaren bückte sich, um die Scherben aufzusammeln. Als er aufsah, brachte Ella keinen Ton mehr heraus. „Das war echt nicht mit Absicht!“ Sie klebte an seinen honigfarbenen Augen wie an einem Magneten. „Wenn du willst, zahl ich dir die Reinigung. Wär doch schade, wenn der Fleck nicht mehr rausgehen würde. Das Kleid steht dir so gut.“ Er grinste schief. Carlotta schaute ihre Freundin an und wartete nur darauf, bis sie endlich die Chance ergreifen würde. Was überlegte sie noch? Als Ella endlich den Mund aufmachte, konnte sie sich ein Lächeln nicht verkneifen.
„Bis morgen habe ich es allein gewaschen. Dann kannst du es noch mal an mir sehen, ohne Fleck.“

***

Lydia war allein zu Hause. Ella trieb sich mal wieder irgendwo in der Weltgeschichte herum, und ihre Eltern waren einkaufen gefahren. Ihr war es nur recht, so störte sie wenigstens keiner.
Die neuen Farben waren gut - dünnflüssig und leicht mischbar. Etwas anderes hätte sie auch nicht erwartet, schließlich hatte sie Anfang Juni einen Großteil ihres Taschengeldes dafür ausgegeben. Ella hatte nur gelacht.
Lydia stand im Garten und malte die roten Rosenranken, die die Hauswand emporkletterten. Ihre Mutter hatte sie vor ein paar Jahren angepflanzt, gegen den Willen ihres Vaters. Mittlerweile verschönerten sie den Garten um einiges.
Lydia setzte den Pinsel ab und betrachtete ihr Kunstwerk. Ein wildes Gekritzel. Nichts weiter als eine Ansammlung von unkontrollierten Pinselstrichen. Sie seufzte. Es nützte nichts. Heute würde sie nichts mehr kreieren, was auch nur annähernd ihrem normalen Standard entsprach.
Sie wusste nicht, was es war, aber sie war unruhig. Wusste nicht, was sie mit sich anfangen sollte. Normalerweise brachte sie das Malen runter, aber heute nicht. Vielleicht ärgerte es sie, dass ihre beste Freundin Felice wieder keine Zeit gehabt hatte und sie ihren Samstag ganz allein zu Hause verbringen musste. Vielleicht war sie sogar ein wenig eifersüchtig auf Ella. Wann immer Lydia an ihre Schwester dachte, hatte sie das Gefühl, tatsächlich nur ein billiges Duplikat von ihr zu sein.
Ella war schön, beliebt und zufrieden mit sich selbst - all das, was Lydia nicht war. Es war zum Kotzen.
Lydia packte ihre Malsachen zurück in den Holzkoffer. Vielleicht würde sie reingehen und Musik hören. Irgendetwas, was sie ablenkte.


Rico

Die untergehende Sonne blendete Rico, als er mit seinem brandneuen Cabriolet durch die Straßen fuhr. Wie lange hatte er dafür gespart? Sein ganzen Leben lang. Die letzten acht Jahre bestimmt. Er fühlte sich pudelwohl in seinem Prachtstück und setzte ein cooles Lächeln auf. Die Ray Ban passte perfekt. Jetzt musste er sie nur noch finden.
Er erinnerte sich an das Treffen im Moccabella gestern und fragte sich, wieso er nicht einfach nach ihrer Nummer gefragt hatte. Natürlich wusste er, warum - er hatte sich nicht getraut. Die Hübsche hätte ihre Nummer doch nie freiwillig rausgerückt.
Stattdessen hatte sie es drauf angelegt. „Bis morgen dann!“, hatte sie gesagt und mit ihrer Freundin einfach das Café verlassen.
Was erwartete sie? Dass er wie in Aschenputtel alle Häuser abklapperte, bis er sie endlich gefunden hatte? Rico ärgerte sich. Noch nicht einmal ihren Namen wusste er. Wenn sie ihm jetzt aus den Fingern gleiten würde …
Er wollte schon umkehren, als er sie sah. Sie trug ihre dunklen Haare offen und ein anderes Kleid als gestern. Es war weiß und ließ ihre Haut golden schimmern. Rico wurde langsamer und fuhr an den Straßenrand.
„Ist der Fleck nicht rausgegangen?“
Sie grinste. „Hängt noch zu Hause auf der Wäscheleine.“ Sie wartete darauf, dass Rico endlich seine Sonnenbrille absetzen würde, damit sie ihm wieder in die Augen schauen konnte. Doch er lächelte nur. „Ich bin auf dem Weg nach Hause. Nimmst du mich mit?“
Rico blickte für einen Moment ziemlich verdutzt aus der Wäsche. Das war sein Part gewesen - er hatte sie fragen wollen. So ließ die Hübsche ihm nicht die kleinste Gelegenheit, sich doch zu beweisen.
„Steig ein“, sagte er schließlich, und als sie sich neben ihn in den Sitz fallen ließ, stieg ihm ein süßer Duft in die Nase. „Verrätst du mir jetzt deinen Namen?“ Rico beschleunigte und der Motor heulte auf. Bei der nächsten Kreuzung bog er ab. Er dachte nicht im Leben daran, die Hübsche jetzt nach Hause zu fahren.
„Wo fahren wir hin?“
Rico sah zu ihr und nahm endlich seine Sonnenbrille ab. „Hast du Angst?“
Ihre Augen funkelten. „Kein bisschen.“
Sie fuhren für eine ganze Weile schweigend. Rico musste sich bemühen, seine Blicke nicht ständig zu seiner Begleitung schweifen zu lassen. Die Hübsche beobachtete lächelnd die Häuser, die an ihr vorbeiflogen.
„Wenn du mir nicht bald sagst, wie du heißt, denke ich mir einen Namen für dich aus“, drohte Rico schließlich und bog auf eine kleine Landstraße.
„Ich heiße Ella.“ Sie schauten sich an. „Du?“
„Rico.“
Rico hielt an, als sie bei einem kleinen See angekommen waren. Er war so winzig und versteckt, dass nur wenige von ihm wussten. Ein richtiges Goldstück. Man musste nur wissen, wann man herkommen musste. Gegen acht Uhr stand die Sonne immer am schönsten und brachte das Wasser unter ihr zum Glitzern.
„Ich war noch nie hier“, flüsterte Ella und betrachtete den See, als wäre er das Schönste, was sie je gesehen hatte. Irgendetwas fing an, in ihren Fingerspitzen zu kribbeln. „Es ist unglaublich schön!“ Sie konnte immer noch nicht glauben, dass Rico sie tatsächlich gefunden hatte. Carlotta hatte sie gestern noch dafür verflucht, nicht nach seiner Nummer zu fragen. Aber das wäre Ella einfach nur unglaublich plump vorgekommen. So etwas hatte sie nicht nötig.
„Ich komme oft her, um abzuschalten“, sagte Rico irgendwann und wendete seine Blicke von dem See ab. Den konnte er immer haben. Ella nicht. In seinen Gedanken malte er sich schon aus, wie er sie nach Hause bringen und küssen würde. Ihre Lippen sahen so unglaublich weich aus. Rosa und weich.
„Und was machst du so den ganzen Tag, dass du abends abschalten musst?“, wollte Ella wissen. Er mochte ihre Neugier. Ihre Abenteuerlust. Sie tat nicht nur so, sie hatte wirklich keine Angst.
„Meinen Eltern gehört die Tankstelle am Waldrand. Ich arbeite dort“, erzählte er und hörte nicht auf, Ella dabei anzusehen.
„Schule abgebrochen?“, hörte sie sich sagen, und bemerkte noch im selben Moment, wie idiotisch das klang.
„Schule abgeschlossen. Nach den Sommerferien fange ich meine Ausbildung an.“
Ella nickte. Sie wollte für immer hier sitzen bleiben und zusammen mit Rico auf den See schauen. Beobachten, wie die Sonne langsam unterging.
Sie blieben noch eine ganze Weile, bis Ella doch ein schlechtes Gewissen bekam und nach Hause wollte. Rico brachte sie heim. Als sie vor ihrem kleinen Haus ankamen, machte Ella keine Anstalten auszusteigen.
„Versprich mir, dass du mich anrufst“, flüsterte sie und beugte sich nach vorne, um Rico einen Abschiedskuss zu schenken. Er musste noch während des Kusses grinsen und ließ Ella nur ungern gehen.
„Versprochen.“
Sie stieg aus und dreht sich noch einmal um, bevor sie im Inneren ihres Hauses verschwand. Rico ließ seinen Motor laut aufheulen und fuhr davon.
Als sie ihr Zimmer betreten wollte, entdeckte sie im Halbdunkel Lydia, die vor ihrer Tür kauerte. Wie auf frischer Tat ertappt zuckte Ella zusammen und japste vor Schreck nach Luft.
„Was machst du hier?“, flüsterte Ella und warf ihrer Zwillingsschwester einen genervten Blick zu. Musste sie sie so erschrecken? Überhaupt, was wollte sie so spät noch von ihr?
„Wo warst du?“ In Lydias Stimme lag ein scharfer Unterton. Hatte Ella was verpasst? Seit wann führte sich ihre Schwester auf wie ihre Mutter?
„Bin ich dir jetzt auf einmal Rechenschaft schuldig, oder was?“
Lydia schüttelte nur den Kopf. Sie gingen gemeinsam ins Bad und schlossen die Tür hinter sich.
„Ich habe mir Sorgen gemacht, es ist schon zehn.“
Ella zog sich ihre Schlafhose und ein überdimensionales T-Shirt über und begann, sich abzuschminken.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 216
ISBN: 978-3-99038-208-0
Erscheinungsdatum: 10.02.2014
EUR 15,90
EUR 9,99

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