Krimi & Spannung

Tramper

Maik Stefan Link

Tramper

Leseprobe:

DIESES BUCH IST ALLEN MOBBINGOPFERN GEWIDMET.
BEIßT DIE ZÄHNE ZUSAMMEN, VERZWEIFELT NICHT UND KÄMPFT EUCH DURCH. ES KOMMEN AUCH WIEDER ANDERE ZEITEN. ICH SPRECHE AUS ERFAHRUNG.



Langsam dringt das hellgraue Licht des jungen, verregneten Tages durch das kleine, vergitterte Fenster, kurz unterhalb der hohen Decke. Trotz dem betrunkenen Geschrei und der wütenden Randale in den Zellen links und rechts neben mir war ich für wenige Stunden in einen unruhigen Schlaf gefallen. Jetzt sitze ich auf der unbequemen Pritsche in der weiß gefliesten Ausnüchterungszelle und vergrabe mein blutverschmiertes Gesicht tief in den immer noch blutverkrusteten Handflächen.
Wieder durchzuckt mich die Gewissheit, schmerzhaft wie ein Rippenbruch.
Sie ist tot. Ihr hübsches, immer lächelndes Gesicht und der von schulterlangen, strohblonden Dreadlocks bedeckte Kopf wurde mit einem schweren Baseballschläger zertrümmert, und ich allein war daran schuld. Gerne hätte ich geweint. Doch sind da schon lange keine Tränen mehr, meine Tränenkanäle pumpen nur noch warme Luft. Eigentlich bin ich auch schon tot, nur habe ich das Pech, noch nicht sterben zu dürfen. Aber mein Leben ist definitiv zu Ende.
Dann höre ich mehrere Stiefelpaare über den langen Flur trampeln, und sofort weiß ich, dass die jetzt zu mir kommen werden. Gemurmelte, unverständliche Worte dringen an meine Ohren, ein großer Schlüssel dreht sich in dem schweren Schloss, und die dicke, mit weißer Latexfarbe bestrichene Stahltür öffnet sich nach außen. Der Polizist von letzter Nacht, ein netter Kerl, ungefähr in meinem Alter, tritt in die Zelle. Als ich ankam, gab er mir zu trinken und fragte mich sogar noch, ob ich eine Zigarette haben möchte. Ich blicke vor mich auf den Boden und vermeide jeglichen Augenkontakt. „Du willst mir doch jetzt sicher keinen Ärger machen, oder?“ Ohne aufzublicken schüttle ich deutlich meinen Kopf. „Gut. Dann steh auf und komm langsam raus.“ In Strümpfen und ohne Gürtel laufe ich aus der Zelle, wo acht grimmig dreinblickende Polizisten kampfbereit auf mich warten. Schon allein der Pfefferspraybehälter, der auf mich gerichtet ist, reicht aus, um einhundert Grizzlybären zu vertreiben. „Zieh deine Schuhe an.“ Ich schlüpfe in meine hochwertigen, blutbefleckten Wanderstiefel und schnüre sie mir fest an die Füße. Aus den Augenwinkeln sehe ich auch noch drei Taser und gezogene Schlagstöcke. „Stell dich mit dem Gesicht zur Wand und leg deine Hände auf den Rücken.“ Ruhig und fügsam befolge ich auch dieses Kommando des netten Polizisten.
„Wir übernehmen jetzt!“ Sagt einer von den acht grimmigen. Er dreht mir grob meinen rechten Arm auf den Rücken, legt mir gekonnt eine Handfessel um das linke Handgelenk, die andere um das Rechte. Dann presst er die Edelstahlmanschetten mit aller Kraft zu. Der nette Polizist sieht mein schmerzverzerrtes Gesicht, blickt dann aber betroffen in die andere Richtung. Der mir die Handschellen angelegt hat, greift mit seinem dicken Handschuh in meine kastanienbraunen Haare, deren Spitzen immer noch wasserstoffblond sind, zieht meinen Kopf nach hinten und haucht in mein linkes Ohr: „So, Freundchen, jetzt gehörst du erst einmal uns!“ Sein Atem stinkt nach fettigem Fast Food, Kaffee und Zigaretten. Er verdreht die Kette an den Handschellen und zwingt meine Arme schmerzhaft in die Schultergelenke, dann schieben mich zwei Polizisten den langen, von Neonröhren erhellten Flur entlang.
Unterschriften werden ausgetauscht, Formulare abgestempelt, und die acht grimmigen Polizisten bringen mich auf den Hof, wo ein kleiner VW Bus für den Gefangenentransport bereitsteht. Zwei der Grimmigen steigen in die Fahrerkabine. Die restlichen Sechs kommen zu mir in den mit zwei nackten Edelstahlbänken versehenen Transportraum. Der Motor startet, und das Fahrzeug bewegt sich.
Ich sehe regungslos auf den Boden vor mir, als der Grimmige wieder in meine Haare greift, meinen Hals so verbiegt, dass ich ihm ins Gesicht sehen muss, dann grinst er. „So, mein Freundchen, das ist für unsere Kollegen!“ Er hält mir seinen Taser an die rechte Halsseite und drückt ab.
Sofort verkrampfen sich alle Muskeln in meinem Körper. Ich spucke weißen, schaumigen Speichel, während ein gurgelnder Schmerzenslaut über meine Lippen dringt. Eine Faust drischt gegen mein rechtes Ohr. Eine zweite Faust kracht hart gegen meine linke Schläfe. Die mit Bleistaub oder Quarzsand gepolsterten Kampfhandschuhe wirken auf meinen Schädel wie Vorschlaghämmer. Ich kippe von der Edelstahlbank, und eine Stiefelspitze tritt wuchtig gegen meinen rechten Rippenbogen. Ich krümme mich zusammen, als eine weitere Stiefelspitze brachial in meine rechte Niere tritt. An der Innenseite meines rechten Oberschenkels, kurz unterhalb der Familienjuwelen, bekomme ich einen unglaublich schmerzhaften Stromstoß mit einem Taser verpasst, verkrampfe mich und spucke weißen Schaum. Dann kommt der erlösende Tritt in meinen Nacken, der mich in eine tiefe Apathie schickt, sodass ich die unzähligen Schläge und Tritte, die nun auf mich einprasseln, nur noch ganz am Rande wahrnehme.
Aus diesem wohligen Dämmerzustand erwache ich erst wieder, als unter unsagbaren Schmerzen mein Nasenbein zersplittert, und ich denke mir: Was habe ich euch denn getan, dass ihr so voller Elan auf mich einprügelt? Aber dann erinnere ich mich. Es war ja schon so einiges in den letzten viereinhalb Monaten passiert. Und ich wollte doch immer nur meinen Frieden haben.



1

Mein Name ist Jesus. Nein, ich kann nicht über das Wasser gehen, und nein, ich kann auch kein Wasser in Wein verwandeln. Ich heiße einfach nur Jesus.
Meine Eltern waren sehr religiös, und ihr Wunschkind sollte ein Junge mit dem Namen Jesus sein. Sie waren sogar so strenggläubig, dass ihr Gott beschloss, meine Eltern nach einem schweren Verkehrsunfall zu sich zu holen. Ich war ungefähr drei Jahre alt und saß auch in dem Auto meiner Eltern.
An vieles von dieser Nacht kann ich mich nicht mehr erinnern. Doch der gewaltige Aufprall, der mir, angeschnallt in meinem Kindersitz, das Blut zur Nase hinabschießen ließ. Das plittern von Glas. Sich verformendes, kreischendes Blech und berstender Stahl. Das Zischen von Öl und Kühlflüssigkeit auf dem heißen Motor. Das erstickende Röcheln meines Vaters und die weinenden Gebete meiner verblutenden Mutter brannten sich tief in mein Gehirn.
Auch die in der Dunkelheit zuckenden Blaulichter. Die vielen Männer mit ihren schweren Helmen und den dunkelblau-neongelben Anzügen, die mich in einem wahren Funkenhagel und mit ohrenbetäubendem Lärm aus dem zerknüllten Auto schnitten.
Oder auch die blonde Frau in ihrem orange-neongelben Anorak, die verzweifelt versuchte, beruhigend auf mich einzureden, während ich meine Panik nur noch aus voller Brust hinausbrüllte, werde ich nie vergessen können.
Irgendeine Diplom-Psychotante sagte mir einmal, dass mein heftiges Stottern von diesem traumatischen Erlebnis kommen musste. Und genau das war mein Problem. Ich stotterte. Nicht nur ein bisschen, sondern ich brachte kein einziges verständliches Wort zustande.
Nur eine Sprachbehinderung, die einem aber das komplette Leben zur Hölle machen kann, was ich oft in den Kinderheimen erfahren musste, in denen ich untergebracht war.
Aber ich hatte großes Glück. Ein herzliches, nettes, junges, kinderloses Ehepaar adoptierte mich, als ich sechs Jahre alt war. Niclas und Nathalie waren jetzt Vater und Mutter für mich. Auch trug ich nun den Familiennamen Altmann.
Niclas war Anwalt einer großen Kanzlei. Seine kleine Wohlstandswampe zeugte nur davon, dass Nathalie eine sehr gute Köchin war und ihren Ehemann gerne mit allerlei Leckereien verwöhnte. Ging er vor die Tür, war er immer perfekt gekleidet, aber im Haus trug er nur teure, bequeme Jogginganzüge. Einmal im Monat ging er zum Friseur, um seinen pechschwarzen, wie mit der Axt gezogenen Seitenscheitel wieder richten zu lassen. Natürlich durfte auch die Maniküre der Fingernägel nicht fehlen, und sein stets freundliches Anwaltsgesicht war immer frisch rasiert.
Nathalie war Hausfrau, Köchin und Putzteufel mit Leib und Seele. Gerne arbeitete sie im Garten, um ihn so zu formen, wie sie es sich schon als kleines Mädchen vorgestellt hatte. Ihre langen, brünetten Haare trug sie meistens zu einem Pferdeschwanz gebunden, womit ihre grünen Augen, die breite Nase und der immer gütig lächelnde Schmollmund voll zur Geltung kamen. Auch sie war gerne ihren Kochkünsten erlegen, wovon der kleine Schwimmring um ihre breite Hüfte zeugte.
Die Beiden nahmen mich mit offenen Armen auf. Ich bekam ein großes Kinderzimmer mit Dusche und WC im Dachgeschoss. Aber auch Verständnis, Geborgenheit und Zuneigung durfte ich von meinen neuen Eltern erfahren. Meine neue Heimat lag ganz am Rande eines kleinen Vorstädtchens in Dorfgröße. Nahe an einem lang gezogenen, dicht bewaldeten Denkmalschutzgebiet. Gerne lagen Niklas, Nathalie und ich auf der Lauer. Wir beobachteten dann die Rehe, die in der Abenddämmerung vorsichtig aus dem Wald kamen, um an unseren aufgestellten Futtertrögen zu fressen. Ich lernte Fahrradfahren, besuchte eine spezielle Schule für sprachbehinderte Kinder und begann mich gut einzuleben.
Doch gruselte es mich vor unserem Nachbarn.
Das vorletzte Haus wurde von Les bewohnt. Les war Ire, oder wie er sich selbst immer bezeichnete, ein irischer Misthund. Oft war er bei uns zu Besuch, denn Les war handwerklich sehr begabt. Kleinere Reparaturen bei uns im Haus erledigte er gerne, denn auch Les wusste die Kochkünste meiner Pflegemutter zu schätzen.

Les war vierzig Jahre alt und ein Mann wie ein Baum. Er wohnte alleine im Nachbarhaus, dessen Eigentümer er auch war. Seine vollen, dunkelblonden Haare trug er immer nackenlang. Er hatte breite, kräftige Schultern, tätowierte muskulöse Arme sowie Hände, die eher an Spatenblätter erinnerten. Seine Faust und Fingerknöchel waren dick verhornt.
Les war immer lustig und lachte viel. Er sprach sehr gutes Deutsch, aber seinen irischen Dialekt konnte er nicht verbergen. Doch war es sein Gesicht, vor dem ich mich ängstigte.
Unzählige, längst verheilte Platz- und Schnittwunden, teilweise selbst zugenäht, umringten eine Nase, die wie ein leerer Fleischsack die Mitte seiner Gangstervisage zierte. Aber seine dunklen, wachen Augen waren der Inbegriff von unbändiger Lebensfreude. Die schneeweißen Vorderzähne im Ober- und Unterkiefer verdankte er den Implantaten, die er in seinem immer lachenden Mund hatte. Ich brauchte einige Zeit, um etwas Vertrauen zu Les aufzubauen. Aber bald freute ich mich jedes Mal, wenn er uns besuchte, und das tat er, wie schon gesagt, sehr oft. Manchmal, wenn ich mit meinen Pflegeeltern beim Abendessen saß, hörten wir ihn aus dem Nachbarhaus die schmutzigen Lieder seiner irischen Vorfahren singen, wie Les es immer nannte. Dann grinsten wir alle und freuten uns, Les als Nachbarn zu haben.

***

Endlich lassen sie von mir ab. Zusammengekrümmt, mit auf den Rücken gefesselten Händen liege ich auf dem Boden des Gefangenentransporters. Ein letzter Tritt kracht schmerzhaft gegen mein rechtes Knie, und einer spuckt mir in mein blutüberströmtes Gesicht. Dann herrscht Stille. Nur noch das Brummen des Dieselmotors, das schwere Atmen der sechs grimmigen Polizisten und das Schaukeln des Fahrzeugs dringen durch die Welle der Ohnmacht, die mich zu überrennen droht. Irgendwann stoppt der Transporter, und ich werde unsanft aus dem Innenraum gezogen. Das Blut in meinen Augen lässt mich nur noch verschwommene Konturen wahrnehmen, doch bemerke ich, dass mich die Polizisten in ein Krankenhaus bringen.
Der diensthabende Arzt von der Notaufnahme brüllt den ranghöchsten Polizisten an und fragt ihn, ob er noch ganz normal wäre, mich so zu zurichten. Aber alle Polizisten sagen aus, dass ich mich der Verhaftung widersetzen wollte. Routiniert werde ich von dem Arzt und einigen Krankenschwestern zur Vollnarkose vorbereitet. Als mir dann der Zugang für die Injektion gelegt wird und der Narkosearzt mir das Narkotikum verabreicht, bete ich still, bitte nie mehr aufwachen zu müssen. Leider wurde mein stilles Gebet nicht erhört, denn irgendwann versuche ich, meine zugeschwollenen Augen zu öffnen, was mir auch zu zwei schmalen Sehschlitzen gelingt. Benommen ertaste ich eine dicke Schiene an meiner ausgepolsterten Nase und viele Pflaster in meinem aufgeplatzten Gesicht. Auch mein Schädel ist an manchen Stellen kahlgeschoren und mit Pflastern beklebt, zudem bemerke ich, dass mein rechter Fußknöchel an das Krankenbett gefesselt ist.
Wieder sehe ich ihr hübsches, fröhliches Gesicht vor mir. Die schulterlangen, strohblonden Dreadlocks, ihre hellblauen, vor Lachen glänzenden Augen, dann ihren zertrümmerten, blutigen Kopf, den ich in meinen Armen halte und meine Verzweiflung hinausbrülle. Tränen fließen aus meinen zugeschwollenen Augen, und ich weine leise.



2

Es vergingen einige Jahre, und ich entwickelte mich zu einem wahren Musterknaben. Ich hielt mein großes Kinderzimmer mit Dusche und WC immer aufgeräumt und klinisch sauber, erledigte gewissenhaft meine Hausaufgaben und war ein aufmerksamer und guter Schüler. Ich half meiner Mutter, wo ich nur konnte, im Haushalt und Garten. fegte regelmäßig beide Garagen aus, duschte jeden Tag und putzte mir dreimal täglich die Zähne. Allerdings brachte ich immer noch kein verständliches Wort zustande. Doch meine Pflegeeltern und auch Les sahen großzügig darüber hinweg. Nun war ich zehn Jahre alt und mein Leben war, bis auf mein Stottern und der Besuch einer Schule für Sprachbehinderte, genauso wie bei allen anderen Kindern. Jeden Samstagnachmittag ging ich mit Les zu der örtlichen Eisdiele, wo er mir immer einen riesigen Eisbecher spendierte. „Tschieses!“ Sagte er immer. Denn so hörte es sich an, wenn Les mit seinem irischen Dialekt meinen Namen aussprach. „Eis ist die perfekte Süßigkeit. Pfeif auf Schokolade, Marzipan, Gummibärchen oder Kuchen. Eis besteht zum größten Teil aus Wasser, das du schnell wieder hinausgepinkelt hast, und setzt sich nur sehr langsam auf deine Hüfte.“ Dann machten wir uns über die riesigen Eisbecher her. Les hatte oft solche kleinen Lebensweisheiten für mich übrig, an die ich mich auch peinlichst genau hielt.
Ja, es hätte alles so perfekt und schön sein können, wären da nicht meine vier Geier namens Gunter, Felix, Torben und Christian gewesen. Jungs aus meinem Dorf und in meinem Alter. Die mir das Leben mit vollem Elan und wachsender Begeisterung zur Hölle machten. Erwischten sie mich am Nachmittag, wenn ich mit meinem Fahrrad unterwegs war, hielten sie mich auf und ließen mir die Luft aus den Reifen. Lief ich ihnen nach Schulschluss in die Arme, meistens an der Dorfbushaltestelle, wo sie mit ihren anderen Klassenkameraden aus dem Schulbus stiegen, nahmen sie mir meinen Schulranzen weg, schubsten mich unter dem Beifall ihrer gleichaltrigen Mitschüler herum oder beschimpften mich aufs Übelste. Also versuchte ich meinen vier Geiern, so gut ich konnte aus dem Weg zu gehen. Fahrrad fuhr ich in dem angrenzenden, dichten Wald, nahe am Dorfrand, und ich stieg auch zwei Bushaltestellen vorher aus, wo ich etwas länger durch den Wald laufen musste, um nach Hause zu kommen. Die Strecke war weiter, aber ich sparte mir die Steigung aus dem Dorfkern zu meinem Elternhaus, was meinen Heimweg, zeitlich gesehen, auf das Gleiche herauskommen ließ. Mein zwölfter Geburtstag wurde mit einer riesigen Party gefeiert. Les schenkte mir ein Geländefahrrad mit einer perfekt eingestellten Gangschaltung, über das ich mich sehr freute.
Meine Noten in der Schule waren gut, und auch sonst meisterte ich mein Leben ganz anständig. Wären da nur nicht meine vier Geier gewesen, denen ich zwar selten, doch immer wieder über den Weg lief. An diesem Tag stieg ich, wie immer, zwei Haltestellen vorher aus dem Schulbus und machte mich durch den dichten Wald auf den Heimweg. Meine vier Geier mussten irgendwie Wind davon bekommen haben, dass ich nun diesen Weg lief, und passten mich mitten im Wald ab. Plötzlich standen sie vor mir und umringten mich grinsend.
Sofort wurde mir klar, dass diese Geschichte nicht mit Schubsen und Beschimpfungen beendet war. Heute wollten meine Geier etwas mehr.
So stand ich da. Umringt von Gunter, Torben, Felix und Christian, die mich in reiner Vorfreude auf ihre hinterhältige Aktion angrinsten.
„Ja, wenn das nicht unser Jesus ist. Was machst du denn hier im tiefen Wald?“ Sagte Felix mit einem gefährlichen Unterton in seiner Stimme. Gunter gab mir eine heftige Schelle gegen den Hinterkopf und zischte: „Er hat dich etwas gefragt, Stotterer. Also gib ihm auch eine Antwort!“ Aber ich schwieg. Eine weitere, wuchtige Schelle gegen meinen Hinterkopf bekam ich von Torben. „Du sollst antworten, Stotterer!“ Ich entschloss mich, um meine Unversehrtheit zu betteln und wollte sagen, dass sie mich bitte gehen lassen sollen. Aber ich bekam nur ein gestottertes: „B- Bitt- B- B- Bi- Bi- Bi-”„heraus. Gunter grinste und sagte zu Felix: „Hast du das gehört, der sagt, du bist bi!“ Mit einer erschreckenden Aggression packte mich Felix am Kragen meines Pullovers.
„Was sagst du zu mir?“ Wieder versuchte ich zu sagen, dass sie mich doch bitte einfach gehen lassen sollen. Aber ich brachte nur ein „B- B- Bi- Bi“ Zustande. Gunter grinste. „Da! Er sagt es schon wieder. Du bist bi!“ Der Faustschlag gegen mein rechtes Ohr von Torben kam unerwartet und mit voller Wucht. Ich fühlte zwar keine Schmerzen, doch gaben augenblicklich meine Knie nach, und ich fiel hart auf den Boden des asphaltierten Waldweges. Schmerzen bereitete mir erst der heftige Tritt in meinen Bauch, der von Christian ausgeführt wurde. Mit einem erstickten Schmerzenslaut krümmte ich mich zusammen, während mein Mageninhalt aus meinem Mund zu schwappen drohte.

***

Der diensthabende Arzt redet nicht viel mit mir, und auch ich vermeide jeglichen Augenkontakt. Pflaster und Verbände werden mir abgenommen, frisch genähte Platzwunden in meinem geschwollenen, zerschlagenen Gesicht und am Schädel desinfiziert, gereinigt und neu beklebt. Auch meine zertrümmerte Nase wird mit einem selbst klebenden Verband steril verpackt und gleichzeitig geschient. Mit besorgtem Blick bemerkt er das Blut in meinem Urin. Dankbar bin ich ihm für das starke Schmerzmittel, das er mir injiziert und das mich somit in einen wattierten Dämmerschlaf schickt. Zwei Tage verweigere ich jegliche Nahrung und Flüssigkeitsaufnahme, dann ernähren sie mich kurzerhand mit einer Infusion. Als ich mir die Nadel aus der Armbeuge ziehe, fixieren sie mich mit breiten Klettverschlussbändern am Bett und legen mir eine Windel an.
Die junge, gertenschlanke Krankenschwester sieht oft nach mir. Mitfühlend erzählt sie, dass sie die schlimme Geschichte aufmerksam in den Nachrichten verfolgt hat, und sie spricht mir ihr aufrichtiges Beileid aus.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 482
ISBN: 978-3-95840-511-0
Erscheinungsdatum: 05.04.2018
EUR 20,90
EUR 12,99

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