Tote schweigen, sie reden nicht

Tote schweigen, sie reden nicht

Klaus Gurschke


EUR 15,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 264
ISBN: 978-3-99048-418-0
Erscheinungsdatum: 24.02.2016
Nach dem Tod von Dr. Tombrowski verschwindet die geheime Formel eines biologischen Kampfstoffes, an dem er gearbeitet hatte. Die Spur führt nach Ostberlin. Seine Tochter und Privatdetektiv Patrick Kidd untersuchen den Vorfall - und geraten in Lebensgefahr …
Josè Fernandez warf einen Blick auf die Zeitung, die vor ihm auf dem Tisch lag, und blätterte sie durch. Langsam, gemächlich, wie ein Mensch, der viel Zeit besaß. Ab und zu schaute er auf die Standuhr neben dem Fernseher, die leise tickte. Er las nur die aktuellen Berichte, das Weltgeschehen und den Sportteil. Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Börsenberichte überschlug er. Als Letztes vertrieb er sich die Zeit mit dem Kreuzworträtsel auf der vorletzten Seite.
Kurz vor fünf Uhr nachmittags erhob er sich, um in seiner Stammkneipe El Ponto, einem kleinen Restaurant am Hafen von Playa de las Canteras, etwas zu trinken. Er überprüfte sein Aussehen im Flurspiegel und verließ die Wohnung.
Hibiskusduft schlug ihm entgegen, als er die Haustür hinter sich dicht zog und hinaus in den Vorgarten trat.
Es war ein wunderschöner, prachtvoller Tag, wie die meisten Tage auf Gran Canaria. Die Sonne schien durch die gefiederten Blätter der Palmen und warf helle Streifen auf den grünen Rasen. Die leichte Brise, die vom Meer her zum Land strich kühlte nicht, trieb feuchte Hitze vor sich her. Der Lärm des Hafens klang nur gedämpft herüber. Bis auf das heisere Krächzen der Möwen, die über den Booten kreisten, blieb es still.
Fernandez atmete die herbe, nach Salz riechende Luft tief ein und schlenderte die etwas abfallende Straße hinunter, die von kleinen, weißen Häusern gesäumt wurde. Nur wenige Menschen verliefen sich. Urlauber spazierten über dem Boulevard an den Souvenirläden vorbei und betrachteten die Auslagen in den Schaufenstern. Fischer hockten im Schatten der Bäume und flickten die Netze. Hühner scharrten im Sand. Unter dem Abdach einer baufälligen Scheune nagte ein zottiger Schäferhund lustlos an einem fleischlosen Knochen.
Fernandez, ein alter, magerer, von Sonne, Salzwasser und Wind geradezu gegerbter Mann, fuhr sich über das zerknitterte, von tiefen Runzeln bedeckte Gesicht und knöpfte sein Hemd über der Brust auf. Reglos blieb er in der grellen Sonne im Sand stehen. Die Luft flimmerte. Über den Büschelgräsern der lang gezogenen Dünen wehte der Wind, trieb mehligen Staub vor sich her. Das Meer rauschte leise. Aus der Ferne tönte das laute Dröhnen eines Schiffshorns.
Am Stand standen Kinder, die Möwen mit Brot fütterten, die im Tiefflug kreischend über das Wasser schossen. Manchmal duckten sie sich und schrien laut. Sie kehrten ihm den Rücken zu.
Fernandez stutzte, legte die Hände wie einen Schirm über die Augen und blinzelte gegen das Sonnenlicht an auf die Brandung. Auf den Wellen tanzte ein lebloser Körper. Langsam trieb er näher. Wenig später spülte er an Land.
Fernandez kratzte sich, zog die Brauen auf und ging darauf zu. Erschrocken blieb er stehen. Er presste die Lippen zusammen, schlug ein Kreuz und fluchte laut. Dann krampfte er die Finger ineinander und bekreuzigte sich erneut. Vor seinen Füßen lag ein Taucher. Die Augen hinter der Taucherbrille waren weit aufgerissen, starr, rund, glanzlos, ohne Leben. Der Mann war tot. Daran gab es keinen Zweifel. Weder er, noch jemand anders, konnten ihm noch helfen. Er nahm den Blick von dem leblosen Körper. Hastig drehte er sich um. So schnell er konnte eilte er zum Haus zurück.

Der Hafen lag im Schein der untergehenden Sonne, als die Mordkommission von Las Palmas eintraf. Alles war wie mit einem Goldhauch überzogen. Die rostroten Dächer, die schneeweißen Giebel, Bäume, die sich im Wind wiegten, blühende Büsche, sogar die noch von der Hitze glühende Straße, die zwischen den Gebäuden durch zu den Bergen führte.
In der kleinen Einfahrt, die zwei Molen umsäumten, wimmelte es von Segelbooten und Jachten. Barkassen umkreisten einen Dampfer mit Urlaubern an Bord, die sich am Oberdeck tummelten. Außerhalb der Kaimauer, gute fünf Meilen entfernt, lagen Kriegsschiffe und Tanker ausländischer Nationalität vor Anker.
Ohne Blaulicht und heulenden Sirenen stoppten drei Autos der Polizei und ein Privatwagen auf dem Boulevard am Rinnstein.
Türen klappten. Sieben Herren in Zivil und drei Polizisten in Uniform stiegen aus den Fahrzeugen.
Mit raschen Schritten eilten sie zum Steinbruch-Strand gegenüber dem Hafen. Feiner, goldgelber Sand säumte in zwei Wölbungen das ruhige Gewässer. Eine Sandbank überquerte die Bucht von einem Ende zum anderen und garantierte selbst bei den schweren Septemberfluten ruhiges Wasser. Das Farbenspiel der hinter der Tide stehenden Sonne, die Graten und Schluchten, bildeten einen faszinierenden Hintergrund. Es erinnerte an ein von Künstlerhand gemaltes Gemälde, farbenprächtig und voller Harmonie.
Die Polizisten drückten die Neugierigen zurück, die dicht gedrängt um den leblosen Körper einen Kreis gebildet hatten, und hielten sie auf Abstand. Nur widerwillig traten sie zur Seite, um die Spurensicherung durchzulassen. Bemerkungen wurden laut, dass die Polizei nichts tauge. Selbst Buhrufe und Schimpfwörter ertönten. Die Kriminalbeamten überhörten es.
Luzardo, Kommissar der Kriminalpolizei von Las Palmas, ein kleiner, beleibter Mann mit spärlich wuchernden Haaren auf dem Kopf, betrachtete den Taucher, der auf dem Rücken mit ausgestreckten Beinen im Meer lag, während Kopf und Schultern auf dem Sand ruhten.
Das Gesicht des Toten war bleich und verzerrt, die Hände geöffnet, die Finger leicht gespreizt. Nichts deutete darauf hin, dass der Mann mutwillig ums Leben gebracht wurde. Keine Spur von Gewaltanwendung, kein Einstich einer Waffe, kein Blut, einfach nichts. Alleine der Atemschlauch, der von winzigen Löchern durchbohrt am Mundstück auseinanderklaffte, machte ihm Kopfzerbrechen.
Luzardo, offensichtlich darauf bedacht seine Gefühle hinter einer beruflichen Maske zu verbergen, sah mit unbewegtem Gesicht auf.
„Reiß dich los“, sagte er zu einem Mitarbeiter. „Es gibt schlimmere Dinge. An diesen Anblick musst du dich gewöhnen.“
Rodriguez Bolanos, ein junger, schlanker, braun gebrannter Bursche, der vor vier Wochen in den Dienst der Mordkommission trat, stand wie versteift, nicht fähig sich zu rühren vor dem Taucher, der seltsam gekrümmt auf dem Sand lag. Das bleiche, verzerrte Gesicht des Toten und die glasigen Augen, die ihn anzustarren schienen, lähmten ihn. Er hatte noch nie einen Toten gesehen und sich das Gesicht eines Toten immer anders vorgestellt, friedlich schlummernd, still wie das Gesicht eines Schlafenden. Würgend wandte er sich ab. Viel besser wurde ihm davon auch nicht. Das eklige Gefühl der Angst, das Entsetzliche, saß nach wie vor in seiner Kehle.
Der Polizeiarzt, ein breitschultriger Mensch in einem Maßanzug von bester Qualität, geblümten Hemd und Schlips, dem die Hitze nichts auszumachen schien, kniete sich in den Sand. Routinemäßig fühlte er den Pulsschlag, was eigentlich nicht nötig war. Dann inspizierte er ihn eingehend.
Dr. Pompo verstand sein Fach. Er gehörte noch zu der alten Garde, die jeden Körperteil genau untersuchten. Die Zahl der Toten, die er bis jetzt gesehen und obduziert hatte, ging in die Hunderte. Dennoch schluckte er, als er den Leichnam näher in Augenschein nahm.
Die Beamten der Spurensicherung, vier Mann stark, beobachteten ihn bei der Arbeit und warteten darauf, dass er die Untersuchung beendete.
Der Polizeifotograf, dünn wie eine Bohnenstange, mit altmodischer Brille, fummelte nervös an der Kamera, die an einem dünnen Lederriemen von seinem Nacken baumelte. Sein schmales, eingefallenes Gesicht zuckte erregt. Blass sah er aus, abgespannt und müde. Ein Mann, der gegen seine Nerven ankämpfte, doch auf Dauer der Verlierer sein musste.
Dr. Pompo erhob sich, zog den Schlips gerade und klopfte sich den Sand von der Hose. „Tot“, stellte er lakonisch fest, obwohl die Übrigen das bereits konstatiert hatten.
„Spuren von Gewaltanwendung?“, fragte Luzardo nüchtern.
„Im Moment schließe ich das aus.“
„Wann trat der Tod ein?“ Luzardo kniff die Augenlider zusammen und drehte sich zur Seite, weil der Schein der untergehenden Sonne ihn blendete.
„Heute Morgen. Zwischen zehn und zwölf Uhr. Die genaue Diagnose gebe ich Ihnen nach der Obduktion durch.“
„Danke“, brummte Luzardo.
Dr. Pompo quetschte sich durch die Umstehenden und stieg in sein Auto, das er auf dem Boulevard im Schatten der Häuser geparkt hatte. Der Motor heulte auf. Das Fahrzeug ruckte an. Im mäßigen Tempo steuerte er den Wagen am Hafen vorbei zur Straße.
Luzardo stiefelte noch einmal um den Taucher und betrachtete ihn erneut. Auch jetzt blieb er gelassen. In all den Jahren, in denen er nun schon bei der Mordkommission seinen Dienst verrichtete, hatte er es gelernt kühl zu bleiben, auch fiel es manchmal schwer. So wie heute.
Sein Blick glitt über die Taucherbrille, hinab zu dem Taucherapparat bis hinunter zu den Füßen, über die das Seewasser träge hinwegrollte. Zwischen Stirn und Augenbrauen gruben sich zwei steile Falten, als er den Atemschlauch begutachtete. Zu gerne hätte er gewusst, was die Löcher bedeuteten. Vor allem, was sie verursacht hatte. Er deutete darauf. „Kannst du mir sagen, was das ist?“
„Sieht aus wie Nadelstiche.“ Bolanos hob den Schlauch hoch und roch daran. Ein abscheulicher, undefinierbarer Geruch stieg ihm in die Nase. Angewidert ließ er den Atemschlauch in den Sand fallen.
Luzardo registrierte es und strich sich mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn, was bei dieser Wärme wenig nützte. Trotz anbrechender Dunkelheit lag über dem Steinbruch-Strand immer noch die glühende Hitze des Tages. Die ganze Gegend war wie ein zugedeckter Topf, aus dem die Wärme nicht entweichen konnte. Sein T-Shirt, unter den Achseln und auf der Brust nass verschwitzt, klebte an seinem Körper. Dunkle Flecke zeichneten sich darauf ab.
Der Polizeifotograf trat näher und deutete auf den Toten. „Kann ich?“
Luzardo, mit seinen Gedanken noch immer bei dem Atemschlauch, nickte.
Der Mann rückte an der Brille, hob die Kamera hoch und fotografierte den Taucher von allen Seiten.
Luzardo zog seine Pfeife hervor, füllte den Pfeifenkopf mit Tabak und zündete sie sich an. Genüsslich sog er am Mundstück. Schweigend schaute er auf die Umstehenden. „Wer hat uns eigentlich informiert?“
Bolanos wies auf Fernandez, der wenige Meter entfernt alles registrierte. „Der Alte mit dem verrunzelten Gesicht.“
„Komm“, Luzardo stieß ihn in die Rippen. „Knüpfen wir ihn uns vor.“
Die anderen Beamten führten die weitere Untersuchung durch, machten Notizen und legten die kleinen Gegenstände, die sie dem Taucher vorsichtig abnahmen, in Plastikbeutel.
Luzardo schob sich an den Menschen vorbei, blieb vor Fernandez stehen, der stumm vor sich hin starrte, und musterte ihn. Nur wenige Sekunden. Dann sagte er: „Sie haben den Taucher gefunden und uns verständigt. Ist das richtig?“
„Si, Señor.“
„Wie heißen Sie?“
„Josè Fernandez.“
„Wohnen Sie hier?“
„Si, Señor. Dort!“ Fernandez zeigte auf ein weiß getünchtes Steinhaus am Ende der Straße, das im Schein der untergehenden Sonne grell flimmerte. „Ich bin Fischer und …“
Luzardo unterbrach ihn schnell. Aus alter Gewohnheit. Seeleute waren weitschweifig, neigten dazu, Märchen zu erzählen. Meistens lief es darauf hinaus, was für Qualen und Wehwehchen das Alter mit sich brachte. Das kostete nur unnötig Zeit und raubte in dieser Gluthitze die letzte Kraft. Bevor es dunkel wurde, wollte er die Untersuchung beendet haben. Die rot glühende Sonne berührte fast das Meer und über den schroffen Bergspitzen legten sich die ersten grauen Schleier.
„Haben Sie den Toten berührt?“, fragte Bolanos, der sich inzwischen wieder etwas gefangen hatte. Selbst die Farbe seiner Gesichtshaut war zurückgekehrt und auch sonst machte er den Eindruck, sich unter Kontrolle zu haben.
Fernandez schüttelte erregt den Kopf. Die Frage irritierte ihn. Seine Unterlippe begann zu zittern und die Augen blickten wie gehetzt in die Runde. Er kämpfte gegen sich, gegen die Hilflosigkeit, die ihn plötzlich überkam. Unter großer Anstrengung gewann er wieder die Kontrolle über sich.
„Kennen Sie den Mann, der dort liegt?“, fuhr Bolano nach kurzem Zögern mit dem Verhör fort.
„Nur flüchtig, Señor.“ Er hob den Arm und zeigte auf die Klippen, die neben dem Hafen aus dem Wasser ragten „Seine Jacht liegt hinter den Felsen.“
Luzardo horchte auf, ließ sich das jedoch nicht anmerken. Über die Schulter von Fernandez beobachtete er die Beamten der Spurensicherung, die ihre Arbeit beendeten. Zwei Männer in Schwarz legten den Toten in einen schmalen Zinksarg mit gewölbtem Deckel und trugen ihn über den Steinbruch-Strand. Die Menschen verliefen sich. Am Meer wurde es wieder still.
„Was heißt flüchtig?“, hakte Luzardo nach. Er sog an der Pfeife, merkte, dass sie erkaltet war, klopfte die Asche in den Sand und steckte sie in die Brusttasche.
„Er überprüfte heute Morgen am Oberdeck seine Taucherausrüstung, als ich an ihm vorbei zum Hafen ging.“
„Wann genau war das?“
„Gegen neun Uhr, Señor.“
„Befand er sich alleine an Bord?“
„Si, Señor.“ Fernandez schlug ein Kreuz, als der schmale Zinksarg an ihm vorbeigetragen wurde. Aus den Augenwinkeln sah er auf die Männer, die den Toten zu einer schwarzen Limousine am Boulevard brachten.
So kurz kann ein Leben sein, dachte er. Ein Leben, das hier im Meer, gewollt oder ungewollt, qualvoll zu Ende ging.
Bolanos betrachtete ihn. „Wissen Sie, wie er heißt?“
Fernandez schüttelte den Kopf. Sein Haar grau und schütter wehte im Wind. „Brauchen Sie mich noch?“
„Nein“, sagte Luzardo. „Sollte ich Sie nötig haben, suche ich Sie auf. Geben Sie bitte Ihre Personalien an einen der Beamten.“

Luzardo sprach mit der Spurensicherung, winkte Bolanos näher und überquerte mit ihm die Straße, die wie leer gefegt vor ihnen lag. In der Ferne, oben auf der Fahrbahn, ein paar schrottreife, verrottete Autos und ein kleiner Lieferwagen, der mit heulendem Motor über den Asphalt tuckerte. Das war alles. Abgesehen von dem knöchrigen Maulesel der wenige Meter von ihnen entfernt mit Tonkrügen beladen, den Kopf zur Erde geneigt gemächlich vor sich hin trottete. Der Junge neben ihm, der ihn an einer Leine hielt, elf, zwölf Jahre alt, in zerrissener Hose, kurzem Hemd und kaputten Sandalen, wedelte sich mit Palmblättern frische Luft zu.
Bolanos bog von der Straße ab und folgte dem Weg, der am Hafen vorbei, um die Klippen zum Meer, führte. Luzardo folgte ihm schwer atmend.
Der schmale Pfad, von gebleichten Steinen bedeckt, schlängelte sich in die Tiefe. An manchen Stellen waren die Felsen rau und spröde, an anderen Stellen glatt, wie poliert.
Luzardo keuchte. Sein Atem rasselte. Im Stillen verfluchte er die Pfeife, die er nicht mehr rauchen wollte. Es war ein guter Vorsatz gewesen, doch dabei blieb es. Langsam schritt er auf die Jacht zu. Wie ein großer, heller Fleck, vom Dunkeln der Klippen aufgesogen, dümpelte es auf der Dünung. Taue knirschten. Die Fender an Backbordseite rieben sich am Felsen. Wellen klatschten gegen die Bordwand, ließen das Boot auf und nieder tanzen. Die Wimpel am Flaggenmast wehten kaum hörbar im Wind.
Es war ein schönes Boot. Sauber, blitzend vom Bug bis zum Heck. Nylonseile lagen aufgerollt auf dem Achterdeck, Wurfleinen und Bootshaken hingen griffbereit an der Bordwand. Die blank polierten Messingteile an der Reling reflektierten im Licht der untergehenden Sonne.
Luzardo lehnte sich gegen das Achterdeck und verschnaufte. „Geh … Geh an Bord“, krächzte er mit müder Stimme. „Womöglich findest du etwas, das uns weiterhilft.“
Bolanos zog sich an der Reling hoch und kletterte an Deck. Er blieb stehen und schaute zu den Aufbauten, die sich vom Himmel abhoben. Gemächlich ging er darauf zu. Kurz darauf verschwand er im Steuerhaus.
Der Raum war leer. Das Ruder schlug im Takt der Wellen und die Kompassnadel drehte sich bei jeder kleinsten Bewegung des Bootes. Auf dem fest verankerten Klapptisch lagen Seekarten, Bleistifte, verschiedene Sorten Zirkel, Lineale und lose Blätter. Neben dem Ruder hingen ein Megaphon und zwei grün glänzende Ferngläser. Rechts befand sich der Funk- und Kartenraum, links in der Wand eingelassen die Bordapotheke mit den Medikamenten.
Bolanos lauschte. Gedämpft hörte er die Brandung und das Heulen eines Flugzeugs, das zur Landung ansetzte.
„Hallo! Ist da jemand?“
Keine Antwort.
Zögernd stieg er die schmale Eisentreppe hinunter, die steil in die Tiefe zum Wohnraum führte. Die Kajüte, klein, stickig und schlecht gelüftet, roch nach abgestandenem Kaffee. Durch die runden Bullaugen fielen schmale, verzerrte Lichtstreifen in den Raum. Die Vorhänge vor den Kojen waren zugezogen. Möbel aus Eichenholz mit glänzenden Messingbeschlägen und dunkelroten Lederpolstern verteilten sich. Auf der Anrichte, von deutschen Zeitungen halb verdeckt, lagen eine Brieftasche, Reisepass und Papiere. Bolanos schlug den Reisepass auf und blätterte die Papiere durch. Dann ging er auf das Schott am Ende der Kajüte zu. Als er den Hebel nach unten drückte, der den Einstieg verriegelte und die Tür aufzog, schlug ihm der Geruch von Öl entgegen. Vor ihm lag der Maschinenraum mit den Dieselmotoren, Messinstrumenten, Kabeln, Kontrolluhren und Warnlämpchen.
„Hallo! Ist da jemand?“
Es blieb still.
Bolanos suchte nicht länger und stieg an Oberdeck.
„Und?“, rief Luzardo. „Was gefunden?“
„Seinen Personalausweis und Papiere. Er heißt Peter Tombrowski, ist Dr. der Biologie, Westdeutscher und arbeitet für Mc Pherson & Seaton in London. Die Jacht ist gemietet. Der Mietvertrag liegt in der Kajüte.“
Luzardo fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen und musterte ihn. „Sagtest du Doktor der Biologie?“
„Ja. Du denkst sicher an den Atemschlauch.“
„Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Die Löcher, vor allem wer, oder was das verursacht hat, interessiert mich. Irgendetwas, frag mich um Gottes willen nicht was, stimmt hier nicht.“
„Vielleicht kann unser Labor Auskunft darüber geben.“
„Das hoffe ich.“ Luzardo löste die Taue vom Felsen und warf sie an Deck. „Fahr das Boot nach Las Palmas. Warte dort auf mich.“
„Muss ich das deutsche Konsulat von diesem Vorfall verständigen?“
„Das übernehme ich.“
„Was ist mit der Spurensicherung?“
„Ich schicke sie zum Hafen!“
Ein Heulen, Zittern und Stampfen durchzog das Boot, als Bolanos die schweren Dieselmotoren anließ. Die Schrauben unter dem Achterdeck drehten sich, schäumten Wasser auf. Der Bug hob sich von den Wellen ab und glitt dem offenen Meer zu. In schneller Fahrt steuerte er die Jacht aus der Bucht. Kurs Las Palmas.

Konsul Braumeister saß auf dem Balkon und genoss den Abend. Ein harter, arbeitsreicher Tag lag hinter ihm. Er hatte zig Telefongespräche geführt, Dokumente unterzeichnet und zwei Konferenzen gegeben, die die Handelsbeziehungen zwischen Gran Canaria und Westdeutschland verbessern mussten.
Spät nachmittags rief er einen Bekannten an, sagte eine Einladung ab, mit der Entschuldigung, er fühle sich nicht wohl, und verließ das Konsulat. Im Don Juan, einem Lokal für Feinschmecker und Treffpunkt ausländischer Diplomaten, aß er ein T-Bone-Steak mit frischem Salat, Gemüse und Röstkartoffeln. Punkt acht Uhr abends stieg er in sein Auto und fuhr zu seiner Wohnung.
Er schob den weißen Marmoraschenbecher zur Seite, der von goldgelben Adern durchzogen wurde, wie der Marmortisch auf dem seine Füße ruhten, und schenkte sich ein Glas Wein ein.
Braumeister war 46 Jahre alt, nicht so groß, hatte dunkelblondes Haar, wasserblaue Augen, ein volles, gutmütiges Gesicht und eine sportliche, gut durchtrainierte Figur. Trotz seiner Länge, er wäre lieber acht bis zehn Zentimeter größer gewesen, gab er durchaus eine ansehnliche Erscheinung ab.
Er griff nach dem Glas, trank einen kleinen Schluck und blickte über die Avenida Maritime del Norte auf Playa de las Alcaravaneras Der Himmel war sternklar und der Mond spiegelte sich im Meer wider. Das Wasser, so glatt wie ein Teller, bewegte sich kaum. Manchmal kleine Schaumkronen, die wie Phosphor durch die Dunkelheit leuchteten. Das leise, anhaltende Rauschen der Brandung drang nur gedämpft an sein Ohr.
Am Strand wurde es still. Souvenirverkäufer schlossen ihre Läden, der Eismann schob seinen Karren heimwärts und ein junger Bursche, auf dessen Schulter ein zahmer Affe herumturnte, setzte sich auf sein verrostetes Fahrrad und trat in die Pedale. Morgen würde er wieder hier stehen, am selben Platz, zur selben Zeit und den Affen für Urlaubsfotos anbieten.
Braumeister rekelte sich. Er gähnte verhalten, lehnte sich gemütlich im Sitz zurück und überließ sich seinen Gedanken.
Kurz vor zehn Uhr abends klingelte das Telefon. Braumeister, der bequem in seinem Korbsessel saß, die Hände über dem Bauch verschränkt, schrak hoch. Ruckartig richtete er sich auf. Er nahm die Füße vom Marmortisch und ging mit dem Glas Wein in der Hand zum Wohnzimmer, einem elegant, geschmackvoll eingerichteten Raum. Alles strahlte Luxus aus. Nicht nur die handgeknüpften, golddurchwebten Perserteppiche auf dem Fußboden, auch die geschnitzten Holztäfelungen an den antiken Mahagonieschränken. An den Wänden hingen uralte Gemälde bekannter Künstler und Skulpturen. Für einen Normalsterblichen unbezahlbar. Neben der Hausbar führte ein schmaler, hell erleuchteter Gang zu Toilette und Badezimmer, eine große, mit Kacheln und Fliesen ausgelegte Dusche.
Das Telefon auf dem Salontisch neben der Schiebetür zum Balkon klingelte erneut. „Immer mit der Ruhe“, schnauzte Braumeister leicht aufgebracht vor sich hin. Er angelte nach dem Hörer, hob ab und meldete sich.
„Löffel“, drang es durch die Muschel an sein Ohr. „Entschuldigen Sie bitte die späte Störung, Herr Konsul. Die Mordkommission von Las Palmas rief vor wenigen Minuten bei uns an …“

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