Tod den Ungläubigen

Tod den Ungläubigen

Coldàn


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 502
ISBN: 978-3-95840-886-9
Erscheinungsdatum: 17.09.2019
Während seiner Ermittlungen zur Duldung von Flüchtlingen aus den Maghreb-Staaten kommt der Detektiv Bernie Hofrege einer Terrororganisation auf die Schliche. Mit Bomben bestückte Drohnen sollen bald für viele Tote sorgen. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt …
5. Kapitel

Das Smartphone gurrte und auf Yashas WhatsApp, das er kurzfristig mit McGowan eingerichtet hatte, gab es eine neue Nachricht. Ganz oben im Display hatte er diese kuriose Nummer mit teilweise aufeinanderfolgenden Zahlen erkannt: 67892345. Und davor die +1 und die 305, was für Teile Floridas zutraf. Es gab keine Nachricht, nur ein Foto im Anhang: Vier Hälften von zwei Halbtaucherbooten, die noch zusammengesetzt werden mussten. Es dauerte nicht lange und der Amerikaner rief ihn auf seiner Nummer an. Yasha richtete sich von seinem breiten Liegestuhl auf, über dem ein viereckiger Sonnenschirm, oder eher ein Baldachin, im leichten Wind schaukelte. Yasha hatte anfangs Probleme, ihn zu verstehen, wie schon öfter. Aber schließlich, nach wiederholtem Zurückfragen, hatte er die Position in sein Smartphone getippt, auf der er am kommenden Mittwoch um dreiundzwanzig Uhr dreißig in der Nähe seiner Pier in Algerien an seiner Jacht Sancar längsseits die MS ANFA, also die Backbord-Seite zum offenen Meer hin, anlaufen solle. Er müsse natürlich die Heckseite zum Umfahren des großen Rohphosphatfrachters meiden, an der noch die U-Boote unter Wasser angekoppelt seien.
Yasha war ungemein aufgeregt. Bald würde es so weit sein. Neuester Stand der Technik. Kleine niedliche U-Boote! Immense Gewinnspanne und vor allem viel sicherer vor Zugriffen. Schweißtropfen liefen ihm über die Stirn. Aus Anspannung und Euphorie.
„Das Finanzielle regeln wir auf dem großen Kahn,“ sagte McGowan, „da musst du die Jakobsleiter hochklettern.“
Yasha schluckte. „Was ist das für eine Leiter. So eine Strickleiter?“ Yasha sank das Herz in die Hose.
„Genau! Eine Strickleiter, ganz aus Seilen gefertigt. Das schaffst du doch?“
„Das kann ich nicht. Da wird mir schwindlig. Die Höhe und dabei das Geschaukel. Und sie klebt doch richtig an der Bordwand, sodass die Schuhe gar nicht richtig Platz zum Klettern haben. Wieder runter käme ich überhaupt nicht. Nie und nimmer!“
Yasha war sich absolut sicher, dass er niemals einen Fuß von der Jacht auf die baumelnde Strickleiter setzen geschweige denn darauf an der steilen Schiffswand hochklettern würde. Nicht für alles Geld! Und außerdem: Er wäre allein, ohne seine Bodyguards. Das viele Bargeld sollte er auch noch schultern. Ist der Mann verrückt?
„Es geht nichts anders. Meine U-Boote! Meine Bedingungen!“, insistierte McGowan.
„Mein Geld!“, entgegnete Yasha.
„Gut! Ich krieg die Dinger auch woanders los. Gerade gestern hat mir jemand dreißig Prozent mehr geboten als das, was du bezahlst. Übrigens ein Konkurrent von dir.“
Yasha war in Panik. Der Schweiß kroch kitzelnd den Rücken hinunter. Die Lippen bebten, ohne dass er es stoppen konnte, genauso wenig wie das Zittern seines Handys, das er in der Hand hielt. Entsprechend laut war seine Stimme: „Verdammt, lass doch die feste Leiter mit Geländer runter, dann komme ich mit meinen Leuten hoch.“
„Die ist doch Steuerbord, und wenn ich sie dort abbaue und rüberhole, dann fehlen vier Meter bis runter zu deiner Jacht. Tut mir leid!“
Yasha und McGowan hatten sich, als sie sich seinerzeit einig geworden waren, darauf verständigt, kein Geld als Anzahlung zu überweisen, aber der Amerikaner hatte ihm auch vor Augen geführt, was mit ihm geschehen würde, wenn er nicht pünktlich den vollen Preis bezahlte, wenn die Boote fertiggestellt waren. Yasha hätte gar keine Überweisung durchführen können, auch auf kein Sperrkonto, da er alles Geld in bar gehortet hatte. Und ohnehin wollte der Amerikaner am Ende alles in cash.
Keiner sprach im Moment. Yasha hörte nur gurgelnde Laute aus dem All. Trotzdem hatte er sich etwas beruhigt. Er zweifelte plötzlich daran, ob es wirklich ein guter Deal sein würde. War es gar etwas ganz anderes? Er war von einer Minute zur anderen misstrauisch geworden, was das ganze Geschäft anging. Käme ich da wieder heil heraus? Vielleicht will er überhaupt nur die Geldübergabe, und die MS ANFA dampft dann davon, nachdem sie mich über Bord geworfen haben, überlegte er. Nein, mein lieber McGowan. Für wie blöd hältst du mich? Viele Gedanken funkten durch Yashas Kopf, als er soeben dabei war, den anvisierten Deal mehr oder weniger abzuschreiben. Anders, ganz anders hatte er sich den Ablauf vorgestellt: Auf seiner Jacht würde die Geldübergabe stattfinden, dann könnte er auch sehen, wie die Halbtaucherboote längsseits zu seiner Jacht anlegten. Und dann gäbe es die Instruktionen über den Gebrauch der Boote. Experten stiegen mit seinen Leuten in die Boote, und wenn die es kapiert hatten, manövrierten sie die Boote an seine Pier. Das alles schien jetzt vorbei zu sein. Natürlich war dann auch das Geschäft mit den Drohnen futsch, mit denen er bei Yilmar geprahlt hatte.
Der Amerikaner meldete sich jetzt wieder, murmelte in seinem Slang undeutliche Sätze, von denen Yasha nichts verstand. Und so fragte er ihn: „Wie wollen denn deine Leute meinen alles zeigen? Wie wollen die auf meine Jacht kommen?“
„Eben über diese Leiter. Die sind nicht solche Schisser wie du.“
„Versteh doch! Ich habe Höhenangst. Ist genetisch bedingt.“
„Dein Pech!“
In Yashas Kopf spukte es. Er war hin- und hergerissen zwischen Gier und Misstrauen. Er konnte keinen zusammenhängenden Gedanken mehr fassen. Sein Smartphone wackelte wieder stärker im Bunde mit seiner zitternden feuchten Hand. Wenn er an das viele Geld dachte, das er sich ausgemalt hatte … Für einen Moment wurde ihm schlecht, sodass er sich fast übergeben musste. Doch dann lief der Verstand wieder an. Trotz war aufgekommen: „Gut, dann lassen wir es eben sein. Meinem Partner, der drei Drohnen kaufen wollte, sag ich Bescheid, dass da nichts läuft.“
„Drei?“
„Ja, drei, von denen, die einschließlich der Firebomb zwanzig Kilo wiegen und unsichtbar sind.“
„Fünfundzwanzig Kilo!“
„Spielt jetzt keine Rolle mehr!“, sagte Yasha, am ganzen Körper schweißgebadet.
Es entstand eine kurze Pause, wieder begleitet von fauchenden Lauten in der Verbindung. Dann meldete sich McGowan: „Vielleicht, du genetischer Schisser, gibt es doch eine Lösung.“
„Welche denn?“
„Ich werde lange, zusammensteckbare Leitern kaufen und backbord anbringen, also eine schräge, aber feste Treppe. Kommst du dann hoch?“
Yasha überlegte nur kurz: „Nein! Weil mir schwindlig wird. Es ist die Höhe bis zu eurer Reling. Außerdem hat die Leiter kein Geländer.“
„Du krallst dich einfach immer auf der nächsten Stufe ein.“
„Nein. Nein. Nein!“
Wieder entstand eine Pause, bevor sich McGovern meldete: „Du willst nicht mit dem Geld hochkommen. Stimmt’s?“
„Das kommt dazu!“
„Kein Vertrauen, hm?“
„Hättest du’s?“
Der Dialog setzte erneut längere Zeit aus. Yasha war sich nicht im Klaren, ob der Amerikaner das Gespräch beendet hatte. Er fragte fast resigniert ins Nichts hinein: „Also, was machen wir?“ Er hatte mit keiner Antwort mehr gerechnet. Doch McGowan war noch dran: „Wie treffe ich den Interessenten für die Drohnen?“
Yasha überlegte kurz und sagte dann: „Ich kann dich nicht empfehlen.“
Der Amerikaner lachte. „Lass mich überlegen! Wie willst du es haben? Da hast du bis jetzt noch nichts von dir gegeben, sondern nur, was du nicht willst.“
Hoffnung keimte bei Yasha auf: „Du kommst auf deiner Scheißjakobsleiter auf meine Jacht. Ohne Waffen, klar? Maximal du und noch einer.“
McGowan sprach längere Zeit nichts, doch plötzlich sagte er: „In jedem U-Boot sitzt ein Techniker. Die tauchen nacheinander neben deiner Jacht auf, wenn du jeweils die Hälfte bezahlt hast. Okay?“
„Bezahlt an wen?“
„Ich komme vorher mit zwei Mann runter. Du bezahlst mich!“
„Aber ohne Waffen!“
„Und ihr. Habt Ihr Waffen?“
„Ja, wir schon. Aber wir haben kein Interesse euch umzulegen, so wie du eins haben könntest, wenn du das Geld hast.“
McGowan lachte wieder.
Yasha hatte einerseits wieder Hoffnung, dass der Deal doch zustande kommen könnte. Die Wendung war mit Yilmars Interesse an den Drohnen gekommen. Andererseits hatte er auch erneut das Gefühl, dass ihn der Amerikaner von Anfang an verarscht haben konnte. Vielleicht arbeitet er gar für einen Dienst, NSA, CIA oder Interpol, nimmt das ganze Gespräch auf, damit man es mir später bei den Polizeibehörden vorspielt. Obwohl, die ganzen technischen Details, die er mir schon in den letzten Gesprächen genannt hat …? Das war schon sehr präzis! Er war sich völlig unschlüssig, was er glauben sollte. Arbeitet er für die Dienste, sagte er sich, wäre es ein gefundenes Fressen. Ich und dann möglichst gleich noch Yilmar dazu!
„Gut!“, sagte McGowan plötzlich in konziliantem Tonfall. „Dann machen wir es eben so, wie du willst. Ich komme mit zwei Männern runter auf deine Jacht. Wie heißt sie noch?“
„Sancar!“, fast verwünschte sich Yasha, dass er den Namen genannt hatte.
„Wir fahren dann die U-Boote längsseits zur Sancar und lassen sie auftauchen. Vier von deinen Männern, die, wie du mir sagtest, sich in Nautik auskennen, steigen ein und bekommen von meinen Skippern alle Details erklärt. Das dauert eine Weile. Aber die Bedienung ist ganz einfach. Keine Angst!“
Yasha war baff und misstrauisch zugleich, dass alles plötzlich so reibungslos nach seinem Plan verlaufen sollte. McGowan fuhr fort: „Wenn wir zu dir runter auf Deck kommen, bist du also mit deinen Matrosen und denen für die U-Boote anwesend. Okay?“
„Ja! Und ihr kommt ohne Waffen. Auch die im U-Boot.“
„Okay! Runterkommen werden wir zu dritt, mit mir. Einverstanden?“
Yasha überlegte und sagte dann: „Also gut, einverstanden!“
McGowan fuhr fort: „Dann taucht das erste Boot auf. Zwei deiner Matrosen steigen ein und werden von unserem Skipper instruiert. Wir werden mit ihnen über unsere Handys in Verbindung sein. Wenn alles in Ordnung ist, kommt mein Skipper auf deine Jacht. Du gibst mir den ersten Koffer mit einer Hälfte des Geldes. Okay?“
„Ja! Okay!
„Der eine von uns dreien und der Skipper gehen inzwischen mit dem Koffer wieder auf die ANKAR hoch.“
„Okay!“
Yasha verstand die Welt nicht mehr. Was war der Grund für McGowans Einlenken?
„Und dann wiederholt sich das Ganze nochmals, wobei das erste Boot schon ablegen kann“, ergänzte McGowan.
„Ja, so wäre alles in Ordnung.“
„Dann wäre unser Deal gelaufen.“
„Moment!“, warf Yasha ein. „Die Betankung?“
„Wird alles randvoll sein!“
„Ich meine, in der Zukunft.“
„Das haben wir doch besprochen. Wenn du eine Reise hin und zurück pro Tag machst, genügt es, wenn wir jeden vierten Tag an deine Pier kommen. Du hast mir ja gezeigt, wo sie liegt. Dass da was unter Wasser betankt wird, fällt gar nicht auf. Du zahlst jedes Mal cash. Die Preise schwanken, wie du weißt. Bring also immer genug Geld mit. Mach das selber und beauftrage niemand damit. Ich bin ein misstrauischer Mensch.“
Und ich erst!, dachte Yasha. Er kämpfte plötzlich wieder mit der Idee, alles hinzuwerfen, weil er das untrügliche Gefühl hatte, dass sich da eine Schlinge um seinen Hals legen könnte. Dann wiederum rief er sich die vielen Telefonate ins Gedächtnis, die sich über vier Wochen hingezogen hatten, bevor sie sich handelseinig geworden waren, all die technischen Details, die er angefordert und bekommen hatte. Und überhaupt, es gab sie ja, diese Drogen-U-Boote. Kolumbianisches Know-how! Hatte McGowan von Anfang an gesagt. Die Aussicht auf den enormen Reibach wechselte ständig mit der Furcht, dass alles auffliegen konnte, ab.
„Und jetzt den Namen des Interessenten!“, forderte McGowan.
Ah, also doch! Sie wollen zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Jetzt war er sicher, dass er in eine Falle gelockt werden sollte.
„Den Namen und wie du ihn erreichst, gibt’s nach der zweiten Zahlung. Vielleicht habe ich ihn bereits an Bord.“
Wieder entstand eine Pause mit dem eigenartigen Gurren in der Verbindung.
„Du sagtest, er will drei?“
„Ja! Glaub schon.“
„Stimmt er dem Preis zu?“
„Tut er bestimmt!“
„Für was braucht er sie?“
„Weiß ich nicht.“
McGowan lachte. „Gut, du hast die Position, Mittwoch dreiundzwanzig Uhr dreißig. Wir kommen zu dritt auf deine Jacht. Ohne Waffen. Und bring den Kerl mit. Bye!“
Yasha wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Sein ganzer Oberkörper war nass. Was sollte er von dem Gespräch halten? Hatten sie ihn jetzt bereits geortet? Das Gespräch festgehalten, als eines der Beweisstücke, mit denen man ihm den Prozess machen würde? Erst redet er so, dann so. Ein Zehntausendtonner, diese ANFA. Ein ausrangierter Rohphosphatdampfer, aber was verbirgt sich wirklich in dem Dampfer? Das Lloyd’s Register frage ich natürlich ab. Vielleicht haben sie auch ein Foto. Dann müsste man auch die Buchstaben L und R sehen, was für die Lloyd’s Registrierung spräche. Panamesische Flagge, hatte McGowan mal gesagt. Aber ist das nicht alles Bluff? Ich ruf ihn gleich nochmals an. Sag ihm, was ich befürchte. Yasha drückte McGowans Nummer auf dem WhatsApp-Kreis. Er erreichte ihn sofort. McGowan lachte. „Hab schon auf deinen Rückruf gewartet. Glaub mir, es läuft alles reibungslos ab. Keine Finte meinerseits. Wenn du schon wieder Schiss hast, dann lass es eben sein. Ich habe Abnehmer und dreh dir keinen Strick daraus. Also, wie steht’s? Bist du dabei? Ich hab alles aufgenommen, was wir gerade vereinbart haben.“
Yashas Misstrauen hatte, wenn auch nicht ganz, nachgelassen. Aber er wusste auch, dass er schon viel zu viel über das Handy geredet hatte, was man – sollte es wirklich eine Falle sein – gegen ihn verwenden konnte. Er war jetzt in der Stimmung, alles laufen zu lassen, alles auf sich zukommen zu lassen, fatalistisch. „Wie vereinbart, so machen wir es“, sagte er schließlich.
Trotzdem war es Yasha auch nach dem Telefonat nicht wohl zumute. Wie er mir gedroht hatte, falls ich aussteigen würde, nachdem die Boote gebaut worden waren. Und jetzt plötzlich? Aufgenommen hat er also alles. Hat er zugegeben. Doch spricht das nicht für ihn? Eigentlich schon! Mit dieser Überlegung drängte er seinen Argwohn weiter zurück.

***

Baz war immer noch nicht aufgetaucht. Heute, Montag, um halb eins mittags wollten sie sich am Stachus-Brunnen treffen. Jetzt war es kurz vor eins. Auf das Tuten, nachdem Chahid schon dreimal Baz’ Nummer eingetippt hatte, war sofort der Piepston gefolgt, ohne dass er eine Nachricht hätte hinterlassen können. War Baz wirklich verlässlich? Chahid begann zu zweifeln, wie schon manchmal. Bereits am Samstag hatte Baz in der Fortifica gefehlt, als sie alle Aktionen, die zum großen Projekt gehörten, durchgegangen waren. Alle hatten ihn gelöchert, wo Baz abgeblieben sei. Dass es möglicherweise mit dem Ehepaar zusammenhing, wo Baz wohnte, hatte er immer wieder erklärt und gehofft, dass Baz jeden Moment auftauchte; aber auch da schon war er auf seinem Handy nicht zu erreichen gewesen. Es war ausgeschaltet. Baz war einfach nicht erschienen. Er hatte gegenüber den drei Nürnbergern und den zwei Ingolstädtern schwören müssen, dass Baz in Ordnung sei. Die fünf wollten natürlich in keine Falle laufen. Spätestens montags sechzehn Uhr hatten sie Bescheid wissen wollen, was es mit Baz auf sich hatte.
Es war wichtig, dass er jetzt bald mit Baz wieder in Kontakt kam. Tauchte er nicht auf, müsste alles abgeblasen werden, zumindest die Aktion an der Münchner Mädchenschule. Genauere Angaben über die Aktion in Augsburg und Ulm hatte Baz nicht. Aber über das Open-Air-Konzert in München wusste er Bescheid. Das Datum stand an jeder Litfaßsäule. Hatte er möglicherweise schon geplaudert?
In diese Gedanken hinein löste sich plötzlich aus dem Schwarm dahineilender Fußgänger Baz’ Gesicht. Er kam direkt auf Chahid zu.
„Wo steckst du …“, begann Chahid seine Wut hinauszuzischen.
„Halt deinen Mund! Ich werde observiert.“ Chahids Pupillen durchwanderten in einem Winkel von hundertachtzig Grad das Menschengewimmel vor ihm. „Warum meinst du …“, doch Baz schnitt ihm das Wort ab. „Weiß nicht warum, aber es ist so! Ich musste einen abschütteln. Deswegen hat es so lange gedauert. Komm, lass uns hier weggehen!“
„Bist du sicher?“
„Fast. Auf jeden Fall schließe ich es nicht aus.“
„Und dein Handy?“
„Es wird angezapft. Jedenfalls bin ich mir da ziemlich sicher.“
Sie lösten sich vom Brunnenrand und gingen Richtung Bayerstraße.
„Erzähl mir genau, was vorgefallen ist.“ Chahid sprach jetzt französisch.
Baz atmete erregt. „Gerade als ich am Samstag zur Fortifica wollte, klingelte es bei den Korbers und so ein Idiot von der Ausländerbehörde wollte mich sprechen. Er sei Ausländer- und Integrationsbeauftragter und wolle mich mal aufsuchen und sich mit mir unterhalten. Ich bin überzeugt, dass da die Korbers dahinterstecken.“
„Glaubst du?“
„Wo ich denn hinwill, hat er gefragt. In die Stadt, hab ich geantwortet. Aber das hat ihm nicht gereicht. Wohin genau? Und warum? Überleg dir das mal! Einen Freund treffen, hab ich dann gesagt. Wo, hat er wieder gefragt. Zwar immer höflich, aber trotzdem hab ich das Gefühl gehabt, dass der von der Polizei war oder von irgend so einer ähnlichen Behörde.“
„Wieso meinst du das?“
„Er war zwar höflich, aber die Integrationsbeauftragten sind viel freundlicher, wenn sie einen in der Mangel haben. Du kennst sie ja auch. Er gab also keine Ruhe. Ich solle meinen Freund anrufen, dass es später werden würde. Wie der überhaupt heiße. Hakam, habe ich gesagt.“
„Du hast meinen algerischen Namen genannt?“
„Ja, absichtlich! Dann kann mir mal kein Strick daraus gedreht werden. Wir sind doch zusammen schon vermerkt worden, damals am Marienplatz. Außerdem hab ich den Nachnamen nicht genannt und auch gesagt, dass du kein Handy hättest, was er nicht geglaubt hat. Ich solle mich setzen. Am liebsten hätte ich ihm eine in die Fresse gehauen und den Korbers auch, die immer an der Tür standen und mithörten. Aber Sie telefonieren doch immer mit ihrem Freund, haben die sich noch eingemischt. Dass das heute eben ein anderer sei, musste ich mich verteidigen.“
„Eine schöne Scheiße ist das!“, sagte Chahid. „Erzähl weiter!“
„Er wollte mein Handy sehen, hat mich aufgefordert, es einzuschalten und ihm die Liste mit den Kontakten aufzumachen. Natürlich hab ich ihm die auf Arabisch gezeigt.“
„War er damit zufrieden?“
„Sah zwar so aus. Aber ich war mal kurz abgelenkt, als die Korber-Ziege den Mann fragte, ob er einen Kaffee wolle. Ich meine aber, dass ich gerade noch sah, wie er sein Handy an meines hielt. Ich nehme an, er hat die Liste kopiert. Das ging so schnell, das schafft kein Integrationsbeauftragter.“
„Scheiße, Scheiße!“, wiederholte sich Chahid. „Die Liste haben die im Nu übersetzt!“
„Ob da nicht auch mein Freund auf der Liste sei, hat er dann weiter gebohrt. Nein, hab ich geantwortet. Wo denn der Freund wartet, wollte er dann wissen. Dass wir uns in der U-Bahn-Station an der Münchner Freiheit verabredet hätten.“
„Und. War er damit zufrieden?“
„Weiß nicht. Er tat dann so, als sei er wirklich ein Integrationsbeauftragter. Ob ich mich in Deutschland wohlfühle, dass mein Deutsch ganz gut wäre, dass aber meine Duldung bald abliefe und was ich dann machen wolle, wenn man mich abholt und abschieben will.“
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4 Sterne
hhh - 09.12.2019
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