Krimi & Spannung

TED - Die Morde des Herrn John Goff

wolf k. moor

TED - Die Morde des Herrn John Goff

Leseprobe:

Legende

Der begnadete Geigenbauer Leonardo baut die wunderbarsten Instrumente seiner Zeit. Leonardo ist berühmt für seine kunstvoll gearbeiteten Instrumente und den unerreichten Klang der Geigen, Celli und der diversen Streichinstrumente, die er in seiner Werkstatt in Venedig herstellt. Seine kunstvoll hergestellten Schnecken vertragen eine enorme Spannkraft. Die berühmtesten Geiger und Orchester dieser Zeit spielen auf seinen Instrumenten.
Leonardo entdeckt durch Zufall das Geheimnis, mit dem er den vollkommenen und wunderbaren Klang seiner Instrumente verfeinern und herzustellen in der Lage ist. Die aus einem Pilz gewonnene Substanz kann allerdings auch zu einem tödlichen Gift zubereitet werden. Auch dies weiß Leonardo. Das Geheimnis erhält sich bis in die Gegenwart, da es die Familie und die Söhne und Töchter durch die Jahrhunderte wahren und den jeweils ältesten Nachkommen übergeben. Im Siegelring auf der Rückseite des Wappens der Familie befindet sich das Rezept zur Herstellung des Giftes.
Am Sterbebett im Jahre 1971 erzählt Charles Goff seinem Sohn John sein Leben. Er übergibt ihm die Mappe mit der Familiengeschichte und den Siegelring mit dem Rezept für die tödliche Essenz.
John Goff, den ein schreckliches Erlebnis in seiner Kindheit und auch seine kriminelle Ader schon vor dem Tod seines Vaters vor Morden nicht zurückschrecken lassen, erhält dadurch neue Möglichkeiten seine Verbrechen zu verfeinern.
Kommissar Hugo Perc versucht bereits im Jahr 1968 einige ungeklärte Mordfälle zu lösen. Der Mörder verschleiert geschickt seine Taten. Hugo Perc ist plötzlich in der Welt der Datendiebstähle und steht vor einer undurchdringlichen Mauer. Er wird auf ein Abstellgleis verfrachtet. In seinem Ruhestand begibt er sich jedoch mit großer Energie an die schwierige Aufgabe den Täter zu fassen. Es gelingt ihm, dem Mörder auf die Spur zu kommen, und er ist wild darauf versessen, ihn bei sich bietender Gelegenheit zu stellen. Hugo Perc hat alle Unterlagen und Kopien der damaligen Ermittlungen behalten. Er hat John Goff nun nach mehr als dreißig Jahren, mithilfe seines Ziehsohnes Paul Sax, der ihn als Profiler unterstützt, endlich genau im Visier.
John Goff erkennt im letzten Moment den Jäger, und als dieser ihn endgültig zur Strecke bringen will, kommt es zur Entscheidung, die Hugo Perc sein Leben kostet. John Goff kommt allerdings bei der Auseinandersetzung mit dem Gift in Berührung und erleidet schwere Verletzungen der Netzhaut. Er flüchtet mit seinem Hund Ted an einen unbekannten Ort.
Paul Sax, Hugo Percs Ziehsohn, heftet sich nach dem Mord an seinem Ziehvater mit aller Kraft an die Fersen von John Goff. Durch seine akribischen Nachforschungen erkundet er den Aufenthaltsort des Mörders. Er setzt alle Hebel in Bewegung, um ihn endlich zu fassen. Es kommt schlussendlich zum Showdown zwischen den beiden Männern.

***

1. Kapitel - Venedig, 17. Jahrhundert

Leonardo stand vor seinem Laden in der Via San Trovaso und betrachtete sein neues Ladenschild. Über dem Ladenschild hatte ihm sein Freund Danielo, der Kunstmaler, das nicht gerade klein geratene Familienwappen aufgemalt. Das Wappen zeigte auf einem blauen Bühel einen schönen jungen Mann mit einer Geige und einem Schwert in den Händen. Leonardo war stolz auf dieses Wappen und dass es nun das eigene Haus zierte. Das Wappen war das Sinnbild der Familie, nach dem die Familie zu leben, nach Wohlstand zu streben und mit Armen zu teilen hatte, wie ihn auch sein verstorbener Vater einst eindringlich ermahnte.
Es war 19 Uhr und es war ein lauer Abend in der Lagune von Venedig. Leonardo war zusammen mit seinen vier Mitarbeitern den ganzen Tag in der Werkstatt beschäftigt gewesen und nun waren alle nach Hause gegangen. Leonardo war Geigen- und Instrumentenbauer. Er war es mit einer Leidenschaft und Ausdauer, die seine Familie oft in den Hintergrund treten ließ. Seiner Frau Clara, mit der er sechs Kinder hatte, war er zwar ein guter Ehemann, aber seine Zornesausbrüche, wenn in der Werkstatt manchmal etwas schiefging oder einer seiner Gesellen nicht nach seinen Plänen genauestens arbeitete, waren nicht gerade angenehm. Nach diesen Zornesausbrüchen beruhigte er sich aber wieder sehr schnell und Clara und die Kinder wurden dann meistens zur Wiedergutmachung in die Umgebung Venedigs zu herrlichen Ausflügen eingeladen und es war wieder alles vergessen. Auch seine Gesellen kannten ihn schon jahrelang, wussten über seine Pedanterie und Genauigkeit Bescheid und versuchten ihr Bestes, da es ja ihr Arbeitsplatz war und Leonardo kein knausriger Meister sein konnte. Wenn ein Instrument fertiggestellt war, die Qualität und der Klang den hohen Ansprüchen Leonardos genügten, war er großzügig und es gab Prämien. Leonardo wusste selbstverständlich um die Fähigkeiten jedes Einzelnen seiner Gesellen, die ausgezeichnete Qualität seiner Instrumente und dass er dadurch einen erstklassigen Ruf erworben hatte. Nur er konnte die kunstvollen Schnecken aus Ahornholz und die vorzüglich geschwungenen F-Löcher, die sehr klein und recht steil ausgeschnitten waren, herstellen. Damit erreichte er für die damalige und zukünftige Zeit seinen edlen und unvergleichbaren Ton. Das Geheimnis der Endbearbeitung verriet er selbstverständlich nicht, und er ließ auch seine Gesellen diese Arbeiten nicht durchführen. Die Instrumente waren einmalig, da Leonardo die Herstellungstechnik immer wieder verbesserte und jedes Instrument seinen eigenen Charakter und Klang entwickelte. Er feilte und tüftelte ständig an der Arbeitsweise und den Materialien herum und zerschlug oft wütend Teile, da sie nicht seinen Anforderungen entsprachen. Jedes Instrument wurde erst nach gründlichem Einspielen ausgeliefert und es gab keine Reklamationen.
Während seine Gesellen an einer Violine, einem Violoncello und an der Fertigstellung einer Bratsche arbeiteten, hatte er ihnen den rotbraunen und gelben Firnis für die Instrumente zusammengemischt. Diese Farben waren ein Kennzeichen für seine Instrumente. Und die Zusammensetzung des Firnisses kannte ebenfalls nur er. Trotzdem musste er bei seinen sonst tüchtigen Gesellen ständig auf die Qualität der Arbeit achten. Nachdem der Firnis gemischt und angerührt war, musste er mehrmals aufgetragen und dazwischen wieder getrocknet werden. Diese Arbeit konnte er seinen Burschen überlassen und sich währenddessen seinem derzeitigen Lieblingsstück, einer Viola da gamba, widmen. Diese Viola da gamba hatte er selbst mit einem schönen, etwas helleren rotbraunen Firnis mehrmals bestrichen und mit geschnitzten Hermesköpfchen versehen. Den Boden hatte er aus Mahagoni-Ahornstreifen zusammengesetzt. Das Instrument war einen Meter und achtundzwanzig Zentimeter hoch und war für den Conte Picoll aus Padua bestimmt. Picoll war ein Feinschmecker, was Musik und Musikinstrumente betraf. Am nächsten Tag wollte Leonardo an der Viola weiterarbeiten.
Die Gegend, in der sich seine Werkstatt und sein Haus befanden, war nicht besonders nobel, dafür hatte er sich aber zusammen mit seiner Frau Clara vor einigen Jahren dieses günstige alte Haus gegenüber der Schiffswerft kaufen können. Sein Bruder Emilio, der in Vicenza ebenfalls eine Werkstatt für Geigenbau besaß, hatte ihm viel beim Restaurieren des alten Gebäudes geholfen und dabei hatte sich Leonardo finanziell komplett übernommen. Er musste seinen Bruder unbedingt am Wochenende besuchen und ihn um Rat fragen.
Leonardo blickte von seinem Haus aus auf den Squero di San Trovaso, die Schiffswerft, die direkt am Kanal lag, der an Leonardos Haus vorbeifloss. Er beobachtete die stolzen Schiffsbauer bei ihrer Tätigkeit, dem Bau von Fischerbooten und Gondeln für Venedig. Für den Bau der Gondeln wurden acht verschiedene Holzarten verwendet. Die Schiffsbauer kamen meist nicht aus der Lagunenstadt, sondern aus den Bergen. Ihnen war der Umgang mit Holz bestens vertraut. Das Geschäft für den Besitzer war ausgezeichnet, da dieser in ganz Italien und den an die Adria angrenzenden Ländern bekannt war und seine Boote einen ausgezeichneten Ruf besaßen. Sein bestes Geschäft machte er mit einer Gondel der absoluten Luxusklasse. Ein Jahr wurde das Schiff mit Platin, Gold, Edelsteinen und kostbaren Stoffen sowie hochwertigsten Lacken in Handarbeit hergestellt und in den arabischen Raum geliefert. Jede Adelsfamilie ließ sich aufwendig geschmückte, mit Gold und Silber verzierte Repräsentationsboote bauen. In den vorangegangenen Jahren war allerdings die Prunksucht derart ausgeufert, dass der Senat von Venedig per Gesetz die Farbe der Boote in einheitlichem Schwarz lackiert vorschrieb. Nach zwei bis drei Monaten konnte ein Boot die Werft verlassen und Leonardo bewunderte die Kunst der Schiffsbauer ein Schiff zu bauen ebenso, wie die Arbeiter die Kunst und den Klang seiner Geigen schätzten. Die in Arbeit befindlichen Boote hatten einen leicht geschwungenen Rumpf und dunkles Ebenmaß wie ein edles rassiges Pferd.
Die Arbeiter waren gerade dabei, eine ganze Reihe von Gondeln auf die Squeros, die umgedrehten Gestelle, zu legen. Sie sangen unentwegt ihre Lieder bei der Arbeit, manchmal sogar schöner als die Tenöre und Bässe des Teatro San Casiano.
Als sie Leonardo sahen, schrien sie ihm heitere Zoten über die bevorstehende Geburt seines Kindes zu. Leonardo antwortete ihnen, dass nur durch die Kunst der Gondolieri ihre Kähne überhaupt schwimmen konnten. Die Gondolieri, die durch die Verdrängung des Wassers durch Trimmen und später durch Wricken dazu imstande waren, das Boot leicht auf die Seite zu legen, um damit mehr Gewalt darüber zu erreichen, wären eigentlich die Spezialisten und wahren Künstler. Das hörten die Arbeiter nicht so gerne, als es ihnen Leonardo zurief. Sie waren der Ansicht, nur durch ihr Können würden die Gondolieri, diese alten Schurken, überhaupt etwas verdienen, da die Boote allein durch ihre Baukunst und Fertigkeiten und durch ihre Wendigkeit die Wege in den Kanälen alleine finden würden. Es ging hin und her und das war wieder das Schöne an Venedig. Sie waren alle wie eine große Familie. Niemand war dem anderen böse oder hegte Neid. Alle lachten und luden ihn auf einen Umtrunk ein, aber Leonardo lehnte dankend ab, da er nicht in Stimmung war. Er erspähte Giorgio Treta, den Besitzer der Werft, der im Begriff war, mit einem Segelboot über den Kanal zu ihm herüber zu fahren. Als er bei ihm angelangt war, half ihm Leonardo ans Ufer. „Leonardo, sieh mal, mit welchem Boot ich übergesetzt habe.“ Leonardo gingen die Augen über. „Es ist das Boot für dich, das du schon immer bewundert hast, das nun schon jahrelang in meiner Werft im hintersten Winkel stand und das wir dir nun restauriert haben. Die Arbeiter und meine Familie haben es alle nach Feierabend in Schuss gebracht. Mit diesem Boot kannst du deine komplette Familie nach Burano, Murano oder in die Lagunen von Venedig ausführen. Es ist zwar nicht mehr das neueste, aber es ist von erstklassiger Qualität, liegt vorzüglich im Wasser und wir haben es mit einem feinen und dauerhaften Lack versehen. Die Segel sind fast neu und auch das Tauwerk haben wir weitgehend in Ordnung gebracht. Das ist unser Geburtstagsgeschenk für dich und deine Familie. Allerdings, wenn deine Familie noch wachsen wird, müsstest du dich nach einem noch größeren Schiff umschauen. Wir schätzen euch sehr und es soll auch der Dank dafür sein, das du unsere nicht besonders begabten Buben mit großer Mühe und Plage und völlig umsonst zu passablen Geigern ausgebildet hast. Die beiden Geigen, die du ihnen geschenkt hast, werden gepflegt und gehegt. Nun haben auch die Knaben endlich Spaß an der Musik gefunden, vor allem auch deswegen, weil ihnen verschiedene junge Damen begeistert zuhören.“
Einen Moment hatte Leonardo alle seine Probleme vergessen und es schossen ihm Tränen der Rührung aus den Augen. Er umarmte Giorgio überschwänglich und seine einhundertzehn Kilo erdrückten den Mann beinahe. „Leonardo, wir werden am Sonntag mit deiner gesamten Familie nach Murano segeln.“ Leonardo war perplex. „Giorgio, ihr müsst heute Abend alle zu uns kommen und dieses Geschenk, über das ich mich so freue, müssen wir mit Wein und allem, was dazugehört, feiern. Ich werde sofort Clara informieren. Kommt alle nach Arbeitsschluss zu mir und wir feiern, solange wir können. Ich freue mich wahnsinnig.“
Es wurde ein Fest, zu dem auch alle Nachbarn, ob eingeladen oder nicht, auftauchten. Es wurde musiziert, getanzt und gefeiert und natürlich gesungen.
Als Leonardo am nächsten Morgen erwachte und über den Kanal blickte, verfolgten ihn so wie in den vorangegangenen Nächten, in denen er sich schlaflos neben Clara herumgewälzt hatte, düstere Gedanken. Er stand kurz vor dem Konkurs seines kleinen Unternehmens. Zum Monatsende hatte er eine weitere Kreditrate zu leisten. Die Gläubiger hatten ihm eine letzte Frist gesetzt, die zu bezahlenden Rechnungen für Holz, Farben und das nur von ihm verwendete Material zu begleichen. Er verdrängte jedoch seine Probleme am heutigen Tag, denn Giorgio wollte ja am Sonntag seine Familie nach Murano ausführen, und er weckte Clara vorsichtig.

Nach der Rückkehr vom Ausflug nach Murano, spät in der Nacht, legte Leonardo mit seiner Familie vor seiner Werkstatt mit seinem wunderbaren Boot an. Es war ein perfekter Tag gewesen und die Familien, verteilt auf vier Segelboote, hatten Leonardo einen wunderbaren Geburtstagsausflug nach Murano bereitet.
Die Kinder waren bereits im Boot eingeschlafen, und nachdem er sie alle ins Haus getragen hatte, waren sie im wahrsten Sinn des Wortes ins Land der Träume gefallen.
Leonardo und seine Frau Clara konnten aber beide nicht schlafen. Clara hatte Leonardo bereits den ganzen Tag beobachtet und trotz der Freude, die ihm dieses Geschenk und der Ausflug bereiteten, seine manchmal durchscheinende düstere Miene gesehen. Als sie ihn daraufhin ansprach, erzählte Leonardo Clara nun von seinen Problemen. Sie hörte ihm lange zu und antwortete ihm: „Leonardo, du weißt, dass wir im Mai unser siebtes Kind bekommen, und dieser herrliche Moment wird uns alle den materiellen Verlust vergessen lassen, den wir ertragen müssen. Du bist einer der größten Geigenbauer aller Zeiten und niemand wird dich je vernichten können. Ich habe auch in den letzten Jahren gespart und wir werden eine Zeit lang damit leben können. Dann werden sich wieder neue Möglichkeiten finden. Unsere Liebe wird niemand vernichten können und das Schicksal einen neuen Weg aufzeigen.“ Leonardo küsste seine Frau leidenschaftlich und endlich konnte er in dieser Nacht etwas besser schlafen.
Die düsteren Gedanken ließen ihn aber nicht mehr los und er musste etwas unternehmen.
Leonardos größtes Problem war sein unmittelbarer Mitbewerber, Konkurrent und Auftraggeber Vincence Oratio. Für Oratio fertigte Leonardo den Großteil der Instrumente im Lohnauftrag an. Er baute zwar auch für andere große und bekannte Geigenbauer, aber die umfangreichen, großen Aufträge, mit denen er die Gehälter seiner Gesellen bezahlen konnte, erhielt er von Vincence Oratio. Seinen Namen, Leonardo, durfte er keinesfalls in diese Instrumente einfügen, beziehungsweise durfte sein Name auf den Geigenzetteln im Inneren der Instrumente nirgends erscheinen. Nach außen hin waren es Vincence Oratios Produkte. Vincence Oratios Name war in ganz Europa bekannt und geschätzt. Orchester in den großen Städten und in den Zentren der Musik wussten um den perfekten Klang und die Orchesterleiter und ersten Geiger schworen auf Instrumente von Vincence Oratio. Oratio verfügte über Beziehungen in die katholische Kirche und durch den Bruder seiner Frau, der Kardinal im Vatikan war, erhielt er Aufträge für Kirchenorchester in ganz Europa. Oratio beschäftigte außer in seiner Fabrik in Padua eine größere Anzahl von Geigenbauern in Italien, Deutschland und Österreich. Er verkehrte in den höchsten Kreisen des Adels und den meisten Kulturministerien Europas. Er war nicht nur selbst ein guter Geigenbauer, sondern auch zusätzlich ein gefinkelter Geschäftsmann. Durch die Heirat mit der Comtesse Creola von Padua, die durch Weingärten und Besitztümer, die sie von ihren Eltern geerbt hatte, über ein herrliches Vermögen verfügte, war er finanziell völlig unabhängig. Trotzdem verfolgte er in seiner Gier mit Argwohn immer wieder die kleine Werkstatt von Leonardo, ob nicht doch das eine oder andere Instrument mit dem Namensschild „Leonardo“ versehen wurde. Er beutete Leonardo gnadenlos aus und verkaufte dessen Wissen und Können als das seine. Leonardo war von ihm abhängig, da Oratio ihm das Geld für die Rohstoffe und Gehälter vorschoss.
Schön langsam, im Laufe der Jahre, hatte es Leonardo jedoch geschafft, einen feinen und exklusiven Kundenstamm aufzubauen, aber Oratio verfolgte ihn mit Argusaugen, da er von Kunden immer wieder auf die perfekten Instrumente von Leonardo angesprochen wurde. Außerdem konnte Leonardo auch mit einem günstigeren Preis Kunden akquirieren, da Oratio gewaltige Spannen aufschlug.
In der vergangenen Woche hatte Oratio Leonardo gedroht, er würde die Aufträge an ihn für zwei Monate einstellen, wenn er nicht noch bessere Instrumente mit größerem Klangvolumen und zu einem günstigeren Preis imstande sei zu produzieren. Nun hatte er ihm auch keinen Vorschuss überwiesen und Leonardo war verzweifelt.
Er machte sich noch am Abend des nächsten Tages auf den Weg zu Vincence Oratios Palazzo in der Nähe der Frarikirche am Canale Grande.
Der Palazzo war in erstklassigem Zustand, vollkommen restauriert, in einem zarten Hellrosa frisch angestrichen und die Fenstersimse waren weiß abgesetzt. Der obere Teil bis unter die letzten Fenster war in kräftigem Rot aufgehellt und mit Ornamenten verziert. Der Bootsanlegeplatz war mit Marmor verkleidet und eine Reihe von Gondeln und schönen Familienschiffen war vertäut. Aus dem ersten Stock erklang dezente Geigenmusik. Oratio gab eine Soiree. Leonardo läutete am Tor und ein Auge erschien hinter dem kleinen Guckloch. Der livrierte Lakai Paolo öffnete die Türe zur Hälfte und fragte Leonardo, obwohl er ihn kannte, wer er sei und was er um diese Zeit wolle. Leonardo sagte ihm, dass er Vincence gerne sprechen würde, er solle sich nicht so blöd anstellen, er wisse genau, dass er Leonardo sei. „Wahrscheinlich hast du dich wieder aus dem Weinkeller von Vincence bedient und deine Blödheit dadurch nur noch vergrößert.“ Pikiert und doch überraschenderweise machte sich der Diener leicht schwankend auf den Weg. Nach ein paar Minuten kam er zurück und bedeutete Leonardo, er solle eintreten. Maestro Vincence würde Seine Exzellenz Leonardo baldmöglichst empfangen. Leonardo sagte: „Eigentlich sollte ich dich in den Canale werfen für deine Frechheit, aber irgendwann werde ich dich erwischen.“ Er gab dem Diener einen Fußtritt und setzte sich in einen der mit Seide überzogenen Stühle. Leonardo betrachtete interessiert den typisch ästhetischen Stil Venedigs in diesem Empfangsraum. Die herrlichen karmesinroten Farben der Seidendamaststoffe der Vorhänge und die dazu passenden Gold-Tapeten an den Wänden sowie die mit Gobelins überzogene Sitzgarnitur. Er kannte den Hersteller dieser prachtvollen Stoffe sehr gut und würde Clara mit einem zarten hellblauen Seidendamast für das Schlafzimmer, den er aus einer fehlerhaften Lieferung günstig erhalten hatte, zu ihrem Geburtstag überraschen. Hoffentlich war dann wieder Geld in der Kasse, ansonsten musste er den Abholtermin verschieben. Aber das hatte ihm der Seidenweber ausgeredet. Er würde ihm nicht nur einen Kredit geben, sondern auch in Anbetracht der bevorstehenden Geburt einige Meter kostenlos dazulegen. Dies war wahrlich ein tolles Geschenk.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 262
ISBN: 978-3-99048-564-4
Erscheinungsdatum: 18.05.2016
EUR 16,90
EUR 10,99

Krampus & Nikolo