Strick der Wahrheit

Strick der Wahrheit

Katharina A. Peterhans-Aebli


EUR 17,90
EUR 10,99

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 332
ISBN: 978-3-99003-875-8
Erscheinungsdatum: 27.10.2011
„Strick der Wahrheit“ bindet das turbulente Leben der Jugendlichen, wie sie es in unserer kalten, leistungsorientierten Gesellschaft voller Normen und Strukturen erleben, in eine spannende Geschichte voller Abenteuer und Überraschungen ein. Realitätsnah und ohne Tabus geht es um Suchtmittel, Sexualität, Schule, Generationenkonflikt, Religion und Glauben, Gewalt, Liebe, Vertrauen und Enttäuschung.
<strong>1</strong>

Diese Heuchler! Oh, wie er sie alle hasste. Da standen sie nun, in Schwarz gekleidet, und versuchten traurig zu sein. Verwandte, Bekannte, sogenannte Freunde und sie! Sie, die an allem Schuld hatte. Abschaum!
Tim warf seine leere Bierflasche über die Schulter, zündete sich die nächste Kippe an und wischte sich die Tränen der Wut und Verzweiflung aus dem Gesicht. Wie gut, dass ihn niemand sehen konnte, hier in seinem Versteck hinter den Bäumen, unter den Stauden. Er wäre ja eh nicht willkommen gewesen, bei dieser sogenannten Trauergemeinde. Weggejagt hätte man ihn, ja, ihn, Tim, den besten Freund, den Kevin je gehabt hatte, den Freund, der ihn zum Schluss auch verraten hatte.
Kevin! Da unten, da lag er nun, sein bester Freund, in einem schwarzen, kalten Loch aus Erde. Einen weißen Sarg hatten sie ihm gekauft. Als ob sie ihre Schuld damit reinwaschen könnten.
Das Leben war ja so beschissen: kalt, voller Hass und Gewalt. „Kevin! Warum nur! Warum hast du das getan? Warum nur hast du mich alleingelassen? Ich habe das nicht so gemeint!“
Tim schluchzte auf. Tiefe Verzweiflung, aber auch Wut drohten ihn zu zerfressen. Er setzte die nächste Flasche Bier an und trank sie in einem Zug bis zur Mitte aus.
Nein, das hatte Tim wirklich nicht gewollt. Letzte Woche, da hatten sie sich gestritten, Tim und Kevin. Es ging um diese Schlampe, Leila. Tim hatte sie mit einem anderen erwischt und erzählte das natürlich Kevin, Leilas Freund. Tim schluckte krampfhaft, schüttelte den Kopf. Kevins Reaktion war so nah, als wenn die Gefühlswelt seines Freundes jetzt noch explodieren würde. Ungläubig hatte er Tim angestarrt: „Was?“ – „Deine Leila, diese Bitch, hat es mit einem anderen getrieben!“
Hatte es Leila wirklich mit diesem anderen getrieben? Oder hatte sie nur rumgemacht? So sicher war sich Tim plötzlich nicht mehr. Sie hatte auf dessen Knie gesessen, die Bluse nur halb zugeknöpft. Ja, so war es auf jeden Fall gewesen!
„Verpiss dich! Das ist das Allerletzte! Du kotzt mich an!“, hatte ihn Kevin angeschrien. – „Ich habe sie gesehen, frag sie doch.“ – „Raus! Ich dachte, du bist mein Freund! Verschwinde!“
Das war das letzte Mal, dass Tim Kevin gesehen hatte. Und nun? Nun war er tot, sein Freund, sein Blutsbruder. Hatte sich aufgehängt. Einfach so. – Einfach so? Nein! Sein Tod sollte nicht ungesühnt bleiben. Die, alle da unten, Heuchler! Er war der Einzige, der Kevin verstanden hatte. Sie waren zusammen durch dick und dünn gegangen, sie hatten zusammen gelacht und sich über die Gemeinheiten des Lebens ausgelassen, und davon gab es genug in dieser beschissenen Gesellschaft. Sie hatten gemeinsam gesoffen und gekifft, hatten Hochs und Tiefs erlebt. Nein, das sollte nicht einfach ein Ende haben, einfach so in einem schwarzen Loch.
Tim saß noch lange in seinem Versteck, besser gesagt, lag. Lange noch, nachdem auch die letzten Trauergäste um Kevins Grab gegangen waren. Langsam stand er auf. Er zögerte zuerst, torkelte dann zielstrebig zu dem frisch zugeschaufelten Erdhaufen hinunter, seine letzte Bierflasche in der Hand. Er konnte es immer noch nicht begreifen, was geschehen war.

Kevin Huser, 21.08.1991–22.01.2009!
Du hättest so viel erreichen können. Dein Leben war zu kurz!
Ruhe nun in Frieden! In ewiger Liebe, Mama und Papa!

Schluchzend sackte Tim auf die Knie. Sein Magen rebellierte, sein Kopf wollte zerspringen. Am liebsten würde er jetzt da unten in dem schönen weißen Sarg liegen.
„In ewiger Liebe, Mama und Papa!“ – Eiskalte Wut packte Tim, als er realisierte, was er da auf dem Stein gelesen hatte. Niemand hatte das Recht, so etwas auf den Grabstein seines besten Freundes zu schreiben. Und schon gar nicht Kevins Eltern! Die hatten ihn nie verstanden. Den Umgang mit ihm, Tim, hatten sie ihm verboten. Einen schlechten Einfluss habe er! Ha, was wussten die schon von Einfluss! Eltern, die konnten eh nur nörgeln. Nichts konnte man Eltern recht machen. Tim, sitz ab, wenn du auf die Toilette gehst! Räum dein Zimmer auf! Mit diesen Klamotten gehst du mir nicht aus dem Haus! Mach diesen Krach von sogenannter Musik aus! Was wussten die schon!
In ewiger Liebe! So ein Quatsch! Liebe? Gab es das überhaupt noch in dieser Welt? Oder war es nur noch ein Wort? Was war Liebe wirklich?
Früher, ja, da hatte sich Tim geliebt gefühlt. Das war ein gutes Gefühl gewesen, ein Gefühl der Sicherheit, der Geborgenheit.
Früher! Pah, die Welt war ja so beschissen! Tim schweifte in Gedanken zu seiner Familie, als noch alles in Ordnung war. Das war lange her, er war noch klein gewesen, Papa und Mama, sie hielten sich an den Händen, erzählten ihm Geschichten, und Fabio, sein älterer Bruder, der hatte so oft mit ihm gespielt. Später, da hatten sie zusammen Musik gehört, stundenlang. Bis … Tim wurde schlecht und er musste sich übergeben. Dass sein Mageninhalt sich über ein Trauerband mit der Aufschrift Du wirst immer in unseren Herzen weiterleben ergoss, kümmerte ihn nicht.
Der Junge sackte am Grab seines Freundes zusammen, ein Häufchen Elend, ein Nichts. Weinkrämpfe schüttelten den durchgefrorenen Körper. Ja, jetzt wusste er, wie man sich fühlte, wenn man plötzlich allein war, alleingelassen von allen, von der ganzen Welt, wenn man niemanden hatte, der für einen da war, der einem zuhörte, der einen verstand. Liebe! Für immer in unseren Herzen! Ruhe in Frieden! Frieden! Kevin hatte keinen gekannt. Armer Teufel. Gab es das überhaupt auf dieser Welt? Frieden? Wusste irgendjemand, was das überhaupt ist?
Seit dem Ersten Weltkrieg hatte es nur gerade einige wenige Tage des Friedens auf dieser Welt gegeben. Die Menschheit redete über etwas, das gar nicht existierte. Weihnachten war vorbei, das Fest der Liebe, der Vergebung, an dem der Friedensfürst geboren worden ist. Voller Verachtung schnaubte Tim aus. Alle gaben sich die größte Mühe, lieb zueinander zu sein, jeder musste beschenkt werden, egal womit, alle hetzten herum, damit ja keine Panne passierte und alles blitzeblank war. Unter den Teppich kehren, sagt man doch, damit man den Dreck am 27. Dezember wieder hervorholen kann. Stress pur, alles den Liebsten zuliebe, auch wenn es diese sogenannten Liebsten nur einmal im Jahr, an Weihnachten, gab.
Nur, er erinnerte sich, das war nie das gewesen, was er sich an Weihnachten gewünscht hatte. Am glücklichsten war er gewesen, wenn seine Eltern sich einfach Zeit für ihn und seinen Bruder genommen hatten. Zeit, um mit ihnen etwas zu unternehmen, um mit ihnen zu spielen. Früher, da war es noch so gewesen, bis vor etwa vier Jahren, als sich seine Eltern nicht mehr verstanden und sie sich an Weihnachten krampfhaft versuchten zusammenzureißen, der Kinder zuliebe.
Ach, Kevin! Bei ihm ging es ja auch nicht viel besser. Kevin hatte ihm erzählt, wie schlimm dieses Fest für ihn sei. Seine Eltern hatten jedes Weihnachten ein volles Haus, viele Gäste wurden eingeladen, und von Kevin wurde ein perfektes Outfit und Benehmen erwartet – schon von klein auf. Er musste Gedichte auswendig aufsagen und Klavierstücke vorspielen. So wurde ein perfekter Sohn in einer perfekten Familie präsentiert, die ja hinter verschlossenen Türen so kaputt war. Das nannte man Liebe?

Oh Kevin! Tim konnte es immer noch nicht fassen. Behutsam stellte er sein Bier, das er immer noch in den Händen hielt, auf das Grab: „Für dich, mein Freund! Ich habe dich wirklich geliebt!“ Er zündete sich die nächste Kippe an und torkelte davon.


<strong>2</strong>

Der Suizid eines Jugendlichen in der braven Schweiz, in Jora, diesem kleinen Städtchen, das kaum 20.000 Einwohner zählte, war natürlich Gesprächsthema Nummer eins. Es war der erste Tag, an dem Leila sich wieder in die Schule traute. An jeder Ecke des Oberstufenschulhauses standen Schülerinnen und Schüler in Grüppchen zusammen, tuschelten und spekulierten. Leila spürte von überallher Blicke im Rücken. Sie war bleich und hatte tiefe, dunkle Ringe unter ihren sonst so hübschen, strahlend blauen Augen.
Leila war ein zierliches Mädchen von schlanker Statur. Dunkle Locken fielen ihr heute in ungewohnt ungepflegten Strähnen auf die Schultern. Ihre Kleidung, die sonst immer so gepflegt und brav war, hing heute schlabbrig an ihrem Körper. Verstohlen blickte sie auf ihre Füße und stapfte tapfer zu ihrem gewohnten Plätzchen hinter dem Brunnen auf dem Schulplatz.
„Am besten so tun, als ob nichts geschehen wäre“, das hatte sie sich heute Morgen eingebläut. Ihre Mutter hatte sie noch mit sogenannten guten Ratschlägen vollgequatscht: „Wenn es nicht geht, sprich doch mit dem Lehrer, er wird dich verstehen!“
Die Lehrer waren sehr verständnisvoll gewesen, hatten ihr eine halbe Woche Urlaub gegeben, ihre Eltern hatten sie anschließend einige Tage krank gemeldet, weil sie am Boden zerstört war und sich nicht aufraffen konnte, das sichere Haus zu verlassen. Nun hatten ihre Eltern ihr geraten, dass sie wieder unter die Leute müsse, das würde ihr bestimmt guttun und sie auf andere Gedanken bringen. Ach, was wussten die Erwachsenen schon von ihren Gefühlen und was gut war für sie! Da quatschten die von „Ich kann dich gut verstehen“ oder „Ich weiß, wie du dich fühlst“. So ein Blödsinn! Wer wusste schon, wie sich eine Fünfzehnjährige fühlte, die gerade am Grab ihres Freundes gestanden hatte, die in eine Gang geraten war, in der Gruppenzwang, Mobbing und Gewalt oberstes Gebot waren? Was wussten die Erwachsenen schon von ihrer Welt? Einer kalten, leistungsorientierten Welt, welche keinen Platz für Jugendliche bietet?
Anna, Leilas beste Freundin, stupste Leila leicht an. Na ja, so eine richtige Freundin war Anna eigentlich gar nicht. Sie hatte nämlich die Hosen an, sie bestimmte, was sie unternehmen würden, sie hatte das Sagen, wenn es um Klamottenkauf oder Kinoauswahl ging. Irgendwie kriegte sie es auch immer so hin, dass Leila für beide bezahlte. Und sie war es schließlich auch gewesen, die Leila in diese fürchterliche Gang mit hineingezogen hatte. Und doch hatten sie gemeinsam viele schöne Stunden verbracht, hatten vieles entdeckt und unternommen. Anna konnte zuhören, mit ihr konnte man stundenlang quatschen und lachen. Anna war es auch gewesen, die Leila das wirkliche Leben gezeigt, die das Mädchen aus ihrer behüteten Umgebung gerissen hatte.

Leila hatte Annas Kommen gar nicht bemerkt. „Leila! Hey, wie geht’s denn?“ Anna versuchte Leilas Blick aufzufangen. „Hey, ich habe mir Sorgen um dich gemacht. Alles in Ordnung?“
In Ordnung? Leila versuchte ihrer Stimme einen festen Klang zu geben, versuchte so cool zu wirken, wie es von ihr erwartet wurde. „Ja, geht schon. – Was geht ab?“ Und auch wenn Anna das leichte Zittern in Leilas Stimme bemerkt hatte, ließ sie es sich nicht anmerken. Sie sprach einfach weiter: „Die anderen behaupten, Tim hätte mit Kevin Streit gehabt und Tim hätte dich gesehen mit …“
Jäh brach Anna ab. Sie biss sich auf die Unterlippe. Anna war dabei gewesen an diesem ominösen Abend in diesem Keller, sie selbst hatte das Ganze ja eingefädelt. Nur hätte sie nicht gedacht, dass der sogenannte Eintrittstest in ihre Gang so rasch gehen würde und vor allem nicht, dass sich Leila ausgerechnet von Tim erwischen lassen würde. So eine blöde Kuh! Trotzdem, musste ihr das genau jetzt he­rausrutschen? Ein bisschen ein schlechtes Gewissen hatte sie schon.
„Jetzt nur nichts anmerken lassen“, dachte Anna bei sich. Insgeheim war sie nämlich seit Langem schon furchtbar eifersüchtig auf Leila. Sie sah wirklich gut aus, na ja, heute nicht wirklich. Sie hatte Eltern, die sie liebten und unterstützten, wo sie konnten. Sie war intelligent und gut in der Schule. Kein Wunder, dass sich Kevin in Leila verknallt hatte. Kevin, der gut aussehende, vielversprechende Kantonsschüler. Warum nur musste Leila immer alles bekommen. Sie war selber schuld, dass es so weit gekommen war, jawohl!
Anna sah keinesfalls schlecht aus, nur war ihr Körper nicht so schlank und zierlich wie Leilas. Sie war größer, lange, gerade, dunkelblonde Haare umrahmten ihr sommersprossiges herziges Gesicht. Sie hatte dunkelbraune, aufmerksame Augen, war manchmal ein bisschen frech, manchmal etwas vorlaut, nicht sehr diplomatisch, da ihr Mundwerk oft schneller war als ihr Gehirn. Sie redete zu oft, ohne zu überlegen, und musste sich anschließend entschuldigen. Das konnte sie, oh ja, und das rechnete ihr Leila hoch an. Anna war redegewandt und nie um eine Antwort verlegen. Doch nun nervte sie Leila.
„Was wolltest du sagen?“ Leila hatte ein feines Gespür und streckte natürlich sofort ihre Fühler aus! „Äh, ach nichts. Ist nicht so wichtig. Komm, wir müssen rein!“
„Hey, bleib da. Sag gefälligst, was du gehört hast. Schließlich geht es offenbar um mich, oder? Also?“ – „Hm“, Anna zuckte mit den Schultern und setzte ihre beste Unschuldsmiene auf. Ach, was sollte es. Irgendwann würde Leila sowieso erfahren, was bereits alle auf dem Schulhausplatz wussten. Warum also nicht jetzt gleich!
„Also, äh, Tim hat behauptet, er habe dich gesehen. Du weißt schon, mit Jonny. Also, er hat Kevin erzählt, du hättest es mit einem anderen getrieben und er hätte dich dabei gesehen und …“
Aber Leila hörte schon nicht mehr zu. Blindlings und voller Wut war sie davon gestürmt. Ihre Schultasche hatte sie liegen lassen. Anna zuckte nur gleichgültig mit den Schultern. „Die wird sich schon wieder beruhigen.“ Sie hob Leilas Schultasche auf und schlenderte ins Schulhaus.


<strong>3</strong>

Vor sechs Wochen hatte Anna Leila mitgenommen in diese Gang. Ein paar Kollegen würden eine Party schmeißen, es würde megageil werden und es gefalle ihr bestimmt, so hatte Anna gelockt. Ein bisschen Musik, tanzen, und Kevin und Tim würden auch da sein. Leila hatte ihr geglaubt, wie immer. Denn Anna war die führende Kraft, Anna wusste besser, was da draußen abging, Anna kannte sich aus.
Leila kam aus einem behüteten Elternhaus. Ihre Eltern hatten sie streng erzogen. Ausgang wurde eher selten erlaubt, dies nur mit der Freundin Anna zusammen. Dass Anna letzten Sommer in eine wirklich schlechte Szene geraten war, das konnten die guten Eltern nicht wissen. Sie vertrauten ihrer Tochter Leila und sie vertrauten Anna, welche wusste, wie sie überzeugen konnte.
Was an diesem Abend abgegangen war, hatte Leilas Leben über den Haufen geworfen. Die sogenannte Party entpuppte sich als Saufgelage. Überall in diesem dunklen, nach Moder und Schweiß stinkenden Kellergewölbe lagen Bierdosen, ja, sogar Schnapsflaschen herum. Man musste aufpassen, dass man nicht in Scherben trat. Der Zigarettenqualm bereitete Leila Mühe, zu atmen. Natürlich wusste sie nicht, was man ihr zu trinken gab. Es schmeckte irgendwie komisch und ihr wurde schwindlig von dem Zeug. Klar steckte sie sich den Joint in den Mund, der unentwegt die Runde machte. Schließlich wollte sie trotz allem irgendwie auch dazugehören. Sie fühlte sich alles andere als wohl, blieb nur noch, um ihren geliebten Kevin zu sehen. Nur, weder Kevin noch Tim tauchten an diesem Abend auf. Als Leila merkte, welches Spiel man mit ihr spielte, war es schon zu spät. Ihr war so schwindlig, dass ihr alles egal war.
Das hübsche, unschuldige Girl gefiel natürlich den Jungs in der Clique. Und nicht nur den Jungs. Auch das Mädchen, das nebst Anna noch da war, war gespannt auf den sogenannten Eintrittstest. Die Neuen sollten ihre Bereitschaft für Sex unter Beweis stellen, schließlich hatte man die Clique gegründet, um zusammen Spaß zu haben, und dazu gehörten viel Alkohol, Drogen und ungezwungener Sex. Feste Partnerschaften waren verboten, es gab kaum Tabus. Das Motto war, auszuprobieren, was sich anbot, egal, ob neue Suchtmittel oder Girls. Und wenn jemand dazugehören wollte, dann musste er auch hineinpassen. Nur hatte Leila nichts davon gewusst, dass Anna ihr Maul zu weit aufgerissen hatte und mit Leila, ihrer Freundin, geprahlt hatte, dass sie diese überzeugt hätte, dass die Clique megageil sei und Leila nun auch dazugehören wolle. Und Jonny konnte nicht wissen, dass Leila total ahnungslos war. Er hatte angenommen, sie wüsste ganz genau, was abging. Na ja, sie hatten ein bisschen übertrieben, aber die Kleine war auch unwiderstehlich gewesen in ihrer Unschuld. Na also!
Leila spürte nur ein ungutes Gefühl, ein bisschen Schmerz, als Jonny, der Boss, sie vor allen fickte, sonst nichts, so voll war sie, womit auch immer. Es war, als würde sie von Weitem zuschauen, dumpf, in Nebel gehüllt, als wäre sie gar nicht in ihrem Körper, eine Hülle, leer und taub. Ringsum hatte man Jonny angefeuert, das hatte Leila noch mitgekriegt, bevor man sie draußen vor dem Lokal auf eine Parkbank setzte. Und genau da, als sie in den Armen von diesem Jonny hing, da hatte sie Tim gesehen, ihre Bluse nur halb zugeknöpft, besoffen. So war es Tim auf jeden Fall vorgekommen.

Leila rannte nach Hause. Ihre Mutter hörte gerade noch die Zimmertüre zuknallen. Sie erschrak. Was wohl geschehen sein mochte? Sie verstand ihre Tochter seit einigen Wochen nicht mehr. Aus dem so braven Mädchen war plötzlich eine rebellische Göre geworden. Und dann letzte Woche, als ihr Freund Kevin sich das Leben genommen hatte, das hatte Leila vollständig aus der Bahn geworfen. Sie ließ sich regelrecht gehen, sprach kaum mehr ein Wort mit ihnen, kapselte sich total ab. Elfi hatte fürchterliche Angst um ihre Tochter. Sie liebte ihre Kinder über alles. Das Schlimmste jedoch war, sie fand keinen Zugang mehr zu Leila, sah absolut keine Möglichkeit, ihr zu helfen, Leila ließ sie nicht mehr an sich heran.
Elfi Kramer war ratlos. Ihre sonst so offene und fröhliche Tochter war ihr plötzlich fremd geworden. Kevin! Ja, diesen Jungen hatte sie angehimmelt. Elfi musste sich setzen. Sie hatte noch nicht lange von der Liebschaft ihrer Tochter mit Kevin erfahren. Und sie hatte es nicht toleriert. Das war vor etwa zwei Monaten gewesen. Bis dahin hatte ihre Tochter sie im Glauben gelassen, sie vier, Leila, Anna, Tim und Kevin, seien einfach nur gute Freunde. Sie dachte zurück, kalte Schauer liefen ihr über den Rücken. Als Leila ihr gestanden hatte, dass sie mit Kevin gehe, hatte es einen fürchterlichen Krach gegeben. Sie fand, dass Leila noch zu jung für eine Beziehung sei. Sie wollte das einfach nicht. Beno hatte sie nicht unterstützt. Niemand hatte das, sie konnte es ja auch nicht begründen. Es war einfach einmal so, es gehe nicht und sie wolle es einfach nicht. Basta! Ja, dass das Leila und Kevin nicht verstehen konnten, das war auch für Elfi nur allzu klar. Aber wie um Himmels willen sollte sie ihnen den wirklichen Grund erklären?
Von da an war Kevin nicht mehr zu ihnen nach Hause gekommen. Und Leila, ja, sie hatte ihre Mutter ignoriert, wo immer es möglich gewesen war, bis zu Kevins Tod. Leila hatte seither irgendwie in einer anderen Welt gelebt, wie in Trance, unantastbar für jeden, verschlossen, außer wenn sie Luft ablassen musste. Dann hatte meistens sie, Elfi, daran glauben müssen und die angestaute Wut und den Frust der Tochter ertragen.
Ja, auch sie hatte Kevin gern gehabt und sie hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen, dass sie den jungen Mann im Glauben gelassen hatte, dass sie ihn nicht mochte. Tränen rannen über ihr Gesicht. Sie konnte es immer noch nicht fassen. Der siebzehnjährige Kantonsschüler war stets höflich und zuvorkommend gewesen. Elfi wusste aber, dass der junge Mann von seinen Eltern unter massiven Druck gestellt geworden war. Die Mutter war sehr ehrgeizig und hatte Kevin zusätzlich zur Schule zu Sprachkursen in Spanisch, Klavier- und zu Informatikunterricht gezwungen. Kevins Freund Tim war so anders. Er war ein typisches Scheidungskind, hin- und hergerissen in seiner Gefühlswelt. Sein Hobby, der Rap, erzählte seine Geschichte, genauso wie die von Kevin. Elfi konnte nicht gerade behaupten, dass ihr diese sogenannte Musik gefiel. Aber es war nun einmal das, womit sich die junge Generation ausdrückte. Schließlich konnten ihre Eltern dazumal den Rock’n’Roll auch nicht verstehen. Die Texte aber, die Tim und Kevin schrieben, ließen sie oft nachdenklich werden. Manchmal, so wusste sie, schrieben sie gemeinsam Texte, Tim, Kevin, Anna und Leila, so hatte man es ihr auf jeden Fall gesagt. Die Texte beschrieben das Gefühlsleben, die Ängste und Nöte der jungen Generation in einer Welt voller Leistungsdruck, Stress, Gewalt und Unverständnis.test

07.12.2011Peterhans-Aebli lädt zur Buchvernissage

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07.12.2011Peterhans-Aebli lädt zur Buchvernissage

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5 Sterne
Das Buch - 09.04.2015
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Es ist total realistisch und sehr gut und detailliert beschrieben, gefällt mir sehr. ich finde man kann sich die Geschichte total gut in echt vorstellen und es ist wirklich spannend, mit allen diesen Jugend-Themen.

5 Sterne
An unsere Verantwortung! - 10.11.2014

Empfehlenswertes Buch für alle Eltern mit heranwachsenden Kindern.

5 Sterne
sehr zu empfehlen, war positiv überrascht - 05.01.2014
Roland

Interessant, spannend und was heute wirklich unter den Jugendlichen abläuft. Auch wenn einige das nicht wahrhaben wollen.

5 Sterne
Sehr interessant und lesenwert - 16.11.2011
Andreas

Wer dieses Buch nicht gelesen hat, ist selber schuld.

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